Rezensionen 02.06.2015

Her Name Is Calla - A Wave Of Endorphins [Eigenvertrieb]

Die wunderbaren Briten von Her Name Is Calla sind spätestens durch ihr im letzten Jahr erschienenes Meisterwerk "Navigator" nicht nur in mein Bewusstsein gerückt, sondern haben sich fest darin verankert. In diesem Jahr feiert die Band ihren zehnten Geburtstag und schenkt sich dazu selbst einen Soundtrack über ihr bisheriges Schaffen.

Ja, das ist wirklich so: "A Wave Of Endorphins" ist der Soundtrack einer Dokumentation über zehn Jahre Her Name Is Calla, die die Band, gemeinsam mit dem Soundtrack selber, über eine Crowdfunding-Kampagne möglich gemacht hat. Wer so etwas in Angriff nimmt, möchte etwas erzählen. Über zehn Jahre höchster Intensität, in denen die Band zwischen magischen Momenten und tiefster Existenzangst schwankte, persönliche Verluste hinnehmen musste, immer mal auch am Abgrund stand, sich aber immer wieder auch aus Krisen hinauszuziehen vermochte. Drei reguläre Alben sind in dieser Zeit entstanden, neben dem oben schon erwähnten Navigator außerdem "The Heritage" und "The Quiet Lamb", beide nicht weniger als Meisterwerke zu bezeichnen. Tieftraurig und düster, zwischen Folk und opulent orchestriertem Bombast schwelgend, in Teilen auch musikalisch äußerst vertrackte und schwere Kost, durch Tom Morris zudem mit einem Frontmann gesegnet, dessen leidende Stimme einen tief in menschliche Abgründe führt. Dass Menschen, die so eine Musik machen, stets von Zweifel und Tragik begleitet werden, ist fast schon zwangsläufig, und so gesehen ist die Idee, eine Dokumentation anzufertigen, sicherlich neben dem kathartischen Aspekt auch ein Stück weit Zeugnis großer Zufriedenheit über das Erreichte.

Nun ist "A Wave Of Endorphins" kein "typisches" Her Name Is Calla-Album, und die Band bezeichnet es letztlich auch selbst als "Album 3.5" - es ist eben ein Soundtrack, und somit wesentlich epischer angelegt als die songorientierten Vorgänger. Die Musik wirkt auf den ersten Stücken sehr pur, sehr organisch. Zu Klavier und Streichern gesellen sich nur selten elektrische Gitarren und Drums, Synthesizer findet man nur auf einem Stück. Das ganze Album ist fast komplett instrumental gehalten, nur auf "Transmute" finden wir ein paar klagende Zeilen von Sophie Green, und "A Sparring Partner" ist kurz vor Schluss noch ein typisches Calla-Stück mit Tom Morris' wundervollen Vocals, sich im Refrain überschlagend, zu krachenden E-Gitarren und folky Percussion. Hier kommt die ganze waidwunde Atmosphäre, die diese Band so einnehmend macht, zum Tragen; das Stück malt ein tiefdunkeltrauriges Bild in Schwarztönen, auf das durch ein Loch in der Wand ein klein wenig Sonne fällt. Schier wundervoll. Im abschließenden "The Hour Of The Gloam" fährt die Band noch einmal alles auf, große Gitarrenwände, zerrissene Landschaften, Gewitter und Stürme. Laut Tom Morris soll dieses Stück ein Hinweis darauf sein, wie es klanglich auf dem nächsten Album weitergeht. Das wird "Animal Choir" heißen und soll Ende dieses Jahres noch das Licht der Welt erblicken. Könnte groß werden.

"A Wave Of Endorphins" ist ein Ohrenschmaus durch und durch und erweitert den Calla-Kosmos um die ein oder andere Facette, gerade durch die instrumentalen und suggestiven Stücke, die passend zum Vorhaben sehr filmisch und deep wirken. Stärker ist die Band aber in ihren "richtigen", voll instrumentierten und mit Tom Morris' Gesang bereicherten Songs, und die Aufteilung des Albums ist somit sehr adäquat.

Ich freue mich auf die nächsten zehn Jahre.

 

 

Text: Kristof Beuthner