Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet sich die Nillson-Bande vom Jahr 2012. Lachend, weil es wieder so viel zu entdecken und zu hören gab; weil die Musik immer noch das Schönste und Wichtigste in unser aller Leben ist. Weinend, weil wir seit dem vergangenen Jahr um einige wichtige und prägende Menschen ärmer sind. Wir haben die 30 besten Platten aus Zwanzigzwölf für euch zusammen getragen und freuen uns auf gemeinsame Erinnerungen, Neuentdeckungen und Klangeskapaden im nächsten Jahr!

Platz 30: Sigur Rós - Valtari
Eine nicht ganz so spektakuläre Platte von Sigur Rós ist immer noch eine ziemlich gute. Aber wer sagte eigentlich was von unspektakulär? Die Isländer bauten sich keine neuen Betätigungsfelder, sondern besannen sich auf "Valtari" zurück auf ihre Anfänge und kehrten dem Pop wieder den Rücken. Breite Klangfelder, fremde Gesänge, viel unfassbare Großartigkeit - das können sie schließlich am besten.

Platz 29: Frau Potz - ...lehnt dankend ab
Der deutschsprachige Punk erfährt dieser Tage eine amtliche Frischzellenkur und fördert wieder Perle um Perle zutage. So wie die von Frau Potz, hervorgegangen aus den Trümmern von Escapado und abgemischt von Noise-Spezi Kurt Ebelhäuser. Der Mix macht die Musik: Angereichert durch eine Prise Screamo-Tightness gelang den jungen Herren eines der fraglos feinsten und direktesten Alben des Jahres.

Platz 28: The Hirsch Effekt - Holon: Anamnesis
Ist das noch populär? Oder noch nicht? Oder einfach gar nicht gemacht für Popularität? Man konnte über den zweiten Streich von The Hirsch Effekt lange diskutieren; er ist und bleibt schwere Kost zwischen tiefstem Weltschmerz und -hass, Scheitern und Flucht, viel Lärm und Geschrei. Und mittendrin ist immer noch Platz für ein Orchester. Eine der besten Hardcore-Platten der letzten Jahre, ganz ohne Zweifel.

Platz 27: Lockerbie - Olgusjor
Die Zahl der isländischen Klassebands ist schier unerschöpflich. Einen weiteren Beweis traten Lockerbie an, die landestypischen Elfenpostrock à la Sigur Rós mit allenthalben heißgeliebtem Wald- und Wiesenfolk anreicherten und somit einen derart einnehmenden Hybriden schufen, das man gleich nach dem "Hab ich so oder anders schon gehört" nicht anders konnte als ein breites Grinsen aufzusetzen.

Platz 26: Nada Surf - The Stars Are Indifferent To Astronomy
Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliott sind nicht totzukriegen. Auch ihr sechstes Album ist wieder so ein Geniestreich geworden, deutlich offensiver als der Vorgänger "Lucky" und geprägt von diesen typischen Nada-Surf-Momenten voller Harmonie und Melancholie, die einfach niemals langweilig werden können, solange sie so ehrlich und deep sind. Single für die Ewigkeit: "Waiting For Something".

Platz 25: Of Monsters And Men - My Head Is An Animal
Die Folk-Konsens-Platte des Jahres, schreien alle. Doch der mächtige Chartserfolg ihrer Single "Little Talks" mit dem gigantischen Airplay sollte nicht darüber hinwegtäuschen, das diese Band tolle Harmonien und wundervoll organischen Sound zelebrierte, den Fame keineswegs einkalkuliert hatte und nur zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort war. Woher kommen die nochmal? Ach ja, aus Island.

Platz 24: Wolke - Für immer
Es hat ein bißchen gedauert, bis das Wolke-Gefühl sich wieder einstellte. Vier Jahre nach "Teil 3", damals unser Platz 1, klingen Oliver Minck und Benedikt Filleböck plötzlich nicht mehr tieftraurig oder ironisch-poppig, sondern beinahe schon sonnig und aufgeräumt. Aber dann: Den Titeltrack oder das zum Sterben schöne "Am Leben" in der richtigen Stimmung aufgelegt, und zurück ist die Magie und bleibt für immer.

