Rezensionen 20.03.2013

Kurzkritiken #02/13. Mit Liedfett, Bosse, Heisskalt, Blockflöte des Todes u.a.

Unsere zweite 2013er Ausgabe der Kurzkritiken bleibt mal in hiesigen Gefilden und lässt Künstler und Bands zu Wort kommen, die sich in deutscher Sprache mitteilen mögen. Das Spektrum reicht von Liedermacherpop über Düsterpunk bis hin zum fast schon verschwundenen Dadaismus.

Heisskalt - Hallo (Mit Liebe gebraut) EP [Chimperator]

Chimperator! Das ist doch das Label, dem wir Cro zu verdanken haben! Von dem man ja halten kann was man will, aber es ist doch tausendmal angenehmer ihm zu lauschen, als, sagen wir, Bushido. Doch um Cro geht's hier gar nicht, sondern um Heisskalt, deren EP "Hallo (Mit Liebe gebraut)" zeigt, wie man das heute so macht in deutschsprachigem Grenzgängerrock. Zwischen Indierock-Finesse der frühen Madsen und Haudrauf im Sinne von Kraftklub werden einem hier fette Riffs und jugendliche Gefühlswelten um die Ohren geschlagen, dass es nur so kracht. Da es in den guten Momenten Richtung A, in den schlechten eben aber auch Richtung B tendiert, bleibt das Fazit irgendwie gemischt. Da passt der Bandname ganz gut: Nicht heiß, aber auch nicht kalt ist dieser Sound, aber die Band weiß definitiv, womit sie sich derzeit in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit spielen kann. Die Tour mit Jennifer Rostock ist gebucht, Erfolg sollte ihnen somit absolut beschieden sein.

Liedfett - Klarkomm [Ferryhouse Productions / Warner]

Es existiert ja schon seit geraumer Zeit eine neue Richtung deutschsprachiger Liedermacherei, bei der man als Rhythmusinstrument vornehmlich die Cajon entdeckt hat und bei der man mit eingestöpselten Gitarren nur zum lauter machen agiert. Liedfett aus Hamburg passen in diese Schublade (obwohl das ein böses Wort ist); "Klarkomm" ist ihr zweites Album nach dem 2011er Werk "Kochbuch". Vor allem live erfreut sich das einiger Beliebtheit, auf Platte ist die Musik des Trios um Daniel Michel vor allem handwerklich sehr respektabel. Tempomäßig sind die Jungs variabel, der Drive den sie mit dem Minimum an Instrumenten entfachen aber durchaus einnehmend. Die Texte drehen sich um hosentaschenphilosophisch begründete Werte, ein bißchen Liebe und einen biergetränkten und verrauchten Slacker-Alltag, den überzeugte Arbeitslose und Studenten mit Hang zum Lernen durch Leben gleichermaßen für sich verinnerlichen können. Und "Luna sieht dunkel" mit seinen Streichern und dem mehrstimmigen Gesang ist ein wirklich hübsches Stück Pop. Geht gut klar, das alles!

Kollektiv Barner 16 - Kollektiv Barner 16 [16rec / Cargo]

Die Barner 16 - Das ist ein altes Gebäude, in dem ein großes Kollektiv (man spricht von 100 Leuten) an Musikern und Künstlern mit und ohne Handicap auf einem illustren Arsenal alter und neuer Instrumente und Produktionsequipment mal eben genau die Platte macht, die ihnen allen zusammen am Herzen liegt. Mit dabei sind unter anderem Alex Tsitsigias (Ex-Schrottgrenze), Kevin Hamann (Clickclickdecker) oder Christian Fleck (Station 17). Und an das Projekt des letzteren erinnert auch die musikalische Idee des Kollektiv Barner 16, die ein bunter, streckenweise dadaistischer, immer aber hochambitionierter und brodelnder Mix aus Rock, Pop, Funk, Soul und Jazz geworden ist. Das ist ein Wahnsinn in Tüten, der natürlich so heterogen klingt, als wäre es eine riesengroße Compilation, bei der eigentlich alles überhaupt nicht zusammen passt, die aber durch diese immense Vielschichtigkeit auch wirklich spannend zu hören ist. Das Album ist schier unkategorisierbar, ist aber für Genre-Wanderer so ertragreich wie eine Schnitzeljagd mit anschließendem Eisessen. Chapeau!

