Immer mehr Kritik macht sich an der maßlosen digitalen Bearbeitung von Werbeplakaten und anderen medialen Erzeugnissen breit.
Du stehst morgens auf irgendeinem U-Bahnhof in irgendeiner Stadt, trinkst vielleicht einen Kaffee und wartest. Dir gegenüber ein zwei mal zwei Meter großes Werbeplakat. Das kennst du schon. Also all diese Werbeplakate die da um dich rumhängen. Und verträumt schaust du hin, kneifst die Augen zusammen und irgendwo in deinem Gehirn macht sie die Meldung breit: völlig überbearbeitet. Aber gleichzeitig, direkt daneben oder in einem völlig anderen Teil deines Gehirns, würdest du schon auch ganz gerne so aussehen: straffe Haut, porenfrei, ohne Härchen, ohne Pickel; ein Körper wie eine Schaufensterpupe, kein Gramm Fett zuviel, leuchtend und fest.
Natürlich beeinflussen uns die Werbedarstellungen - selbst wenn wir wissen, dass sie bearbeitet sind. Aber in diesem Überfluss und vor allem in dieser täuschend echten Fälschung, fällt es schwer sich dessen bewusst zu bleiben.
Die Künstlerin Ivonne Thein hat mit dieser Art der Darstellung gespielt. In ihrer neusten Fotoreihe sind Frauen in altbekannten Modelposen zu sehen und wenn man genau hinschaut fällt einem auch auf, dass diese Frauen so dünn sind, dass einem Gänsehaut überkommt. Trotzdem sagten viele Besucher nach der Ausstellungseröffnung, ihnen wäre nichts ungewöhnliches an den Fotos aufgefallen. Sie sahen die extreme Untergewichtigkeit nicht einmal.
Einerseits beruhigend, andererseits verstörend ist allerdings, dass die Frauen auf den Fotos gar nicht untergewichtig sind. Thein hat ein paar ihrer Freundinnen gefragt, ob sie für sie posieren würden und die Frauen auf den Fotos danach so extrem mit Photoshop bearbeitet, dass sie im wahren Leben nur noch um die 32 Kilo wiegen würden.
Erst kürzlich wurde in Amerika eine Werbekampagne mit der Sängerin Taylor Swift zurückgezogen, weil die Öffentlichkeit anprangerte, dass diese zu stark bearbeitet wäre. Es stellt sich immer mehr die Frage, warum so viele andere Medien streng zensiert werden (Filme, Hörträger, Videospiele) während die Werbung- trotz zahlreicher Studien, die belegen was für einen schädlichen Einfluss Werbedarstellungen auf Menschen und vor allem Minderjährige haben können- nahezu ungehindert produzieren kann, was sie möchte.
Dagegen anzugehen wäre vielleicht eine Aufgabe der Politik: stärkere Regulierung, genaue Gesetzesentwürfe etc. Zensur also.
Allerdings sollte man anstelle von Zensur Aufklärung betreiben und versuchen neue und natürliche Schönheitsideal zu etablieren. Das wäre vielleicht eher die Aufgabe der Kunst, wie Ivonne Thein durch die Überspitzung der bestehenden Verhältnisse oder aber durch die Formierung neuer Sehgewohnheiten.
Bereits in anderen Genres hat sich gezeigt, dass Zensur meistens wenig hilft. Gerade durch das Internet wird eine solche sowie so immer unmöglicher (man denke nur an die Folgen für die Zensur von pornographischen Inhalten, seit Plattformen wie youporn.com), entgegenzusetzen ist nur das stetige Ins-Bewusstsein-Rufen, dass zwischen der medialvermittelten Wirklichkeit und der Lebensrealität ein nicht zu unterschätzender Unterschied besteht.
Text: Lasse Scheiba