Rezensionen 09.10.2015

Der Bürgermeister der Nacht - In Champagnerlaune [Hand 11 / Finetunes]

"Nachts sind alle Agenten grau und keiner wird aus keinem schlau." Beim Brettspiel Heimlich & Co. geht es um den großen Bluff. Es geht darum, Mitspieler an der Nase herumzuführen. Der erfolgreichste Geheimagent ist am Ende der, der sich am Windigsten verhält und sich nicht zu erkennen gibt. Brettspiele und dazu noch solche, die auf einem Bluff aufgebaut sind, können ja gewissermaßen die Spaßvariante der Ellenbogengesellschaft darstellen. Es offenbart sich, wer ein schlechter Verlierer, wer ein guter Gewinner ist. Im unangenehmsten Fall werden Familienstreitigkeiten vom Zaun gebrochen und Freundschaften auf die Probe gestellt.

Den Bürgermeister der Nacht könnte man sich als Figur am Spielfeldrand von Heimlich & Co. vorstellen, als einen Semi-Beteiligten, der sich auf Kommentare beschränkt und erst aktiv wird, wenn die Lage sich verschärft. In den letzten Monaten hat sich scheinbar einiges aufgestaut beim Bürgermeister. So lässt zumindest die neue Platte "In Champagnerlaune" vermuten. Das Projekt von Fynn Steiner und Joachim Franz Büchner (auch Protagonisten des Kollektivs „Krautzungen“) ist am besten verständlich, wenn man die an vielen Stellen assoziativ gefasste Kritik an den Verhältnissen auf sich wirken lässt und sich nicht allzu lange mit etwaigen Interpretationsversuchen aufhält.

Der erste ("Paybackzeit in der Opiumhöhle") und letzte Track ("Alles für die Kunst") ziehen eine Klammer um ein dramaturgisch aufgeladenes, spannendes Album, das zwischen Dada, Indiepop und New Wave hin- und herschwappt. Hedonismus, Konsumkritik und Urbanität sind dabei die großen Themen, denen sich der Bürgermeister der Nacht selten konkret ("Ich bitte dich, diskutiere nicht. Argumente sind langweilig.") und häufig schemenhaft ("Du trägst ein Insekt in Bernstein um deinen Hals. Viel zu oft schon habe ich mir gedacht 'Was soll's?'.") nähert. Die musikalischen Anleihen werden dabei deutlicher. Peter Hein steht irgendwo am Bühnenrand; auch Andreas Spechtl mag man an der ein oder anderen Stelle hören. Ian Curtis' Attitüde wird bei "Insekt in Bernstein" ins Spiel gebracht. Unterstützung erhielt der Bürgermeister bei einigen Songs unter anderem von Frank Spilker und Pola Schulten von der Band Zucker.

"In Champagerlaune" ist ein kritisches Album vom Spielfeldrand, das mit Durchschlagskraft besticht, das sich an manchen Stellen in Worthülsen verliert, immer aber seinem künstlerischen Ansatz gerecht wird. Credo: So eine Gesellschaft ist eine ziemlich verworrene Angelegenheit. Der Bürgermeister der Nacht widmet sich dem Verworrenen mit eigenen Regeln, einer neuen Sprache und noch mehr Konfusion. Vielleicht ist aber auch alles gar nicht so konfus. Vielleicht hören wir nur falsch. Alles nur ein großer Bluff? Die Frage, wie ein Song klingen muss, um (politischer) Pop zu sein, ist noch lange nicht ausdiskutiert. Der Bürgermeister der Nacht liefert mit "In Champagnerlaune" einen gewinnbringenden Beitrag zu diesem Diskurs. Nachts sind alle Bürgermeister grau und keiner wird aus keinem schlau.

Text: Daniel Deppe


Tourdaten:

10.10. München, Milla mit der Englische Garten
14.10. Hamburg, Pudel mit Kiesgroup
15.10. Köln, Baustelle Kalk mit Kiesgroup
23.10. Berlin, Ausland, Support SEINS
24.10. Lüneburg, Anna & Arthur mit Lafote
04.11. Leipzig, Conne Island mit Schnipo Schranke
14.11. Hützel, Welcome KulturRaum