Platz 23: Nils Frahm - Screws
Der Maestro Nils Frahm fällt unglücklich und bricht sich den Daumen. Ein komplizierter Eingriff folgt, mehrere Schrauben sind nötig um die Trümmer zu richten. Aber ohne Musikmachen kann er ja nicht, dieser Tausendsassa, und so macht er eben ohne seinen Daumen ein Album, nennt es bezeichnenderweise "Screws" - und wie selbstverständlich ist es wieder unheimlich grandios geworden. Stories gibt's...

Platz 22: Lotus Plaza - Spooky Action At A Distance
Es darf wieder geträumt werden in der alternativen Musik. Lotus Plaza lieferten einen Beitrag, der nach wie vor wächst und wächst. Kontemplative Soundflächen wechseln sich ab mit verhuschten Gitarrenläufen und weltfern entrücktem Gesang à la Yamon Yamon oder Pains Of Being Pure At Heart; beides immer so ein bißchen scheinbar gegeneinander arbeitend und sich doch treffend in vollendeter Schönheit.

Platz 21: Mittekill - All But Bored, Weak And Old
Das schöne am Staatsakt-Label ist, dass die Bands darauf einfach so wunderbar zusammen passen, das man sich die Platten eigentlich auch blind ins Regal stellen könnte. Mittekill sind ja schon lange auf der guten Seite ein Begriff; ihr neuester Streich markiert mit seinem galligen Mix aus Ravesounds und sozialkritisch aufbegehrenden, wenngleich auch hin und wieder herrlich dadaistischen Lyrics einen neuen Höhepunkt.

Platz 20: Sizarr - Psycho Boy Happy
Seit Get Well Soon genoss eine deutschstämmige Band nicht mehr so viele Vorschusslorbeeren, auch in der internationalen Presse. Sizarr brauchten mit ihrem Debüt eigentlich nur die Früchte der zuvor reichlich gesäten Promotion abernten. Das "Psycho Boy Happy" sich dann derart stilsicher durch die zuletzt gängigsten Indiepop-Trendgenres navigieren würde, und es zudem klingen lässt, als hätten diese Jungs tatsächlich das Rad neu erfunden, kann man immer noch kaum fassen.

Platz 19: Boy Android - Walk/Run/Flee
Boy Android sind die Underdogs, die Nostalgiker, die Jungs von der guten Seite ohne zwingenden Geltunsgdrang und Hipsterkonventionen. "Walk/Run/Flee" drückte uns das Bier in die Hand und nahm uns mit in glorreiche Zeiten; in eine Welt, die beschallt wird von den alten Slut oder Readymade. Lange vor diesen synthetischen Jahren. Für eine derartig schöne Fahrt kann man ihnen nicht genug danken.

Platz 18: Phantom Ghost - Pardon My English
Während wir auf eine neue Tocotronic-Platte warteten, beglückte uns Dirk von Lowtzow zusammen mit Thies Mynther mit einem neuen Phantom Ghost-Geniestreich, das endlich "Pardon My English" heißen durfte. Es ist noch theatralischer und sinfonischer geworden als der großartige Vorgänger, und Michaela Meise könnte die Band mit ihrer wundervollen Stimme gerne langfristig als drittes festes Element erweitern.

Platz 17: Spain - The Soul Of Spain
Ein beinahe unbemerktes Comeback legten die mächtigen Spain um Josh Haden hin. Fast vollständig neu besetzt, schlichen sie sich genauso still und heimlich zurück in unsere Herzen, wie sie diese vor zehn Jahren verlassen hatten. Diese Ruhe, diese Weisheit, diese herrliche Entschleunigung und Hadens sonore Stimme, ja - das hatte uns gefehlt, und wir haben es all die Jahre nicht gewusst. Ein riesengroßes Album.

