Der Sommer 2013 und die Festivals - eine schwierige Beziehung. Umso schöner ist, wenn man spürt, wie gut es dem ein oder anderen alten Bekannten geht. Dem Appletree Garden zum Beispiel.

Schon in den vergangenen Jahren berichtete Nillson aus Diepholz. Dem Festival wurde eine Situation diagnostiziert, in welcher es noch nach seiner Position in der Festivallandschaft suchte. Der Vergleich zum damals parallel stattfindenden, wenige Kilometer entfernten, Omas-Teich Festival war ein interessanter, um auszumachen welchen Reiz das Appletree für seine Besucher hat. Man kann diesen Vergleich dieses Jahr wieder führen, und sich die Frage stellen, warum das Konzept des Festivals in Großefehen nun scheinbar nicht mehr funktioniert.
Es scheint als wäre das Appletree Garden Festival über die Jahre mit seinen Besuchern gewachsen, langsam und mit dem Anspruch, sich nicht komplett zu kommerzialisieren. Auf dem Campingplatz hört man immer wieder Sätze wie „Damals standen hier ein paar Autos, das wars“. Überschaubar sind die Flächen des mit 4500 Besuchern ausverkauften Festivals heute immer noch. Man merkt dem Festival an, dass vieles nicht perfekt läuft; dass viele ehrenamtliche Helfer eben nur einmal im Jahr eine Barschicht machen. Auch über die fehlenden Duschen vor Ort und den Weg hierfür in das örtliche Schwimmbad wird sich der ein oder andere beschweren. Doch genau dies macht den Charme des Appletree Garden Festival aus. Das Festival wird erfahrbar und imponiert nicht durch ein Gefühl des Konsumierens. Die Helfer haben meistens ein offenes Ohr, schenken ein Lächeln, trinken an der Bar auch mal einen Schnaps mit und man merkt ihnen an, wie viel Spaß es ihnen macht Teil dieses Ereignisses zu sein. Der Weg zum Schwimmbad, welches an den Festivaltagen fast aus allen Nähten platze, wird in einer kleinen Automobillokomotive ein freundschaftliches, familiäres Erlebnis und die Djs legen an jedem Abend sympathisch schlecht auf.
Den Charme des Appletree Garden Festivals konnten man dieses Jahr bereits am Donnerstag spüren. Auf dem Campingplatz wurde eine kleine, unkonventionelle Bühne aufgebaut, Getränke konnten selbst mitgebracht werden. Man fühlte sich direkt willkommen, was besonderes an der gelungenen Bandauswahl für diesen Abend lag. Roosevelt imponierte durch den Einsatz von Synthies in Popstrukturen, welche dafür sorgte, dass erste Füße wackelten und getanzt wurde, auch ohne mit der Musik vertraut zu sein. Spätestens bei Fuck Art Let's Dance wurde vor der Bühne ausgiebig herum gezappelt und Konfetti und Glitzer verteilt. Über die nachfolgenden DJ-Qualitäten von Klaus Fliehe mag man streiten. Es wirkte wie ein bunt zusammengewürfeltes Elektro-Potpourri. Dies tat der Stimmung an dem Abend jedoch keinen Abbruch und am Ende war nach der Meinung vieler Besucher viel zu früh Schluss.

