Artikel 28.06.2016

Hurra, diese Welt geht unter! - Nillson beim Hurricane Festival 2016

Eine rauschende Fiesta sollte der zwanzigste Geburtstag von Deutschlands vielleicht schönstem Großen, dem Hurricane-Festival, werden. Das einzige, was dann vornehmlich rauschte, war der Regen.

Wo soll man anfangen von einem Wochenende zu erzählen, das in seinen Schlechtwetterkapriolen alles (von mir) bis dahin gesehene in den Schatten stellte? Welche Highlights soll man picken, wenn man die persönlich gesteckten, über die man so gerne berichtet hätte, letztlich gar nicht zu Gesicht bekam? Wie soll man einen derart unvergesslichen Festivaltrip - in welchem Sinne man das auch immer betrachten möchte - adäquat in Bild und Schrift darstellen? Nun ja: Beginnen wir doch einfach ganz vorne.

Es hatte ja alles eigentlich so vielversprechend begonnen. Zwanzig Jahre Hurricane, zwanzig Jahre Musikgeschichte. Für die alternative Szene einerseits, für uns persönlich andererseits. Das beschauliche Scheeßel hatte seit der Gründung seines Festival-Aushängeschilds so ziemlich alles mit Rang und Namen beim Eichenring versammelt. Generationen (geht man davon aus, dass sich dieser Begriff inzwischen nahezu alle fünf Jahre neu definiert, ist er schon angebracht) norddeutscher Festivalisten durften hier große internationale Rockbands bestaunen, die sie sonst eher nicht zu Gesicht bekommen hätten und vielversprechende Entdeckungen mitnehmen. Da darf man schon mal nostalgisch werden, selbst wenn man erst seit 11 Jahren dabei ist.

Aber was für tolle Wochenenden haben wir schon in Scheeßel verbracht. 2005 mit Oasis, Beck, Kettcar, I AM KLOOT und den leider kurzfristig ausgefallenen Athlete, die sich trotzdem nachhaltig in unser Bewusstsein gebrannt haben. Das legendäre 2006er Lineup mit Maximo Park, den Arctic Monkey, Tomte, den Strokes, den Hives, Death Cab For Cutie, Muse (die dem sintflutartigen Regen am Sonntagabend zum Opfer gefallen waren) und Nada Surf, die als großer Aufreger zum Pausenfüller für das Schland-Achtelfinale bei der Heim-WM gegen Schweden verkamen. 2008 mit den magischen Sigur Rós, Portishead, Radiohead und den Foo Fighters. 2009 mit Get Well Soon, Moby, Keane, den Kings Of Leon. Zwischendrin: Fast vergessene, für das junge Publikum aber höchst nachholwürdige Heroen der 90er und frühen 00er. Counting Crows, Live, Jimmy Eat World, Get Up Kids, die immer wiederkehrenden NOFX, Pennywise, Millencolin, Ska-P. Die Doppelpacker: Kam Flogging Molly, kamen in der Regel auch die Dropkick Murphys. Waren La Vela Puerca dabei, blieb auch Karamelo Santo nicht fern. Die Durchmischung mit anderen Genres gelang solide und unaufdringlich: Elektronisches brachten The Chemical Brothers oder Underworld mit, Hiphop kam von Seeed, Fünf Sterne Deluxe oder den Fantastischen Vier.

