Leuchtende Apfelbäume. Nillson-Tagebuch: Appletreegarden Festival 2010, wie war's?

Das waren noch Zeiten, als einen die Oma, die Tante oder sonst eine Verwandte fröhlich in die Wange zwickte und einem die Worte „Du bist aber groß geworden! Wie alt bist du denn?“ entgegenschnarrte. Man entgegnete genervt so etwas wie „zeeeeehn, Oma!“. So oder so ähnlich wird sich in diesem Jahr auch in Diepholz gefühlt. Denn dort fand am vergangenen Wochenende zum zehnten Mal das Appletreegarden Festival statt, ein Statement an musikalischer Qualität in einer ansonsten für alternative Klänge völlig maroden Region (ich als ehemaliger Vechta-Student muss das wissen!).

Und Kinder, wie die Zeit vergeht: von der Gartenparty mit Anhängerbühne ist das Appletreegarden mittlerweile zu einer der feinsten Adressen in Norddeutschlands Festivallandschaft geworden. Atmosphärisch ist das Gelände, eine Lichtung im Diepholzer Bürgerpark, umringt von riesigen Bäumen und somit nicht nur schutz-, sondern an heißen Tagen auch schattenspendend, ganz weit vorne. Wenn tagsüber die Sonne durch das Laub scheint, wenn abends die Bäume in verschiedenen Farben illuminiert zu leuchten scheinen und die Gäste sich unter Lichterketten und Girlanden bei kaltem Bier in Glasflaschen (was erwähnenswert ist!) den 16.00-Nachmittagsact mit dem gleichen Respekt anschauen wie den Headliner, dann ist das Glück, Geborgenheit und überhaupt ein bisschen wie Familie. Und auch was das Lineup anbelangt, siegt Qualität. Feinster Indierock, Folk, Pop und Electronica geben sich die Hand und schaffen ein großes Ganzes. Hier greift ein Rädchen ins andere; die Rahmenbedingungen und die Musik scheinen zu verschmelzen, und während man, rücklings auf der Decke liegend, die Vögel beim Weiterziehen beobachtet, möchte man wissen, was man eigentlich je in der Anonymität der Großveranstaltungen gewollt hat.

Zehn Jahre Appletreegarden gehörten gefeiert. Mit einem musikalischen Aufgebot, dass das der vergangenen Jahre – wie sich das für runde Geburtstage gehört – nochmals in den Schatten stellte. Das beginnt schon mit der Eröffnungsband. Wo vor zwei Jahren noch die Lokalmatadoren namens Omas Ganzer Stolz den Startschuss ins Wochenende abgaben, spielt mit Talking To Turtles gleich mal das Highlight des Kollegen rCh. Die bezaubern mit ihren spärlich arrangierten Songs und sind ein besinnlicher und umso famoserer Einstieg in ein tolles Wochenende. Go Back To The Zoo aus Holland halten das Niveau und erhöhen den Druck mit treibenden Beats und mitreißendem Pop, den wir leider viel zu wenig wahrnehmen, weil wir zu sehr mit Decke ausbreiten und Gelände bestaunen beschäftigt sind. Das ist schade, aber zum Glück gibt’s ja Myspace und Youtube. Der imaginäre Post-it wird grade drangepappt, da stehen auch schon die Stompin’ Souls auf der Bühne, die immer noch so sind, wie ich sie in Erinnerung hatte: nett, durch und durch schwedisch und grundsolide, aber eben ein bisschen wie Eiscreme – cool für den Moment, aber nicht gemacht um zu bleiben. Zu Bratze (Foto) dürfen sich dann wieder die Jogginghose-mit-Unterhemd-Träger und Audiolith-Atzen vor der Bühne versammeln. Herr Clickclick und Herr Renate fahren das gewohnte Feuerwerk an Knallbeats und lyrischer Clubber- und Sofanerd-Weisheiten ab. Die Leute lieben es. Das war zu erwarten. Und nebenbei verzeichne ich das erste Festival, auf dem ich Clickclickdecker nicht nach seinem Auftritt, flankiert von einer Gruppe junger Mädchen, über das Gelände flanieren sehe. Wird der Herr etwa sesshaft? Der erste Hochkaräter des Abends nimmt mir den Raum zum Nachdenken, wirft aber trotzdem Fragen auf. Wie zum Beispiel: warum, zum Henker, habe ich mich bisher nicht mit We Were Promised Jetpacks beschäftigt? Das ist großes Kino, ein guter Mix aus amerikanischen und britischen Rockelementen, mit irre viel Gespür für den guten Song, für große Melodien. Wo jeder Handgriff am rechten Fleck sitzt, und es trotzdem nicht abgezockt klingt, muss man sich einfach wohlfühlen. Gut, dass noch imaginäre Post-its und finanzielle Spielräume für Plattenkäufe da sind. Aber erst darf ich eine Lücke schließen: mein erstes Get Well Soon-Konzert in diesem Jahr, das erste, das ich zur neuen Platte sehe. Und es ist wieder großartig. Und berührend. Ich bin überrascht über die Textsicherheit des Publikums. Zugegeben – Konstantin Gropper (Foto) und seine Band haben nach einer gefühlt Stunden dauernden Umbaupause speziell bei den ersten drei Songs mit gewaltigen Soundproblemen zu kämpfen. Immer wieder ist die Leadstimme zu leise, kommt es zu Rückkopplungen und Übersteuerungen. Andererseits ist das auch schon fast wieder typisch für diese Band. Ich kann mich an keinen Gig erinnern, bei dem die ersten zwei, drei Songs reibungslos verliefen. Ist das nicht auch sympathisch: diese kleinen Unvollkommenheiten bei all dieser musikalischen Perfektion, dieser überbordenden Größe und dieser majestätischen Traurigkeit? Die neuen Songs sind live exakt so, wie ich sie erwartet habe; „5 Steps, 7 Swords“ wird für alle Zeiten ein Live-Must-see sein. Und es steht fest: so lange ich lebe und Auftritte von Get Well Soon sehen darf, werde ich diese Band lieben. Und mir nach dem Konzert die Augen reiben, kaum fassend, dass es schon vorbei ist. Der Elektroact des Tages, We Have Band, kann das nicht toppen. Das wird schon nach dem ersten Song klar. Was schade ist, da das Trio eine tolle Platte gemacht hat und durchaus eine mitreißende Liveshow spielt – allein, es fehlt jetzt die Muße.

