Artikel 27.09.2017

Von funktionierenden Plänen in schönen Städten: Nillson beim Reeperbahn Festival 2017

Was für ein fulminantes Musikwochenende: Das Reeperbahn Festival in Hamburg hat gefühlt eine große Schippe drauf gelegt. Noch größer, noch besser organisiert, noch spannender besetzt. Wir haben uns für euch vier Tage lang auf Hamburgs Amüsiermeile herumgetrieben.

Es könnte auch durchaus sein, dass die Erinnerungen an das Reeperbahn Festival 2017 bei uns auch ein paar Tage danach noch für leuchtende Augen sorgen, weil dieses Jahr einfach mal ausnahmslos alles geklappt hat. Der Laufplan zwischen Molotow und Uebel & Gefährlich war stark organisiert, ließ genug Lauf- und Bahnfahrzeit und so haben wir keins der Konzerte, die wir so dringend sehen wollten, verpassen müssen. Da darf man sich ruhig auch mal selber loben. Das ist ja alles andere als selbstverständlich.

Weil das Reeperbahn Festival, immerhin Europas größtes Showcase-Event, aber auch nicht nur Musik sondern bekanntlich auch mächtiges Branchentreffen ist, ist es - neben den obligatorischen Netzwerk-Events, Receptions und Meetings - aber auch ein Treffen mit alten und neuen Freunden, die man lange nicht gesehen oder neu kennen gelernt hat. Verbunden natürlich mit diversen hopfenhaltigen Kaltgetränken, alten Stories und neuen Perspektiven - und einer ganzen Tasche voll neuer Musik, die wir gespannt in den nächsten Tagen und Wochen goutieren werden. Eine großartige Nummer.

Überhaupt war die Gefühlslage in diesem Jahr seltsam heimelig. Woran lag’s? Die Hamburger Reeperbahn ist ein Schmelztiegel aus Sex, Glamour, Elend, Schmutz, Rock und Alkohol, also eigentlich per se nicht der beste Ort um nach Hause zu kommen. Sind es die vielen bekannten Gesichter? Die Tatsache, dass man im neu formierten Festival Village auf dem Heiligengeistfeld erstmal - entspannt weil entfernt vom Trubel des Spielbudenplatzes - zum Ticket-gegen-Bändchen-Tausch abgeholt und mit einem Gutschein für ein Freigetränk begrüßt wird, bevor man sich ins Getümmel stürzt? Fakt ist: Hamburg hat sich seit Jahren nicht so gut angefühlt. Schön, wieder hier zu sein.

Besagtes Festival-Village ist die große Neuerung beim Reeperbahn Festival. Neben dem Ticket-Tausch, der den Spielbudenplatz wie gesagt auf erfreuliche Weise entzerrt, befindet sich hier auch der beliebte Bazzooka-Schulbus, in dem die holländische Band Bazzookas mehrmals am Tag eine amtliche Ska-Party veranstaltet. Auch einige Food-Trucks - es gibt dieses Jahr zum ersten Mal auch hier das legendäre Handbrot - finden hier ihren Platz, außerdem natürlich der neue Festival Dome, ein 250 Menschen fassendes Kuppelzelt, in dem einige Panels der Reeperbahn Festival Conference stattfinden - und auch ein ganz besonderes musikalisch-visuelles Highlight.

Und damit beginnt auch unser Festival am Mittwoch. Sinnbus-Piano-Experimentalist Martin Kohlstedt hat mit „Currents“ extra zu diesem Anlass ein Programm geschrieben, das Klavierstücke mit einer optischen Finesse paart. Gemeinsam mit den Visual-Profis elektropastete und Blood Brothers wird die Kuppel von innen mit einer faszinierenden Effektshow in einer 360°-Projektion bestrahlt. Während man im Liegestuhl relaxt und den Blick nach oben richtet, mäandern dort Sternennebel, oszillieren elliptische Formen zu hypnotischen Tanzfiguren, wogen virtuelle Fluten ineinander. Es ist ein einziges Kunstwerk, das zutiefst entspannt und betört. An allen vier Abenden wird der selbst sichtlich glückselige Künstler sein Werk präsentieren - wir verlassen das Zelt am Ende zufrieden und merkbar heruntergefahren. Der perfekte Start.