Natürlich ist das heute alles nicht mehr das Gleiche. Großfestivals sind Massenevents und Masseneventmenschen hören Musik aus dem Radio. Trotzdem konnte man den Veranstaltern mangelde Ausgewogenheit im Lineup auch 2016 wahrhaftig nicht vorwerfen. Für die Radio-Popper kamen Bands und Künstler wie Bosse, Jennifer Rostock, James Bay, die X-Ambassadors mit ihrem unsäglich nervtötenden „Renegade“-Song oder Tom Odell. Für Erinnerungen an das erste Bier, das Jugendzentrum und ländliche Rebellion mit Feuer und zentnerweise Schminke sorgten unter anderem The Offspring, The Prodigy und Rammstein (darunter immerhin gleich zwei Headliner). Weit vorne: Die Partybrigade zwischen Rap und Techno. KIZ, Deichkind, Trailerpark, Chefket, Haftbefehl, Die Orsons. Konnte man von halten was man wollte: Traf definitiv den Zahn der Zeit. Aber darunter mischten sich auch liebgewonnene Indie-Heroen wie Maximo Park, Bloc Party, The Hives oder Mumford & Sons (der dritte Headliner). Kurzum: Es stand alles bereit für eine brillante Party.

Wenn, ja wenn nicht das Wetter gewesen wäre. Und Rock am Ring, wo es einige Wochen zuvor auch schon mehr Wetter gegeben hatte, als allen Beteiligten lieb gewesen war. Starker Regen und ein wahrer Gewittermarathon sorgten für Campingplätze, die das Wort „überschwemmt“ schon nicht mehr verdienten, zahlreiche Verletzte und schließlich für den Abbruch des Festivals. Die Veranstalter vom Hurricane/Southside-Zwilling waren gewarnt und auf schmerzliche Weise sensibilisiert. Aber dass das gleiche Schicksal wirklich direkt beiden großen RaR-Konkurrenten winken würde, daran wollte man dann doch nicht glauben.

Selbst die mauen Wettervorhersagen sorgten beim Publikum vorab für kaum Frustration, auch bei uns nicht. Was hatten wir schon alles erlebt. Omatsch Teich. Schlickville. Das 2014er Appletree Garden. Wir hatten Unwetter gesehen. Wir würden schon hart genug sein, um den Gewittern in Scheeßel zu trotzen. Es kam anders. Ganz anders.

Der brüllenden Sonne am Donnerstagvormittag folgten schon kurze Zeit später die ersten dunklen Wolken. Fahren wir jetzt wirklich schon los? Geht der Standortvorteil über ein eventuelles erstes Wetterchaos? Wir raffeln so lange am Wohnwagen und unserem Gepäck herum, dass uns die voranschreitende Zeit die Entscheidung abnimmt. Es beginnt zu regnen in Scheeßel. Der Pre-Evening auf der White Stage mit Künstlern wie Großstadtgeflüster und Romano wird sicherheitshalber abgebrochen. Ein Windstoß jagt mit Macht durchs geöffnete Fenster und wirbelt Biergläser um und Bilder von der Wand. Die Hurricane-App fordert die Besucher, die schon vor Ort sind, jede halbe Stunde dringlichst auf, sich in ihre Autos zu begeben und Schutz zu suchen. Die Welt geht schon mal ein bißchen unter. Wir sind froh, dass wir noch eine Nacht im eigenen Bett bleiben können. Es ist ja Gott sei Dank keine Weltreise morgen.

Unwetterwarnung am Freitag. Das macht nichts, wir müssen los. Als wir ankommen, lassen die Ordner uns mit dem Wohnwagen schon gar nicht mehr den völlig verschlammten Eingang zum Campingplatz passieren. Ihr müsst drehen. Bringt das Teil nach Hause. Das Festivalgelände wird gerade evakuiert. Wir probieren eine andere Zufahrt. Die Ansage des ersten Ordners, den wir treffen, sorgt für ein nicht minder mulmiges Gefühl: Sucht euch so schnell es geht einen Platz und bleibt im Wagen. Wir müssen hier weg. Gleich wird euch niemand mehr einweisen. Wir finden einen letzten Mutigen, der es doch tut, rangieren den Wohnwagen, da geht es schon los. Das erste Bier in Scheeßel schmeckt auch drinnen.

