Du denkst, das Orange Blossom Special Festival hätte in den letzten Jahren schon alle heimeligen Mottos dieser Welt verwendet. Von „Da hinten wird’s hell“ über „You’re At Home Baby“ bis zu „Welt aus. Obs an.“ und natürlich „Herzensangelegenheit“ – alles perfekte Beschreibungen für dein Festivalwochenende, das dich raus aus den Bezügen holt, dich genau in diesen Wohlfühl-Vibe transportiert, der sich in Beverungen manifestiert wie kaum sonstwo in der Festivallandschaft. Und dann zaubern Rembert und seine Crew mal eben ein Motto aus dem Hut, das nochmal mehr passt als jedes zuvor: „Lebenstankstelle“. Das ist es. Oh ja, das ist es.
Es ist erstaunlich, dass man Jahr für Jahr zu Pfingsten merkt, wie sehr man so eine Lebenstankstelle braucht. Natürlich, das liegt auch am Zeitpunkt. Das OBS ist der Einstieg in den Festivalsommer, also quasi der erste Halt auf einer abermaligen Reise in eine gesellschaftliche Utopie von selbsterklärender Freundschaft ohne sich im Alltag zu kennen, von Akzeptanz, von Respekt und dem unausgesprochenen Teilen gemeinsamer Werte. Das ist das was ein Festivalsommer leistet, und ich beginne meine Texte über das Orange Blossom Special als Eingangstür in diese schöne bunte Welt seit Jahren damit, auszubreiten, wie es Jahr für Jahr nötiger wird, dass wir so etwas haben, eine Lebenstankstelle.
Aus irgendeinem Grund scheint sich die Welt mit jeder Drehung zu denken, dass ihr Dunkel noch nicht dunkel genug ist. Und so wiederhole ich mich hier nun ein weiteres Mal, und so erholen wir uns Jahr für Jahr von größeren Peaks der Unfassbarkeit, denen wir in unserem täglichen Erleben gewahr werden. Und dann war dieser Winter auch noch so elend lang als ende er nie, als wäre das Grau im Himmel synchron zum Grau auf der Erde, so als habe er resigniert, und so standen auch viele von uns der Resignation nahe. Das Warten auf Licht zu lang, das dunkle Gebell so ohrenbetäubend, die Hiobsbotschaften sich mit so viel böser Energie aufmachend um die Zuversicht in uns zu eliminieren. Wo sind die Menschen, wo sind die guten Dinge, wo ist das Licht?
Es ist ganz klar dass Festivals diese Welt nicht retten können. Was sie können ist Räume schaffen. Für Begegnung, für Konsens, für Freude. Bunte, leuchtende Räume, in denen wir uns treffen und durchatmen können, ein Wochenende lang, dann noch eins und noch eins. Irgendwie sind sie alle Lebenstankstellen, und das OBS ist es vielleicht noch diese ganz kleine Spur mehr – zumindest für mich. Wer schon mal hier war, weiß was ich meine.
Wer schon mal hier war kennt nämlich das Gefühl, in den Grünen Weg einzubiegen, schon vom Auto aus die letztes Jahr erst gefundenen, aber schon stark liebgewonnenen neuen Freunde zu erblicken, dann zu sehen wie sich die Wiese an der Weser vor einem ausbreitet wo gleich für drei Nächte dein Zelt stehen wird, zum ersten Mal wieder Festival mit allen Sinnen aufzunehmen und zu wissen: Das dauert jetzt nur Minuten und ich falle im besten Sinne. Falle in dieses Nest, das ich zu meinem gemacht habe, mit all diesen Menschen zusammen, von denen ich vorher nicht wusste dass es sie gibt und bei denen ich trotzdem von Anfang an gespürt habe, dass wir in die gleiche Richtung laufen, so verstreut wir im real life auch sein mögen.
