Rezensionen 04.05.2013

1000 Gram - Ken Sent Me [Fixe Records / Broken Silence]

Nein, der Titel des letzten Songs auf "Ken Sent Me", "Steps Into Unknown Territory", ist nicht Programm für das Debüt der Berliner von 1000 Gram. Und nicht nur, dass das nicht im geringsten stört: Es ist gerade diese Tatsache eine wirklich wahre Wohltat.

Denn es trifft immer mal wieder der Pfeil ins Herz, an dem ein Zettel klebt, auf dem steht: "Die Zeit der musikalischen Erwärmung ist vorbei! Face it, es gibt nur noch Chic und Sterilität. Leute wollen tanzen zu Dubstep und Synthiepop, die Zeit warmherziger Gitarrenmusik vermisst du? Das ist so Nuller Jahre." Man beginnt, fahrig zu werden und durchstöbert die Releases der letzten Monate. Irgendwas muss man übersehen haben. Und dann fällt einem dieses Album in die Hände. 1000 Gram, die deutsch-schwedische Formation um Moritz Lieberkühn, machen da weiter, wo die ebenfalls deutsch-schwedische Kollaboration Home of the Lame aufgehört hat. Wo die Weakerthans sich besonders wohl fühlten und wo Coldplay auf dem stärksten weil frühsten Level ihrer Karriere standen. Wo die Vocals voller Kraft und Zuversicht sind, und direkt und natürlich klingen. Es ist eine Reife im Gesang und in den Arrangements auf "Ken Sent Me", die einen erdet und einem zeigt, warum man irgendwann angefangen hat, sich für Gitarrenpop zu begeistern. Das Album versprüht in jeder Note einen derart gelassenen, tendenziell melancholischen Charme, der einen aufs Angenehmste an vergangene Momente im Lieblingssessel vorm Plattenregal erinnert. Songs wie "Push Someone" oder "That's How We Love" sind brillante Ohrwürmer ohne große Schnörkel, die in ihrer Harmonieseligkeit (wie übrigens das gesamte Album) aber zu keinem Zeitpunkt in Schönheit erstarren, sondern sich so einnehmend leichtfüßig ins Ohr schmeicheln, dass es eine wahre Freude ist. Alben wie diese zeigen Musikhörern wie uns, dass der gute, erdige, wahrhaftige Ton zum Glück eben nicht verloren gegangen ist, und geben absoluten Ansporn zu wühlen und zu suchen, denn, wie es der Dirigent Daniel Daréus im schwedischen Film "Wie im Himmel" sagt: "Die Musik ist da! Und wir können sie holen."


Text: Kristof Beuthner