Ich und mein Tiger - Und all die anderen Leben [Toolboxx / Al!ve]

Muss gute, deutschsprachige Musik immer zwingend aus der schönen Stadt an der Elbe kommen? Ich und mein Tiger atmen zwar durchaus auch den Geist von Hamburger Größen wie Wiebusch oder kommenden wie zu Knyphausen, stammen aber aus der schönen Stadt an der Weser, Bremen also, und hebeln Stadtrivalitäten im Handumdrehen und in Musik aus. „Und all die anderen Leben“ heißt das Debüt von Sebastian Herde (voc, g), Niklas Keil (voc, g) und Richard Welschoff (Kontrabass), und das Listing der Instrumente lässt schon auf das schließen, was uns elf Songs lang durch den Herbst helfen wird: hier wird akustisch musiziert, rein akustisch. Nun gab es Zeiten, in denen das stromlose Darbieten von Songs derart überstrapaziert wurde, dass es niemand mehr hören mochte, und auch das Bild der drei Männer mit ihren Gitarren und ihren Songs hat etwas ungemein pathetisch liedermacherhaftes. Skeptiker, seid gewiss: hier ist alles anders.

Jeder der Songs würde mit Drums und eingestöpselten Gitarren auch gut ausschauen, ohne Frage, aber dieses Mittel ignoriert das Trio. Es braucht nur ihre Stimmen, es braucht nur die Gitarren und den Kontrabass. Das hat den entscheidenden Vorteil, dass es hier die Songs sind, die zählen; die ungemein innig und direkt wirken, weil sie so da stehen, wie der (fiktive?) Mensch, der aus ihnen spricht: entblößt, manchmal verzweifelt, unglücklich verliebt. „Stell dir vor es ist Krieg, und du bist der einzige Soldat“ heißt es in „Untergehen“, ja, das passt. Die Texte drehen sich um die Themen, die freilich jeder kennt; Liebe, Abschied, Aufbruch, und ja, auch das älter werden. „Alter Haudegen, was nun?“ malt das Bild des Einsamen an der Bar, der früher mal cool war und nun feststellen muss, dass das freie Leben, das er immer führen wollte, nichts als Illusion war. „Ich wär gern noch mal so jung wie du“, heißt es auch in „Frühling“, vielleicht kein Zufall, dass das die beiden letzten Songs der Platte sind, nachdem Verliebtsein und Trennungsschmerz, Ankünfte und Verabschiedungen, Beobachtungen anderer Menschen und Vereinzelung, also die ups and downs eines Lebens, songtechnisch verarbeitet und vollzogen sind. Vielleicht ist mit „Bahnhof“ der Opener schon eine Vorbereitung darauf, wie es thematisch endet. „Du hast am Bahnhof gewohnt, du weißt, wie schnell man dort verloren geht“, heißt es hier; die kleinen Zwischenhochs dauern oft nicht länger als die Brenndauer eines Streichholzes.

Die Ernsthaftigkeit vieler der Songs wäre durch eine stärkere Instrumentierung mit Sicherheit verloren gegangen. Gib einem Song wie „Frühling“ ein Gewand wie in Kettcars „Deiche“, und der Titel rockt die Indieclubs. Durch die Unmittelbarkeit, die Ich und mein Tiger auf ihrem Debüt erzeugen, bekommt man statt dessen eine Gänsehaut. So muss sich gute Musik anfühlen.

Text: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
Ich und mein Tiger vernetzt...
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Datum: 29.10.2009, 13:04 Uhr

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