Als das Schlimmste überstanden ist, machen wir einen Versuch. Campingplätze und Wege sind schon in einem verheerenden Zustand. Was wäre der Festivalist ohne Gummistiefel? Pünktlich zu den Hives betreten wir die Matsch-Arena Eichenring. Die White Stage wird heute nicht bespielbar sein, kommt gleich die nächste Hiobsmeldung. The Hives spielen gefühlt vor einer Handvoll Leute. Ich erinnere mich an Hurricane-Auftritte der Schweden, bei dem man fast bis zum Ausgang noch umgesprungen wurde. Und wir sind noch nicht akklimatisiert, wir fangen auch noch nicht Feuer. Versuchen es lieber mit AnnenMayKantereit, für uns zum ersten Mal auf der großen Bühne. Schön ist das, die Songs sind wie alte Freunde inzwischen, aber durch die Entfernung zum Publikum entsteht das so wichtige Band nicht ganz für uns. Zum Glück bleibt es jetzt wenigstens trocken.

Boysetsfire auf der Red Stage spielen vor so unglaublich wenig Menschen, das man es gar nicht richtig fassen kann. Kennt die keiner mehr? Oder sind wirklich alle bei Rammstein? Über die kann man ja nun wirklich sagen, was man will: Ihre Show ist sehenswert. Alles spuckt Feuer und ich bin selber erstaunt (und fast ein wenig peinlich berührt), wie viele Songs ich kenne und sogar mitsingen könnte, wenn ich die Absicht hätte. Das ist schon großes Kino. Im Gegensatz zu Trailerpark auf der Blue Stage, die ich ebensowenig brauche wie die darauf folgenden KIZ, aber das Publikum liebt es. Zum letzten Song betritt AnnenMayKantereits Henning die Bühne und singt: „Hurra, diese Welt geht unter!“. Wie Recht er behalten sollte. Wir legen uns hin. So müde vom Waten durch den Morast.

Ohrenbetäubender Donner weckt uns am Samstag. Es gießt wie aus Eimern. Wir zitieren Tokio Hotel und wandern durch den Monsun zum Dixoir. Die Freunde aus dem Green Camp vermelden, dass es beim Southside Freitag genauso aussah und es inzwischen ganz abgebrochen wurde. Blüht uns das jetzt auch? Es gewittert Stunde um Stunde vor sich hin. Wir wussten gar nicht, dass es so lange gewittern kann. Donner, Blitze, bleibt in euren Autos, es ist sicherer jetzt. Der Platz draußen schwimmt weg. Es wird später und später. Der Einlass verschiebt sich weiter und weiter nach hinten. Die heißersehnten DMA’s spielen heute nicht für uns. Weil wir gestern gelernt haben, dass KIZ „Ein Pferd und ein Affe“ und nicht „Ein Pferd und ein Apfel“ sagen, haben wir einen Ohrwurm und vertreiben uns die Zeit, indem wir das Pippi Langstrumpf-Lied singen. Fun is what you make it, Baby!

Um 14.00 ist es einen Moment lang ruhig. Das Gewitter ist vorbei, es soll jetzt später nur noch regnen. In einer Stunde, so hören wir, geht es weiter. Helfer versuchen, auf dem Gelände zu retten, was zu retten ist. Wir schnallen die Gummistiefel an, ohne die uns an diesem Wochenende wohl Schwimmhäute gewachsen wären, werfen das Regencape über und machen einen Spaziergang über das Schlachtfeld. Es ist eine Expedition, während der wir uns fühlen wie der Indiana Jones und die Lara Croft des Festivalismus. Man sieht auf dem Festivalgelände inzwischen keinen Quadratmeter Grün mehr. Noch schlimmer ist es auf dem Campingplatz, der von seinen Bewohnern schon seit Jahren liebevoll Mordor genannt wird. Schlamm wohin das Auge reicht. Überall Menschen, die ihr Hab und Gut mühsam vertaut durch den Morast hieven und ihr Heil in der Heimreise suchen. Riesige Seen, in denen betrunkene Jungs auf Luftmatratzen hin und her schwimmen. Das Bild von dem Typen, der auf einem Festival mit einem Kanu durch eine irrsinnig große Pfütze schippert, ist schnell viral gegangen, und irgendwo haben diese Leute hier tatsächlich noch Schlauchboote gekriegt und machen es ihm nach. Die Zivilisation bricht zusammen, hier liegen welche schlammbedeckt auf dem Boden, dort finden andere den Weg zum Dixoir zu weit und urinieren einfach in einen gigantischen Schutthaufen aus Zeltplane, Bierdosen und aufgeweichtem Toastbrot.

