Rezensionen 14.09.2012

The Hirsch Effekt - Holon: Anamnesis [Midsummer / Cargo]

Meine Geschichte mit The Hirsch Effekt? Ja, ich hab grad Zeit, ich erzähl euch die mal. Also ich war mit einem Freund eigentlich beim Trip Fontaine-Konzert, dort waren die Vorband. Wir verpassten Trip, weil unser Zug fuhr, also sahen wir nur The Hirsch Effekt. Von denen wir aber im Endeffekt nicht viel hörten, weil es so unfassbar laut war.

Okay, und wo ist jetzt die Pointe, die mich veranlasst hat, das als Einstieg für die Rezension zum neuen Album "Holon: Anamnesis" zu wählen? So toll ist die Story auch nicht. Nein, es war aber damals schon deutlich, dass zwischen dem Geschrei und dem Geknüppel eine Struktur lag, eine Klasse. Auch, wenn wir damals wenig hörten und demnach wenig angetan waren: Ich war fasziniert, ich wollte das entschlüsseln. Die Texte waren gesellschafts- und systemkritisch, kapitalismusfeindlich oder schlicht verzweifelt, okay, so weit so unspektakulär - aber diese Einflüsse aus Kraut- und Postrock und beinahe schon freejazzigen Eskapaden in Verbindung mit Hard- und Grindcore, die hatte ich schon vorher gehört, bei meinen großen Helden von The Mars Volta. Das gekonnte Changieren zwischen Ruhe- und Ausbruchsphasen, das hatte was. Und jetzt spinne ich den Bogen zu "Holon: Anamnesis", dem Nachfolger des durchaus gefeierten "Holon: Hiberno": Die Hannoveraner sind ihrem Stil treu geblieben. Der Vergleich mit The Mars Volta hinkt übrigens auf die große Distanz und greift allenfalls im Abwechselungsreichtum und im Aufbau der neun übrigens mit etwa "Ligaphob", "Datorie" oder "Limerent" reichlich kryptisch betitelten Stücke, aber es ist ein wirklich faszinierend vielseitiges Album geworden. Es ergeht sich in großem Lärm, und es wird nicht selten einfach fast schon Metal-esk gegrunzt; es wird auch nach Kräften das Instrumentarium traktiert. Was es aber spannend macht, sind die genannten Wechsel in Tempo und sogar fast schon Subgenre des Rock, denn wo mächtige Riffs und apokalyptisch grollende Vocals die dunkelste Seite der menschlichen Seele symbolisieren, passiert auf einmal mitten in den Songs ein Break, es erklingen Bläser, es wird hymnisch, als hielte der Mensch in seiner Verzweiflung inne und öffnete diesen berühmten Spalt, der Licht in den Raum lässt; zwar allenfalls Dämmerlicht, denn "Holon: Anamnesis" versprüht zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise eine positive Stimmung, aber immerhin. Auf "Agitation" lässt sich eher der Vergleich mit einem den dunkelst verhangenen, bedrohlichen Gewitterhimmel erhellenden Blitz ziehen; auf "Ligaphob", dem stärksten Stück der Platte, singen gar die Chöre zu orchestralem Bombast und minimalelektronischen Soundschnipseln, aber es hat einen stets unwirklichen Touch. Die Ruhephasen wirken nie ermutigend, eher lauernd; sich sammelnd, weil man müde geworden ist vom gegen die Wand schlagen und vor dem nächsten Ausbruch eine kleine Pause braucht. Textlich kehren The Hirsch Effekt wieder ihr innerstes nach außen; die Suche nach Sinn und selbst wirkt im höchsten Maße kathartisch, was das Album zu einem absolut intensiven Trip in die düsteren Abgründe von Angst und Schmerz macht. Selbst wenn man diese Art Emotion gerade nicht teilt, entsteht hier beim Zuhören ein ständiges Gefühl der Beklemmung. Ein höchst bewegendes Hörerlebnis. Gut, dass ich nicht locker gelassen habe.



Text: Kristof Beuthner