Platz 16: DIIV - Oshin
Und noch ein Jahrescharts-Beitrag zum Thema Dreampop und Shoegaze. Da gab es im vergangenen Jahr mehrere gute Adressen, zum Beispiel Yesterday Shop und eben DIIV aus Brooklyn (of all places). "Oshin" bot feine treibende Drums, leicht abgehobene Riffs und hallige Vocals; also im Grunde die Zutaten, die man kennt und hören will, hier dargeboten mit einer unheimlich zwingenden Finesse im Songwriting. DIIV sind zweifelsohne derzeit Klassenbeste.

Platz 15: Caspian - Waking Season
Für Caspian markierte ihr viertes Album gewissermaßen einen Wendepunkt: Erstmals zeichnete ein externer Produzent für den Sound verantwortlich; zudem versuchte man ein wenig die Abkehr vom ganz verkopften, lärmigen Postrock, hin zu einer zugänglicheren, greifbareren Variante. Das Ergebnis ist ein klarer Gewinn für sie selbst und für uns: Zwingender und pointierter klang die Band nie.

Platz 14: Frames - In Via
Hannover ist Deutschlands Postrock-City Nummero Uno und die Frames sind seine Bürgermeister. "In Via", eingerahmt von Hermann Hesses Gedicht "Stufen", war intensiver als die Alben der Konkurrenz; war direkter, malerischer und weiser, ohne das einem hier auch nur irgendwer verbal etwas erzählen wollen würde. Ein starkes Stück Musik, laut, inne haltend, Luft holend, strotzend vor Kreativität. There's more to come!

Platz 13: The XX - Coexist
Hype oder Hybris? Und haben die alle Recht, diese Bewunderer und Schmeichler, die in diesem immer noch seltsam leisen und halligen, fast geisterhaften Sound von The XX die Erfüllung sehen? Die Antwort lautet ja. "Coexist" setzt alle Stärken des Vorgängers konsequent fort und hebt diesen merkwürdigen Klang auf ein neues Niveau. Die Band hat sich Zeit gelassen und klingt jetzt noch besser und einnehmender. Chapeau!

Platz 12: Wild Nothing - Nocturne
Wirkliche 80er-Referenzplatten gibt es derzeit nur noch wenig; der große Hype ebbt ab und alle versuchen statt dessen, die Geschichte weiter zu erzählen. Zurück bleiben noch ein paar wenige Pelentaucher, und Jack Tatums Band Wild Nothing gehört zweifelsohne dazu. Dengelnder Dreampop, fluffige Synthetik und spätsommerliche Melancholie waren zwingende Faktoren, auch das zweite Album der Band fest ins Herz zu schließen.

Platz 11: Hans Unstern - The Great Hans Unstern Swindle
Also in all seiner Verschrobenheit und offensiven Seltsamkeit muss Hans Unstern ja einiges bei uns richtig machen. Auch seine zweite Platte wuchs uns in Windeseile ans Herz; sie ist der frischeste Release, der es in die Jahreshitliste schaffte. Kein Wunder: Unsterns Musik ist von angenehmster Unperfektheit; seine Poesie ist gestochen scharf und auf den ersten Blick unpointiert. Die Liebe zu dem hier trifft dann wie der sprichwörtliche Dampfhammer.
Kurztexte: Kristof Beuthner
Platz 10: John K. Samson - Provincial

Gerade noch in die Top Ten hat es verdientermaßen John K. Samson geschafft. Der Frontmann der Weakerthans reiht sich mit seiner Soloplatte "Provincial" in den gemütlichen Kreis der Nillson Jahreshighlights ein. Ein Debütalbum, das sich so vertraut anhört. Nicht nur wegen diverser vorab EPs und einer nicht zu leugnenden Weakerthans Ähnlichkeit. Auch wegen der Einfachheit und der ganz besonderen Art die Dinge zu beschreiben.
"Provincial" erzählt Geschichten und Eindrücke einer Reise durch die kanadische Provinz. Ein Album über die Heimat. Über Heim- und Fernweh zugleich. Über scheinbare Banalitäten des Lebens ("some sarcastic satellite says I'm not anywhere") die immer so verpackt sind, dass sie einem mit unerwarteter Tiefgründigkeit aus dem Nichts überraschen ("as I stand before an unresponsive automatic door, just another door that won't open for me anymore"). Das macht diese Platte aus. Wörter wie sie eigentlich jeder hätte finden können, aber doch hat es niemand vorher so gesagt.
Ein Album, das angenehm entschleunigt. Musik, die sich zurückhält und Texte, die sich in Details verlieben. Ein schöner und sehr wichtiger Teil des vergangenen Musikjahres. (Stefan Kracht)
Platz 9: Captain Planet - Treibeis