Du betrittst das Festivalgelände – „Schön, dass du da bist!“ steht da mit Kreide auf einem Schild geschrieben – und du spürst den Vibe. Siehst wie viel Mühe und wie viel Liebe hier drinstecken. Nicht dass du das vergessen hast. Aber da ist wieder Wärme. Du triffst die gleichen Menschen wie jedes Jahr. Manchmal fehlt jemand. Die Umstände, das Leben. Alles wächst. Alles ruht. In sich. An diesem Ort. Du tankst auf, sofort. Du siehst sie alle, die alten, die jungen, die ewigen, die neuen, und du kannst jede:n fragen der zum ersten Mal hier ist: Sie verstehen warum man ihnen schon so lange und mit so leuchtenden Augen vom Orange Blossom Special im Glitterhouse-Garten erzählt.
Und die Musik. Du findest in ganz Deutschland Festivals mit liebevoll kuratierten Lineups und wirst es doch selten erleben dass ein Publikum so nah dran ist. Dass Bands und Künstler:innen so warmherzig und zahlreich empfangen werden, egal zu welcher Stagetime. Das Vertrauen ist immens. Und das zurecht. Hier dürfen Musiker:innen auftreten für die diese OBS-Show nicht selten das größte ist was sie bisher gemacht haben – und die noch in Jahren davon berichten werden wie sie zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt zu haben sich hier beweisen zu müssen weil sie mit ganz viel Neugier einfach angenommen werden in ihrer Kunst. Rembert gibt ihnen aus vollem Herzen diese Bühne, und die Menschen davor wissen, dass es sich lohnt. Ob das nun im realen Leben immer ihr Sound ist, egal. Es entsteht eine Symbiose, fast schon kitschig, fast schon unreal, aber du spürst sie. Auch für jeden, der unter dem Kronleuchter performt, ist das eine Lebenstankstelle.
Darum kommen sie auch wieder wenn sie eingeladen werden. Stefan Honig kennt das OBS, war mit seinen Accidental Birds schon hier; Deniz Jaspersen sowohl mit Deniz & Ove als auch mit Herrenmagazin; Anna Meier, Tabea Niewerth und Milena Wagner von Animat spielten mit Loki hier sogar schon zweimal. Israel Nash, Marlo Grosshardt, Wrest – auch diese drei Namen hat man schon auf den OBS-Lineup-Plakaten gelesen. Marlo Grosshardt ist seit seiner Show hier vor zwei Jahren inzwischen eine absolute Institution in der Indie-Szene geworden und die Schotten von Wrest eh eine internationale Instanz. Sie finden ihren Weg zurück und es wird wieder besonders. Eh jedes Jahr am Start sind Jörkk Mechenbier und Lasse Paulus alias Schreng Schreng & La La alias Der Esel und sein Anwalt, die „Hausmarke des OBS“ (Zitat) und wiederholt fester Lineup-Bestandteil, dazu noch mit rasantem Aufstieg vom Walking Act über die Minibühne auf die Hauptbühne in diesem Jahr, sky is the limit und so.
Ein echter Traum für (wie ich weiß) gar nicht wenige Crewmitglieder sind Turbostaat, wütend und energisch wie immer, nach so vielen Jahren Bandgeschichte immer noch wichtig und relevant, das wird sehr stark. Zu den ganz dicken Empfehlungen gehören ohne Frage die Holländer von Groote Geelstart, von denen Rembert schreibt, das wird der „krankste geile Scheiß den wir je auf den Garten losgelassen haben“. Völlige Eskalation zwischen Noise Rock, Postpunk, Kraut und Performance Art – das wird eine Show die man so schnell nicht vergisst, auf welche Weise auch immer, und ein äußerst typisches Beispiel für diese wilden Empfehlungen, die von Remberts Herzensangelegenheiten zu deiner werden. Und ich persönlich freue mich unfassbar auf Man/Woman/Chainsaw, die ich beim Reeperbahn Festival leider verpasst habe, deren Mixtur aus Punk, Indie, Noise und Prog das Sextett aber als eine der derzeit spannendsten UK-Bands auszeichnet. Und Tramhaus darf man auch nicht vergessen, das ist pure Energie zwischen Postpunk, Shoegaze und Noise, sehr mitreißend, sehr energetisch, das wird äußerst stark.
