Wie vielseitig ist eigentlich Noise? Man denkt ja immer, Noise liefe primär über Lärm und Krach, der exakten Übersetzung entsprechend. Dass es nicht ganz so ist, zeigt uns immer mal wieder das tolle Berliner Label Noisolution, das es sowohl so, als auch anders kann.
Damit meine ich: Klar gibt es da teilweise ordentlich Zunder, es gibt aber auch Releases wie das neue Album von Firewater. Die sind auch laut, aber keineswegs lärmig. Außerdem sind sie in ihrer Bandgeschichte und musikalischen Ausrichtung irrsinnig interessant. Bandkopf Tod A hegt nämlich ein Faible für allerlei Sounds und Einflüsse aus der sogenannten östlichen Welt und bastelt mit "International Orange" nun schon auf dem insgesamt siebten Album ein spannendes Gerüst aus orientalisch/arabischen Klängen, Reggae, Mambo, Punkrock und Ska. Das ist nicht nur auf angenehmste Weise offen und unbeschränkt, das hat auch jede Menge Klasse. Als Ertrag der Mühe liegen auch auf dem neuen Album wieder elf treibend-tanzbare Tunes vor, immer so ein bißchen dreckig, immer so einen Tick exotisch und trotzdem so wenig gegen die gewöhnlichen Hörgewohnheiten, dass man sich das Firewater-Universum ohne größere Mühen erschließen kann und es trotzdem immer noch genügend Raum für Forschungsaktivitäten im Detailreichtum bietet. Tod A bietet ein Songwriting, das auf ziemlich aufregende Weise sein eigenes musikalisches Erbe verarbeitet und sich trotzdem die Horizonte offen lässt, was "International Orange" diesen gewissen Kick gibt, den andere Stilmix-Alben oder in Ethno-Exotik abdriftende Bands oft nicht hinbekommen, weil sie sich zu sehr einer bestimmten Richtung, einer bestimmten weltmusikalischen Gegend zum Beispiel, verschreiben - hier wird von Amerika aus über Lateinamerika, Pakistan, den Iran und die Türkei ein gewaltiges Spektrum eingefangen. Da ist eine Experimentierfreude zu hören, die einfach Spaß macht. Es gibt schöne groovende Offbeats, satte Bläsersätze und etliches Instrumentarium, das ich namentlich nicht zu benennen vermag (my bad!), dazu eine Stimme, der man gerne zuhört. "International Orange" ist auf der einen Seite eine weltoffene, deepe Platte geworden, deren Pfaden man gerne folgt und auf der man gerne entdeckt und forscht; auf der anderen Seite ist die Scheibe aber auch durch und durch Four to the Floor. Damit dürfte sie einer illustren Höreranzahl gewaltig Freude bereiten.
Text: Kristof Beuthner