Nachdem das tiptop Label „unterm durchschnitt” leider die Schotten dicht gemacht hat, erschien „Treibeis“ beim anderen tiptop Label „Zeitstrafe”. Passt! Die Veröffentlichungen von beiden kann man ohne nachzudenken blind kaufen. Die von Captain Planet sowieso. Selbst Zeit Online und andere zählen „Treibeis“ zu den besten Alben des letzten Jahres. Und da haben die großen Medien ausnahmsweise mal Recht, denn auch bei uns ist das Album unter die Top 10 geklettert!
Auch auf ihrem dritten Album spielen Captain Planet treibenden Punkrock mit guten deutschen Texten. Diese drehen sich um alltägliche und persönliche Themen, die eigentlich jeder kennt. Es geht ums Scheitern und Alleine sein, aber doch auch immer darum, weiter zu müssen. Alles ohne in Klischees abzudriften und eher euphorisch als depressiv. Das passt zur treibenden Musik, bei der vor allem die schrammelnden Gitarren mit den schönen Melodien hervorstechen. Damit haben Captain Planet sich den 9. Platz mehr als verdient! (Richard Redweik)
Platz 8: Die Heiterkeit - Herz aus Gold

Um die drei Grazien Sommer, Hochmuth und Erradi dürften im Jahr 2012 nur die wenigsten Tiere da draußen drumrum gekommen sein.
Für viele erschien das Debut „Herz aus Gold“ aus heiterem Himmel – in Wirklichkeit kündigte es sich aber bereits durch ihre 4-Song EP (2010) und einer Split EP mit der Berliner Band Ja, Panik (April 2012) an.
Durch diese Kooperation hatte die Heiterkeit dann auch gleich ihren Fuß in der Tür des bandeigenen Ja, Panik Labels: Nein, Gelassenheit. Selbst Alfred Hilsberg kam mit seiner Demo-Anfrage zwecks Signing zu spät – ihm konnte lediglich noch der käufliche Erwerb der ersten EP empfohlen werden.
Keinen Anstand haben diese Hamburger Frauen in Schwarz! Und auch textlich zieht sich eine verzerrte Selbstwahrnehmung gepaart mit der Selbstverliebtheit eines Franz Joachim Büchners durchs Album. Kostproben gefällig? „Alle Menschen lieben mich", „Ich bin so süß, wie man es sein kann […] über mich kommst du niemals hinweg“, „Alle Wege führen zu mir“, „Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht". Aber es sind genau diese Sätze, die mir im Ohr bleiben und bei denen ich mir ein Sympathie-Lachen nicht verkneifen kann. Nichtsdestotrotz polarisiert die Heiterkeit aufgrund der holprigen unperfekten Darbietung und der rauhen dunklen Stimme Stella Sommers ganz ordentlich: „Die sollen erst mal in den Proberaum gehen“ heißt es oft in den Kommentaren unter feinsten Rezensionen der Musikpresse, dass es einen von Facepalm zu Facepalm treibt.
Wer genau hinhört, merkt, dass es dieser Band weder um verkopfte, anstrengende Texte noch um die perfekte instrumentelle Beherrschung geht. Ihr Duktus und ihre Attitüde sind definitiv kein Zufall. Und langweilig ist hier jedenfalls mal gar nichts. (Walter Hehemann)
Platz 7: Alt-J - An Awesome Wave

