Vom 16. bis zum 19. September verwandeln sich die Hamburger Reeperbahn und die näheren Umgebung wieder in ein Mekka für Musikliebhabende: Es ist Reeperbahn Festival, die Schnittstelle zwischen Outdoor- und Indoor-Saison. Das bedeutet: Ein Überangebot an spannenden Konzerten, wund gelaufene Füße, schöne Gespräche, Entdeckungen über Entdeckungen.
Von Molotow bis Uebel & Gefährlich, von Knust bis St. Pauli-Kirche gibt es so viel zu sehen, zu hören, herauszufinden und lieb zu gewinnen, dass die Überreizung schon mit Verkündung des Timetables und einem ersten vorsichtigen Sondieren eintritt. Denn klar ist: Bei über 300 Konzerten gibt es auch einiges zu verpassen. Und dann kommt man eben auch nicht überall rein wo man will und braucht mindestens Plan B und C für den funktionierenden Rush.
Flexibel muss man bleiben, und neugierig. Auch mal bei einer Band stehen bleiben oder in einen Club stolpern die/den man überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Gelassenheit braucht man auch: Wenn ein kurzer Schnack mit einem Menschen den man zuletzt vor einem Jahr hier getroffen hat länger dauert und die Musik sich kurz unterordnen muss. Auch das gehört dazu.
Und natürlich ist das Internetz voll von guten Empfehlungen, Laufplänen und Ideen für diejenige, die ein bisschen Orientierung schätzen. Alles aufzuschreiben was spannend ist sprengt jeglichen Rahmen – wie in jedem Jahr schreibe ich ganz klassisch einen „Analogplan“ und verlasse mich nur für Spontanausflüge auf die App. Der ist bei mir schon jetzt gute 3 Din-A-4-Seiten lang. Euch das alles zu zeigen und zu erzählen würde euch wahrscheinlich so lange beschäftigen dass ihr den Mittwoch glatt verpasst.
Deswegen halte ich es kurz und stelle euch hier 10 Bands vor, die ich persönlich nur äußerst ungern verpassen möchte wenn es ab Mittwoch in Hamburgs großen Wahnsinn geht. Und haltet mal die Augen nach der Fritz Kola Bühne im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld und dem N-Joy Reeperbus auf dem Spielbudenplatz offen: Hier könnt ihr ziemlich entspannt in 15-30 minütigen Sets in den/die ein oder andere:n Künstler:in oder Band reinschnuppern wenn ihr gerade auf dem Weg von A nach B seid und die volle Show am Abend euren persönlichen Timetable sprengt. Geht los!
My First Time
Mittwoch, 19:30, Fritz-Kola-Bühne
Mittwoch, 23:35, Molotow / Top 10 Bar
Es ist ein gutes Jahr für britischen Indie Rock der 90s Schule. Den Anfang dabei machen My First Time, die ich dieses Jahr schon in England beim Truck Festival sehen durfte. Sehr classy, sehr energetisch, mit ordentlich Druck und Attitude. Testet mal „The Kids Are“ an – ein ziemlicher Banger. Hier ist eine Band auf dem Sprung!
Dolphin Love
Mittwoch, 19:35, Bahnhof Pauli
Das Projekt von Constantin Kopp beobachte ich schon länger, es begleitet mich schon seit einigen Jahren, wenn auch eher hintergründig. Das wird ihm nicht gerecht. Dolphin Love verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit: So vielseitig, so versiert, so klanglich weitläufig werden hier genreübergreifende Soundscapes (Postrock? Synthpop? Indie Rock? Alles zusammen!) aufeinander geschichtet und entladen sich in wunderschönster Euphorie. Das ist nicht nur musikalisch brillant sondern auch höchst faszinierend.
Bleech 9:3
Mittwoch, 22:20, Molotow
Als ich Bleech 9:3 im Frühjahr zum ersten Mal sah war ich sofort fasziniert. Die Band sieht aus und klingt als wäre sie geradewegs dem Jahrtausendwechsel entsprungen, mit einer Zeitmaschine. Emotional, dringlich, wütend, zwischen Grunge und Indie Rock. Ich sah sie diesen Sommer noch zwei weitere Male und lege mich fest: Die wird man in den nächsten Jahren in einigen hochkarätigen Festival-Lineups wiederfinden. Anspieltipps: „Ceiling“, „No Surprise“, „Figure 8“.
Sperling
Donnerstag, 16:00, Prinzenbar
Im Rahmen des Rheinland-Pfalz-Showcases bekommt ihr am Donnerstag eine Band zu sehen, die in den letzten Jahren zu meinem persönlichen Begleiter in schwierigen Lebenssituationen geworden ist. Sperling kombinieren Emo Rock mit Rap-Elementen und liefern Lyrics mit höchster Intensität, immer im genau richtigen Maß zwischen Verzweiflung und Hoffnungsschimmer. Live sogar mit Cello auf der Bühne. Wird wundervoll in dieser beeindruckenden Location. Anspieltipps: „Verlieren“, „Wie ein Rauschen“, „Luft“.
