Rezensionen 12.05.2015

Schrottgrenze - Fotolabor 1995-2015 [Tapete / Indigo]

Das fühlt sich unglaublich gut an: Schrottgrenze sind wieder da. Wenigstens erstmal für ein paar ausgewählte Live-Termine. Mit neuer Energie, mit neuem Material. Und einem amtlichen Best-of-Querschnitt durch das Schaffen der Band aus Peine, die sich vom Punkorchester zum Floorfiller in der Indie-Disco mauserte, bevor sie in der Versenkung verschwand.

Dass sie das tat, war damals (anno 2007) eigentlich mit Ansage so gekommen. Denn nachdem sich ein Jahr zuvor die endgültige Metamorphose vom Punk zum Indie mit dem tollen "Château Schrottgrenze"-Album und Hits wie "Am gleichen Meer", "Nichts ist einsamer als das" und dem jetzt für die Werkschau titelgebenden "Fotolabor" noch so eindrucksvoll und kraftstrotzend vollzogen hatte, folgte eben 2007 mit "Schrottism" ein sehr schneller und irgendwie blutleerer Follow-Up, auf dem die Band lyrisch wie soundtechnisch seltsam ausgebrannt anfühlte. Kurze Zeit später war Schluss.

Und ich meine, lyrisch war durchaus einiges gegangen bei Alex Tsitsigias und seinen Jungs. "Fernglas" (vom 2004er "Das Ende unserer Zeit") trage ich immer bei mir: "Wir rauben uns zu gern den Schlaf, und wenn wir zwei uns gegenüber stehn, ist das wie durch ein Fernglas in den Spiegel zu sehn". "Lila will heim" (von "Vaganten und Renegaten") war ein gänzlich unkitschiger Heimweh-Song und somit ein ziemliches Kunststück, und zum liebevoll energischen "Belladonna" durch die Menschenmenge zu springen, gehört zu den besten Erinnerungen an den Festivalsommer 2005. "Mit Stolz und Schokolade in unseren jungen Händen riefen wir dann noch gemeinsam die Geister dieser Sommernacht".

Davor hatte ich persönlich die Band immer eher periphär wahrgenommen, denn der Bandname und der dazu passende Sound der frühen Alben waren nicht meine Tasse Tee. Doch ich erinnere mich, wie die alten Platten im Zimmer meines Bruders rauf und runter liefen, also gehörten sie doch irgendwie dazu.

Auf "Fotolabor", das mit drei leider schon komplett verkauften Reunion-Konzerten gefeiert wird, ist alles drauf. Der Punk, der Rock, der Pop vom letzten Lebenszeichen, ja, auch der gehört eben dazu. Songs wie "Achtundzwanzig" oder "Künstler muss schön sein" sind genauso Vermächtnis wie "Gib mir Reibung, Baby", "Vorstadtpunkermädchen", "Hurenstadt", die "Skyscraper Ballad" oder "The Laird Of John O'Groats".

25 Songs sind auf dieser Compilation. Es ist alles da, was Schrottgrenze ausmachte: Der knallige Punk, die tiefe Melancholie, die freundschaftliche Intensität. Schrottgrenze waren textlich nie abgehoben, hatten immer eine Hand auf deiner Schulter oder einen Ellenbogen in deiner Seite. Und im Zweifelsfall eben eher Dosenbier und Kippe in der Hand als Rotwein und Zigarre.

Und so tut es irrsinnig gut, sich das alles mal wieder anzuhören, weil man inzwischen älter geworden ist und der Lifestyle, den man mit der Musik von Schrottgrenze verbunden hat, mittlerweile fast genauso Erinnerung geworden ist wie die Band selbst. Umso schöner, zu wissen, dass diese Band wieder auf der Bühne steht und Bock hat. Diese Reise ist noch nicht vorbei.

Die beste Nachricht kommt sogar noch: Mit "Zeitmaschinen" ist ein neuer Song auf dem Album, der klingt, als wäre die Band nie weg gewesen. Nach acht Jahren Abstinenz ist das fast das größte Geschenk.


Text: Kristof Beuthner