Der Start war nicht gut: Erstmals sah ich Alt-J als zartes Newcomer-Quartett aus Leeds diesen Sommer bei einer sehr unruhigen Sales Conference ihres Vertriebs Rough Trade im Studio 672 im Rahmen der c/o pop in Köln. Dort wollten ihre zurückgenommenen und feinsinnigen Arrangements inmitten der vielen nur mit einem halben Ohr hinhörenden und sich sonst unterhaltenden Labelvertreter nicht so recht fruchten. Als mich kurze Zeit später ihr Debütalbum „An Awesome Wave“ erreichte, waren Zweifel dieserart aber wie weggeblasen. Und das passt ins Bild: Alt-J sind, vollkommen unenglisch, in erster Linie eine Album-Band, deren große Kunst in der Kleinteiligkeit und in findigen, subtilen Soundideen liegt. Ihr beschwingt federnder Pop braucht keine vordergründigen Hooklines und hat sie auch nicht. Stattdessen detailversessen ausformulierte Rhythmen und Harmonien, die ihre Kraft und Schönheit aus zurückgenommenen Sounds, Instrumenten und Gesängen nehmen. Ihre Wirkung gleicht der The Sea & Cakes, aber ihre Mittel sind vielseitiger als die der Chicagoer Postrock-Helden. Sie singen wie die Fleet Foxes, sie verschleppen ihre Rhythmen wie Why? oder Menomena, und sie schaffen eine Atmosphäre wie The Shins zu ihren besten, vergangenen Zeiten. Nicht umsonst wurde das Album, nicht die Band, mit dem wohl besten Musikpreis, dem britischen Mercury Prize ausgezeichnet, nicht umsonst findet sich das Album auch ganz oben in den Nillson-Jahrescharts wieder. Und auch als Liveband werden Alt-J noch reüssieren, spätestens auf ihrer fast schon ausverkauften Solo-Tournee im Februar. Ich bin mir sicher. (Christian Steinbrink)
Platz 6: Get Well Soon - The Scarlet Beast O'Seven Heads

Meine Damen und Herren, wenn Sie dies lesen können, dann ist die Welt am 21.12.2012 nicht untergegangen und Konstantin Groppers drittes "reguläres" Album im Grunde in seiner Aussage und in seinem Ausdruckswunsch ad absurdum geführt. Kein purpurnes Biest mit sieben Köpfen ist erschienen und hat uns alle gefressen; er hat zwar Roland Emmerichs Weltuntergangsfantasien Wirklichkeit werden gespürt, doch here we are, still safe and sound. Aber wenn doch, also wenn tatsächlich unser letztes Stündlein geschlagen hätte an besagtem schwarzen Freitag, dann hätte die Musik von Get Well Soon sehr gerne das sein dürfen, was wir als letztes hören bevor uns mächtige Wellen fortspülen in das große, dunkle Ewigreich. So strahlend, so ironisch und sarkastisch, so mächtig und pompös war Gropper selten unterwegs; so doppelbödig und larmoyant besang er selten einen seiner zahlreichen Interessenbereiche. In diesem Fall ist es thematisch die Apokalypse, musikalisch orientiert er sich an dem Mix aus Synthetik und Orchesterpracht, wie er auf Soundtracks zu italienischen B-Movies der 1960er und 1970er Jahre zu hören ist. Das befremdet zunächst, weil die Platte auf den ersten Blick wenig mit Groppers bisherigem Oeuvre gemein hat, aber letztlich ist die Fähigkeit zum Fortschritt genau das, was diesen Künstler zu einem so Großen macht. Die bittersüße Hilflosigkeit im hüpfenden "Disney", das rein instrumental strahlende "Let Me Check My Mayan Calendar" und die swingende Single "Roland, I Feel You" - die Welt geht unter, doch wir tanzen dazu und es jubilieren Choräle. Verrückt schön. (Kristof Beuthner)
Platz 5: Locas In Love - Nein!

