Rezensionen 06.01.2016

Saffronkeira - Synecdoche [Denovali / Cargo]

Der Sardinier Eugenio Caria schließt uns intravenös an den Entstehungsprozess des Universums an und injiziert uns einen Musik gewordenen Trip vom kleinsten aller Teile bis hin zum großen gleißenden Ganzen.

Der Begriff „Synecdoche“ beschreibt die universell verstehbare Zusammensetzung des großen Ganzen aus kleinen und kleinsten Teilen. Unabänderlich. Der Wegfall nur eines der geringsten Elemente macht das Gesamtkonstrukt zu einer lückenhaften Entität. Was physikalisch gilt, kann man durchaus auf uns in unserer Beschaffenheit als Mensch projizieren. Womöglich liegt es daran, dass sich Eugenio Caria für sein neuestes Werk selbst in einen sich aus vielen Bestandteilen manifestierenden Kosmos begeben hat und sieben der neun Tracks mit Unterstützung von Denovali-Labelmates und anderen Wegbegleitern aufgenommen hat. Auf dem in Ambientflächen schwelgenden Opener „Greguería“ assistieren ihm Siavash Amini und Idlefon, Subheim ist auf „Paradigmatic“ dabei, die französischen Witxes dürfen mit „Aforisma“ und „Epifonema“ gleich bei zwei Stücken dabei sein. Der argentinische Cellist Sebastian Plano ist auf „Oeuvre“ zu hören; außerdem sind Mia Zabelka (auf „Chthonian“) und die ebenfalls bei Denovali beheimateten (und ziemlich großartigen) Field Rotation (auf „Syntagmatic“) dabei. Die Vielseitigkeit seiner Gäste fügt sich äußerst sinnvoll in Carias Idee ein. Denn das Ganze, das Vollständige, existiert nicht nur durch Gleichschaltung und Einklang, sondern ebenso durch Diversität und Weite. Dabei ist selbst Saffronkeira anhand seines bisherigen Outputs eigentlich keine durchweg klare Linie im Sinne von Eindimensionalität vorzuhalten; Eugenio Caria experimentiert niemals nur in eine Ecke mit seinen Sounds; seine Alben zeichneten sich immer durch eine weitreichende Auslotung der Ambient-Grenzen aus. „Synecdoche“ fasst das mit seinen breiten Soundscapes, seinen dezent eingefügten und manchmal nur beiläufig wahrnehmbaren Rhythmen und seinem Wechsel zwischen Düsternis und elegischer Schönheit eindrucksvoll zusammen. Und lässt doch eine der ganz zentralen Fakten des universellen Entstehungsprozesses erfreulicherweise aus: Als sich das Universum ausdehnte und sich immer mehr Teilchen zu riesigen Molekularwolken auftürmten, kapitulierten diese vor der eigenen Schwere und explodierten, wodurch die ersten Sterne entstanden, die das Universum erleuchteten. Auf „Synecdoche“ explodiert noch nichts, es bricht noch nichts zusammen, es verharrt zwischen der ersten Fusion und dem drohenden Zusammenbruch. Ein Bild von beängstigender Schönheit, von dunkler Vorahnung einer undefinierbaren Apokalypse und der seltsamen Verheißung eines neuen Lebens in unbeschreiblichem Glanz. Lust bekommen auf (weitere) Interpretationen in Bezug auf uns als Mensch und uns alle als Gesellschaft? Herzlich Willkommen.


Text: Kristof Beuthner