Die fehlt am nächsten Tag anscheinend auch zum rechtzeitigen Aufstehen und Anreisen, und so müssen wir Roman Fischer, der aber später noch ein kleines und feines Akustikset spielt, leider verpassen. Balthazar verpassen wir nur halb, und das was wir sehen, zeigt, dass die musikalischen Beziehungen, die von den Appletree-Machern zur belgischen Indieszene gepflegt werden, bereichernde sind. Wo vor zwei Jahren die großartigen Mintzkov alle staunend zurückließen, sorgt die melodieselige Version von Indiepop dieser Band für nicht minder strahlende Gesichter. Sind noch imaginäre Klebezettel da? Bei Oh No Ono braucht man die nicht. Vermutlich, weil die unterschiedlichen Leadstimmen gleichbedeutend für das Eindrucksvolle der Songs sind. Bedeutet großartig vs quäkig, und das ist bei aller Kraft, die die Dänen entwickeln, doch ein wenig befremdlich. Ähnlich befremdlich wie der Auftritt der ehemaligen Tapete-Schützlinge 1000 Robota, über deren erstes Lebenszeichen aka neue Platte seit zwei Jahren man allenthalben liest, die Band wisse nun was sie wolle und sei deutlich gereift. Die ärgerliche Arroganz, die ihnen schon 2008 nachsagen ließ, sie seien wohl durch zu lange Aufenthalte in gewissen britischen Musikhochburgen ein klein wenig abgehoben, haben sie immer noch nicht abgestreift. Und wo arrogantes Auftreten bei manchen Bands zum Image auf karikaturistische Weise belebend wirken kann, fragt man sich bei diesen jungen Herren eigentlich nur: bitte, wofür? Da wirkt es umso erfrischender, wie natürlich und naturbelassen – mal vom Glitzerkleidchen der Sängerin abgesehen – die Hellsongs wirken. Auch wenn ich dem Konzept der Folkisierung von Metalsongs eher skeptisch gegenüber stehe und der Clou der Sache durch mangelnde Kenntnis der Originale so völlig an mir vorübergeht, sind die Schweden eine perfekte Spätnachmittagsband, die Freude verbreitet und somit genau das tut, was hippieeske Folkmusik bei einem Festival tun will und muss. Sagte ich Spätnachmittag? Durch ellenlange Umbaupausen ist mittlerweile schon Abend, satte 1 ½ Stunden liegt das Festival hintendran, und so kommt Gisbert zu Knyphausen (Foto) zu einem Auftritt, der zeitlich schon fast headlinerwürdig ist. Von der Klasse her allerdings auch. Es ist immer wieder spannend zu beobachten, wie sich die Wirkung von Künstlern mit der Zeit verändert. Einer Handvoll Leutchen vor der Hauptbühne am Sonntagmittag beim Dockville vor zwei Jahren, die über Gisberts komischen Namen lachten aber mit offenen Mündern zurückgelassen wurden, steht jetzt gefühlt das ganze Festival gegenüber, das da vor der Bühne steht und seine wundervollen Lieder Zeile für Zeile mit intoniert. Er hat es verdient, er ist ein Guter, und die Stücke der neuen Platte fügen sich nahtlos in das Oeuvre der bekannten Songs ein, die er mit dieser für ihn typischen Intensität spielt, die ihn so besonders, so unaufgesetzt macht. Und à propos Überraschungen: wo im letzten Jahr die Herren von Friska Viljor völlig betrunken über die Bühne stolperten, spielen sie 2010 eine sehr ambitionierte Vorstellung, mitreißend und intensiv. Natürlich gehört Alkohol zu dieser Band, natürlich sind ihre Liebes- und Lebensgeschichten getränkt in schwedischen Wodka und Bier, aber dennoch: deutlich nüchterner gerät die Musik von Daniel Johansson und Joakim Sveningsson nebst Band wesentlich intensiver, bei aller Feiertauglichkeit. Ja, Freunde: ich bin versöhnt und habe nichts mehr dagegen, dass Friska und Viljor dieses Jahr an jedem Melkeimer spielen. Auf diese Art und Weise dürfen die das. Mittlerweile sind wir zwei Stunden hinterm Zeitplan und es ist bitterkalt geworden. Da gestaltet sich das Warten auf Die Sterne als harte Herausforderung, und da wir alle, getäuscht vom Wetter der Vortage, viel zu leicht angezogen sind, hilft hier nur noch Hüpfen. Frank Spilker und Kollegen entschädigen mit einem wahnsinnig mitreißenden Auftritt. Die spürbare Skepsis beim Publikum legt sich merkbar mit jedem Discobrett der neuen Platte, die von so ziemlich allen wichtigen Hits der Hamburger, klug verteilt, durchzogen wird. Das unsichere Lächeln verwandelt sich in ein Meer klatschender Hände. Auch Frank Spilker geht bei fortschreitender Dauer des Konzertes immer mehr aus sich raus, hüpft und springt und lacht. Am Ende ist jeder, wirklich jeder, glücklich und zufrieden. Aber da hat uns die Kälte auch schon wieder eingeholt, und es ist mittlerweile fast halb drei. Noch eine Dreiviertelstunde Umbaupause bei frühwinterlichen 10° abwarten, bis die eigentlich heiß erwarteten Isländer von FM Belfast die Bühne betreten? Da kann uns nicht mal der Yogi-Tee vom indischen Stand mehr retten. Und, Asche auf unser Haupt – das ist wirklich verdammt schade.

