Da kann man eigentlich nur noch gratulieren und die Hände schütteln: Hamburg und das Reeperbahn Festival, die einander verdienen wie kaum ein anderes Festival und seine Stadt, hat zehnten Geburtstag gefeiert und ganz nebenbei wunderschöne Pfeile in unser Musikherz geschossen.
Um mich nochmal kurz umzudrehen vorher: Was war ich im letzten Jahr aufgeregt gewesen, als ich das Reeperbahn Festival zum ersten Mal besucht hatte. All die Zettelagen, mit denen ich den obligaten Jutebeutel gefüllt hatte, zeigten - ich als Anti-App-Typ muss das hervorheben - einen in langer Vorbereitung sorgfältig angelegten Laufplan in mehreren Ausführungen. Klappt schon irgendwie. Klappte natürlich null. Ich hatte unterschätzt, wie viele Menschen ich treffen würde, wie weit die Distanzen zwischen Clubs bei einer Reeperbahn auf höchster Betriebstemperatur werden können - und ich hatte mir keine Alternative bereit gelegt, falls einmal eine Band ausfallen würde, und weil das natürlich sofort passierte, stürzte ich zwischendurch in ein Loch aus Panik und Orientierungslosigkeit.
Nein: Dieses Jahr war ich richtig vorbereitet. Besser vorbereitet. Zu jedem Plan A existierten zeitgleich ein Plan B und C. Die App hatte ich immer noch nicht heruntergeladen, analog ist besser (Wussten doch schon Tocotronic, oder?); die Wege zwischen den Clubs kannte ich inzwischen ganz gut; ich wusste, wo ich vermutlich die meisten Menschen auf einmal würde treffen können, so dass ich nicht an jeder Ecke würde stehen bleiben müssen, und weil ich noch mehr großartige Bands sehen wollte, war ich einfach schon am Mittwoch da. Ein Vorsprung vor mir selbst, vielleicht: Wer früher anfängt, kriegt mehr mit.
Wenn man so will, fängt das Reeperbahn Festival ja sowieso eigentlich schon etwa einen Monat vorher an. Wenn man sich nämlich am liebsten auf sich selbst verlässt, muss man einfach alle der unzähligen Bands und Künstler wenigstens mal kurz angespielt haben, um sicher zu sein, wahlweise eine neue Liebe oder den nächsten heißen Scheiß zu finden. Es dauert eben so lange, wie es dauert. Und es ist auch dieses Jahr deshalb wieder so bitter nötig gewesen, weil die Veranstalter nicht mehr große Namen aufboten als sonst (neben New Order und William Fitzsimmons kamen aus dem Radioland etwa Wanda und Joris, als Secret Act dann Fünf Sterne Deluxe) und auch in der zweiten und dritten Reihe selbst für Typen wie mich, die eigentlich ihre Finger immer überall drin haben, die Dichte an vielversprechenden Entdeckungen wieder schier unerschöpflich machten.
Außerdem ist das Reeperbahn Festival immer ein sehr gutes Zeichen dafür, dass es nun endlich Herbst wird. Es ist gleichzeitig das Ende der Open Air- und der Anfang der Indoor-Saison. Man erinnert sich wieder an den Unterschied zwischen großen Bühnen mit tausenden von Leuten und kleinen Clubs und entscheidet in einem Anflug von Draußenmüdigkeit, dass es drinnen eigentlich sowieso schöner ist (das dauert meistens so bis zum Mai des nächsten Jahres). Der Herbst ist eine gute Zeit, um wieder mit Konzerten in Clubs anzufangen. Da wird man nämlich weder nass noch matschig.
Und ein Mittwoch ist ein guter Tag für einen Festivalopener. Noch nicht so richtig Wochenende, irgendwie aber schon diese Stimmung überall in Hamburg. Noch nicht richtig gelassen, zwei Arbeitstage warten noch, aber schon voll von Vorfreude und Neugier. Das erste Kaltgetränk auf dem Spielbudenplatz, der "slowenische Kanye West" N'Toko am N-Joy-Reeperbus, mit Mikro und Kopfhörern noch ein bißchen unbeholfen, aber das wäre ich mit dem Equipment auch. Schon mal schnuppern. Riecht nach einer guten Zeit hier.
