Einer der spannendsten Künstler, über den man in diesem Jahr stolpern könnte, ist der gebürtige Spanier Rauelsson. Der Musiker aus dem Dunstkreis von Ikonen wie Peter Broderick und Nils Frahm legt mit seinem neuen Album "Vora" die Messlatte für cineastische Neoklassik hoch.
Bisher beherrschte er auf seinen Veröffentlichungen beim in Portland, Oregon, ansässigen Label Hush Records auf äußerst faszinierende Weise die Bandbreite zwischen sanften, in spanischer Sprache gesungenen Melodien und wundervoll arrangierten Soundflächen, seinen Höhepunkt findend im Epos "Réplica", das er zusammen mit Peter Broderick einspielte und das den Kosmos von Rauelssons Schaffen sehr treffend zusammenfasst. Nun liegt das neue Album da, "Vora" heißt es, und es erscheint beim sehr stilsicheren Sonic-Pieces-Label, wo man jeden Tonträger noch von Hand in ein einzigartiges Textilgewand verpackt. Wo man Musik auf eine sehr beeindruckende Art ganz intensiv schätzt und aufbereitet. Da passt dieser Künstler hin.
Für "Vora" verzichtet Rauelsson vollständig auf Gesang und errichtet eine überaus atmosphärische Klanglandschaft, die von kleinen angedeuteten Piano-Melodien über breit arrangierte Orchesterpassagen, pluckernden Synthiebeats (allerdings niemals vordergründig und selbstzweckhaft) und schmeichelnden Streichern bis hin zu sphärischen Soundscapes illustriert wird. Das ist so intim aufgenommen, das man die Finger auf den Instrumenten hören kann; so berückend kontemplativ arrangiert, dass man sich einfach treiben und mitnehmen lassen möchte. Es erinnert zuweilen an das Gesamtwerk Olafur Arnalds', auch aber an die Soundtrack-Arbeiten von Clint Mansell, was das Album eine spürbar cineastische Note tragen lässt. Es ist aufs Zärtlichste friedvoll und melancholisch; es treibt den, der es anhört, wie ein persönlicher Score durch einen eigenen Film vor dem inneren Auge. Dabei erzählt die Musik immer präsent und vordergründig; nimmt nie die Position eines stillen Betrachters ein wie die herrlichen Field Recordings von Federico Durand oder Tomoyoshi Date. "Vora" entbehrt dennoch jeder Interpretation von außen, denn es ist eines dieser Alben, die jeder Hörer für sich selbst interpretieren kann, soll und muss. Herzstück des Ganzen ist das in zwei Teilen präsentierte "Hourglass", wo Rauelsson dann doch Vocals in Form von wirren Stimmen und elegischen Chorälen aufbietet, aber sie bleiben hintergründig, und das sorgt für eine plötzlich heimelige Idee von Geborgenheit, von fremdem, beruhigendem Zuspruch in einem Gefühl selbstreflektiven Alleinseins. "Vora" ist ein in jeder Sekunde belohnender Trip; es ist pure Erfüllung. Ein definitives Highlight des bisherigen Musikjahres.
Text: Kristof Beuthner