Rezensionen 29.04.2015

Sufjan Stevens - Carrie & Lowell [Asthmatic Kitty / Cargo]

Die Rückkehr des magischen Sufjan Stevens zum Folk war so nicht anzunehmen gewesen. Aber umso erfreulicher fällt sie aus. Für Liebhaber der Reduktion auf das wirklich Allerwesentliche (nebst etwas sphärischer Klangkunst) ist "Carrie & Lowell" ein heißer Anwärter auf ein ewiges Album.

Ohnehin scheinen auch uns lange bekannte Songwriter noch einmal zu Hochform aufzulaufen, wenn sie sich uns Hörern auf eine sehr deepe und persönliche Weise öffnen. Das war schon im letzten Jahr bei Mark Kozeleks wundervollem "Benji"-Album unter seinem Alter Ego Sun Kil Moon so, und das ist jetzt bei Sufjan Stevens nicht anders. Beide machen uns ihr innerstes Familienalbum weit auf und gewähren uns Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle in Rückblickform. Carrie & Lowell sind die Mutter und der Stiefvater von Sufjan Stevens, speziell zur ersteren gab es kein gutes Verhältnis, so werden wir unter anderem davon in Kenntnis gesetzt, dass sie ihn einmal in einer Videothek vergessen hat. Doch das Album ist keine Abrechung geworden, es wirkt eher wie die Rezitation eines reflektiert geführten Tagebuches in all seiner Melancholie, aber auch in all der Versöhnlichkeit, die es ausstrahlt. Und das macht Stevens eben vornehmlich zur Gitarre und mit zerbrechlichster, hin und wieder ins Falsett kippender Stimme, hier und da lediglich angereichert durch zurückhaltende Background-Chöre und gelegentlich dezente flächige Elektronik und somit bis ans Äußerste intim und innig. Nach seinen soundtechnischen Ausflügen bis in den HipHop hinein ist diese Rückkehr zur Reduktion durchaus eine gute Idee, denn so bewundernswert ich die Vielseitigkeit seines Schaffens immer fand - am meisten bekommt er mich eben in den ganz leisen Momenten wie auf seinem bis dato stärksten Album "Seven Swans".

Erfreulicherweise gelingt es nicht, konkrete Songs aus dem Gesamtwerk "Carrie & Lowell" hervorzuheben, und ich denke, das wird auch so im Sinne von Sufjan Stevens gewesen sein. Es ist eben eher ein Album, das durch seine Gesamtheit spricht und erzählt, und es ist von den ersten Klängen von "Death With Dignity" bis zum letzten Ton von "Blue Bucket Of Gold" nicht weniger geworden als ein kleines Meisterwerk.


Text: Kristof Beuthner