Der einzige Ort, um so ein Stadt-Festival auf St. Pauli standesgemäß zu beginnen, ist die Hasenschaukel. Man kann eigentlich gar nicht glücklich genug sein, dass dieser liebevolle Platz in der Silbersackstraße im letzten Jahr gerettet worden ist. Es wäre zu schade gewesen um all die kunstvoll drapierten Puppenlampen, eine Atmosphäre, die wie in wenig anderen Läden "Herzlich Willkommen" schreit und ein Publikum, das wegen des Ladens kommt und wegen der Musik bleibt, weil man sich auf die eh blind verlassen kann.
Der Eröffnungsabend wird kuratiert vom About Songs-Team aus dem Devilduck/Glitterhouse-Umfeld, und darum gibt es heute Songwriter und Folk, mit (in weitestem Sinne) dänischem Schwerpunkt. Den Anfang geben The Desoto Caucus (Dänen), hervorgegangen aus den Deer Children der grönländischen Sängerin Nive Nielsen (zu der wir später gern noch mehr sagen) und unterwegs mit äußerst stilsicherem Americana und Wüstenblues im besten Sinne Giant Sands, was auch nicht von ungefähr kommt, weil die Herren schon deren Sänger Howe Gelb als Backing-Band begleiteten. Die Schaukel ist rappelvoll und man steht gezwungenermaßen eher so seitlich mit Blick zur Bühne, aber die Band spielt ihre Songs pointiert und edel und hinterlässt eine ganze Menge zufriedene Gesichter.
Bei Of The Valley (Kanadier, der aber in Kopenhagen lebt) springt der Funke nicht ganz so über; vielleicht liegt es daran, dass Brian Della Valle allein und nur mit seiner Gitarre auf der Bühne steht und die Leute nicht so sehr die Ruhe dafür haben, weil sich immer, wenn man gerade drin ist, wieder jemand an einem vorbeidrängelt auf dem Weg zur Theke oder zum hinteren Bereich des Ladens, wo noch ganz gut Platz ist. Die Songs kippen aus klarem Songwriter-Folk immer wieder auch in klangliche Dissonanzen ab, was ihnen eine merkwürdige Künstlichkeit verleiht, die spannend ist, aber noch nicht endgültig ansteckt. Es gibt bisher nur einen einzigen Song von Of The Valley im Internet, man darf auf mehr zuhause aus den eigenen Boxen schon gespannt sein.
Ja und was dann passiert, hatte ich nicht erwartet. Es gibt manchmal so Konzerte, bei denen ist man genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort um etwas zu erleben, das man nie mehr vergisst. Das wird, wenn man häufig auf Konzerte geht, mit der Zeit seltener, weil man schwerer beeindruckbar wird dadurch, dass man so viel gesehen hat, aber wenn man dann doch wieder einen solchen Tag erwischt, möchte man auf diesen Knopf drücken, der die Zeit anhält, und nicht mehr aufhören zu lächeln.
Weil es so voll ist, sind wir auf die Polster im Fenster ausgewichen, und als Heimatt (Dänen, ein Norweger) die Bühne betreten, bemerken wir, dass es eigentlich praktisch die Bühne ist, auf der wir hier sitzen. Auf dem Nebentisch steht die Violinistin, auf dem Polster im anderen Fenster der zweite Gitarrist. Dann beginnt das Konzert und Magnus Grilstad singt die Zeilen, die die nächste Stunde bedeuten werden: "With you I will dance all the way through the night. I will tie your hands and go blind if you just let me". Es passt, dass das gleichzeitig der Albumtitel ist.
