Artikel 02.09.2012

Und sie verwandelten den Ozean in Musik. Immanu El im Interview.

Eine Band hat mein Musikjahr 2012 bisher nicht nur bestimmt - man muss sogar davon sprechen, dass sie es dominiert hat und das nach wie vor tut. Die Rede ist von Immanu El aus Schweden, deren aktuelles Album "In Passage" zwar schon im letzten Jahr erschien, nichtsdestotrotz aber definitiv eine der Platten dieses Jahres ist. Wenn eine Band so lange sträflich unbeachtet bleibt, darf man Kompromisse machen.

Immanu El - das sind die Zwillinge Claes und Per Strängberg, außerdem Emil Karlsson, David Lillberg und Jonatan Josefsson. Die Band spielt im weitesten Sinne Postrock; so weit, so gewöhnlich - besonders wird er dadurch, dass es der Band auf faszinierendste Weise gelingt, die Magie und die Mystik von Sigur Rós mit Soundwänden à la Explosions In The Sky und einem nahezu sagenhaften Pop-Appeal zu verknüpfen. "In Passage" ist bereits das dritte Album der Band nach "They'll Come, They Come" (2007) und "Moen" (2009). Jedes dieser Alben öffnet einem Türen in die schönsten musikalischen Weiten, klingt innig, liebevoll und losgelöst, und lässt all diese Emotionen durch die unterschiedlichen Songstrukturen in immer anderen Lichtern erstrahlen, mal zurückgezogen und ruhig, mal stürmisch und exaltiert. Dabei musizieren Immanu El so routiniert, wirken so reif und weise, dass es kaum vorstellbar ist, dass die Strängberg-Zwillinge heute erst 24 Jahre alt sind und demnach ein Wahnsinnsalbum wie "They'll Come, They Come" im Alter von neunzehn aufgenommen haben.

Ich erwähnte den Pop-Appeal. Das Songwriting. Wie vielschichtig es ist und wie breit die Palette an Einsatzmöglichkeiten für die Songs von Immanu El, zeigte sich nicht zuletzt denen, die Claes und Per Strängberg mit sehr reduzierten, fast schon Kings Of Convenience-esken Versionen ihrer Songs beim Rockpalast-Akustik-Set auf dem Orange Blossom Special oder den Hamburger Küchensessions erleben durften; es zeigt sich auch denen, die via Youtube oder Soundcloud am Solo-Output der Zwillinge teilhaben dürfen. Nur zur Gitarre singt Claes seine eigenen Songs auf Englisch und Per auf Schwedisch, doch es sind die gleichen Harmonien, die sich auch in ihrer Hauptband finden; es ist die gleiche Intensität und Innigkeit und dekonstruiert die Musik von Immanu El auf ihre Quintessenz, die im Pop liegt und nicht im Pomp. Man bastele sich bei den reduzierten Soloentwürfen im Kopf die Soundwände und das Majestätische dazu, und man hat eine Version von Pop in einem Genre, das vor allem für Verschrobenheit, Frickeligkeit und ausufernden Bombast steht und das häufig als eines belächelt wird, das nicht zum Punkt kommt. Ein Kunststück.

Die Geschichte von "In Passage" baut sich auf um einen Trip der Band um die ganze Welt, reisend auf einem nachgebauten Segelschiff aus vergangener Zeit. Die Eindrücke von Natur, Freiheit und Wasser stecken in jedem der acht Stücke auf dem Album; Videoaufnahmen der in Schweden erstellten Dokumentation, die von Immanu Els Musik untermalt wird, werden bei den Konzerten der Band auf eine Leinwand projiziert. Dadurch erweitert sich die ohnehin schon artifizielle Musik der Schweden um ein weiteres Element: die visuelle Kunst. Das Projekt Immanu El ist spätestens jetzt ein kaum greifbares Stimulanz an alle menschlichen Sinne.

Ich musste nachfragen. Wie es kam, dass fünf Sechzehnjährige im Jahr 2004 beschlossen, eine Band zu gründen, die eine solche Tragweite und Tiefe erreichen konnte. Ob das Vorurteil stimmt, dass  vor allem Skandinavier einfach besonders gut mit Naturmetaphorik arbeiten können. Und, daran anknüpfend, woher sie kommt - diese im Sound von "In Passage" omnipräsente, hingebungsvolle Liebe zum Ozean. Darüber spricht die Band: im Interview.

