So unfassbar selten hat man die Möglichkeit, eine Band wirklich vom Start weg zu erwischen, ihr großes Potential nach dem dritten Konzert schon zu erkennen und sie über Gigs vor fünf Leuten, Support-Shows und Band-Contests wachsen zu sehen. This Void sind so ein Glücksfall.
Und nach dem in Eigenregie veröffentlichten Debüt "Seems We're Drifting" ist gut zwei Jahre später das zweite Album "Crystals" der beeindruckende Beweis dafür, dass man richtig lag. Mit allem. Die fünf eigentlich-Jeveraner-und-jetzt-Hamburger-bzw.-Berliner sind einen starken Reifeprozess durchlaufen; haben ihren von zeitgenössischen Epigonen wie The Whitest Boy Alive oder Two Door Cinema Club inspirierten Indiepop, der schon beim Debüt sehr filigran klang, um noch mehr Klangspektren und vor allem um noch mehr Charme erweitert. Überhaupt ist "Crystals" ein Schaubild des Öffnungsprozesses der Band; eines Aufbruchs in pointiertere musikalische Sphären, in neue Orte, zu neuen Menschen. This Void sind in gewisser Hinsicht an-, vor allem aber ein großes Stück vorangekommen, haben aber dabei die Demut und die großen Augen nicht verloren. Damit ist es thematisch eine durchaus konsequente Fortsetzung des von Fernsucht und Abschiedswirren aus festen Strukturen geprägten Debüts. Die This Void von 2014 klingen mehr als zuvor feingliedrig und -geistig, sprudelnd vor Ideen und definitiv nach eigenem Sound. Die zwölf Songs sind nicht nur überaus stilsicher, es ist auch schlicht kein Ausfall auszumachen. Was nicht zuletzt an der nicht unbeträchtlichen klanglichen Vielfalt liegt, die This Void hier auffahren. Da muss man sich nur mal das erste Viertel des Albums anhören: Der Opener "The Awakening" (nomen est omen) bricht nach XX-eskem Intro in der Mitte in fett dröhnende Riffs aus. "Help Me I'm Okay" swingt herrlich und macht restlos Spaß. Und die Single "Them Guns" war schon im letzten Jahr mit seinem einnehmenden Drive ein geheimer Sommerhit. Drei Stücke, die völlig verschieden klingen und doch einen roten Faden offenbaren: Das muss man erstmal so hinkriegen.
Dieser rote Faden ist unter anderem der zweistimmige Gesang von Keno Potthast und Daniel Möbes; besonders die Stimmfarbe von letzterem steht nach wie vor für hohen Wiedererkennungswert. Es sind auch die edlen Melodieführungen und das facettenreiche Songwriting. This Void gönnen ihrer Musik immer wieder Ruhe, kombinieren mäandernde Phasen ("Tides Are Running") mit entfesselten R'n'B-Grooves ("Oh Boy", "Them Guns"). Drängen uns auf den Tanzboden; "Forever" ist ein veritabler Clubhit. Doch die Herzstücke des Albums sind der Titeltrack "Crystals" und "Let Go". Ersterer ist nicht nur ein brillanter Ohrwurm, er markierte auch den Umschwung in eine neue Bandphase, denn letzten Endes ist das Album hier nicht wie das Debüt eine Ansammlung von über lange Zeit gesammelten Fragmenten, sondern ein stringent entwickeltes Konstrukt aus Songs, die mit ihren Schreibern gewachsen sind. "Let Go" bringt mit seinem Refrain nicht zufällig die Kernaussage der Platte auf den Punkt: "You are crystals, we'll never let you go". Denn so durch und durch aufregend, chic und funky die Musik ist: Die Message ist grunderdig, eine Beschreibung des Ist-Zustandes nach einer ersten zurückgelegten Wegstrecke, mit großem Herz und echter Dankbarkeit an alle Wegbegleiter und -bereiter. Das verleiht This Void glücklicherweise eine Aura der Realness, was in der immer weiter in Oberflächlichkeit und Stylewahn abdriftenden Indie-Schmindie-Hipster-Szene mittlerweiler Seltenheitswert hat und dadurch umso kostbarer ist. Doch allem voran ist "Crystals" eine Platte mit sensationeller Hitdichte, die in diesem Jahr noch kräftig für Furore sorgen wird. Da lege ich mich jetzt einfach mal fest.
Text: Kristof Beuthner