Rezensionen 12.09.2015

Rivulets - I Remember Everything [Jellyfant / Cargo]

Ich will das gar nicht immer an Jahreszeiten festmachen. Aber weil der Herbstanfang nicht zu leugnen ist und sich dadurch Platten ins Bewusstsein drängen, die einfach in anderen Jahreszeiten längst nicht ihre intensive Wirkungskraft entfalten würden, muss ich es trotzdem.

Außerdem ist der Herbst in so vielerlei Hinsicht ein super Monat, um Musik zu hören. Am Fenster, mit Kopfhörern und Blick auf das aufgewirbelte Laub und, je nach Tagesform des Wetters, den grauen Himmel hinter einem Regenschleier oder diese besonderen goldenen Sonnenstrahlen, die es nur in dieser Jahreszeit so gibt. Im Bett mit der Decke bis zum Kinn, während es draußen stürmt und der Regen ans Fenster prasselt. Bei langen Waldspaziergängen, während es dafür gerade im richtigen Maße noch nicht zu kalt ist. Eine in hellen Bronzetönen schimmernde Mischung aus Melancholie und Schönheit. Man stelle sich jetzt dieses Bild in Musik vor - das ist eine perfekt Herbstplatte. Wenn darauf Songs enthalten sind, die "My Favourite Drug Is Sleep" heißen, lässt sich ihre Eignung für solche Momente erahnen.

Und da kommen wir zu Rivulets. Was nach Band klingt, ist in Wirklichkeit nur Nathan Amundson, der seit fünfzehn Jahren in punkto musikalischem Output recht fleißig ist. Unter seinem Alter Ego ist "I Remember Everything", das es schon Anfang des Jahres als vinyl-only gab und nun den Weg in die reguläre Veröffentlichungsmaschine geschafft hat, bereits das fünfte Vollwerk, Demo- und Raritätensammlungen nicht mitgerechnet. Für seine Musik umgibt er sich in der Regel mit einem illustren Kreis von Indie-Honorationen; Alan Sparhawk und Mimi Parker von Low, Bob Weston von Shellac oder Chris Brokaw von Codeine, just to name a few. Das lässt dann auch Schlüsse darauf zu, in welche Richtung das musikalisch geht. Die Version von Americana, die Amundson auf Album Nummer 5 spielt, ist gleichermaßen geprägt von Stoizismus und Wärme. Mit einem sehr naturbelassenen Lineup aus Schlagzeug, Gitarre und Bass schickt er zehn Stücke auf die Reise, die in ihrem schleppendem Slowcore und Lo-Fi-Purismus neben den frühen I AM KLOOT an die magischen Low und in ihrer tiefen Melancholie und Melodieführung unter anderem an Gravenhurst erinnern. Die Songs werden getragen von spröden, aber pointierten Drums, den schweren Riffs und der umarmenden Stimme Amundsens und gipfeln nicht selten in nahezu himmlischem drone-nahem Noise. Auch wenn "I Remember Everything" reich ist an Stücken, die nachhaltig im Gedächtnis bleiben - "Summer Rain", "Your Own Place To Ruin", das bereits genannte "My Favourite Drug Is Sleep": Im Herzen des Albums ruht mit dem siebeneinhalbminütigen "Ride On Molina" ihr größtes Glanzstück, ein Tribut an einen anderen großen Schwermütigen, dem 2013 viel zu früh verstorbenen Jason Molina von Songs:Ohia. Dieser Verweis ergibt in jeder Hinsicht uneingeschränkt Sinn - Nathan Amundsons selbstreflektiv-intensive Poesie baut eine Brücke zur großen Kunst Molinas, setzt an ihrer tonnenschweren Traurigkeit an und lässt uns mit repetitiven Chords und anschwellender Grandezza beim Blick aus dem Fenster nachdenklich, berührt und vor allem zutiefst beeindruckt zurück.


Text: Kristof Beuthner