Während des Gewitterschauers am Samstagnachmittag suchte man sich lieber eine trockene Unterkunft. Die Abkühlung während dieses 30-Grad-Wochenendes tat gut. Danach konnten auch endlich die neueste Gummistiefelmode auf dem Festivalgelände präsentiert werden. Eine der gehyptesten Bands an diesem Wochenende war wohl ohne Zweifel Trümmer. Und man merkte dem Publikum an, dass bis auf den im Internet veröffentlichen Song „In All Diesen Nächten“ kaum etwas über diese Band öffentlich ist. Auch wenn Trümmer die Bezeichnung „Hamburger Schule“ für sich ablehnen, es erinnerte vieles in ihrer Musik daran. Für die Generationals stellte der Auftritt auf der Waldbühne ihren ersten in Deutschland überhaupt dar. Das Duo aus New Orleans veröffentlichte dieses Jahr ihr drittes, viel versprechendes Album „Heza“. Auf den dem Festival traten sie in großer Bandbesetzung auf. Die ersten Gitarrenschläge und Lieder machten dem Publikum sichtbar Spaß. Die Spannung konnte jedoch nicht den ganzen Auftritt gehalten werden und flachte schnell ab. Daran konnte auch das „Friday I'm In Love“ Cover nichts ändern.
Wer während den Generationals an der Hauptbühne vorbei ging, konnte anhand der ungewöhnlichen und verzierten Instrumenten schnell mitbekommen, wer der erste der beiden Secret Acts an diesem Wochenende sein wird. Halb 7 betraten schließlich Käptn Peng & die Tentakel von Delphi die Bühne. Für das Appletree Garden Festival war der Auftritt der Hip-Hop Band eine willkommene Erweiterung der Genrespektrums. Das Publikum zeigte sich direkt vor der Bühne äußert textsicher. Auch Besucher, die die Berliner Band bisher nicht kannten, schienen imponiert von dem Hip-Hop mit intelligenten Texten und der guten Stimmung die verbreitet wurde. Eine besondere Überraschung stellte sicherlich Rangleklods dar. Live präsentiert sich die Musik von Esben Andersen nochmals energiegeladener als auf Platte. Markant waren die melancholisch und schwermütig erscheinenden, lang gezogenen Gesangsspuren, welche im krassen Gegensatz zu der stark technoiden und schnellen Instrumentalisierung standen. Es durfte wohl kein Bein still gestanden haben.
Besonderer Höhepunkt an dem Festival-Freitag war für viele sicherlich Efterklang. Die Hörer sollte mit der Live-Besetzung der Band eine große Show erwarten, auch Sänger Casper Clausen wusste wie immer durch seine charmanten Ansprachen zu bestechen. Zeichnete sich das letzte Album „Piramida“ durch die gezielt minimalistisch eingesetzenden Sounds aus, wirkte der jetzige Auftritt pompös. Vielleicht ist die große Besetzung der Band für solch einen Festival-Slot angemessen und wird von den Festivalgängern erwartet, weniger „Getöse“ hätte dem Auftritt jedoch sicherlich auch gut zu Gesicht gestanden. Zudem sollte dieses „Getöse“ beim Headliner des Freitags, Kakkmaddafakka, noch kommen. Die Band scheint mittlerweile bekannt für ihre energiegeladenen Auftritte. Die engagierten Background-Tänzer tun ihr einiges dazu. Doch wenn das Publikum zwischen den Auftritten aufgefordert wird laut „Kakkmaddafakka“ zu rufen, und es scheinbar nur noch darum geht die Masse „anzuheizen“, geht das bereits beschriebenen Appletree-Gefühl etwas verloren. Man könnte sich jetzt auch bei Rock am Ring oder dem Hurricane befinden.

Der Samstag erschien zunächst wie ein Déjà-vu vom Freitag. Heiße Temperaturen, ein übervolles Diepholzer Schwimmbad und ein krachendes Gewitter am frühen Nachmittag. Der Festivalablauf wurde daraufhin für kurze Zeit unterbrochen. Auf dem Gelände bildeten sich ordentliche Schlammpfützen und die Gummistiefel konnten wieder heraus geholt werden. Musikalisch imponierte an diesem Nachmittag besonders DENA. Die Musik von Denitza Todorova zeichnete sich durch ihre soften, zum Teil langsamen Hip-Hop Beats aus. Man spürte die Freude im Publikum und auch die Sängerin bedankte sich mehrmals sympathisch bei diesem. Ganz anders agierten anschließend The Thermals auf der Hauptbühne. Kurze Pop-Punk Stücke, ein Lied nach dem anderen, kaum Ansagen. Nach 50 Minuten hatte man einen routinierten Auftritt gesehen.
Der Fakt, dass der zweite Secret Act die Crystal Fighters sein würden, verbreitete sich währenddessen recht zügig über den Zeltplatz. Bereits 2012 traten sie als Headliner auf dem Appletree Garden Festival auf. Das sie dieses Jahr wieder spielen werden, damit hätten wohl die wenigsten Besucher gerechnet. Und so gingen die Meinungen über den Auftritt auseinander. Für einige war es eine gelungene Überraschung, für andere reichte der Auftritt von letzten Jahr noch völlig aus. Bei dem Auftritt der Cyrstal Fighters machten sich Parallelen zum Freitag und Kackmaddafakka deutlich. Es wird eine Band gebucht, die das Publikum unterhalten kann, das ist sicheres Entertainment. Etwas mehr Abwechslung hätte dem Festival an diesem Abend sicher nicht geschadet. Die Shout Out Louds hatten als Headliner an diesem Abend einen harten Stand. Songs von dem aktuellen, poplastigen Album „Optica“ waren dem Publikum weitestgehend unbekannt und funktionierten live scheinbar nur schwer. Es sind schließlich die früheren Lieder der Band, die die Besucher mitziehen konnten. Songe wie „The Comeback“, „Please Please Please“ und „Tonight I Have to Leave It“ bereiten dem Appletree Garden Festival einen versöhnlichen Abschluss.
Bleibt am Ende die anfängliche Frage zu beantworten, wo das Appletree Garden Festival denn nun dieses Jahr in der Festivallandschaft steht. Natürlich bewegt es sich hauptsächlich zwischen Indie- und Rockmusik, auf Genres will sich dieses Festival aber nicht eingrenzen lassen. Es spielten die Indie-Größen Efterklang und Shout out Louds. Besonders überzeugten die unbekannteren Acts wie Rangleklods und Dena. Gleichzeitig sorgten Auftritte wie von Käptn Peng & die Tentakel von Delphi für Abwechselung und Kackmaddafakka und Crystal Fighters für Unterhaltung. Das Appletree Garden muss sich nicht durch große Bandnamen etablieren, es ist das Festival an sich, was sich auf seine eigene freundliche und familiäre Art und Weise bereits etabliert hat.
Text und Fotos: RT