Es ist nicht nur die ungeheure Energie, die von Magnus Grilstad und seiner Band ausgeht, und auch nicht nur die Chemie, die sofort stimmt und die jeden Einzelnen in der Hasenschaukel vom ersten Moment an strahlen und tanzen lässt. Es ist auch die Tatsache, dass Heimatt selber mit allem gerechnet haben, aber nicht damit, dass ihnen die Herzen hier so sehr zufliegen, dass sie sich schütteln von so viel Liebe und diese in derart viel Freude umwandeln, dass uns ganz warm wird im Fenster. Auf dem hier leider schwer erhältlichen Debüt sind ausnahmslos Hits, die vielleicht ein bißchen an den energetischen Folkpop der frühen Mumford & Sons erinnern (aber in besser!), und die Frage, ob nun der Titelsong der Platte oder das mitreißende "Everyone's a Sinner" den Weg auf mein Jahres-Mixtape finden wird, dürfte mir noch bis Dezember schlaflose Nächte bereiten. Die Band bedankt sich eigentlich nach jedem Song überschwänglich und kann es auch am Ende immer noch nicht richtig glauben, während wir alles wollen, nur nicht, dass dieses Konzert endet. Es ist so: Aus so exklusiver Position mitzuerleben, wie eine bis dato vollkommen unbekannte Band so viele Menschen (uns eingeschlossen) einfach so mitnimmt und nicht mehr loslässt, ist unvergleichlich und bringt uns für diesen ersten Festivaltag nach Hause.
Völlig klar, dass wir am Donnerstag gleich nachmittags im Café May vorbeischauen MÜSSEN, wo Heimatt mit dem Vorabend im Rücken noch einmal akustisch spielen. Es dürfte eine lange Nacht gewesen sein für die Band. Zurecht und hochverdient. Stehende Ovationen gibt es auch heute wieder. Jetzt dürfen Heimatt erstmal schlafen gehen. Die werden das auch nicht vergessen. Da bin ich überzeugt. Und wir waren dabei. Wie grandios ist das denn.
In der Molotow Skybar gibt es heute ein Showcase der befreundeten Labels Glitterhouse und DevilDuck. Wir feiern Wiedersehen mit der Grönländerin Nive Nielsen, deren Premiere beim Orange Blossom Special mit ihrem Debüt vor drei Jahren noch gut in meinem Gedächtnis ist. Damals strahlte sie eine riesige Sympathie aus und jeder im Garten hätte ihr nur zu gerne den vergessenen Kaffee verziehen, über den sie singt - heute zündet es irgendwie nicht richtig. Die Stimmung auf der Bühne scheint angespannt, der Sound wirkt nicht stimmig, es kommt kein wirkliches Band zustande und plötzlich ist die Zeit um. Das ist ein wenig schade.
Über die Siebdruckposterzelte auf dem Spielbudenplatz sollte es eigentlich noch kurz zu den sicher sehr sehenswerten The Lake Poets ins Jazz Café gehen, doch wie das nun mal so ist beim Reeperbahn Festival, man schlendert, hält hier, hält da und hat alles verpasst. Macht nicht viel, bis zum Grünen Jäger läuft man ja von den Tanzenden Türmen aus noch ein ganzes Stück und kann das jetzt umso entspannter machen, denn dort wartet - aber das ahnen wir zu diesem Zeitpunkt nicht einmal - der nächste große magische Moment auf uns.

Dort spielen nämlich die Schotten von Fatherson, die hier allenfalls von Support Shows für We Were Promised Jetpacks bekannt sind, was aber in der Konstellation auch uneingeschränkt Sinn ergeben haben muss. Da ist die gleiche Schwermut, aber auch die gleiche Kraft, die gleiche Hymnenhaftigkeit in den Refrains - aber dieses wahnsinnige Stimmspektrum von Ross Leighton macht das Extra aus, das Fatherson noch weiter Richtung Intensität schiebt. Der Sound ist beim Opener noch ein bißchen matschig, wird aber Gott sei Dank danach gut in den Griff bekommen, und dann kann man eigentlich nur noch die Augen schließen und sich bedanken, dass man bei dieser Unglaublichkeit dabei ist.
