Die Berlinerin Theresa Stroetges ist bereits seit 2007 mit ihrem Solo-Projekt golden diskó ship unterwegs und veröffentlicht dieser Tage ihr zweites Album »Invisible Bonfire« (Spezialmaterial), welches ein weiteres Mal ein an Effekten und Ideen bald überborderndes Werk ist. Im Vorlauf der Veröffentlichung des neuen Albums gab sie folgendes Interview, in dem es neben den neuen Songs unter anderem auch um ihre Videoarbeiten und über die Hintergründe der Entstehung ihres neuen Albums geht.
Aiva Kalnina: In vielen der Songs deines neuen Album wird durch klare Gitarrenmelodien und Gesang eine angenehme Stimmung aufgebaut, die im Laufe des Songs tieffrequente elektronische Klänge und manipulierter Stimme ins Bedrohliche oder Unheimliche kippen. Diese Zweiteiligkeit zeigt sich auch an Doppelsongtiteln wie »Say Goodbye To This Island - Over And Out« oder »New Year/Under The Wave«. Siehst du ein bestimmtes Verhältnis von Befremdlichkeit (auf Ebene der einzelne Songelemente etwa) und Vertrautwerden mit den Songs, also deren Eingängigkeit und woraus diese entsteht?
Theresa Stroetges: Auf jeden Fall. Ich finde es sehr interessant, wenn innerhalb eines Songs eine Spannung zwischen Vertrautheit und Befremdlichkeit aufgebaut wird. Es gefällt mir, beim Musikhören eine Unsicherheit zu verspüren, was als nächstes passieren wird, oder überrascht zu werden. Meiner Meinung nach ist Entwicklung über Zeit eines der wichtigsten Elemente von Musik, und ich versuche, diese so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten.
A: Um einmal speziell auf den Einsatz deiner Stimme zu sprechen zu kommen: Es gibt, vor allem auch bei deinen Live-Auftritten und im Gegensatz zu
deinen früheren Aufnahmen, nur noch wenige Stellen, an denen keine Effekte auf deiner Stimme liegen und an denen so etwas wie Text erkennbar bzw. verstehbar ist. Verfasst du deine Songtexte noch im Hinblick auf ihre Inhalte oder ist der Text nur noch interessant hinsichtlich dessen, wie er sich musikalisch einsetzen lässt?
T: Der Inhalt der Texte ist mir definitiv wichtig, obwohl ich auf dem neuen Album immer weniger Geschichten erzähle. Songtexte sind auf der neuen Platte oft auf einen bis zwei Sätze reduziert, die eine Situation, eine Stimmung oder einen Zustand eher andeuten als aussprechen. Dennoch trägt ihr Inhalt entscheidend zu dem Setting, in dem sich der Song abspielt, bei. Auf der Platte kann man die Texte durchaus verstehen. Wenn die Worte, die ich singe, live nicht klar verständlich sind, sondern eher als klangliche Andeutung einer Atmosphäre oder als unverständliche sprachliche Äußerung fungieren, stellt das für mich allerdings auch kein Problem dar. Ich verstehe meine Stimme als eines der Instrumente, die mir zur Verfügung stehen, und mich interessiert ihr Potenzial, sowohl menschliche als auch digitale Assoziationen auszulösen und sich zwischen der inhaltlichen Bedeutung von Worten und ihrem reinen Klang zu bewegen.
A: Bei Konzerten zeigst du während deines Auftritts Videos zu den einzelnen Songs. Handelt es sich dabei komplett um Filme, die du selber in Hinblick auf die Songs erstellt hast oder wie entstehen diese Videos?
T: Normalerweise fange ich mit der Arbeit am Video an, wenn ich einen Song fast fertiggestellt habe. Dabei benutze ich ausschließlich selbst gefilmtes Material. Für mich ist das Video wie ein weiteres Instrument, welches zur Gesamtatmosphäre beiträgt, und ich verwende meist schlichte Motive und wenig Effekte. Erst wenn auch das Video fertig ist, fühlt sich ein Track wirklich abgeschlossen an.
A: Einige Sequenzen in den Videos wirken auf mich wie visuelle Fieldrecordings und auch in deinen Songs verwendest du offenbar draußen gefundenes Tonmaterial. Sammelst du viel Material und hast du eine Methode wie du dein Material (aus-)sortierst, ordnest und veränderst um es in deine Songs und Videos einzupassen?
T: Die Bezeichnung visuelle Fieldrecordings gefällt mir sehr gut. Ich sammele das Videomaterial tatsächlich in meinem Alltag an, indem ich alles, was mir filmreif erscheint, aufnehme. Während ich an einem Song arbeite, suche ich dann aus diesem Archiv Material aus, was mir passend erscheint, kombiniere einzelne Elemente und schneide sie auf den Track. Die Videos entstehen also im direkten Zusammenhang mit der Musik und würden ohne die Songs wenig Sinn machen. Bei dem Video zu »Little Stream«, bei dem ich mich beim Schwimmen filme, war es anders. Da hatte ich noch bevor der Track fertig war eine konkrete Idee, die ich dann in die Tat umgesetzt habe, anstatt passendes Material auszusuchen, was ich bereits vorher aufgenommen hatte.
A: Wenn du live zu den Videos performst, schränkt es dich in deinen Möglichkeiten die Songs auszudehnen oder etwas dazuzuimprovisieren ein?
T: Es stimmt, dass ich live die Länge eines Songs oder einzelner Teile nicht variieren kann. Dennoch ist es möglich, innerhalb des Rahmens, den das Video festlegt, zu improvisieren, z. B. mit anderen Effekten, Sounds, Melodien, Instrumenten, etc.; alles außer einer anderen Dauer bleibt möglich.
A: Für »Invisible Bonfire« bist du vom Label Klangbad, welches vor allem aufgrund der engen Zusammenarbeit mit Faust und anderen Krautrock-Pionieren bekannt ist, zum hierzulande kaum bekannten Schweizer Label Spezialmaterial gewechselt. Die Bands auf Spezialmaterial sind hierzulande kaum bekannt und überhaupt wird Musik aus der Schweiz hier kaum rezipiert. Was gibt es einerseits über deinen Label-Wechsel zu sagen und andererseits über die Präsenz von Schweizer Bands und Labels in Deutschland? Gibt es einen Austausch zwischen dir oder anderen KünstlerInnen aus deinem Umfeld mit Schweizer MusikerInnen?
T: Die Leute von Spezialmaterial habe ich vor einigen Jahren bei einem golden diskó ship Konzert im Ausland in Berlin kennengelernt. Sie haben mich gleich eingeladen, ein paar Konzerte in Zürich zu spielen und ich war sehr beeindruckt von der stilistischen Vielfalt und der Qualität der Spezialmaterial-Releases. Als mein Album fertig wurde, befand sich Klangbad gerade in einer Phase der Umstrukturierung, in der es unsicher erschien, ob bzw. wann sie meine Platte würden herausbringen können, und so kam »Invisible Bonfire« zu Spezialmaterial. Ich kenne tatsächlich selbst auch nicht viele Bands aus der Schweiz, die in Deutschland präsent sind, aber die Acts auf Spezialmaterial kann ich auf jeden Fall sehr empfehlen!
»Invisible Bonfire« ist bereits im November auf Spezialmaterial erschienen. Die Record-Release-Party findet Mitte Januar statt:
17.01. INVISIBLE BONFIRE RECORD RELEASE PARTY - Ausland, Berlin
mit SILJE NES und DJ SPATZHABIBI