Aber, und das muss man den vielen Dagebliebenen lassen: Sie haben Spaß. So animalisch das ganze Szenario auch anmuten mag, ein langes Gesicht zieht hier kaum noch einer. Ein Trupp hat sich aus kaputten Pavillonstangen und Zeltbefestigungsschnüre Angeln gebastelt und fischt mit Bierdosen als Köder in dem Regenwasserteich, der den Campingplatz von der Straße trennt. Eine andere Gruppe spielt Schlammflunkyball, was natürlich nicht ohne Hinfliegen unter großem Gejohle von Statten geht. Und bei der immensen Begeisterung für Matschrutschen mit freiem Oberkörper wird das bestimmt mal olympisch. Man kann das widerlich finden, höhlenmenschig und befremdlich, aber der Wille dieser Leute, sich das lang ersehnte Wochenende vom Himmel nicht zerstören zu lassen, ist über die Maßen beeindruckend.

Inwzischen ist der Einlass auf 20.00 vertagt, das kostet uns Bear’s Den. Frank Turner soll statt um 19.00 um 20.15 auftreten, die Red Stage und die White Stage werden heute gar nicht mehr bespielt, es ist einfach zu viel Wasser und Schlamm. Doch dann fängt es wieder an zu regnen und aus 20.00 wird schließlich 21.00 und dann eine komplette Absage des Festivalsamstages und somit den Konzerten von unter anderem The Offspring, den Editors, The Prodigy und Maximo Park. Wir machen eine Portion Pommes mit Bolognese-Sauce, die uns der Pommes Pervers-Stand verkauft, weil er sie schon in der Fritteuse hatte und nicht weiß wohin damit, zu unserem persönlichen Headliner, kehren klatschnass und durchgefroren in den Wohnwagen zurück und verbringen den Rest des Abends mit Oakheart-Cola und 4 gewinnt. So sehr dieser Wohnwagen Gold wert ist für uns an diesem Wochenende:  Einen Festivalabend jemals so zu verbringen, war bis dahin komplett unvorstellbar.

Die Sonnenstrahlen kitzeln uns wach am Sonntag. Der Himmel tut, als sei nichts gewesen. Unzählige Nimmermüde haben in der Nacht planiert, Stroh gestreut, geschottert. Die Nachricht, der Sonntag werde regulär stattfinden, kann man kaum glauben. Was für ein Kraftakt. So viele reisen ab, müssen von Traktoren vom Parkplatz geschleppt werden. Wir denken mit Grauen an den Abend. Ein Wohnwagen mag bei solchen Witterungen zu einer Schutzburg mutieren, aber wie in Gottes Namen sollen wir den heute Nacht von diesem Acker bekommen? Wir entschließen uns, das Nachdenken noch etwas nach hinten zu verschieben. Wir sind ja schließlich hier für Musik.

Für The Heavy zum Beispiel. Doch die spielen gar nicht. Statt dessen tritt BØRNS auf der Green Stage auf, der wäre aber eigentlich schon um 12.00 auf der Red dran gewesen. Komisch. Aber schön. Ein toller Mix aus Pop, Pomp und Funk und ein erstes Highlight des Wochenendes. Na endlich. Anschließend spielen The Subways, bei denen man außerhalb von Festivalbühnen vielleicht nur zwei Hits hören möchte, die live aber ungeheuer energetisch sind und viel, viel Spaß machen. Das steckt an. Die Leute vor den Bühnen haben hart bezahlt und lechzen nach Festivalfeeling. Diese Band ist genau die richtige dafür.