Ich muss zugeben: Zu Beginn war ich eher skeptisch, dass die Locas In Love kein Jahr nach "Lemming" mit "Nein!" schon wieder ein neues Album veröffentlichten. Ich vermutete Verwertung von alten B-Seiten. Anscheinend stammt der Song "Nein!" auch aus der "Lemming"-Session. Im gleichnamigen Intro, das von Charles Brauer (früherer Tatort-Kommissar!) gesprochen wird, beschweren sie sich gegen eben diese Belanglosigkeiten und das Verkaufen müssen von Kunst: "Das ist nicht, was ich will. Da ist kein Geheimnis, das ist nicht die Wahrheit. Es ist immer das Gleiche".
Und so wurden meine Vermutungen zum Glück auch nicht erfüllt. "Nein!" klingt nicht nach Resteverwertung oder dem immer Gleichen. Es klingt vielmehr wie eine gelungene Fortsetzung ihres Werks. Schrammelnd und krachig singen Locas In Love über Liebe und Rebellion. Sie versuchen erst gar nicht, glatt zu klingen, sondern brechen bewusst mit noisigen, wortlosen Parts. Das machen Locas In Love in einer Art, wie nur sie es können und warum wir sie so mögen. Gut gemacht! (Richard Redweik)
Platz 4: Die Antwoord - Tension

Als das Video zu ‚Enter The Ninja‘ über youtube flimmert, sitzt der erste Schock tief. Wie kann ein derartig grenzdebiles Testosteron-Geboller überhaupt ein Forum bekommen? Ist das Verarschung? Methode? Gleichzeitig geht aber auch eine undefinierbare Faszination von dem Junkie-Rapper mit Hasskappe und der zierlichen Person mit infantiler Quäk-Stimme aus, und schnell wurde kolportiert, dass hier alles nach Plan läuft. Seit 2010 haben sich Die Antwoord konsequent an ihrem Konzept abgearbeitet. ‘Wir haben Fotografien von (Roger) Ballen genommen und diese mit Knast-Tattoos und Kinderzeichnungen vermischt. […] eigentlich ist unsere einzige künstlerische Referenz: Kunst von Kindern, Verrückten und Kriminellen. Aber vor allem sind wir Popstars!‘, so Ninja im Interview mit dem Magazin Art 2010. Bisher etablierten sie den selbsttitulierten Style Zef, unterschrieben bei Interscope, trennten sich aufgrund von Querelen um angeblich homophober Textpassagen wieder, gründeten ihr eigenes Label ZEF RECORDZ und spalteten Meinungen, diverse Festivalbesucher in zwei Gruppen und wenn sie die Gelegenheit gehabt hätten, wahrscheinlich auch Köpfe. Insgesamt fünf Alben sind geplant. Das zweite Album ‚Tension‘ kam 2012 und brachte mit ‚I Fink U Freeky‘ gehörig Airplay. Jüngster Coup: ein Twitter-Bashing mit Lady Gaga. Im Prinzip zeigt das nur, wie einwandfrei der Plan aufgeht. Nach zwei Jahren agieren Die Antwoord an vorderster Popstar-Front. Und es geht noch weiter. Zwei Solo Alben von Yo-Landi Vi$$er und Ninja und im Anschluss soll ein fünftes Epilog-Album ‚Epiloge‘ noch veröffentlicht werden. So lange gilt: Yippiyayeah Maddafakka! (Thomas Markus)
Platz 3: Kettcar - Zwischen den Runden

„Zwischen den Runden“ überrascht. Es ist überraschend anders und genauso überraschend weit oben in unseren Jahrescharts. Die Mannen um Marcus Wiebusch sind zwar dem melancholischen Gehalt ihrer Stücke treu geblieben, musikalisch haben sie sich aber soweit aus dem Fenster gelehnt wie selten zuvor. Außerdem neu: Schluss mit dem dauerhaft überspitzten Wortwitz. Jeder Kettcar-Kenner erinnert sich an ältere Stücke wo ausschließlich mit Kanonen auf Spatzen geschossen wurde und auch nach mehrmaligen Hören nicht klar wurde, warum sich eigentlich Öltanker beklagen (Handyfeuerzeug gratis dazu). Das vierte Studioalbum ist nordisch: klar, unmissverständlich und reifer als seine Vorgänger. Streich- und Blasinstrumente dominieren die Platte der Hamburger Altherrenrunde, insgesamt ist das Klangbild etwas seichter und gemütlicher. „Zurück aus Ohlsdorf“ treibt dem Hörer schon nach wenigen Worten die Tränen in die Augen, der Opener „Rettung“ strotzt vor euphorischen Schmetterlingen im Bauch und lässt einen gleichzeitig den Kater eines muffigen Morgens nach einer durchzechten Nacht wieder erleben. Unter dem Strich bleibt: Kettcar traut sich immer noch an all die Kitsch-Tabus des Indie-Rock heran, meistert dieses Vergehen aber mit Romantik, Unvernunft, Lebenserfahrung und einer ganzen Menge Klarheit besser denn je: „Nicht was man empfindet, es ist das was man tut.“ (Marcel Waalkes)
Platz 2: Immanu El - In Passage