So melancholisch, dass man weinen könnte, mit so großer Geste, dass man die Arme weit ausbreiten möchte und so kraftvoll, dass man das Strahlen nicht aus dem Gesicht bekommt; gesegnet mit einer Verbindung zwischen Band und Publikum, die man selten so findet - vielleicht war es am Vorabend bei Heimatt ähnlich. Was haben wir bitte für ein Glück? Zwischendurch steht sogar der Schlagzeuger auf und singt derartig emotional mit, als stünde er vorne am Mikro und müsste all den Weltschmerz und die Zweifel aus sich herausschreien. Auch das hier, heute, in einem kleinen Club wie diesem ist ein Moment, an dem man weiß, warum man Konzerte und Musik so liebt. Das epische "James", das aus dem einzigen ruhigen Song "Dust" förmlich herausbricht, ist der eigentliche Höhepunkt der Show, und danach ist Aufgewühltheit, Ergriffenheit, Sprachlosigkeit und pures Glück.
Tom Klose im Knust - das muss man so ehrlich sagen wie es ist - kann da nicht viel draufsetzen. Aber es ist vielleicht auch unfair, überhaupt zu vergleichen. Der Flensburger positioniert sich wenig trennscharf in der Schnittstelle zwischen Mainstream und Indie und lässt keinen Zweifel daran, wo er hin möchte. Es darf schon gerne von allem etwas mehr sein. Die Songs sind groß, der Entertainmentfaktor auch, aber vieles an seiner Präsenz wirkt - gerade im Vergleich zur Seligkeit von Heimatt oder der überbordenden Größe von Fatherson (Verdammt, ich wollte doch nicht vergleichen!) - ein bißchen zu slick. Tom Klose weiß ganz genau was er kann und was er tun muss, und das macht seine Show leider bei aller zweifellos vorhandenen Klasse ein bißchen zu glatt und perfekt. Ohne Frage schön, aber. Man darf mal gespannt sein, wohin sein Weg führt. Unserer führt nach Hause. Es wird jetzt auch Zeit.

Der Samstag führt uns in den Bunker an der Feldstraße, beginnend mit dem Terrace Hill. Arcane Roots, denen aus Support Slots für Biffy Clyro oder Muse ein hervorragender Ruf vorauseilt, werden diesem in jeder Hinsicht gerecht. Das ist herrlich energetische Rockmusik, wie man sie so lange vermisst hat in all dem hipster-esken Soundclash. Ob Arcane Roots sich zum Kritikerliebling aufschwingen, darf abgewartet werden, aber den Publikumspreis gewinnen sie.

Dan Mangan kann das eh, das Publikum auf seine Seite holen also. Die Bilder vom Orange Blossom Special (hey, schon wieder!), als er den Garten bis hinten zu den Bierbuden dazu brachte, "Robots need love too, they want to be loved by you" zu singen, sind mir immer noch fest im Gedächtnis. Das ist was das Tempo angeht natürlich von den Arcane Roots weit entfernt, aber darum nicht weniger einnehmend. Der Kanadier ist live eine absolute Konstante; eigentlich muss man sich den einmal im Leben angesehen haben.

Es geht wieder ein Stockwerk höher zu den frisch beim Grand Hotel van Cleef gesignten Quiet Company, deren neues Album "Transgressor" in Wirklichkeit schon ihr viertes ist - allein die ersten drei erschienen in Deutschland gar nicht erst. Leider sind nicht viele Leute gekommen, aber das schmälert die großartige Show der Texaner nicht im Geringsten. Da ist eigentlich alles drin, was wir an Bands wie Biffy Clyro oder den frühen Weezer so mögen, und die gelegentliche Synthielastigkeit der Platte kommt live im Grunde (erfreulicherweise) kaum zum Tragen. Sehr direkt, sehr einnehmend: Definitiv sind Quiet Company live das Topping auf ein starkes Studioalbum.
