I Love You, But I've Chosen OBS. Nillson beim Orange Blossom Special 13.

Die Sonne scheint. Was das für den Festivalsommer bedeutet, brauche ich ja nicht erwähnen.

Genausowenig das Ausmaß des kollektiven Aufatmens bei Musikliebhabern, Grillgutgourmets und passionierten Ohrenstöpselträgern. Es geht wieder los, jauchzet und frohlocket: die Festivalsaison 2009 hat begonnen.

Zuhause im Garten.

Beverungen, 29.Mai: es ruft das Orange Blossom Special, und endlich, nach vielen Planungen und Entbehrungen in den letzten Jahren klappt es mal mit einer Reise in den Glitterhouse-Garten (mit Glückwünschen nach Neustrelitz zum Immergut-Geburtstag!). Das kleine Label veranstaltet sein Festival nun schon im 13.Jahr, und für musikalische Feinschmecker ist es längst eine feste Adresse, weswegen ich in diesem Erlebnisbericht häufigen OBSlern vermutlich kaum neues erzählen werde. „I Love You But I’ve Chosen OBS“ ist das Motto, unter dem wir am Freitagmittag gen Weserbergland aufbrechen und die friedliche Stimmung, die uns beim Erreichen des Gewerbegebiets in Beverungen entgegenschlägt, haben wir schon beim Verlassen der Autobahn spüren können. Der Zeltplatz liegt direkt an der Weser, und während man einen Parkplatz sucht, haben die freundlichen Securities ein Auge aufs Gepäck. Ist das hier Paradise City oder was? Aber wem gegenüber sollten die Sicherheitsleute auch aggressiv und unfreundlich sein müssen? Hier rennen keine Deppen mit Mallorca-Hüten und Megaphonen über das Terrain und grölen „Seven Nation Army“ oder „Du hast die Haare schön“. Nein, hier campen Altrocker mit Wohnmobilen neben ganzen Familien mit kleinen Kindern, wo morgens nicht das Bierfass angestochen wird, sondern darüber beraten, ob zum Frühstück Tee oder Cappuccino gereicht wird. Ein Altersdurchschnitt von 5 bis 55 – und es funktioniert, friedlich, freundlich, respekt- und rücksichtsvoll. Das ist derart idyllisch, dass wir – kaum eine Stunde da – gar nicht mehr weg wollen.

Das Festivalgelände selber liegt im Hinterhof des Glitterhouse-Gebäudes, eingesäumt von Bäumen und somit nicht minder idyllisch als der Rest vom Schützenfest. Eine Minibühne mit Kronleuchter, Fotowände mit den Highlights der letzten Jahre, für die Kleinen sogar tatsächlich ein Sandkasten und Schaukeltiere – das Gemütliche und Heimelige steht hier dick im Vordergrund. „Es ist unser Festival, das wir nur MIT euch gestalten können – ohne euch geht es niemals“, findet Veranstalter Rembert Stiewe, der durch den Tag moderiert, immer wieder schier nicht genug Worte des Dankes: an Gäste, Helfer, Bands. Ein Gefühl der Gemeinsamkeit wird hier geprägt, dass ich dergestalt noch nie zuvor auf einem Festival erlebt habe und das dafür sorgt, dass wir uns rundum wohl fühlen. Aus Rücksicht auf die Nachbarn muss mit der lauten Musik auf dem Festivalgelände bereits um 24.00 Schluss sein und das Feiern auf die Aftershow-Party im Beverunger Stadtkrug verlegt werden. Neugierige Anwohner der umliegenden Straßen sind aber eingeladen, sich das Festival umsonst anzuschauen. Wenn das nicht fair ist!

Ein Blick auf die Bühne.

Und Bands haben wir natürlich auch gehört. Neue, vorwiegend. Für mich jedenfalls. Neue Namen zwar nicht unbedingt, aber man kann eben nicht in alles schon mal reingehört haben! Eine große Entdeckertour also, die – wenn man den treffsicheren Geschmack des Glitterhouse-Labels im eigenen Repertoire kennt – eine ganze große Menge verspricht. Von Anfang bis Ende ein grandioses Programm, sagen die Veranstalter – umso ärgerlicher, wenn die erste Band des Wochenendes, die Real Ones aus Norwegen, gleich der etwas zu späten Ankunft zum Opfer fallen müssen. Warum Busfahrer ihre Reisebusse in fremden Einfahrten parken müssen und sich dann aus dem Staub machen, soll mir mal jemand erklären, aber das gehört hier nicht her. Es folgt, ebenfalls aus Norwegen, Benedicte Braenden (siehe Foto). Die unterhält ganz prächtig mit ihrem Mix aus Rock, Blues und Country; das ist ein famoser Einstieg für uns. Immer noch nicht ganz so famos sind die Gods Of Blitz, die zwar schön auf dicke Lederjacke machen, aber vom Songwriting her auch drei Jahre nach meinem ersten Live-Erlebnis mit ihnen nicht mehr sind, als eine durchschnittliche Rockband. Ganz anders Washington, wieder aus Norwegen, die den Freitag musikalisch beschließen. Das ist ganz traumhaft großes Kino, irgendwo zwischen Muse, Nada Surf und Sigur Rós. Rune Simonsen am Mikrofon, die wundervoll klagende Stimme, elegisch, tiefmelancholisch. Und doch macht es glücklich. Die erste Platte, die ich nach diesem Wochenende kaufen muss, ist von Washington.

