Rezensionen 01.12.2015

Lubomyr Melnyk - Rivers And Streams [Erased Tapes / Indigo]

Zwischen all den Neoklassizisten, die nach und nach auch in der Popwelt wahrgenommen werden, ist der Ukrainer Lubomyr Melnyk einer der filigransten. Sein drittes Album auf dem großartigen Erased Tapes-Label hat er nun einer großen Liebe gewidmet.

Lubomyr Melnyk ist seit jeher fasziniert von Wasser. Als Element, als Organ unbändiger Kraft und Freude, als Lebensspender. Der intensive, ständige Fluss seines Klavierspiels lässt einen Albumtitel wie „Rivers And Streams“ ohnehin beinahe zu einer Zwangsläufigkeit werden. Schon in seinen früheren Werken konnotierte er seine Musik immer wieder damit; umso konsequenter ist es daher, dass nun ein vollständig vom Wasser inspiriertes Album erscheint. Über sechs Stücke zelebriert er in dem ihm so herrlich eigenen, irrsinnig schnellen und komplexen Spiel seine Liebe und Verehrung für dessen natürliche und lyrische Vielfalt und dem, wofür es steht. Auf „Parasol“ beginnt die Reise mit einem zarten Tröpfeln. In "The Pool Of Memories" fängt Melnyk an, sich zu bewegen mit gedankenvollen Blicken auf den sich permanent bewegenden Strom; der stete Fluss des Wassers steht hier metaphorisch für den nie anhaltenden Verlauf des Lebens und Melnyks Klaviermelodien streifen sehnsüchtig die ganze Bandbreite an freudigen und schmerzvollen Erinnerungen. Gerade bei diesem Stück ist der ständige emotionale Richtungswechsel faszinierend und berührend zugleich. In purer Schönheit versinkt „Sunshimmers“; natürlich gibt auch hier der Titel eine Richtung an; es ist ein sehr zärtliches Stück, in das sich sanfte Gitarrenklänge mischen und das das Spiel mit Licht und Farbe beim Einfall des Sonnenlichts auf eine Wasseroberfläche überaus feingliedrig einfängt. „Ripples In A Water Scene“ lässt dunkle Wolken heraufziehen und feinen Regen Wellen in das ruhige Bild schlagen, ohne es je vollends zu zerstören; es wirkt mehr wie eine stete Unsicherheit, die einfach nicht verschwinden will. Und auf dem zweigeteilten „The Amazon“, auf dem sich verjazzt-atonale Bläser und eine Panflöte ein Stelldichein geben, huldigt der Pianist der Urgewalt und der Mystik des größten Flusses der Welt.

Das Spannende an dieser Musik ist neben ihrer Filigranesse ganz sicherlich ihre emotionale Tragweite, die Lubomyr Melnyk durch das reine Benennen von Wasserbildern oder –phänomenen in den Titeln der Stücke erst einmal bewusst draußen lässt. Die Verbindung zum Wasser ist offensichtlich erst einmal nur eine um ihrer selbst willen existente; alles, was wir selbst mit diesem Element verbinden, was es für uns kontemplativ macht und erhebend und entspannend und majestätisch, bringen wir selbst mit. Wie Immanu Els „In Passage“ – bis dahin mein wichtigstes mit Wasser in Verbindung stehendes Album – durch die Texte zu einer Liebeserklärung an den naturgewaltigen Ozean und alles, was wir in ihm verlieren oder gewinnen könnten wird, lässt uns Lubomyr Melnyk mit der Suggestion seiner Musik alleine. Weil er aber eben auch ein Lyriker ist und die Poesie seines Spiels in Verbindung mit den Fragmenten, die er uns an die Hand gibt, eine Menge Anknüpfungsmöglichgkeiten bietet, fühlen wir uns nach diesem Kunstwerk nicht umsonst so, als hätte er unser Gedanken in Wasser und das wiederum in Musik gefasst. Eine in jeder Hinsicht erfüllende Erfahrung und ein grandios verbindendes Klangkleinod.


Text: Kristof Beuthner