Nach so viel Energie ist jetzt eine gute Zeit für ein bißchen Ruhe, und da bietet es sich an, dass das Schulmuseum in der Seilerstraße ein ziemlich starkes Lineup mit Fokus auf Contemporary-, Neoklassik- und Ambientkünstler am Start hat. Das kann man sich nicht alles anhören, klar, aber zu Federico Albanese gibt es einfach keine Alternative. Sein Debüt "The Houseboat And The Moon", das letztes Jahr bei Denovali erschienen ist, ist meine meistgespielte Platte im Jahr 2014 gewesen und läuft auch heute noch mindestens einmal pro Woche. Auf dem Boden des großen Saales liegen Sitzkissen und man kann es sich prima gemütlich machen. Federico Albanese spielt an einem restaurierten Flügel und ist selber erstaunt, wie brillant das klingt. Seine traumwandlerisch-zärtlichen Klavierstücke lassen mir die Lider schwer werden, nicht aus Langeweile, aus Geborgenheit. Mit geschlossenen Augen schicke ich mich auf die Reise und erschrecke mich fast, als das Konzert plötzlich vorbei ist. Das neue Album wird Anfang 2016 erscheinen; ich kanns kaum erwarten.
Tobias Siebert hat es mit seinem Projekt And The Golden Choir im Indra dann als Abschluss des Freitags überraschend schwer. Bei all den Gunstbezeugungen für sein grandioses Debüt "Another Half Life" hatte ich eher mit einem Selbstläufer gerechnet, aber der Laden leert sich tatsächlich im Laufe des Konzerts zusehends. Vielleicht wird die Idee von Siebert, der seine eigene Backing Band ist und alle Instrumente selbst in mühevoller Kleinarbeit aufgenommen und auf Vinyl gepresst hat, dadurch nicht ganz klar, dass er sich viel auf der Bühne bewegt und der Plattenspieler, der ja eigentlich das Aha-Moment bei And The Golden Choir ist, für die hinteren Reihen gar nicht richtig sichtbar ist, so dass es vielleicht so wirkt, als würde Siebert einfach nur Knöpfchen drücken. Mindestens für Eingeweihte ist es aber ein toller und sehr stilvoller Freitags-Closer, der in seinen besten magische Get Well Soon-Grandezza erreicht und gleichermaßen fasziniert wie berührt.
Der Samstag beginnt neben der sehr faszinierenden Pearl-Jam-Poster-Ausstellung mit der Erkenntnis, dass der N-Joy-Reeperbus eigentlich gar nicht so schlecht ist. Zwar muss man sich vom Moderator zwischendurch viel Radio-Schnack anhören, dafür bekommt man aber quasi als Appetizer viele verschiedene Künstler in Viertelstundenhäppchen zu hören, auch welche, die man sich sonst vielleicht nicht angeschaut hätte. Das ergibt heute unter anderem einen Vorgeschmack auf Kelvin Jones, Låpsley und Dotan und ist so eigentlich ganz nett, um nebenbei ein Kaltgetränk zu genießen. Weit mehr Eindruck hinterlassen aber am letzten Festivalnachmittag andere: Elliot Moss zum Beispiel, der sich eine halbe Stunde lang beim PIAS-BBQ präsentieren darf und eine ziemlich abgefahren-faszinierende Mischung aus James Blake und Lärmgitarre abgibt. "Highspeeds", der Titelsong der aktuellen Platte, ist eines der Stücke, die ich vom Reeperbahn Festival mitbringe und mir in einen imaginären Bilderrahmen lege. Oder Gatwick, die mit fein drapierter Schlafzimmer-Elektronik nebst Traumgesang von der Astra-Bühne aus zurecht Bewunderung und warme Blicke sammeln.
Der eben erwähnte Kelvin Jones bekommt abends im Grünspan eine ausführliche zweite Chance. Durch seine Youtube-Videos, in denen er ausschließlich pur mit seiner Gitarre performt, war er mir äußerst positiv aufgefallen; live mit Band ist es leider über weite Strecken vor allem sehr glatt und poppig, was ich da höre. Es kommt wohl nicht von ungefähr, dass der N-Joy-Mensch am Bus vorhin den Vergleich zu Ed Sheeran gezogen hat, und trotzdem macht es Spaß, weil die Band sichtlich genießt, dass sie sich gefunden hat und zusammen Musik machen kann, und das ist doch auch etwas.