Samstag sind wir rechtzeitig da. Zeitig aufgestanden, fein gegrillt, um 12.30 pünktlich zu Tenfold Loadstar im Garten. Schöner Pop, schöne Stimme. Noch bekannt und gern gehabt aus Lado-Zeiten, ein schöner Einstieg in den Tag. Danach Black Rust aus Westfalen. Die mochte ich von Platte zuvor nicht besonders, aber, wie das so oft ist, live überzeugen sie vollkommen. Einfach weil ihre Mixtur aus Pop, Folk, Rock und Country live wesentlich verspielter und natürlich nicht so glatt produziert herüberkommt. Fein! Der Schwede Kristofer Ragnstam gibt im Anschluss passioniert den Crooner, hat die großen Showgesten voll drauf und unterhält zwischen Soul, Rock und Punk das Publikum über die volle Distanz. Mein erstes großes Highlight am Tag ist allerdings Marissa Nadler, die mich tief beeindruckt. In ihrem langen, violetten Kleid gibt sie fragil die Weltferne, ihr klagender Folk schaut tief ins Herz und man schweigt in Ehrfurcht. Wenn sie spricht zwischen ihren Songs, ist es eher ein Wispern. Aber man versteht trotzdem jedes Wort, so andächtig still ist es. Ich bin so hin und weg, dass ich ihr, als ich sie nach der Show noch zufällig treffe, stammelnd wie ein Schuljunge meine Bewunderung kundtun muss. Keine Zeit zur Erholung, denn schon spielt die Band Of Heathens. Das ist grundsolider und schmutziger Bluesrock mit ganz viel Wüstensand zwischen den Gitarrenriffs, und in meinem Kopf entstehen Bilder von heruntergekommenen Kneipen an irgendwelchen amerikanischen Highways, wo diese Band hinpassen würde wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Fein wird es bei Kristofer Aström, der seine neue Band, die Rainaways, mitgebracht hat, und merkbar gerne auf der Bühne steht. Er macht den Entertainer, und zeigt, was für ein fantastischer Songwriter er ist. Wechselt perfekt zwischen den Tempi, kann es mal ruhig und folky und mal schnell und rockig. Blues, Country, Folkpop, die ganze Bandbreite wird famos abgegrast, und das macht glücklich. Dagegen ist Labelveteran und Wahlslowene Chris Eckman eher eine kleine Enttäuschung. Klar ist er sympathisch und natürlich ist das, was er macht, nicht schlecht. Für den Headlinerposten ist mir das aber einfach zu wenig zwingend. Seine Songs reißen nicht mit, bleiben nicht hängen, und seine Last Side Of The Mountain Band nebst dreiköpfigem Chor bleibt ebenso wenig in Erinnerung. Das ist alles schön und gut und solide, hat aber nicht diese erlösende Grandezza wie Washington am Tag davor. Die zweite Platte, die ich nach diesem Festival kaufen muss, ist von Marissa Nadler.