Wundervolle Momente versprechen Agassi mit melodiösem Indie-Postpunk, Nils Keppel mit dystopischem Indie Wave, Alela Dianes Indie-Folk-Skulpturen, Indie-Pop zwischen Amerika und Skandinavien von Willow Parlo oder der dezent angejazzte Alternative Pop von Mel D, aber damit ist das Ende noch lange gar nicht erreicht. Es gibt einfach exakt gar kein einziges Konzert auf das man sich nicht freuen kann an diesem Wochenende, alle auf ihre Art unique, alle sehens- und hörenswert; ein unglaublich vielseitig und schönes Lineup ist das dieses Jahr.
Da kommt man mal wieder gar nicht zum Essen (nur Liebe für Mini-Calzone!), und eigentlich muss man sich hier und da zweiteilen um auch die Lesung von Dominik Bloh nicht zu verpassen, den völlig unvorhersehbaren Musik-Talk von Zwischen zwei und vier und den Mini-Live-Podcast von Nilz Bokelberg, der nebenbei das ganze Wochenende lang Footage für seinen "Gästeliste Geisterbahn"-Podcast sammeln wird. Wie man’s macht wird man’s richtig machen. Und am Montag erfüllt nach Hause fahren.
Bei all dem was ich nicht müde werde über das Orange Blossom Special zu erzählen soll nicht unerwähnt bleiben dass das Festival in diesem Jahr ernsthafte Probleme mit Ticketverkäufen hat. Da sind Rembert und sein Team transparent und es ist eh eine offene Wunde der Szene: gestiegene Produktionskosten sorgen für gestiegene Ticketpreise und die Menschen überlegen sich einen Festivalbesuch inzwischen zweimal.
So sehr ich das verstehen kann, verspreche ich euch: Wer hier eincheckt hat jeden Cent gut angelegt. Das OBS war immer schon eine Lebenstankstelle, und ich habe in den letzten Jahren nicht wenige Menschen davon überzeugen können, die einmal kamen und nie mehr weg wollten. Weil das OBS ein Ort ist, der etwas mit dir macht, tief drinnen. Der dich an das Gute glauben lässt und ein Stück Zuhause für dich wird. Das kann man oft gar nicht glauben bis man es mit eigenen Augen gesehen hat, aber so ist es. Und so hat man es dir bestimmt auch schon mal erzählt. Du solltest diesem Menschen glauben. Denn in diesen Kosmos nimmt man nur mit wen man lieb hat – und das ist ein riesengroßes Kompliment.
Tickets bekommt ihr immer noch für 155,00 (bzw. 160,00 für Hardtickets), es gibt das Jugendticket für 13- bis 18jährige für schmale 50,00 und auch wieder Sozialtickets deutlich vergünstigt, die von einem Soli-Aufkommen finanziert werden (was stark ist). Tagestickets könnt ihr ebenfalls kriegen – checkt doch einfach mal auf orangeblossomspecial.de eure Optionen!
Und dann sehen wir uns alle zu Pfingsten im Glitterhouse-Garten, der Lebenstankstelle, dem guten Ort – und machen uns wieder ein bisschen gesund.
Lineup nach Tagen:
Freitag, 22.5.2026:
Hauptbühne: Willow Parlo / Bikini Beach / Israel Nash / Marlo Grosshardt / Man/Woman/Chainsaw
Minibühne: Lener
Walking Act: Animat
Samstag, 23.5.2026:
Hauptbühne: Schreng Schreng & La La / Worries And Other Plants / Groote Geelstaart / Jerry Leger / Nils Keppel / Frazey Ford / Herrenmagazin / Tramhaus
Minibühne: Kekse & Kakao / Schnuppe
Walking Act: Honig
Lesung: Dominik Bloh
Sonntag, 24.5.2026:
Hauptbühne: Surprise Act / Mel D / Blush Always / Alela Diane / Maria Iskariot / Gringo Mayer & Die Kegelband / Turbostaat / Wrest
Minibühne: Nilz Bokelberg / Agassi
Walking Act: Stoic Mind
Lesung: Zwischen zwei und vier
Text: Kristof Beuthner
Foto: Dennis Schinner