"Hauptstadt zwischen Hype und Hybris" (Süddeutsche Zeitung), "Hauptstadthype: Berlin ist hinüber. Endgültig. Aus." (WELT), "Ist Berlin noch hip oder ist der Berlin-Hype vorbei?" (Tagesspiegel). Man könnte meinen, es stehe schlecht um Berlin. Man könnte meinen, dass die Karawane, die die Hauptstadt in den letzten beiden Jahrzehnten besucht, bevölkert, gekauft und gentrifiziert hat, zum nächsten Ort zieht. Berlin hat es einfach nicht mehr.
Leipzig, Mannheim oder (wie man hört) Kassel sollen die neuen, großen Dinger auf dem freien Markt der "Creative Cities" sein. Berlin arbeitet gewissermaßen seit der Bugwelle des Hypes gegen eben jenen an. Aber die Stadt tut sehr gut daran. Der ehemalige Club "Fuchsundelster" ist ein schönes Beispiel. Nach der Empfehlung als "heißer Tipp" im Bordmagazin des Billigfliegers Easy Jet strömten Woche für Woche Horden von Backpack-Touristen in das kleine Kelleridyll in der Neuköllner Weserstraße. Die Folge: Der Club verlor seinen Charme und seine Stammgäste, die Betreiber die Kontrolle darüber, ihren einzigartigen Ort für die Nachbarschaft nach ihren Wünschen zu prägen. Heute ist das "Fuchsundelster" Café, Restaurant und Cocktailbar und hat wie ganz Berlin gefühlt einen Gang zurückgeschaltet. Berlin ist immer noch die Stadt der "Hostelhorden", der "Laptopposer", der "Ökoeltern" und der "Technoleichen" (Christiane Rösinger), aber irgendwie beschleicht einen das Gefühl, dass Berlin sich einer Frischzellenkur unterzogen hat und bestrebt ist, die eigene Kompetenz als Stadt in adoleszente Bahnen zu lenken.

So ist zum Beispiel die Berliner Musikförderung seit Jahren Vorreiter für die gesamte Republik und hat mit der Musicboard Berlin GmbH ausgezeichnete Rahmenbedingungen für die Pop-Kultur geschaffen. "Pop-Kultur" ist auch der Name des neuen dreitägigen Festivals, das vom 26. bis 28. August auf allen Bühnen des Clubs Berghain in seine erste Runde geht. Alte Redaktionsbekannte wie Andreas Dorau & Sven Regener oder die Post-Punker von Isolation Berlin treffen auf die Neulinge bei unseren Freunden von Glitterhouse Records, Die Nerven, die großartigen Owen Pallett & stargaze und die Schweizerin Sophie Hunger.

Der besondere Ansatz des Festivals ist es, einen Ort für Wissensvermittlung und Kontroversen zu schaffen. So diskutieren neben der Musik der Neurowissenschaftler Dr. Tom Fritz und der Maler Norbert Bisky u.a. über die Wirkung des Techno auf das menschliche Gehirn und die Köpfe hinter SPEX geben einen Talk zum 35-jährigen Jubiläum mit Gästen aus der Geschichte des Popkulturmagazins. Den Kuratoren Martin Hossbach und Christian Morin war es wichtig, möglichst unterschiedliche musikalische Trends in einem Programm zu verbinden und dies vor allem in Form von Uraufführungen oder Deutschlandpremieren, oftmals auch in Kollaborationen, zu präsentieren.

Parallel zum Festival läuft das Nachwuchsprogramm "Pop-Kultur Nachwuchs", bei dem junge Musiker_innen, Djs, Produzent_innen, Label-, Club- und Festivalmacher_innen, Journalist_innen, Blogger_innen und Studierende gemeinsam mit Mentor_innen wie Matthew Herbert, Dota Kehr, Moses Schneider, Sookee oder Maurice Summen von Staatsakt neue Konzepte und Ideen erarbeiten.
Wer sich wie wir für das interdisziplinäre und ineinander übergreifende Programm begeistern kann und Lust hat, Berlin in der Adoleszenz zu erleben, dem seien hier die harten Fakten mit auf den Weg gegeben:
Was? "Pop-Kultur" Festival 2015: It began in Berlin!
Wann? 26.-28. August 2015
Wo? Berlin, Berghain
Wie viel? Anstelle eines klassischen All-In-One Tickets stellen sich die Gäste aus einzelnen Bausteinen einen individuellen Festivalfahrplan zusammen. Die jeweiligen Tickets kosten zwischen 5 und 25 € zzgl. Gebühren und sind im Ticket-Shop auf der Pop-Kultur Webseite unter www.pop-kultur.berlin erhältlich.
Wer? 18+ (US), Andreas Dorau & Sven Regener (DE, Lesung), Balbina (DE), Bianca Casady & the C.i.A. (US/FR), C.A.R. (UK), Chikiss (RU), Cristobal & the Sea (PT), Chuckamuck (DE), Inga Copeland (EE), Cummi Flu (DE), Daniel Miller (UK, Talk & DJ-Set), Dave Haslam (UK, Lesung), Die Nerven (DE), Disco Anti Napoleon (FR), Ebony Bones (UK), Evvol (AU/IE), Fenster (US/DE/FR/UK), Gabi (US), Gillian & Steve (UK, DJ-Set & Talk), Girl Band (IE), Hinds (ES), Ho99o9 (US), Isolation Berlin (DE), James Pants (US), Kero Kero Bonito (UK), Kiasmos(IS), Lapalux (UK), Levelz (UK), Mary Ocher + Your Government (US/RU/IL), Matthew Herbert (UK, Live mit Band, DJ-Set & Talk), Messer (DE), Anika (UK), Michaela Meise (DE), Mourn(ES), MssingNo (UK), Naytronix (US), @NeinQuarterly (US, Talk), Neneh Cherry with RocketNumberNine (SE/UK), Normal Echo (PL), Novella (UK), Norbert Bisky (DE), Only Real (UK), Owen Pallett & stargaze (CA/INT, Live & Talk), Pantha du Prince feat. The Triad (DE), Rival Consoles (UK), Schnipo Schranke (DE), Sky Walking (DE), Sophie Hunger & Gäste (DE), Sookee (DE), Tempers (US), The Juan MacLean (US), The Pre New (UK), Dr. Tom Fritz (DE, Talk), Viv Albertine (UK, Lesung), Vogue Dots (CA), Will Bankhead (UK, DJ-Set), Wooden Wisdom & DJ Fitz (US/IE, DJ-Set), Zentralheizung of Death des Todes (DE)
Weitere Infos? www.pop-kultur.berlin
Text: Daniel Deppe
Fotos: "Pop-Kultur" Festival, Musicboard Berlin GmbH
Foto 1: Sven Regener & Andreas Dorau
Foto 2: Die Nerven
Foto 3, von links nach rechts: Katja Lucker (Geschäftsführerin der Musicboard Berlin GmbH), Christian Morin, Martin Hossbach (Kuratoren des "Pop-Kultur" Festivals 2015)