Von dort aus geht es direkt in Angie’s Nightclub, wo Courtney Barnett-Freundin Jen Cloher - mit Courtney an der Gitarre - ein wirklich tolles Set zwischen Rumpelfolk und 90er-Grunge spielt. Die neue, vor ein paar Wochen erschienene Platte wird gleich mitgenommen; Hits wie „Forgot Myself“ und „Regional Echo“ wandern direkt in die Jahres-Playlist. Und dann sind da natürlich noch die Leoniden, Deutschlands derzeit heißeste Band, deren Show im Mojo so ziemlich alle Register der Tightness zieht. Wie die Jungs um Zinnschauer Jakob Amr es schaffen, bei so viel körperlichem Einsatz und kollektiver Ausrastung noch derart präzise und konzentriert ihre Instrumente zu bedienen, ist mir ein völliges Rätsel. Und die Band hat seit unserem letzten Aufeinandertreffen nochmal eine Schippe drauf gelegt: Zwischen Mars Volta-Verweisen, unwiderstehlichem Pop (die Single „Nevermind“ wird frenetisch gefeiert, betanzt und mitgeschrien), Funk, Freejazz und Elektronik sprühen die Kieler förmlich vor Energie. Stillstehen geht nicht. Der Abend wird glorreich zu Ende gebracht.

Am Donnerstag eröffnen die holländischen Glitterhouse-Neulinge My Baby mit einem halbstündigen Set im Molotow unseren Tag. Das Trio spielt einen unsagbar mitreißenden Psychedelic-Dance-Folk, der dank extrem intensivem Drumming fast schon technoide Züge annimmt. Dazu kommt, dass Sängerin Cato van Dyck trotz ihrer schmalen Statur über ein fast schon unheimliches Stimmvolumen verfügt. My Baby spielen im Rahmen der Dutch Impact-Showcases - leider gab es davon für uns nicht mehr zu sehen, denn der nächste Termin wartete schon.

Und zwar die Verleihung des Helga!-Awards im Imperial Theater. Obwohl zur gleichen Zeit wie kurzfristig angekündigt die magischen Kettcar ein Spontankonzert auf dem Lattenplatz vorm Knust spielen - aber beim Helga! war Nillson-Kristof in diesem Jahr Jury-Mitglied, also ist unsere Präsenz dort selbstverständlich Pflicht. Der Helga! ist ein Preis für Festivals, der in Zusammenarbeit mit dem Intro-Ableger Festivalguide verliehen wird. Moderiert wurde er von Festivalguide-Chefredakteur Carsten Schumacher - und dem unverwüstlichen Bernd Begemann, der mit „Kommt raus ins Freie“ mit Erobique am Piano sogar eine kleine Festival-Hymne am Start hat. Das Bier fließt, es ist ein großer Spaß. Den Preis für das beste Festival gewinnt das Watt en Schlick in Dangast (da müssen wir scheinbar dringend mal hin), für das beste Booking wird (völlig zurecht) das Maifeld Derby ausgezeichnet (auch hier müssen wir dringend mal hin). Gewinner des Abends ist das A Summer’s Tale in Luhmühlen, das Preise in den Kategorien „Bezauberndstes Neugeborenes (der letzten fünf Jahre)“ und „Inspirierendste Festival-Idee“ abholt. Die Laudatio für die leidenschaftlichste Festival-Performance wird von Carlos Martinez präsentiert, der vor allem für Metal-Festivals Wrestling-Shows organisiert. Auf dem Weg zur Bühne hauen sich zwei Bärenmänner in knappen Lederkostümen gegenseitig auf die Mappe, der Preis geht an Benjamin Clementine und seine Show beim Haldern Pop im August. Kurz und gut: Das hat Spaß gemacht.

Im Knust gibt es am Donnerstag eine große Packung Lärm. Mit den Schweizer Überfliegern von Zeal & Ardor fängt der Abend an; die Band erscheint vielköpfig und kryptisch gewandet und spielt einen höchst einnehmenden Mix aus Gospel und Black Metal. Das hat man so auch noch nicht gesehen, will man aber bald wieder. Im Anschluss spielen Arcane Roots, deren aktuelles Werk „Melancholia Hymns“ zum Besten gehört, was dieses Musikjahr bisher zu bieten hatte. Kam die Platte reichlich Synthesizer-lastig daher, verzichtet das Trio live ganz auf ihr neu dazugeholtes Instrument und ballert sich mit beeindruckender Intensität und ohrenbetäubender Lautstärke vor allem durch Songs ihrer ersten Releases. Wir verlassen den Knust mit Ohrenrauschen und sind reichlich beglückt.

Der Abend endet im Docks mit einer alten Liebe. Wenn Maximo Park spielen, dann wollen wir das auch sehen, auch wenn das Erlebnis dann abermals eher ernüchternd ist. Es ist, wie es ist: Nach den grandiosen ersten zwei Platten war bei den Briten um Paul Smith - charismatisch wie eh und je - die Luft raus. Das sieht leider auch das Publikum im knallvollen Docks so: Wo alte Hits wie „Books From Boxes“, „Our Velocity“, „Going Missing“ und „Graffitti“ frenetisch gefeiert werden, werden alle Stücke ab Album 3 nur mäßig und wohl vor allem aus Liebe zur Band beklatscht. A propos Band: Die ist inzwischen völlig zur Staffage verkommen; die Show von Maximo Park lebt allein von Smiths Ausstrahlung. Die einstigen Lieblinge, die unverzichtbar für all unsere Mixtapes waren, verwalten ihr Erbe. Nicht mehr und nicht weniger.