Euer aktuelles Album "In Passage" handelt im weitesten Sinne vom Meer, das liest man zumindest überall. Könnt ihr mir sagen, was das Meer euch bedeutet?

Claes: Das ist eine große Frage! Wir haben alle verschiedene Verbindungen zum Meer, mich persönlich fasziniert Wasser als ein Element. Ich bin auf einem alten Segelschiff von Schweden nach China gesegelt, war mit dem Aufbau und der Rekonstruktion fünf Jahre beschäftigt. Für mich war das eine wichtige Erfahrung und ein großes Abenteuer, beides ist natürlich eng mit dem Ozean verbunden. Aber Wasser ist für mich auch als Element interessant, es ist massiv und währt ewig. Es hat uns definitiv bedeutend zum neuen Album inspiriert.

Per: Ich würde aber nicht sagen, dass das Album unbedingt vom Ozean handelt. Ja, es ist davon inspiriert, aber die Songs handeln nicht vom Meer. Die Geschichten, die wir in unseren Songs erzählen, gehen vom Ozean aus, aber sie behandeln tiefere Themen als Wasser als Element.

Ihr erwähnt die Reise auf dem Segelschiff, die ihr auch dokumentarisch festgehalten habt und die bei euren Konzerten als Visualisation dient. Könnt ihr mir ein bißchen darüber erzählen?

Per: Das war ein großartiges Projekt in unserer Heimatstadt in Schweden. Man hat vor der Küste das Wrack eines Segelschiffes gefunden, dass seit über 300 Jahren auf dem Meeresboden liegt. Ein paar befreundete Schiffsbauer haben beschlossen, eine exakte Kopie davon zu errichten und damit um die Welt zu segeln. Das ganze Schiff wurde mit altem, naturbelassenen Material gebaut, es sollte wirklich so originalgetreu wie möglich sein und auch mit den gleichen Navigationssystemen arbeiten wie eben vor 300 Jahren. Wir bekamen das Angebot, bei dem Aufbau zu helfen und dann auch auf dem Schiff zu reisen. Ein Freund von uns, der Regisseur und Fotograf ist, bot an, diese Fahrt zu dokumentieren. Wir wurden gefragt, ob wir unsere Musik zur Untermalung des Filmes zur Verfügung stellen würden, und das wiederum hat uns dazu angeregt, das Filmmaterial zur Visualisation unserer Musik zu nutzen. Da griff ein Rad ins andere.

Das Album visualisiert mit all seinen weiten Soundscapes, seiner Dynamik und seiner Brillanz die endlose Weite des Ozeans auch wirklich treffend, könnte aber mit seinen unterschiedlichen Stimmungen und Tempi auch durchaus auf andere Naturphänomene projiziert werden. Ist das so, dass beim Schreiben und Komponieren eurer Songs eine Art innerer Film vor eurem Auge läuft, den ihr quasi musikalisch untermalt?

Claes: Bei "In Passage" kann man das sagen, definitiv. Da war es eben der Ozean, der mal wild und stürmisch ist, dann wieder ruhig und sacht. Unsere Musik in einen Raum, in eine Art Umwelt zu projizieren, macht das Erlebnis des Songwritings und Arrangierens intensiver für uns, das ist richtig. 

Per: In vielen Fällen ist das so, ja. Ich glaube aber auch, dass das gar nicht immer Absicht ist. Bei uns laufen Vorstellungen und Bilder vor dem inneren Auge mit der Musik, die wir schreiben, oft Hand in Hand, wie selbstverständlich. Es ist ein seltsamer Prozess, gleichzeitig mit Ohr und Auge zu "sehen", aber er funktioniert für uns!

Das ist vielleicht ein dummes Vorurteil, aber meint ihr, dass das vielleicht auch so eine typisch nordische Eigenschaft ist? Fließt all die Schönheit der Landschaft und die Nähe zum Wasser, die euch gegeben ist, vielleicht bei Bands eurer Herkunft leichter in ihre Musik?

Claes: Ich weiß nicht, vielleicht! Ich kann nur für uns sprechen; uns persönlich ist eine Nähe zur Natur sehr wichtig. In Skandinavien gibt es eben viel Natur, aber relativ wenige Menschen; vielleicht wird somit die Verbindung von Mensch und Umwelt einfach automatisch tiefer und intensiver! Ich denke, deine Annahme ist da sicherlich nicht verkehrt (lacht).

