In der CNN-Dokumentation »Fresh Dressed« (2015) gibt Regisseur Sacha Jenkins einen wertvollen Überblick über die Geschichte der Mode im HipHop – von selbstbesprayten Jeansjacken Anfang der 80er bis hin zur Vermählung von HipHop und High-Fashion in den letzten Jahren – und eröffnet dabei gleichzeitig einen interessanten Blick auf das Verhältnis von Identitätsbildung und Fremdrepräsentation im HipHop.
In einer gewohnten kritischen Analyse würde man die Ironie oder den Zynismus der sich aus dem Widerspruch der beiden Tatsache ergibt, dass a) die AkteurInnen des HipHop der frühen Tage beinahe durchgehend Opfer der spaltenden Kräfte des Kapitalismus waren und am Existenzminium lebten, wie es in Jenkins Film anhand von Aufnahmen der Bronx aus den 70ern und 80ern verbildlicht wird; dass aber b) diese Rapper, B-Boys/B-Girls, DJs etc. sich andererseits die Produkte genau diesen Systems gewünscht haben und ihr letztes Geld (oder ihre Moral) für Sneaker, Caps und Shirts ausgegeben haben, sie sich also sozusagen mit den Symbolen der Kapitalisten – etwa mit den Namen Tommy Hilfiger oder Ralph Lauren – geschmückt haben, die doch eigentlich als Ikonen ihrer Ausbeutung erscheinen müssten. Wie Jenkins in »Fresh Dressed« jedoch zeigt, verfehlt solch eine Analyse einige Punkte, wie sich an verschiedenen Aussagen der InterviewpartnerInnen zeigt. Den meisten HipHoppern ging es nicht darum, bestimmte Trademarks oder Logos die Repräsentationsarbeit machen zu lassen. Die Logos der verschiedenen standen daher nicht für bestimmte Ideale, die man sich durch das Tragen der jeweiligen Kleidungsstücke versucht hat anzueignen und zum Teil der eigenen Identität zu machen. Vielmehr wurde versucht, eine eigene Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, die von der realen verschieden ist. Die reale, das wäre die verarmte, entrechtete, schwarze Person. Die mit der Mode ausgedrückte ist ein Charakter mit Stil, über-dem-Rest-stehend und unberührt von den Umständen – also einer, der soetwas wie Wohlstand anzeigt. Teure Mode war dabei einfach das Mittel der Wahl und dass Tommy Hilfiger damals in der Bronx umherfährt, um den schwarzen Jugendlichen Klamotten aus seinem Kofferraum zu verkaufen, erscheint daher nicht als Widerspruch. Wobei all das natürlich nicht frei von kapitalistischer Ideologie ist. Nur funktioniert diese anders als man eventuell vermutet.
An einer Stelle im Film wird kurz beleuchtet, weshalb in den 90ern und 00ern als es eine Welle von von Rappern gegründeter fashion brands (Eminems Shady Ltd., OutKasts Modelabel etc.) gab, die meisten von diesen sich ziemlich schnell bereits wieder überlebt hatten oder bankrott gingen: Erst hier nämlich wurde der kommerzielle Aspekt zu offensichtlich und aus den Kleidungsstücken dieser Labels sprach lediglich der Wunsch den kommerziellen Erfolg der jeweiligen Rapper auf die Modewelt auszuweiten. Die Rapper-als-Modedesigner repräsentierten sich mit ihren Fashion-Produkten rein selbst. Sie würden daher lediglich als Merchandise oder Fanprodukte funktionieren, bei denen es eben genau darum geht, dass der Träger/die Trägerin sich mit dem dazugehörigen Künstler/der dazugehörigen Künstlerin identifiziert. In der Hiphop-Mode jedoch wollen die Träger/Trägerinnen vor allem sich selbst repräsentieren. Im Gegensatz zu der eben erwähnten von Rappern vermarkteten street fashion funktionieren Labels wie Sean John (P. Diddy) oder die Designs von Rappern wie Kanye West, Pharrell Williams oder Swizz Beats (die im Film auch alle zu Wort kommen) dann doch, da sie bewusst auf den high fashion-Markt ausgelegt sind. Nur wenn Label, dass auf die HipHop-Community abzielt, versucht etwas zum Ausdruck bringen, was über Style und soetwas wie Wohlstand hinausgeht, ist das für die Zielgruppe zuviel, die noch selber entscheiden will, was die Sachen, die sie trägt, nach außen hin vermitteln.
All das ist so zumindest der Fall im US-Mainstream-HipHop gewesen, welcher in Jenkins' Doku im Fokus liegt. Die Perspektive des Films bleibt, obwohl an einigen Stellen durchaus versucht wird, verschiedene Stimmen zu Wort kommen zu lassen, weitgehend männer- und New-York-zentriert. Dennoch erweist »Fresh Dressed« sich als ein interessanter Überblick über die Genealogie der HipHop-Mode, wie sie so bisher wohl nur selten Thema war in der HipHop-Geschichtsschreibung.
Fresh Dressed auf Vimeo (on Demand)
Text von Aiva Kalnina