Am Freitag wird erstmal gegrillt. Traditionell findet im Molotow Backyard das Australian BBQ statt, das Bratwürste ausgibt und - im Wechsel zwischen Club- und Außenbühne - einen ganzen Haufen australischer Bands im Gepäck hat. So wie Gold Class, die mit ihrem Mix aus Indierock und Postpunk reihenweise Herzen gewinnen (das neue Album „Run“ sei hiermit dringlichst empfohlen!) und eher an andere Grenzgänger der jüngeren Vergangenheit wie die Editors als an die obligatorischen Joy Division erinnern. Geowulf spielt in Solo-Besetzung eher mediokren Songwriter-Pop; Tinpan Orange sind für den Charme des Molotows und die Tageszeit schlicht zu langsam und zu elfengleich (erst mit der letzten Nummer des Sets nimmt die Band leider viel zu spät doch noch Fahrt auf). Surferboy Dean Lewis dreht bei seinem Solo-Set im Backyard dann auch nicht gerade an der Tempo-Schraube, empfiehlt sich aber mit charmantem Pop („Waves“ ist ein verdammter Hit) nachdrücklich für die Schnittstelle zwischen Formatradio und Lieblingsplaylist.

In der Großen Freiheit 36 kommt es zu einem heiß erwarteten Wiedersehen mit den magischen Fink. Die Band um Fin Greenall ist uns seit unserem letzten Treffen im Docks vor zwei Jahren noch in allerbester Erinnerung (das Rauschen aus Amp-Feedback und betäubend lautem Applaus haben wir heute noch in den Ohren) und hat mit „Fink’s Sunday Night Blues Club, Vol. 1“ und „Resurgam“ gleich zwei Alben aus 2017 im Gepäck. Wir thronen mit Blick über das gesamte Venue in der hintersten Reihe des Balkons auf einem Holzbalken - vielleicht ein Grund, warum der sonst so überbordend brillante Sound der Band uns nicht in Gänze erreicht. Trotzdem ist es ein wunderschönes Konzert. Und „Looking Too Closely“ ist und bleibt einfach ein göttliches Stück Musik.

Das viele Gehen und Stehen der letzten Tage macht sich nun bemerkbar. Gut passend, dass nun ein ganz besonderes Konzertereignis, im Sitzen und mit geschlossenen Augen zurückgelehnt, auf uns wartet: Im Resonanzraum im Musikbunker, der auch das Uebel & Gefährlich und das Terrace Hill beherbergt, spielen im Rahmen der Neue Meister Piano Night (benannt nach dem inzwischen fast zwei Jahre alten Berliner Contemporary-Label) heute vier ganz besondere Klavierkünstler, von denen wir Kai Schumacher und Damien Marhulets aufgrund des wie gewohnt engen Zeitplans leider verpassen. Aber pünktlich zu Federico Albanese sitzen wir auf unseren Plätzen. Der in Berlin lebende Mailänder war vor zwei Jahren schon beim Reeperbahn Festival zu Gast und stellte damals im Schulmuseum bei einem wundervollen Konzert erste Stücke aus seinem zweiten Album „The Blue Hour“ vor, das schließlich der erste Neue Meister-Release werden sollte. Die Wiedersehensfreude ist groß: Sichtlich dankbar spricht Federico Albanese über seine letzten zwei Jahre, in denen er vom Geheimtipp zum gefragten Künstler geworden ist, der im kommenden April sogar in der Elbphilharmonie auftreten wird. Seine Stücke aus mittlerweile zwei Alben sind pure Schönheit: Zwischen Tag und Nacht, Schlaf und wach mäandern die mit Ambient-Flächen unterlegten Piano-Soundscapes, die von unstillbaren Sehnsüchten, diffusen Gefühlswelten und träumerisch-melancholischen Gedanken erzählt. Wir bleiben noch für den Freitagsabschluss zu John Kameel Farah, der uns allerdings mit ungeheurer Wucht aus unserer wohligen Tranquillité reißt. Sein einstündiges Set umfasst exakt vier Stücke, in denen er uns mit elektronischen Breaks und radikalen Tempiwechseln zwischen barocker Klassik und arabischen Soundelementen trotz großem Respekt für seine immense Kunstfertigkeit leider überfordert.