Wanda auf der Blue Stage ignorieren wir erfolgreich und schauen lieber, was Axel Bosse inzwischen so macht. Seit er im Radio ist, haben wir ihm viel weniger zugehört als früher. Live flippt er fast aus vor Freude und peitscht sein Publikum an. Er hat Spaß, die Band hat Spaß, das Publikum hat Spaß. Da verkommt fast zur Nebensache, dass seine Songs inzwischen fast durch die Bank von einem spießigen Erwachsensein erzählen, das vor allem von Erinnerungen an Bier am Strand und Nirvana-Shirts im Jugendzentrum lebt. Das, ja, das war die schönste Zeit. Blüht uns dieses Schicksal eines Tages auch? Werden wir eines Tages nur noch nostalgisch, nachdenklich und wehmütig an Dosenbier zu Tomte-Songs denken, während wir müde und abgespannt zum Job schlurfen? Ein beklemmender Gedanke.

The Wombats machen da schon bedeutend mehr Spaß, da reicht schon ein Blick aus der Ferne um sich mit Freuden an „A Guide To Love, Loss & Desperation“ zu erinnern, das tolle Debüt der Briten, das uns so ewige Songs wie „Kill The Director“, „Backfire At The Disco“ oder „Moving To New York“ geschenkt hat. Auch solche Bands braucht man über die Maßen dringend an diesen Festival-aufweck-Tagen nach Weltuntergängen. Und tanzbare Indie-Disco vom Two Door Cinema Club im Anschluss. Und Bloc Party mit einem sehr aufgeräumten Kele Okereke am Mikrofon, der einen wirklich guten Querschnitt durch die bewegte Bandgeschichte mitbringt.

Dann ist es Zeit für Deichkind. Wer die Hamburger schon mal live gesehen hat, weiß, dass hier der kalkulierte Irrsinn Methode hat. Ein Konzert der einstmaligen Hiphopper ist ein großer Zirkus, perfekt choreografiert und nach wie vor sehr mitreißend. Drehstühle, Regenschirme, ein Taschendieb, der einer Oma Geld klaut; riesige bewegliche Boxen, hinter und auf denen die Band fast nach jedem Song einen Kostümwechsel vollzieht: Oh, das macht einfach immer wieder Spaß und ist Wasser auf die Mühlen des hungrigen Partyvolks. Wahnsinn auch, wie viele Hits es da inzwischen gibt: Zwischen „Bück dich hoch“, „Denken Sie groß“ und „Leider geil“ bleibt sogar Platz für die ganz alten Dinger à la „Komm schon“ und „Bon Voyage“.

Kurz vor dem Ende schleichen wir uns aber davon und bringen uns in Position für Mumford & Sons, über deren aktuelles Album „Wilder Mind“ so viel schlechtes zu lesen war, aber wen interessiert jetzt die Presse? Wir brauchen ein würdiges Finish. Die große Geste von mir aus. Wundervolle Songs. Und davon haben die Briten zum Glück eine ganze Menge. In warmem Licht bringen Marcus Mumford und seine Band dieses so denkwürdige Festival unerhört stilvoll nach Hause. Dass sie ihren größten Song, das nach wie vor magische „Little Lion Man“ schon als zweites Stück verpulvern, ist nur einen kurzen Moment lang schade. Zwischenzeitlich verlässt Marcus Mumford die Bühne gleich ganz, schnappt sich sein schnurloses Mikro und rennt los, hinein in die tobende Masse, singt in ihr, lässt sich zurück zur Bühne tragen. Das Mikrofon ist leider verloren gegangen, aber was soll’s, Schwund ist immer, und die Leute lieben ihn für diese unvorhergesehene Szene. Die Band verlässt die Bühne, alles bleibt dunkel, sie kommt für zwei umjubelte Zugaben zurück. Dann ist Schluss. Wir wandern beseelt zum Campingplatz zurück. Meter für Meter dann weicht diese Beseeltheit nur der bangen Frage, ob wir es vom Gelände schaffen. Wir schaffen es. Einmal Schwung geholt, ist die matschige Ausfahrt überwunden und es geht nach Hause.

