Artikel 02.06.2015

Feste feiern wirkt Wunder - Nillson beim Immergut Festival 2015

Das Packen der Taschen wirkt routiniert. Die Handgriffe längst in den Tiefen des Muskelgedächtnisses verankert. Alles scheint einstudiert, der Wagen wird beinahe wortlos beladen und auch die Rollenverteilung auf der Fahrt muss nicht lange diskutiert werden. Tilo fährt, Stefan macht das mit dem Navi und der Musik. Wir haben den Ablauf über die Jahre perfektioniert und was auf den ersten Blick monoton und langweilig wirkt, ist es bei weitem nicht. Mit dem Immergut-Festival verhält es sich nämlich ähnlich wie mit Eiscreme: Man freut sich schon den ganzen Winter darauf und kann eigentlich nie genug davon kriegen.

Unser Wochenende in Neustrelitz beginnt am späten Nachmittag mit einem von TV Noir präsentiertem Konzert mit Francesco Wilking und Moritz Krämer, der ein würdiger Ersatz für die verhinderte Kat Frankie ist. Als Die Höchste Eisenbahn hat man beide schon oft gesehen und gehört und wer vor drei Jahren auch hier war, sogar auf der gleichen Bühne. „Der Himmel ist blau wie noch nie“ singt Francesco Wilking als hätte er schon vorher gewusst, dass das Wetter heute mitspielt. TV Noir Konzerte sind also nur im Internet schwarz-weiß.

Beim obligatorischen Geländerundgang begleiten uns Element Of Crime mit hervorragender Hintergrundmusik. Nicht das hier irgendwas nicht am gewohnten Platz steht, aber wir wollen zumindest mal auf Nummer sicher gehen, landen irgendwann im Merch-Zelt und gewinnen aus Versehen ein Ticket für das Bergfunk Openair. 

Es folgen zwei Drittel Bodi Bill die auf den Namen The/Das hören und die Zeltbühne gebührend beschallen. Auch sie sind unter genanntem Erstprojekt schon Immergut Wiederholungstäter. Jetzt sind sie schon eine Weile zu zweit unterwegs und bringen ihren prägnanten Elektropop-Stil unter das Festivalfolk.

Und dann waren da plötzlich Drenge. 2 Brüder von denen ich zuvor nur den Bandnamen kannte, kamen aus dem Nichts auf die Zeltbühne, rissen das Publikum mit und mich vom Hocker. Die Jungs haben Bock, das kann man sehen und hören und wenn man den vibrierenden Boden unter den Füßen glauben schenkt beruht das auf Gegenseitigkeit.

Das Finale des Abends wird dann von Balthazar gespielt, die seit dem letzten Besuch in Neustrelitz vom Später-Nachmittag- zum Headliner-Slot aufgestiegen sind. Blood Like Wine wird die Abschluss-Hymne zu der alle das Glas heben („raise your glass to the nighttime…“) und sich entweder ins Zelt oder auf die Tanzfläche begeben.

Der Samstag beginnt mit einer Mischung aus Müdigkeit und der alljährlichen Frage ob wir es wohl jemals zum traditionellen Immergutzocken Fußballspiel schaffen werden. Nächstes Jahr. Ganz bestimmt!

Um den verschlafenen Vormittag zu kompensieren kaufen wir einfach das Labelzelt leer, schauen bei Kaffee Nummer fünf dem Regen beim regnen zu um dann pünktlich zum Sonnenschein Ducktails auf der Waldbühne zu hören. Das Wetter hat einen komischen Hang zur Dramatik.

Mit einem Konzert aus 4 Liedern führen Warm Graves nicht nur das Songs-pro-Set-Ranking des Wochenendes sondern auch die Liste der unerwarteten Überraschungen an. Manchmal psychedelisch, ab und zu sehr laut und auf jeden Fall ganz schön gut. Würde Brandon Flowers eine Postrockband gründen, würde sie nicht besser klingen.

Erlend Øye ist danach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Der Däne hat seine Band The Rainbows im Gepäck und verkörpert so ziemlich genau alles was man an einem Samstagabend zur Prime Time auf eine Hauptbühne stellen sollte. Mit seiner überaus tanzbaren Musik und der sympathischen Art wird schnell klar, warum der Mann schon öfter in Neustrelitz war als die meisten der Festival-Besucher. Bei einer solchen Ausgangssituation kann King Khan & The Shrines für mich leider nur schwer mithalten, aber das kann problemlos unter Jammern auf hohem Niveau verbucht werden.

Das für uns letztes Konzert des Abends startet im Zelt: Die Nerven aus Stuttgart stehen stellvertretend für einen Teil des Immergut-Bookings den ich seit Jahren so sympathisch finde. Egal wie modern, tanzbar, poppig oder elektrolastig das Lineup auch sein mag, eine Rocknummer mit klassicher 3-Mann Gitarre-Schlagzeug-Bass-Besetzung findet immer einen Platz. Und so genieße ich ein Lo-Fi Punkrock Feuerwerk was seinesgleichen sucht. 

 

 

Der Alltag hat uns mittlerweile wieder und mit etwas Wehmut schauen wir auf das Festivalarmband auf dem "Freunde" steht. Freunde sind Menschen mit denen man gerne Zeit verbringt, denen man blind vertraut und die einem auch nach Jahren treu geblieben sind. Es gibt eigentlich kein Wort, das dich besser beschreibt. Liebes Immergut, lass uns doch immer Freunde bleiben.

Text und Fotos: Stefan Kracht