Der letzte Festivaltag beginnt für uns abermals im Molotow Backyard mit einer weiteren traditionellen und inzwischen sehr lieb gewonnenen Veranstaltung, dem PIAS-BBQ. Hier präsentieren sich Bands aus dem Roster des Hamburger Qualitätlabels in halbstündigen Showcases, dazu gibt es Burger und Bier (nach wie vor der beste Mix der Welt). Eigentlich sind wir hier für INHEAVEN, doch die Briten haben kurzfristig abgesagt. Songhoy Blues aus Mali springen ein. Ihr Wüsten-Blues ist weit westlicher geprägt als der von malischen Tuareg-Rock-Bands wie Tamikrest oder Tinariwen, trotzdem entfaltet das Quartett einen ähnlich hypnotischen Sog und mit dem Wunsch nach Liebe und Respekt für jeden Erdenbürger eine reggae-eske, friedvolle Atmosphäre.

Am Abend ist der Hamburger Radiosender N-Joy Kurator für die Konzerte im Docks. Das beinhaltet in der Regel einen hohen Fremdschämfaktor, weil die Shows dort live aufgezeichnet werden, so dass der Moderator des Abends sich vor jeder Aufzeichnung als Anheizer fürs chartsverwöhnte Publikum verdingen muss. Passend zum Anlass mutet auch der eigentlich heiß erwartete Auftritt von Großbritanniens Pop-Hoffnung Tom Grennan eher seltsam an: In Three-Stripes-Jogger und Unterhemd wirkt er trotz seiner zweifellos intensiven Soulstimme in seinem Folk- und Glampop seltsam deplaziert, so als hätte er sich sein Genre eher angezogen als würde er es fühlen. Außerdem präsentiert sich der junge Brite mit gelangweilten Ansagen, unmotivierten Publikums-Interaktionen und dem wiederholten Bekenntnis, verdammt müde zu sein, reichlich unsympathisch. Vielleicht hatte er ja einfach nur einen schlechten Tag.

Während die eine Hälfte von uns trotzdem im Docks bleibt, um sich eine gewohnt faszinierende Show von Oscar & The Wolf anzusehen - der belgische Musiker holt mit seinem Mix aus exhaltierten Tanzeinlagen, Elektropop und melancholischen Lyrics ein immens unterschiedlich aufgestelltes Publikum ab - steigt die andere in die Bahn und begibt sich ins Uebel & Gefährlich. Dort spielen die isländischen Post-Metaller Solstáfir ein gutes, aber keineswegs beeindruckendes Konzert. Trotz der brütenden Hitze im Uebel kommt die Musik des Quartetts reichlich unterkühlt daher (was sicherlich für das Genre, in dem es sich bewegt, auch richtig so ist), aber sie zündet nicht und bleibt auch nicht nachhaltig im Gedächtnis.

Den Abschluss des Reeperbahn Festivals stellen The Districts aus Philadelphia, deren neues Album „Popular Manipulations“ einen weiteren Schritt im Großwerdungsprozess der jungen Band markiert. Trotzdem ist das wunderschöne Grünspan nur moderat gefüllt - die ganz versierten Fans vor der Bühne haben ausreichend Platz für wilde Tänze und Sprünge. Wer will es ihnen verübeln? The Districts verfügen live mit ihrem zwischen 90s-Alternative, Emo und Psychedelic angesiedelten Sound über eine ungeheuer mitreißende Energie und inzwischen auch über eine beeindruckend große Zahl an Hits. Die kommen zunächst noch vorwiegend vom ersten Longplayer „A Flourish And A Spoil“, aber auch bei den neuen Songs ist das Publikum erstaunlich textsicher. Am Ende geht noch ein Amp kaputt, aber das schmälert einen perfekten Festivalausklang in keinster Weise.

Ganz zu Ende ist es dann immer noch nicht: Wir basteln uns eine ganz persönliche Aftershow-Party und wandern noch in den Komet, eine herrlich verrockte Absturzkneipe mit winziger Tanzfläche, in der sich das Hamburger Label Fidel Bastro mit einem tollen DJ-Set von, Achtung, DJ Wuchtbrumme auf seinen 25sten Geburtstag vorbereitet. Dann ist das Reeperbahn Festival zu Ende und wir verlassen Hamburg für dieses Wochenende.

Zurück bleiben durchweg schöne Erinnerungen an nette Menschen, fantastische Konzerte, ein brillantes und wie gewohnt stilistisch vielseitiges wie internationales Booking und die Kunst, für all diese Konzerte die stets passende Location zu finden. Der Secret Headliner war übrigens tatsächlich Liam Gallagher, aber das Reeperbahn Festival beweist immer wieder, dass es so große Namen eigentlich gar nicht braucht um nachhaltig zu wirken. Es geht hier immerhin vorwiegend ums Entdecken, ums Stehenbleiben, ums Treibenlassen. Und das funktioniert bei dieser ungeheuren Dichte an tollen Clubs eben nirgendwo besser als in St. Pauli auf der Reeperbahn.

Wir freuen uns jetzt schon auf’s nächste Jahr.


Text und Fotos: Kristof Beuthner