Man muss nach diesem Wochenende ganz klar konstatieren: Das haben wir uns anders vorgestellt. Die Lieblingsbands im Lineup haben wir verpassen müssen. Die Frage, wie wir wieder wegkommen, war über die meiste Zeit präsenter als das Einlassen auf ein eventuelles Jetzt-erst-recht-Gefühl, wie es sich so häufig auf Festivals einstellt, wenn das Wetter nicht rund läuft. Rückwirkend betrachtet muss man über den zwanzigsten Hurricane-Geburtstag aber vor allem eines sagen: Die Helden waren nicht die Bands. Die Helden arbeiteten hier hinter den Kulissen und standen vor den Bühnen.

Da wären zunächst die Betreiber der Hurricane-App, die mit viel Feingefühl und Sensibilität das Unheil kommentierten, in sinnvollen Abständen brauchbare Tipps gaben und uns immer gut auf dem Laufenden hielten, ohne zu dramatisieren oder klamaukige Durchhalteparolen zu posten. Da wären weiter all die Helfer, die auf dem Gelände erstaunliches geleistet haben, um den Menschen so viel wie möglich von ihrem Lieblingsfestival doch noch zu retten. Da wären die Veranstalter, die gleich nach Festivalende verkündeten, zwar erstmal aufräumen und ordnen zu müssen, sich aber eine angemessene Entschädigung zu überlegen (die vermutlich auf vergünstigte Tickets für 2017 hinauslaufen wird). Da wären die Anwohner, allen voran zu nennen der sagenhafte Facebook-Post, bei dem eine Familie den durchgefrorenen Festivalisten anbot, sie mit ihrem Siebensitzer vom Parkplatz abzuholen für ein warmes Essen und ein Dach überm Kopf und die ganze Bande anschließend wieder zum Gelände zu bringen. Die Symbiose aus Ort und Festival funktioniert nicht nur in Wacken.

Vor allem aber muss man über die vielen Menschen sprechen, die standhaft durchhielten und aus einem buchstäblich ins Wasser fallenden Wochenende für sich eine gute Zeit bastelten, auf welche Weise auch immer. Nicht sauertöpfisch und die Welt verfluchend durch die Gegend liefen sondern tranken, lachten und das Beste draus machten. Ein solches Publikum ist für ein Festival Gold wert. Dass niemand an einer solchen Misere Schuld hatte, steht außer Frage, und doch ist dieser Spirit nicht selbstverständlich.

Man kann das Hurricane Festival inzwischen für eine vom Mainstream aufgeweichte Veranstaltung halten, dessen immer größer werdendes Event- und Ballermannpublikum trotz der steigenden Eintrittspreise immer noch die exzessive Party auf dem Campingplatz einem gediegenen Sounderlebnis vorzieht. Doch man kann ebenfalls nicht umhin, sich über so viel positiven Gemeinschaftssinn und untrübbare Feierlaune zu freuen, dem die Veranstalter eine immer besser werdende Organisation und ein für ihre Zielgruppen gut durchdachtes Lineup an die Hand geben.

Lassen wir Enno Bunger die letzten Worte: „Was soll ich davon halten? Ich weiß es nicht genau. Es waren große Stücke, jetzt bleibt nur Schutt und Staub. Ich gehe jetzt nach Hause, ruf mich an, wenn du was brauchst. Wenn man die Augen zu macht, klingt der Regen wie Applaus.“



Text und Fotos: Kristof Beuthner