Das ist schon eine besondere Geschichte mit Nillson und dieser schwedischen Band. Ihr Album "In Passage" erschien nämlich in Wirklichkeit schon im Jahr 2011. Aber wir verpassten es kollektiv. Und überhaupt war eher 2012 das Jahr der Strängberg-Zwillinge Claes und Per und ihrer Mitstreiter. Ausgedehnte Tournee, unter anderem in den ehemaligen Soviet-Staaten und in Asien. Brillante Konzerte auch in Deutschland, denkwürdige Festivalauftritte beim Orange Blossom Special und beim Hamburger Reeperbahnfestival. Und nicht zuletzt dieses wunderschöne Album, auf dem die Band kongenial die zentralen Aspekte des Postrock mit typisch skandinavisch geprägten Indiepop-Harmonien so einnehmend und zwingend zu etwas neuem, großen vereint, dass man sich dem einfach nicht entziehen konnte. Trotz Pomp, großen Soundwänden und ausufernder Grandezza ist es nämlich eben der Pop und die Eingängigkeit, die diese Platte ausmacht und worin ihre Quintessenz liegt. Zusammen mit den auf Konzerten gezeigten Visuals von ihrem Trip um die Welt mit einem alten Segelschiff (thematisch wird das auch auf der Platte aufgearbeitet) ergab sich ein großes Ganzes, das einen unwiderstehlich in seinen Bann zog. Wir haben es uns erarbeitet und lernten Stücke wie das sanftmütige "Treshold", den explodierenden Opener "Skagerak" oder das umarmende "On Wide Shoulders" kennen und lieben. Das Ergebnis ist ein überragender zweiter Platz und ein großes, dickes "Takk". (Kristof Beuthner)
Platz 1: Kid Kopphausen - I

"I" von Kid Kopphausen ist eine der größten und zugleich tragischsten Platten dieses Jahres. Denn der überraschende, viel zu frühe Tod Nils Koppruchs im Oktober gibt seinem letzten Werk unvorhersehbare Tiefe und Gewicht.
Als die Platte erschien, war alles noch in bester Ordnung: Nils Koppruch und Gisbert zu Knyphausen hatten sich zu einer Band zusammengerauft, Kid Kopphausen war geboren. Gisbert hatte einen Kameraden gefunden, der Kernigkeit und Lebenserfahrung mitbrachte; Nils hingegen fand in Gisbert die Leichtigkeit und den Optimismus der Jugend an seiner Seite. Nils und Gisbert waren Pech und Schwefel: verschieden und gleichzeitig zusammengehörig. Ihre gemeinsamen Songs brennen dafür umso länger.
Es war eine sympathische Kombination, und ein wundervolles Album voller Zausen, Hadern und Jauchzen. Musik für das Bier am Sommerabend, für den Tee an kalten Wintertagen, für Whisky am Lagerfeuer. Musik zum Abhängen und Nachdenken.
Der musikalische Leitwolf war Nils, sein Banjo gab den Ton an. Gisbert war weniger der altbekannte Barde der Melancholie, sondern Nils' Mitstreiter in diesem Ritt durch einen schrammelig-herzlichen Kopfkino-Western.
"I" ist die erste und einzige Platte von Kid Kopphausen, die schönste und traurigste zugleich - wir sind dankbar für dieses Juwel des Jahres 2012 und dafür, Nils Koppruch in solch wunderschöner Erinnerung behalten zu können. (Arne Seemann)