Wenn eine Band wie Baby Universal (Foto) als echte Live-Sensation angepriesen wird, darf man gespannt sein. Und fällt glatt hinten rüber, als sie den Sonntag mit derart großer Pose eröffnet, dass es schier eine Freude ist. Offene Lederjacke und wallende Locken beim Frontmann, brillanter Rocksound – ich darf bescheinigen, Baby Universal SIND eine Live-Sensation. Da müssen wir uns erst mal setzen, auf so viel Macht waren wir noch gar nicht vorbereitet. Macht nichts, denn die Miserable Rich aus Großbritannien genießt man im Sitzen sowieso optimal. Das ist entzückend feingliedriger Pop mit schöner instrumentaler Bandbreite, von Violine bis Cello ist auch die Streicherriege bei dem Quintett vertreten. Und das Songwriting ist herrlich. Die Sonne strahlt und der Sänger trinkt Rotwein. The Miserable Rich sind die bisher stilvollste Band des Wochenendes und sollten künftig vor Königen auftreten dürfen. Im Anschluss: die Fabulous Penetrators aus dem Hause Stag-O-Lee. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das von Platte wirkt, aber live ist die Band eine Granate. Der Frontmann, geschminkt und im Gorillakostüm, schmeißt zu krachenden Punkrockriffs Bananen ins Publikum und verausgabt sich völlig, während die Glitterhouse-Crew auf der Bühne eine Krabbelpolonaise veranstaltet. Das ist der große Rockzirkus, und als Zugabe wird Van Morrisons „Baby Please Don’t Go“ gecovert. Vielleicht ist es auch unglücklich, Maria Taylor im Anschluss spielen zu lassen, denn die Ex-Azure Ray-Chanteuse bleibt weitestgehend blass. Ihr Folkpop lässt live Ausdrucksstärke vermissen, ihre Präsenz erreicht nie diese seltsam einnehmende Aura, mir der Marissa Nadler mich am Vortag so becirct hat. Zeit, das kulinarische Angebot des Festivals zu nutzen. Und nachzuschauen, was am anderen Ende des Geländes passiert. Da bauen Boy Division auf, die von Maria Taylor bis zum Headliner die Umbaupausen mit ihrem Megaphonrocktrash gestalten. Also – Sonntag dann doch noch Typen mit Megaphonen. Ich verstehe ihren Humor immer noch nicht, mir ist das einfach nur zu laut und lärmig. Da gehe ich doch lieber zur Bühne und mische mich zum ersten Mal ganz nach vorne, denn gleich spielen I Am Kloot, und das ist immer ein Genuss. Große Überredungskünste waren nötig um die Band zu bekommen, einen Abend vorher haben sie noch im Knust in Hamburg gespielt – gut, dass sie sich zum Kommen entschieden haben. Denn Johnny Bramwell ist nicht nur ein unfassbar guter Songschreiber, er ist auch ein ungemein charmanter Conferencier, mit diesem unschlagbar britischen Charme. So soll es sein, die werde ich immer wieder gerne anschauen. Es folgen Baskery, bei denen ich zunächst skeptisch war. Ein Trio von Schwestern, dass Country spielt, ist mir vom Papier her zu Dixie-Chicks-esk, aber ich werde für mein Misstrauen böse bestraft. Was die live für eine Power entwickeln, kann man gar nicht beschreiben. Perfekter, dreistimmiger Gesang; dazu eine wahnwitzige Instrumentenbeherrschung. Die Schwedinnen lösen förmlich Begeisterungsstürme aus, und keiner möchte sie gehen lassen. Ihre Mischung aus Rock und Country gehört zu den definitiven Highlights dieses Wochenendes; ein Konzert, das man so schnell nicht vergisst. Doch dann wird es wehmütig. Die letzte Band steht an, der letzte Auftritt dieses famosen Wochenendes: Get Well Soon. Konstantin Gropper und sein Ensemble bestritten zwei Jahre zuvor in Beverungen ihren ersten Open-Air-Auftritt überhaupt, und entsprechend gerührt ist er über die Rückkehr. Dumm nur, dass der Aufbau so lange dauert, dass die Band mit fast zwanzigminütiger Verspätung anfangen kann. Ärgerlich ist das besonders im Hinblick auf den Zapfenstreich um 24.00, aber der Genuss der Musik macht alles wett. Werden halt die Redepausen gestrichen, und Get Well Soons unfassbare Klänge sagen sowieso mehr als Worte ausdrücken können. Es ist ein unfassbar famoses Konzert, einmal mehr. Seit eineinhalb Jahren besuche ich diese Band auf Konzerten, und es freut mich zu sehen, dass Konstantin Gropper sich immer noch weiterentwickelt, musikalisch wie stimmlich. Es ist hochemotional, und nicht wenige haben Tränen der Rührung ob der Intimität und Intensität dieses Open-Air-Gigs in den Augen. Das wundervolle „Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened!“ beschließt um 23.56 das dreizehnte Orange Blossom Special. Die dritte CD nach diesem Festival brauche ich mir nicht kaufen – Get Well Soon habe ich ja schon.

Hin und weg. Und 2010 wieder hin.

Man sollte sich ja hüten, zu schnell von Perfektion zu sprechen. Aber das hier, das war ein rundum gelungenes Wochenende, dass diesem Begriff sehr, sehr nahe kommt. Was erwartet man von einem Festival? Sonne. Gute Leute. Freundlichkeit. Friedlichkeit. Großartige Musik. Faire Preise. Hier stimmte alles. Kein wirklicher Ausfall bei den Bands, rundum gutes Wetter, eine durchweg familiäre Atmosphäre. Davon kann man noch lange zehren; noch die Heimfahrt am Montag über ist man beseelt, verbringt den Nachmittag auf dem sonnenbestrahlten Balkon im Revue passieren lassen; hat auf den lauernden Alltag nach Pfingsten noch so gar keine Lust. Das musikalische Experimentieren hat sich für mich, der in seinem Leben schon viel Musik gehört hat, von vorne bis hinten ausgezahlt. Bemerkenswert ist im Nachhinein übrigens auch die Fairness des Publikums gegenüber der Bands. Schon zur ersten Band ist das Gelände voll; der Eröffnungsact wird gefeiert wie der Headliner. Das hat Klasse! Kurz und gut: das Orange Blossom Special sollte man sich merken, wenn man sich noch überraschen lassen will. Weil man für das Gefühl, den Veranstaltern in jeder Hinsicht vertrauen zu können, unter Garantie belohnt wird. Beverungen hat mich nicht zum letzten Mal gesehen – ich komme wieder.

Text & Fotos: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
Das Orange Blossom Special
Glitterhouse


Datum: 13.06.2009, 16:27 Uhr

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