Würdet ihr dann sagen, "In Passage" sei ein Konzeptalbum? Und meint ihr, dass es einfacher ist, ein Album als Konzeptalbum aufzunehmen, weil ihr euch eben vorwiegend mit einem Thema, einer bestimmten Linie befassen könnt?

Per: Ein Konzeptalbum ist es auf jeden Fall geworden, aber ich glaube nicht, dass der Entstehungsprozess Absicht war. Wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt, okay, schreiben wir doch ein Konzeptalbum über das Meer. Es ergab sich nach und nach, dass uns auffiel, dass all die Songs, die wir zusammengetragen haben, im Ozean ihren gemeinsamen Nenner fanden. So ist es auch bei den früheren Alben gewesen; sie behandeln Themen die uns beschäftigen und sind eindeutig davon geprägt, aber wir erkennen es oft erst im Nachhinein!

Claes: Ich würde auch sagen, dass wir keine "Hits" schreiben, sondern Musik. Wenn wir ein Album aufnehmen und schreiben, spiegelt es das wieder, was uns zu der jeweiligen Zeit umtreibt. "They'll Come, They Come" klingt etwas mehr nach Ambient, es ist in unseren Augen inspiriert vom Himmel und der Aerodynamik. Die Einflüsse auf "Moen" kommen aus der Landschaft in Schweden, wir sind alle mit sehr viel Naturbelassenheit aufgewachsen, haben unsere Jugend in einem Dorf verbracht. Ich finde, es klingt erdnäher, natürlicher. Wir werden von den Dingen, die uns wichtig sind, immer inspiriert sein, aber in den unterschiedlichen Momenten unseres Lebens liegt unser Fokus mal auf diesem, mal auf jenem Phänomen stärker.

Zum Thema "Jugend": Als ihr die Band gegründet habt, wart ihr sechzehn Jahre alt. Diese Tatsache finde ich immer wieder aufs höchste beeindruckend. Und jetzt muss ich dann doch eine Frage stellen, die ich ungern stelle; aber: Wenn euch mit sechzehn Jahren einfällt, eine solche Musik zu kreieren - zu welcher Musik habt ihr damals einen so intensiven Zugang gefunden, dass sie euch derart geprägt hat?

Per: Wir haben in unserer Jugend tatsächlich sehr viel Musik gehört, die man allenthalben als Postrock bezeichnet. Aber uns haben auch immer Bands gefallen, die man mit dem Begriff Indierock oder Indiepop labeln würde. Ich muss allerdings sagen, dass es uns auch immer schon darum ging, keine Kopie eines bestimmten Musikstils zu formen, sondern unseren eigenen, persönlichen Weg im Konzipieren von Musik zu finden. Vielleicht etwas, dass es in der Form vorher noch nicht gegeben hat. Auch, um Menschen die Möglichkeit zu nehmen, Vorurteile über unsere Musik zu haben, weil wir uns genretypisch präsentieren oder so. Wir wollten immer, dass sie erkennen, dass die Musik, die wir spielen, von der Band Immanu El stammt.

Claes: Vor unserem ersten Album würde ich die Band auch eher als eine Art Hobbyprojekt bezeichnen. Wir gingen alle zur Schule und hatten neben der Musik auch andere Pläne. Das alles änderte sich, als wir 2007 nach Göteborg kamen. Dort erst merkten wir, wie ernst es uns mit der Musik ist; wie gerne wir das, was wir tun, voranbringen wollten, und zwar wirklich auf die Weise, die mein Bruder ganz richtig beschreibt. Es anders machen als andere; eigenständig sein.

Wie geht es mit euch weiter; wie sieht eure nähere Zukunft aus? Was sind eure Pläne?

Per: Wenn die Sommerfestivals hinter uns liegen, werden wir mit der Arbeit an neuen Songs beginnen, denn es fühlt sich an, als läge "In Passage" schon Jahre zurück. Wir werden in die USA reisen und nach Asien, um dort Konzerte zu spielen, das wird wieder spannend und wir freuen uns drauf.

Text: Kristof Beuthner
Fotos: Jan Bruns und http://www.immanuel.com
Titelbild: Screenshot aus dem Videoclip zu "On Wide Shoulders"; http://www.youtube.com/watch?v=Glqa8H1esAg