Da ist sie wieder, die Wahrhaftigkeit und die unvermittelte Intensität des Gisbert zu Knyphausen. Doch stammt sie nicht aus seiner Feder, sondern aus der von Desiree Klaeukens, die das erste dicke Ausrufezeichen in deutscher Sprache im Jahr 2014 setzt.
Vielleicht ist es auch vermessen, dass einem direkt Gisbert einfällt bei "Wenn die Nacht den Tag verdeckt". Jemand hat mir mal gesagt, dass das Songwriter-Genre im Grunde geschlossen ist. Die Epigonen haben die Messlatte hoch angesetzt; an der Klasse der Vorderen muss gemessen werden um zu entscheiden, ob man einen weiteren Beitrag wirklich gut gebrauchen kann oder ob er zur Füllmasse verkommt. So gesehen kann und muss einem Gisbert als Vergleich aktuell immer einfallen, und vielleicht ist das sogar längst ein allzu legitimer Automatismus geworden. Seit dessen 2010er "Hurra! Hurra! So nicht" lechzt man nach neuen weisen Worten, wobei Kid Kopphausen vorletztes Jahr durchaus starkes Methadon war - aber das ist halt auch schon wieder zwei Jahre her. Nur wenige genregleiche Platten haben seitdem restlos überzeugen können. Diese hier schafft das. Und damit sind wir nun endgültig bei Desiree Klaeukens angekommen, einer jungen Duisburgerin, die schon für Gisbert und ja, auch für den mächtigen Niels Frevert eröffnet hat - und da schließt sich dann wohl der Kreis. Sie macht auf ihrem Debüt so unfassbar viel richtig, dass man erstmal ordnen muss, bevor man anfängt. So, geordnet. Also. Da wäre zunächst diese Art, zu erzählen, die äußerst pointiert daher kommt, aber auf eine ruhige und feine Weise und somit sehr unaufdringlich. Desiree Klaeukens' Geschichten über das Leben (ja, natürlich, aber bietet dieses nicht einfach immer wieder den besten Stoff?) wirken, als spräche jemand wie beiläufig zu dir, doch durch diese scheinbaren Beiläufigkeiten zeigt sich erst, wie viel von uns selbst in diesen Songs steckt. Das ist pure tatsächliche, alltägliche und allzumenschliche Poesie; das Leben passiert, ohne dass wir eines Tages große Geschichten aufschreiben müssen, Baby. Dann wäre da die Singstimme. Desiree Klaeukens ist keine neue kieksende Holofernes und auch keine neue (räusper) Rockröhre Cäthe. Da ist nicht die geringste Künstlichkeit oder Theatralik; sie ist gänzlich unaffektiert und suggeriert damit eine Bodenhaftung, die man ihr so völlig abnimmt. Sie ist eine Sprecherin, eine Erzählerin, die eindringlich und tief betont und sich dadurch festbeißt im Kopf. Ja, und dann ist da natürlich das musikalische Gerüst für diese Geschichten, das im besten Sinne traditionsbewusster Songwriter-Pop ist; das aus Gitarren besteht, aus schmeichelnden Background-Stimmen und allerlei unaufdringlichem Schmuckwerk, und natürlich sind das bekannte Zutaten, aber die werden eben auch immer da sein und auch immer schön. "Wenn die Nacht den Tag verdeckt" ist nicht weniger als ein erstes großes Highlight in deutschsprachiger Musik im neuen und noch jungen Jahr. Von dieser Frau möchte man noch viel mehr sehen und vor allem: Hören.
Text: Kristof Beuthner