Was aber gar nichts daran ändert, dass an diesem Wochenende niemand unzufrieden nach Hause geht. Denn hier hat, ungelogen, alles gestimmt. Mal von den langen Umbaupausen abgesehen, die sich aber durch für das kleine Gelände überraschend breitgefächerten Möglichkeiten zur Zerstreuung problemlos überbrücken ließen. Außerdem ist beim Appletreegarden der Weg zum Campingplatzbier nicht weit. Überall sind Menschen, die nett sind. Und dann sind da noch diese vielen, kleinen Dinge, die ein Festival so besonders machen. Da gibt es auf dem Gelände an den kulinarischen Ständen einfach mal so gar kein Fleisch. Alles ist vegetarisch und vegan, wenn man mal von den paar Schinkenstückchen im Dresdener Handbrot absieht. Da probiert man eben mal tamilische Bananenbällchen statt Mario’s Pizza. So funktioniert „anders sein“ in der Festivallandschaft halt auch, und es ist doch wirklich nennenswert, dass ein Organisationskommitee sowohl beim Hör- als auch beim leiblichen Genuss ein gutes Gespür für präzises Booking beweist. Dazu kommt die tolle Präsenz der auftretenden Künstler, die eben nicht – es sei denn, ein Stau ließ es nicht anders zu – nach dem raus-aus-dem-Bus, Auftritt, wieder-rein-in-den-Bus-Schema verfahren. Neben Roman Fischer spielten auch We Were Promised Jetpacks und die Hellsongs kleine Akustikauftritte um die Pausen zu überbrücken, was definitiv persönlicher und direkter wirkt und größeren Mehrwert hat als die obligatorischen Signing Sessions. Nein – bis auf die steigenden Besucherzahlen (Qualität spricht sich eben herum!) hat sich beim Appletreegarden in den letzten Jahren nur wenig verändert. Es ist immer noch ein Fest von Freunden für Freunde geworden, bei dem sich Veranstalter, Bands und Besucher gleichsam wohlfühlen. Ein großes Campingwochenende mit akustischen Leckerbissen - das ist es und das bleibt es hoffentlich noch ganz lange. Denn obgleich das Festival im Alter von zehn Jahren den Kinderschuhen längst entwachsen ist, hat es das wichtigste in sich behalten und steckt alle damit an: kindliche Freude, kindliches Staunen und kleinere, kindliche Unkorrektheiten wie Unpünktlichkeit, als hätte man wie früher beim Spielen die Zeit vergessen. Na und? Wir winken und rufen mit Thees Uhlmanns Worten: so soll es sein, so war’s erdacht. Bis zum nächsten Jahr!

Text: Kristof Beuthner

Links zum Thema:
Das Appletreegarden-Festival


Datum: 29.07.2010, 13:11 Uhr

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