Klar kann man das überall nachlesen, und natürlich weiß es irgendwie jeder längst, und es zu sagen, wäre so gesehen im Grunde obsolet, aber ist es nicht wirklich immer wieder faszinierend, wie viel fantastische Musik eine so kleine Insel wie Island hervorbringt?
Um die 330.000 Einwohner hat das skandinavische Land, das ist etwa die Hälfte vom Bundesland Bremen, und so viele wahnsinnig interessante Musiker. Irgendwas muss dort im Trinkwasser sein. So. Jetzt lassen wir die Phrasen und die Fakten, die eh jeder kennt, mal beiseite und sprechen über das neue Album von Myrra Rós, das "One Amongst Others" heißt, was in diesem Zusammenhang fast schon wieder ein bißchen witzig ist. Denn obwohl das, was es hier zu hören gibt, sich sicherlich einreiht in die große Zahl isländischer Künstler, die diese besondere leidenschaftlich-romantisch-melancholische Mischung aus karger Landschaftsromantik und strahlendem Grüngold heraufbeschwören, ist es in seiner Klasse in keinster Weise dazu gemacht, sich hinter irgendetwas oder irgendwem zu verstecken. Myrra Rós verfügt über eine wunderbar klar-intensive Stimme, deren Intensität Gänsehaut macht und die so wunderschöne Melodien singt, dass man die Augen schließen und vom Himmel träumen möchte. Die Namensnähe zu einer gewissen anderen isländischen Band findet sich im Sound, der dieser Stimme ein Bett ist, durchaus (wenn auch eher insgesamt zum Folk tendierend) auch wieder - schleppende Postrock-Percussion, betörende Streicher und zart touchierte Gitarrensaiten und Klaviertasten heben Myrra Rós' teils isländisch, teils englisch gesungenen Weisen in himmlische Hören.
Zwei Stücke machen die Diversität des Albums sehr gut greifbar. Während auf "Eins og thu serd" von der Holzhütte aus bei Kerzenschein beobachtet werden kann, wie sich über dem Meer ein Sturm zusammenbraut - es ist gemeinsam mit dem Titelsong vielleicht das Sigur Rós-nächste Stück auf "One Amongst Others" - erinnert das darauf folgende "Paperplane" in seiner Zärtlich- und Klarheit an die schmerzlich vermisste Eva Cassidy und folgt somit eher amerikanischer Folktradition. So ist "One Amongst Others" ein wundervoll facettenreiches, durch und durch romantisches Stück Islandmusik, das sich nicht darum scheren sollte, dass man es auch genauso hat erwarten dürfen, dem Island-Stempel sei Dank. Myrra Rós mag in ihrer Kunst eine unter vielen sein - aber unter den Großartigen eine von vielen zu sein, macht einen nicht weniger großartig.
Text: Kristof Beuthner