Nillson-Tagebuch: La Familia Y Amigos 2010, wie war's?

Genau wie sich Familienfeste jährlich wiederholen, fand auch dieses Jahr im Mai wiederholt das La Familia Y Amigos Festival im Leipziger Conne Island statt. Am Samstag, dem zweiten Tag des zweitägigen Festivals, waren wir vor Ort.
Schon beim Nähern ans Conne Island werden wir in eine heimelig warme Atmosphäre versetzt. Aus naher Ferne sind gute Musik und murmelnde Menschenstimmen zu vernehmen, Grillgeruch liegt in der Luft. Dort angekommen bietet sich ein quirlig buntes Bild voll Fröhlichkeit und Wohlbefinden. An diesem ersten lauen Sommerabend spielen Fans mit Künstlern Tischtennis. Beim Rundlauf werden sowohl Tabletts und Bierdeckel als auch schwere Backsteine zum Tischtennisschläger umfunktioniert. Menschen tragen kurze Hosen, die meisten haben ein Bier dabei, andere eine Tofu-Wurst vom Grill. Die Atmosphäre ist locker und mehr als angenehm. Man mag sich an diesem Abend im Biergarten des Conne Island. Die Menschen wirken angenehm entspannt, der Kicker wurde ebenfalls in den Biergarten gestellt. Einige trainieren die Unterarmmuskulatur beim Drehen der bunten Figuren, andere unterhalten sich einfach bei einem Bier. Da ist es doppelt schade, dass wir den Freitag und somit auch Xiu Xiu, The Falcon Five und die wunderbaren Ted Leo & The Pharmacists verpasst haben.
Dafür haut der Samstag einiges raus. Die ersten zwei Bands verpassen wir. Wir bleiben lieber noch ein bisschen sitzen auf dem Boden im Biergarten und schauen und reden und schauen und reden und lauschen zwischendrin einigen Lachern, die zu uns herüberdringen.
Pttrns locken uns dann aber ins Innere des Conne Island. Nachdem wir sie schon bei Myspace und Co. über längere Zeit hinweg bestaunt haben, dürfen wir die vier Kölner dann auch mal im Realfernsehen erleben. Und schon beim Erklingen der ersten Töne wird uns klar, dass das nur ein großartiger Abend werden kann. Pttrns machen Dinge, die bisher keine andere deutsche Band zu tun vermochte. Jeder spielt alles, alle sind Sänger und es regieren die Trommeln. Rhythmus ist bei Pttrns Trumpf. Und der geht in die Beine. Dabei scheinen die vier Menschen da auf der Bühne eine unzerbrechliche Einheit zu bilden. Sie wirken konzentriert und gleichzeitig ein wenig ekstatisch, sie harmonieren miteinander, bilden eine geschlossene Einheit und sind gleichzeitig so offen. In ständig wechselnden Positionen erfinden die vier sich mit jedem Song ein bisschen neu. Dabei arbeiten sie zudem interaktiv. Schon zu Anfang des Konzerts wurden Rasseln und andere Rhythmus-Instrumente ans Publikum verteilt, das dann nach Lust und Laune an der großen Sound-Party da vor uns teilnehmen darf. Leider geht dem Großteil der rasselnden Meute nach zwei Liedern die Puste aus. Trotzdem bemühen sich Pttrns stets um den Kontakt zur tanzenden Meute. Beendet wird die sympathisch-spannende Show aber nicht mit einem einfachen Bühnenabgang, sondern mit einem Song in guter alter Boygroup-Manier. Klatschend und singend stellt man sich an den Bühnenrand und lässt so ein wunderbares Live-Set einer bewundernswert unverbraucht wirkenden Liveband ausklingen.
Nach einer Tofuwurst und einer kleinen Runde Tischtennis geht es mit Shokei weiter. Auch wenn sie nicht weniger komplex, dafür schwerer und düsterer als Pttrns klingen, hauen sie uns mit ihrer Energie und dem DC-mäßigen Post-Hardcore sofort um. Der Rhythmik und Energie ist nicht zu widerstehen. Lustige Bühnenoutfits und ironische Ansagen vervollständigen das Bild einer politisch-sarkastischen Band. Außerdem brillieren Shokei durch die schönsten Band-Shirts am Merchandise-Stand. An diesem Abend wird das Geld für eines der lila-gebatikten Shirts leider nicht mehr reichen. Schade.
Neben den Shokei-Shirts sorgt vor allem Robocop Kraus- Frontman Thomas für die Anwesenheit des guten Stils an diesem Abend. Mit Pottfrisur beim Tischtennis und allgemein stets verwirrtem Blick sorgt der junge Mann für ein einzigartig sympathisches Erscheinungsbild. Vor allem in Zusammenhang mit dem Rest der Band sorgen The Robocop Kraus schon allein optisch für gute Laune. Musikalisch erfinden sie sich indes nicht neu. The Robocop Kraus bleiben The Robocop Kraus und auch wenn sie sich zwischendurch mal an ein paar elektronisch angehauchten Stücken probieren, sind es an diesem Abend vor allem die Klassiker, die die Familie im Conne Island tanzen lassen. The Robocop Kraus sind und bleiben eine der besten und standhaftesten Live-Bands, die sich nicht großartig verändern oder weiterentwickeln, sondern ganz einfach auf sympathisch-verrückte Weise das machen, was sie schon immer ganz gut konnten: Spaß.
Zu guter Letzt und als Headliner dann endlich Die goldenen Zitronen. Die Vorfreude und Spannung auf den Auftritt und dessen Wirkung sind umso größer, weil wir sie vorher noch nicht live gesehen haben. Die Frage ist, wie die „Anti-Musik“ rund um Schorsch Kamerun in Echt wirkt. Denn leicht zu hören ist sie ja nicht. Zudem treten sie in merkwürdigen Kimonos auf. Manch einer beurteilt sie am Ende als unbeeindruckend bis langweilig, wogegen der Andere von ihrer Sperrigkeit und ihrem inszenierten Auftreten fasziniert ist. Der Auftritt der Zitronen ist mehr eine Aufführung, denn ein Konzert, in der der Großteil der Stücke von „Lenin“ und „Die Entstehung der Nacht“ stammen.
Am Ende werden wir dann auch in die Nacht entlassen, die tanzend, mit feinen Menschen und Bier verbracht wird, so dass unser Fazit lautet: Familienfeste können doch schön sein!

Text: Lydia Meyer und Richard Redweik

Links zum Thema:
La Familia Y Amigos Festival
Altin Village & Mine


Datum: 24.06.2010, 15:32 Uhr

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