Danach müssen wir uns trennen, um jeweils in eine andere Kirche zu wandern - einmal in die St. Pauli-Kirche zu Gavin James, der unter anderem zartfühlend-intime Cover von "Billie Jean" und Peter Gabriels "The Book Of Love" spielt, und dann in den Michel zu William Fitzsimmons, der für die Kirche die Festivalpremiere gibt. Und das erfreulicherweise genau wie Gavin James ohne Band - stellt sich die Frage, warum der Herr nicht eigentlich überhaupt nur noch alleine spielt. Ohne Begleitung steht ihm das Publikum gleich wesentlich respektvoller gegenüber; es gibt keine Gespräche, es herrscht andächtige Stille und pure Intimität. So hat man sich das vorstellen wollen, und egal, wie oft man William Fitzsimmons schon live gesehen hat - das hier heute war etwas ganz Besonderes.

Weil aber nunmal Samstag ist, kann man das Reeperbahn Festival unmöglich mit ruhigen und feinen und innigen Tönen beenden. Also geht es zu einem letzten gemeinsamen Ziel: Dem Rock Café St. Pauli. Wo nochmal ein Abriss der ganz besonderen Art auf uns wartet: Das Album von Heyrocco aus Nashville heißt "Teenage Movie Soundtrack", und genau so klingt es auch. Es geht um Mädchen, um Alkohol und um unangenehme Begebenheiten mit ersteren - "When you undo my belt, I melt", you know what they're talkin' about. Das klingt reichlich infantil, aber das macht nichts. Das Trio wirkt so herrlich aus der Zeit gefallen mit seinem Sound, der zwischen College Punk-Catchiness und Pavement-Rougness pendelt, das man sich zeitweise vor einer JuZ-Bühne Ende der 1990er wähnt. Als ein Typ Sänger Nate Merli mit dem Smartphone filmen will, bellt ihm dieser ein so galliges "Fuck you!!!" entgegen, als hätte er noch nie ein solches Ding gesehen, weil es halt noch gar nicht erfunden wurde. Ja, und am Ende zieht Merli sich aus und vögelt seine Gitarre. Nee, too much ist das nicht, es ist einfach eine gnadenlos gute und konsequente Show mit ebenso gnadenlos guten Songs und somit das perfekte Finish für ein wahnsinnig starkes Festivalwochenende.

Wenn wir zurückschauen, bleibt das Gefühl, irgendwie sehr vieles richtig gemacht zu haben. Sich aus der Masse an spannenden Bands und Künstlern etwas ausgesucht zu haben, das uns unvergessliche Momente beschert hat; wenigstens einen an jedem Tag, an den wir noch lange denken werden. Das ist letztlich ja auch der Reiz am Reeperbahn Festival, wenn man nicht ganz fest zur Branche gehört und Termine abtingelt: Man versucht zwar, akribisch zu planen, aber letztlich läuft es doch irgendwo darauf hinaus, dass man entdeckt; man lässt sich treiben, man stolpert über Dinge, kommt hier zu spät und da nicht rechtzeitig und wenn man wegen eines guten Gesprächs oder einem guten Burger eine Band verpasst, dann ist der Ersatz eben mindestens adäquat. Man trifft auf Freunde, Weggefährten, Konstanten in dieser schnelllebigen Musikwelt, die man immer wieder sehen möchte, vor oder auf der Bühne, an der Theke, auf der Straße, die alle hier irgendwo verstreut zwischen Molotow, Moondoo und Terrace Hill auf eine Umarmung warten. Ja, ein gutes Gefühl.
Hamburg und sein Reeperbahn Festival, die sich nun seit zehn Jahren ganz fest im Arm halten, sind wie gemacht dafür, diesem Gefühl eine Bühne zu bieten. Als ich einen Bekannten treffe und ihn frage, wie es ihm geht, sagt er: "Ich bin im Himmel."
Ich denke, das können wir unkommentiert so stehen lassen.
Text: Kristof Beuthner
Fotos: Stefan Kracht