Das Bielefelder Label Kapitän Platte ist auf der guten Seite. Man lebt dort ausschließlich die Liebe zum Vinyl; hat sich darauf spezialisiert, feine CD-Releases von u.a. Midsummer (Hirsch Effekt) oder And The Sound Records (EF; Immanu El) auf schwarzes Gold zu pressen (teils zum VÖ, teils später).
Und man ist bei der Qualität des Outputs auch musikalisch erstaunlich treffsicher. Man spürt, dass hier Musikmenschen am Werk sind, die ihr Herz gerne in Klang verpacken und an Gleichgesinnte verteilen wollen. Karl Geweke, Christian Pietschmann und Tanja Schrammen veröffentlichen "Musik, die uns gefällt und noch nicht auf Vinyl herausgekommen ist. Dabei kann es sich um fast alles handeln, Hauptsache: wir lieben es" (Zitat Ende). Das reicht von einer wundervollen Split-7" von Gisbert zu Knyphausen und der Band Lichter (um die es leider sehr still geworden ist), die jeweils einen Song des anderen coverten, über das Bombast-und-Lärm-Meisterwerk von The Hirsch Effekt und den Lokalmatadoren von The Von Duesz bis hin zum Gesamtwerk unserer Lieblingsschweden von Immanu El, deren Wiederauflage des ersten Albums "They'll Come, They Come" im April bei den Bielefeldern erscheinen wird.
Da verwundert es fast, dass das Label erst jetzt mit einer kleinen Werkschau in Form eines hübschen Digipak-CD(!)-Labelsamplers mit teilweise aus dem Label-Repertoire stammenden, teils noch unveröffentlichten und teils sogar in ganz Europa noch nicht erschienenen Stücken daher kommt. Das Ganze hat man in wirklich bestechend liebevoller Hörspiel-Optik aufgemacht, die an schönste Kinderzeiten erinnert und zu der der Titel "Kapitän Platte ...und der Rest findet sich" famos passt. Dreizehn Stücke sind darauf vertreten, aber da der Käptn unter anderem eine innig aufrecht erhaltene Liebe zum Postrock pflegt, ist die Spielzeit compilationgerecht adäquat lang.
Also da wären: Die tollen Isländer von Lockerbie, die mit ihrem Hit "Laut" im vergangenen Jahr die Brücke zwischen Sigur Rós und den Fleet Foxes bauten. Die (wie gesagt) von uns innig geliebten Immanu El mit ihrem zeitlos schwelgerischen "On Wide Shoulders". Die mir vorher noch gänzlich unbekannten Halo Of Pendor mit einem sehr organischen Postrock-Folk-Stück namens "Heart In My Hand" (vollkommen passend betitelt). Und Geheimtipp Joasihno mit seinem filigran-verspielten "A Secret Eye", einer Art One-Man-Efterklang und total faszinierend.
Dann wird es lauter, hier in Form der liebgewonnenen Instrumental-Postrocker Instrument mit dem wundervoll schleppenden "Sunday Best" und "Rauta" von Sonson, deren gleichnamige Single-Vinyl vor kurzem erschien. Nihiling fahren in "Sirens" starke Gitarrenwände auf und bringen das Solo vor luftleerem Raum zurück. Und The Hirsch Effekt, eine der derzeit sicherlich intensivsten deutschen Bands, sind mit ihrem überdimensional großen "Mara" vertreten.
Die Neo-Punks von Adolar schlagen mit "Vituperator" sanfte, aber nicht weniger dringliche Töne an. Ein großer Gewinn ist auch Zinnschauers "Schlafes Bruder", der an große Texter wie Tobias Siebert von den schmerzlich vermissten Klez.e erinnert. Und dann sind da noch die Schweden von EF, die mit ihrem getragenen "Au Revoir Dear Traitor" daran erinnern, warum man sie wirklich dringend entdecken sollte. The Von Duesz sind ja sowieso immer eine sichere Bank und steuern mit "Evocation" ein weiteres Highlight bei. Und Bluebridge The Quartet sind mit ihrem angejazzten "Chasing Cars" eine spannende Bereicherung.
"...und der Rest findet sich" ist somit eine ganz und gar gelungene Einführung in die Arbeit der Bielefelder Kapitäne, die wirklich großen Appetit macht auf mehr von jeder einzelnen Band, jedem einzelnen Künstler. Das ist Musik, die es verdient, auf Vinyl gepresst, zwischendurch gewendet und aufgesogen zu werden. Und die Stücke sind allesamt auf ihre Weise höchst innige Angelegenheiten, bei denen man merkt, wie wichtig sie den Labelmenschen sind, so dass sie sich die Mühe gemacht haben, sie sorgfältig auszuwählen und stimmig aneinander zu reihen. Somit ist dieser Labelsampler nicht bloße Promo, sondern tatsächlich ein liebevoll zurecht gemachtes Potpourri mit riesengroßer Klasse, das dringend Gehör finden sollte.
Text: Kristof Beuthner