Vor ein paar Tagen stöberte ich in einem Anfall von spontaner Nostalgie in den Tiefen meiner CD-Sammlung und stolperte über den Immergut Sampler Nummer Zwei. Ein Sampler von einem Wochenende, an dem ich die Beatsteaks das erste Mal sah. Eine CD noch ganz ohne Downloadcode, aber mit einem der ersten Songs von Virginia Jetzt!. Von damals, als Immergut nur eine Milch war. Jetzt haben wir 2014 und ich sitze im Auto zum Immergut Festival und freue mich wieder wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Auf einen ruhigen Fleck voller Heimat und Beständigkeit zu dem ich jedes Jahr gerne aus meiner Großstadt flüchte.
Die Randbedingungen sind super. Der Sommer kam gerade erst vor ein paar Wochen, ich habe wieder nicht an Sonnencreme gedacht und das Lineup gefällt mir dieses Jahr besonders gut.
Los geht's für uns mit All The Luck In The World im Birkenhain. Dass das hier gerade ihr erstes Festival und bisher größtes Konzert sei, halte ich nach wie vor für einen Scherz, obwohl die drei Irländer ihre Dankbarkeit fürs Zuhören mehr als oft zum Ausdruck bringen. Wie dem auch sei, musikalisch hauen sie uns ganz schön von den Socken. Die Stimme von Sänger Neil könnte direkt als Audiospur für ein Album herhalten. Da würde auch der Toningenieur Praktikant nicht mehr viel kaputt machen können.

Im Anschluss bespielt Judith Holofernes mit ihrem aktuellem Soloprojekt die Waldbühne. Auch wenn ich Sie seit dem ersten Wir Sind Helden Album sehr schätze, kann mich das aktuelle Album und somit auch das Liveset nicht so ganz mitreißen. Zwischendurch gibt es noch Unterstützung von Tobias Jundt, der später noch als Bonaparte den Headliner-Slot des Abends füllt.
5 Jahre nach einem ihrer ersten Konzerte stehen Hundreds wieder beim Immergut auf der Bühne. Seitdem ist viel passiert und ein neues Album gerade erschienen. Audiovisuell kann man Hundreds nichts vorwerfen. Es gibt kaum eine ästhetischere Symbiose auf einer Bühne wie die Kombination von Musik, Visuals und der eleganten Art von Sängerin Eva sich zu bewegen.
Cloud Nothings. Eine Band, die in meiner Vorfreude-Skala des Wochenendes die höchste Punktzahl erreicht. Auch wenn sich der Gesang im Livemix etwas in den verzerrten Gitarren verliert, der Energie ihrer Musik macht das keine Abstriche. Wir brauchen unbedingt mehr von diesen "klassischen" Rockbands. Die noch mit 2 Gitarren und ohne Synthies auskommen.

Bonaparte, die auch nicht das erste Mal in Neustrelitz zu Gast sind, beenden den Abend mit gewohnt bunter und extrovertierter Bühnenperformance. Ein ausgiebiges Bad in der Menge und diverse Zugaben sind dabei selbstverständlich inklusive.
Der zweite Tag beginnt nicht weniger sonnig und der Eisstand auf dem Gelände erweist sich als bevorzugte Erfrischungsquelle. Dazu die Musik von Real Estate, die gerade erst aus Spanien vom Primavera Sound eingeflogen wurden.
Future Islands scheint heute der geheime Headliner des Abends zu sein. Das wird schnell klar, wenn man die vorzeitige Menschenansammlung im Zelt als Maßstab dafür nimmt. Mit gewohnter Hingabe und unvergleichlichem Tanz hat Sam Herring das Publikum vom ersten Takt an im Griff und auf seiner Seite. Ich bin was Future Islands angeht ein echter Spätzünder und habe diese Band erst vor wenigen Monaten für mich entdeckt, kann den Auftritt an diesem Abend dafür zweifelsfrei in meinen persönlichen Highlights einreihen.
Danach bleibt gerade noch Zeit zum Luft holen bis Slut für den pausenlosen Übergang auf der Waldbühne sorgt. Die Jungs aus Ingolstadt zählen für das Immergut zu den ganz wichtigen Bands an diesem Wochenende. Sie begleiten das Festival schon seit den ersten Tagen und haben es nicht unerheblich mitgeprägt. Und wenn wir schon bei prägenden Einflüssen sind, kommen wir doch gleich zu Tobias Siebert. Der ehemalige Klez.e Frontmann und derzeitige Produzent von Slut macht sich gut auf der Bühne und komplettiert die Combo als 6. Bandmitglied.

Die! Die! Die! machen dann genau da weiter, wo Cloud Nothings gestern aufgehört hat. Mit dem Gain-Regler auf Anschlag und einem ansteckenden Bewegungsdrang wird es schnell warm im Zelt. Das schönste Bild des Abends liefert Sänger Andrew Wilson, nachdem er kurzer Hand einen Platz im Publikum mit seinem Mikrofonständer als temporäre Bühne markiert und sich kreischend von der tanzenden Menge einkreisen lässt.
Zum Abschluss gibt's dann noch FM Belfast als musikalischen Stimmungs-Selbstläufer aus Island. Der Platz als Headliner rechtfertigt sich von ganz allein, wenn man einen Blick durch die Menschenmassen schweifen lässt. Hier wird sich jetzt noch mal für den Ausklang in der Nacht warm gemacht.















Aus einer Papierhülle mit Kunststoffscheibe ist eine Spotify-Playlist geworden, aber sonst hat sich eigentlich wenig verändert. Du bist immer noch so schön wie früher. Danke liebes Immergut!
Text und Fotos: Stefan Kracht