Madra Salach
Donnerstag, 22:30, Uebel & Gefährlich
Schon seit einigen Jahren gibt es viel spannenden Post Punk aus Irland, nun findet man immer häufiger auch Bands, die sich wieder verstärkt mit traditionellen Sounds der grünen Insel in den Vordergrund spielen. Madra Salach kombinieren Irish Folk mit Post Rock und schaffen dabei die perfekte Symbiose aus Verwaltung musikalischen Erbes und klanglicher Dystopie und Cineastik. Spannend und unbedingt empfehlenswert! Anspieltipps: „Blue & Gold“, „Spancil Hill“.
Keo
Donnerstag, 22:40, Molotow
Wer es nicht zu Madra Salach schafft, gerade aber in der Nähe vom Molotow steht, sollte sich die Show von Keo ansehen. Die Briten spielen sehr retrospektiven und sehr englischen 90s Indie Rock, emotional und dringlich und mit faszinierender Coolness. Keo stehen definitiv auf dem Sprung für größere Aufgaben und haben sich außerhalb ihrer Heimat schon eine beträchtliche Fangemeinde erspielt: Die kann man hier nochmal in kleinem Rahmen erleben bevor sie groß werden, und das werden sie. Anspieltipps: „Thorn“, „I Lied, Amber“, „That’s Me“.
Maria Iskariot
Donnerstag, 23:40, Molotow / Top 10 Bar
Wer Lust hat auf eine völlig losgelöste hochenergetische Punkshow MUSS am Donnerstag um 23:40 in der Top 10 Bar stehen und wird sich in Maria Iskariot schockverlieben. Das Quartett aus Gent wird euch mit female power und unglaublich packender Rawness sprachlos und verschwitzt zurücklassen, auch wenn ihr von den niederländisch gesungenen – oder besser geschrienen – Songs vielleicht nicht alles versteht. Nehmt euch Zeit für diese Band, das bereut ihr nicht. Anspieltipps: „Dat vind ik lekker“, „Rozemarijn“.
Arankai
Freitag, 23:50, Betty
Im Betty kann man beim Morecore-Showcase am Freitag einige spannende Bands aus dem Metalcore-Spektrum entdecken, das Highlight haben sie sich für den Schluss aufgespart. Arankai kombiniert wütende Raps mit Metalcore- und Emocore-Elementen und sorgt damit schon seit ein paar Jahren szeneintern für Furore, ich bin schon sehr gespannt ihn zum ersten Mal live zu erleben. Anspieltipps: „Helter Skelter“, „I Hope It Hurts“.
Theatre
Samstag, 19:00, Molotow
Retrospektiv und trotzdem voll im Hier und Jetzt: So klingt es wenn Theatre um Sängerin Maeve O’Shea die Essenz von Bands wie Lush oder Slowdive, von Grunge und Shoegaze zu einem faszinierenden zeitgemäßen Soundhybriden verweben. Intensiv und dringlich, verletzlich und kraftvoll und, dem Namen der Band entsprechend, mit dem genau richtigen Maß an Theatralik: Diese irische Band will von euch entdeckt werden. Anspieltipps: „The Fall“, „You Are“.
Jo The Man The Music
Samstag, 22:15, St. Pauli Kirche
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz dass man mindestens ein Konzert in der St. Pauli Kirche gesehen haben muss. Jo The Man The Music könnte ein wundervoller Festivalabschluss werden. Allein der Projektname ist ja schon großartig, zumal er in die Irre leitet. Wer abgefahrene Experimente erwartet wird sicher enttäuscht, bekommt dafür aber eine berührende weibliche Stimme auf Folk und Bedroom Pop, filigran, verspielt und kraftvoll. In diesem Setting ein unbedingtes Must See! Anspieltipps: „Skinny Dipping“, „Shoulders“.
Ihr braucht noch ein paar Tipps für euren Plan B? Okay:
Nachtkinder
Mittwoch, 19:30, Spielbude XL
File under: Indie Pop, NNDW
panicbaby
Mittwoch, 22:50, Kaiserkeller
File under: Indie Pop, Art Pop
Anda Morts
Donnerstag, 18:55, Docks
File under: Indie Pop, NNDW
Glazyhaze
Donnerstag, 23:15, Molotow / Top 10 Bar
File under: Shoegaze, Ambient
EatMe
Freitag, 20:10, Pooca Bar
File under: 90s Indie Rock
Agassi
Freitag, 22:00, Bahnhof Pauli
File under: Indie Rock
She Her Her Hers
Samstag, 22:30, Spielbude XL
File under: Dream Pop, Ambient
Girl In The Year Above
Samstag, 23:45, Nochtspeicher
File under: Indie Pop, Art Pop
Text: Kristof Beuthner
Foto: Christian Hedel