Headlights - Some Racing, Some Stopping [Polyvinyl / Cargo]
Es gibt Menschen, auch unter Journalisten, die die Bands des formidablen amerikanischen Labels Polyvinyl im Speziellen und melodiösen Indiepop im Allgemeinen nicht besonders wertschätzen. „Langweilig, alles schon mal da gewesen“ sagen sie, und als Fan erwischt man sich dabei, diesen Leuten Innovationszwang zu unterstellen. Denn trotz allen Interesses an musikalischer Fortentwicklung – wie kann man dieser herzerweichenden Leichtigkeit widerstehen? Fragt man sich als Fan. Ich bin so einer.
Headlights aus Illinois sind ein klassischer Fall für dieses eingangs beschriebene Phänomen. Schon die Reaktionen auf ihr großartiges Albumdebüt „Kill Them With Kindness“ changierten zwischen Verzückung und Desinteresse. Wobei ich und die anderen Fans beim besten Willen nicht verstehen konnten, wie man dieser Musik derart beiläufig begegnen kann. Für uns fühlt sich diese Musik total zwingend an.
Sicher tut sich der Pop der Headlights sowohl auf ihrem Debüt als auch auf der jetzt erscheinenden Platte „Some Racing…“ nicht durch die dichtesten und ausgefuchstesten Arrangements hervor. Sicher ist der Gesang von wechselweise Tristan Wraight und Erin Fein nicht besonders kraftvoll. Das Gewicht auf der anderen Seite der Waage wiegt aber mindestens genauso schwer. Die Musik der Headlights ist fein und versponnen, anregend und eingängig. Die meisten ihrer Songs, zumindest aber ihre Melodien, sind von Laune machender, ausgesuchter Schönheit und alles andere als nach Schema f konstruiert. Klar sind deutliche Enflüsse erkennbar, immer wieder Belle & Sebastian, The Delgados und Teenage Fanclub, aber auch andere der tollen US-Indiebands wie Beulah oder Saturday Looks Good To Me. Und mit „Market Girl“ haben sich Headlights deutlich hörbar daran versucht, einen Arcade Fire-Song zu schaffen. Wieso auch nicht.
Die Stimmung dieser Musik ist warm und durch und durch angenehm. Pop wie der der Headlights kommt nur in Ausnahmefällen aus Metropolen, es bedarf dafür einer gewissen Ruhe und Aufgeräumtheit, wohl auch eines angemessenen Rahmens, um innezuhalten und zu reflektieren. Es wäre vollkommen absurd, mit Musik wie dieser auf die große Bühne zu schielen, die ist ja seit jeher den jeweils neuen Moden vorbehalten. Eine Band wie Headlights macht ihre Musik, weil sie Popsongs liebt und das Gefühl, dass sie vermitteln, genießt. Klassischerweise behält es sich so eine Band vor, in alle möglichen Richtungen zu experimentieren, um dann doch wieder beim Song zu landen. Solche absurden Kreise hört man auch „Some Racing…“ an.
Headlights haben ihren Trio-Status für dieses Album aufgebrochen, Musiker von den befreundeten Bands Shipwreck und Decibully sind neu dabei. Die daraus resultierenden Möglichkeiten hat die Band genutzt, um zusätzliche Sounds in ihre Arrangements zu integrieren. All diese Klänge, ob Orgel, Akkordeon oder Glockenspiel, verstärken die warme und freudvoll-naive Stimmung der Songs. Sie haben keine offensichtlichen Schrägen oder Brüche und nichts Effektheischendes an sich, sie wirken unmittelbar und, Achtung Unwort, ehrlich.
Nichts auf „Some Racing…“ deutet darauf hin, dass es die Headlights darauf anlegen, vordere Plätze in Jahrebestenlisten zu belegen. Trotzdem: Ein so schönes Set an Ohrwürmern wird man 2008 woanders kaum finden. Es ist die bisher beste, weil ausgereifteste Platte der Band. Und eine plakative Vorstellung schreit meine kranke Fantasie so deutlich heraus, dass ich damit enden muss: Wäre diese Band groß, kämen diese Songs im Radio, wäre alles in diesem Land viel schöner.
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