Neuigkeiten 19.08.2016

Neu-Kölln: Nillson empfiehlt das "Pop-Kultur" Festival 2016.

Branchentreff? Showcase? Festival? Plattform zum wissenschaftlichen und interdisziplinären Austausch? „Pop-Kultur“ ist von allem ein bisschen und gerade das macht das Projekt der Musicboard Berlin GmbH so bereichernd für die Musikszene der Hauptstadt. Das Format fand im vergangenen Jahr zum ersten Mal statt und trat direkt vom Start weg als Ankerpunkt des Business in Berlin auf.

Vom Mythos Berghain zieht die "Pop-Kultur" 2016 knapp fünf Kilometer südlich in den Neuköllner Rollberg-Kiez und erobert Clubs, Bühnen, Kinos und Industriehallen des Stadtteils. Während die 2015er Ausgabe (wir berichteten) für zu wenig Publikumsnähe kritisiert werden konnte, wirkt das Festival 2016 also direkt in der urbanen Herzschlagader der Stadt. Der Locationwechsel ist dabei kein allzu gewagter Schritt, zumal sich dadurch hervorragend zu bespielende Plätze auftun.

Das Vollgutlager in der alten Kindl-Brauerei, das gemütliche Prachtwerk an der Karl-Marx-Straße, der äußerst konzerterprobte Heimathafen Neukölln, das SchwuZ als Institution der schwulen Szene der Hauptstadt oder das tolle Filmkunstkino Passage sind nur einige der Locations, in denen sich vom 31.08.-02.09.2016 die internationale Musikszene präsentiert. Der Wechsel nach Neukölln macht eine größere Bandbreite an Events möglich.

Die erkenntnisreichen Diskussionen zum Beispiel gingen 2015 im monströsen Berghain teilweise verloren. In der Berghain-Kantine wurde es hingegen bei Kritikerlieblingen wie Die Nerven recht kuschelig. Man darf also berechtigterweise von einen gut kalkulierten Neustart sprechen. Die Qualität der Acts bleibt dabei selbstredend konstant hoch. 

Wie bei der 2015er Ausgabe, kann sich der Festivalbesucher aus einer Fülle von Modulen (DJ Sets, Lesungen, Konzerte, Talks) entscheiden. Jede Veranstaltung ist einzeln zu buchen. Am Festivalmittwoch ist der britische Punkchronist Jon Savage im popkulturellen Gespräch mit dem Video-Künstler Phil Collins, bevor sich in Huxleys Neuer Welt feinster Indiepop von Roosevelt, Electronica von Brandt Brauer Frick und ein exklusives DJ-Set von Metronomy anschließt. Wir düsen vielleicht ein bisschen früher vom Huxleys in Richtung Passage Kino, um dem sicherlich interessanten Talk zur Einflussnahme von Depressionen auf Popmusik zu lauschen und danach zu erfahren, wie der ehemalige Sänger von Wire, Colin Newman, und der Ostberliner Post-Rock-Pionier Ronald Lippok die Entwicklung des deutsch-britischen Musikaustauschs nach der Pro-Brexit-Entscheidung einschätzen.

Uns bliebe dann bis Donnerstag 22.00 Uhr Zeit zum Verschnaufen, bevor uns im SchwuZ eine extravagante Mischung aus Hip Hop, Indierock, Elektro und Punk erwarten. Pop-Jams von U.S. Girls, Postpunk der Hamburger Trümmer, alternativer Soul von SassyBlack und fluffiger Rock'n'Roll von Ezra Furman geben sich die Klinke in die Hand. Es darf dann natürlich auch am Freitag wieder diskutiert werden, wenn Ryan Mahan, Bassist der amerikanischen Band Algiers, die sich fortwährend gegen Rassismus und Kapitalismus stellt, sowie der Journalist Josh Hall unter der Fragestellung "Kann man den Klang der Enteignung hören?" erörtern, wie sich Neo-Kolonalismus in der Musik äußert. 

Besonders gespannt sind wird auf den Freitag im Prachtwerk mit den Schweizern Fai Baba, Trip-Hop von Ana Ana und dem quasi legendären Joel Gibb von den Hidden Cameras. Tellavision stellt dann mit ihrem expressionistischen, innovativen Post-Pop-Sound den würdigen Schlusspunkt des Festivals dar. 

Alles bleibt also anders. Und die "Pop-Kultur" bleibt kein festgefahrenes Gebilde, sondern steht für Erneuerung und Innovation in einer Branche im Aufbruch. Das Festival stellt die richtigen Fragen. Zentral: Was kann Popkultur zur Entwicklung der postmigrantischen Gesellschaft beitragen?

"Pop-Kultur" hält sich selbst den Spiegel vor, deckt Schwächen der Branche auf und erarbeitet Lösungsvorschläge. Konsequent also, dass auch in diesem Jahr wieder ein Nachwuchsprogramm angeboten wird, in dem junge Talente aus allen Disziplinen auf Musikerinnen und Musiker sowie Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus der Branche treffen und mit ihnen gemeinsam diskutieren und produzieren. Das unterstreicht den Anspruch des Festivals als "produktives Labor zur Ideenverwirklichung" zusätzlich.

Nillson empfiehlt euch die "Pop-Kultur" außerordentlich. Wenn das auch für euch spannend klingt, freuen wir uns euch in Neukölln zu sehen. Bei der Buchung von fünf oder mehr Modulen winken 20 Prozent Rabatt. Bei der Buchung von drei Modulen immerhin bereits 10 Prozent.

Zu viele Informationen? Hier nochmal die harten Fakten in Kürze:

Was? "Pop-Kultur" Festival 2016
Wann? 31.08.-02.09.2016
Wo? Berlin-Neukölln
Wie viel? Tickets gibt es je nach Veranstaltung ab 5 Euro. Hier findet ihr den Vorverkauf.

Wer?



Text: Daniel Deppe
Fotos: Ronald Owsnitzki, Pop-Kultur, Roosevelt, Ezra Furman