Blockflöte des Todes - Ich habe heute Ananas gegessen [Heart Of Berlin / Universal]

Jo. Die Blockflöte des Todes schlägt wieder zu, und wer die Band bzw. Matthias Schrei mit seinen je nach Besuchstag wechselnden Gastmusikern (hier: Sven van Thom oder Diane Weigmann) noch nicht kennt, wird spätestens beim Albumtitel nichts anderes erwarten als hübsch trashigen Dada-Indiepop mit viel Gespür für Sprachwitz und popmusikalische Finesse. Es gibt lustige Sichten auf den Alltag als Musiker und als Mensch sowieso, aber man muss mit dieser Art von Humor auch klar kommen, man muss sich darauf einlassen wollen, durch Matthias Schreis Augen zu sehen und Dinge durch sein Verständnis von Witzigkeit witzig finden können. Man muss mit diesem lakonischen Gesang und mit Texten wie "Ich bin ein neugieriger Mensch, ich muss alles mal probieren, daher weiß ich: mit elektrischen Zahnbürsten können nur Frauen masturbieren" oder "Cathrin, ich interessier / mich für Beischlaf mit dir" auskommen wollen. Das ist in seiner Albernheit aber halt alles schon auch sehr clever, definitiv aber irgendwie auch so völlig Geschmackssache.

Bosse - Kraniche [Vertigo / Universal]

Je länger Bosse Musik macht, desto größer wird die Schar derer, die einen Sinn in seinem Schaffen finden. Ich konnte nie viel mit ihm anfangen. Seine Texte berührten mich kaum, den Sound kannte ich schon von anderen, es war mir irgendwie alles zu wenig eigen. Aber ich erkenne, dass er sich als Künstler entwickelt, und "Kraniche" markiert ganz klar einen Höhepunkt in seinem Oeuvre. Es ist sein reichst instrumentiertes Album, und das steht ihm. Es ist sicherlich auch irgendwo das poppigste, aber ein Gisbert war Bosse eh nie. Doch es schafft weitaus mehr Intensität als Artgenossen wie Philipp Poisel das hinbekommen. Ich weiß auch nicht, was das ist: Es stellt sich beim Hören eine seltsame Verbundenheit ein, und doch finde ich nicht wirklich Anschluss. Da ist Stadtromantik, da ist Namedropping wenn sich Bosse eine Neill-Young-Platte und ein Nirvana-Shirt kauft, und da ist Gedankenreichtum, der eine intelligente Jugend erreichen wird, aber für Genrekundige dann doch wieder zu wenig sensationelles oder überraschendes bietet. Das soll beileibe kein Verriss sein: "Kraniche" ist Bosses bestes Album. Doch noch ganz bricht das Eis zwischen uns noch nicht. Aber es schmilzt.

Die Nerven - Fluidum [This Charming Man / Cargo]

Über den Trend, Deutschpunk wieder auf anspruchsvolle Weise zurück in den Fokus zu hieven, wurde an dieser Stelle vor kurzem schon ausgiebig doziert. Frau Potz, Captain Planet, Love A, Feine Sahne Fischfilet - und jetzt Die Nerven mit ihrem Album "Fluidum" und letztlich einem weiteren guten, aber nicht einfachen Beitrag zum neu belebten Genre. Doch hier geht man eher den Schritt zurück nach vorne, man klingt in einem Sinne retro, der bedeutet, dass hier betont rumpelig und schepperig produziert wurde; das Vocals sich überlagern, wild durcheinander geshoutet wird und die Stimmen auch schon mal eher aus dem Hintergrund schallen statt präsent oben drüber zu liegen. Understatement ist das Zauberwort, und klar, das passt zum Punk und seiner Attitüde, aber in einer Zeit, in der Attitüde problemlos anzueignen und kopierbar ist, kommt es darauf an, was der Künstler bzw. die Band daraus macht. In diesem Fall eine sehr spezielle Platte, die weh tut beim hören, weil sie mit Feelgood nichts zu tun hat, sondern düster kracht und wirkt, als wolle ständig ein innerer kleiner Mann aus deinem Kopf ausbrechen. Nicht jedermanns Sache, aber durchaus hörenswert.

 

Text: Kristof Beuthner