Die Schriftstellerin Emine Sevgi Özdamar flüchtete in den 70er Jahren nach Berlin und fand in der deutschen Sprache und dem brechtschen Theater eine neue Heimat.
Im Moment verliere ich mich zuweilen in Özdamars Texten. Ich habe ein Buch von ihr irgendwo zwischen Alfred Kerr und Peter Weiss gefunden - in den Regalen für deutsche Literatur in einer türkischen Universitätsbücherei. Signatur: PT. Es birgt eine gewisse Ironie in sich, dass ich, der für ein halbes Jahr in die Türkei gegangen ist, um den Kopf freizubekommen, um eine neue Sprache zu lernen, um ein bisschen Abstand von meinem deutschen Leben zu bekommen, in der Türkei ein Buch einer türkischstämmigen Schriftstellerin lese, die in Deutschland lebt und veröffentlicht.
Emine Sevgi Özdamer ist vor 40 Jahren nach Deutschland geflüchtet. Sie hat Istanbul verlassen, weil sie in ihrem Land nicht mehr frei sein konnte. Weil man nach einem Militärputsch ihre Freunde tötete. Und weil sie kein türkisch mehr sprechen wollte. Sie wollte keine Sprache mehr sprechen in der es nur schlechte Nachrichten für sie gab.
"Bei einem Putsch steht alles still, die Baustellen, Export und Import, Menschenrechte. Auch die Karriere steht still. Sogar die Liebe kann stillstehen, ein großes Loch tut sich auf."
Sie ging das zweite Mal in ihrem Leben nach Berlin. Nach Westberlin, wo sie bereits 10 Jahre zuvor in einer Fabrik gearbeitet hatte. Doch nun wollte sie im Gegensatz zu vielen anderen in den Osten. Brechts Theater kennenlernen. An der Volksbühne arbeiten. Zuerst lebte sie in Westberlin und fuhr täglich rüber. Dann bekam sie ein ostdeutsches Visum und durfte für drei Monate nicht mehr nach Westberlin.
"Damals bedeutete in der Türkei Wort gleich Mord. Man konnte wegen Wörtern erschossen, gefoltert, aufgehängt werden. In solchen Jahren können die Wörter schlechte Erfahrungen machen."
Sie sagt, ihre deutschen Wörter haben keine Kindheit. Sie meint damit, dass in einer Sprache die man lernt, die Wörter lange ohne Erinnerungen sind. Schlechte Wörter sind genauso klangvoll wie gute Wörter. Sie haben den gleichen Sprachwert, wenn man sie nicht mit dem bösen Blick der Mutter verbindet, mit der vorgehaltenen Hand, mit den Spucketröpfchen, die einem entgegen fliegen, während man angeschrien wird. Auch diese Wörter muss man lernen und aufschreiben und ein paar Mal vor sich hersagen. Wie alle anderen Wörter in der fremden Sprache.
Und vielleicht ist diese fehlende Kindheit der Sprache das Vermögen, dass sie als Autorin besitzt. Vielleicht kann sie sich darum der Floskelhaftigkeit bestimmter Wörter und Sätze entziehen. Ähnliches beobachtet man auch in den Sätzen Herta Müllers. Ein Umgang mit der Sprache, der so unverbraucht ist und dadurch seine Eindringlichkeit erhält. Eine Sprache, die nie abrutscht, sorgfältig überlegt scheint und dennoch nicht unempathisch ist.
"Ein japanisches Sprichwort sagt: Nur die Reise ist schön - nicht das Ankommen. Vielleicht liebt man an einer fremden Sprache genau diese Reise. Man macht auf der Reise viele Fehler, aber man kämpft mit der Sprache, man dreht die Wörter nach links und rechts, man arbeitet mit ihr, man entdeckt sie."
Es hat beinahe etwas kindlich-sezierendes, wie Özdamar in ihrem Buch “Seltsame Sterne starren zur Erde” das Berlin der 1970er beschreibt. In kurzen Tagebucheinträgen erfährt man von ihrer Ankunft in Berlin, ihrer Arbeit an der Volksbühne und ihrem Leben in einer siebenköpfigen WG in Westberlin mit 60er-Jahre-Idealen. Zwischen Zitaten von Else Lasker-Schüler, Theaterskizzen und -notzien (die sie während ihrer Arbeit an der Volksbühne anfertigte) entspannt sich eine Sicht auf die Ereignisse der 70er Jahre, die ohne Vorurteile auskommt, die von dem kleinen Leben einer Fremden auf das Große verweist - so beschreibt sie an einer Stelle, wie die Polizei ihre Westberliner Wohnung durchsucht, nachdem zwei RAF-Mitglieder ausgebrochen sind und wie sie sich fürchtet, entdeckt zu werden, da sie kein Visum für Westdeutschland hat; und immer wieder gibt sie Gespräche wieder, die sie in der Volksbühnenkantine mit anhört, Gespräche zwischen Heiner Müller und Mathias Langhoff und zwischen den Schauspielern eines getrennten Deutschlands, die hin und her gerissen scheinen zwischen marxistischer Ideologie und ostdeutscher Wirklichkeit. Aber dennoch stellt sich nicht die Frage, ob der Osten besser ist als der Westen. Es geht um eine Frau, die versucht eine Fremde kennen zulernen, die sie gleichzeitig mit Begeisterung, Neugierde, Unwissen und Abstand beobachtet. Und dabei kehren ihre Erinnerungen immer wieder zurück nach Istanbul. Zu einem Leben, welches wie ein Märchen, wie ein Gegenentwurf wirkt und doch nicht mehr lebbar ist.
Und so zitiert sie Heinrich Heine, der mehrere Jahrzehnte zuvor ihr Leben und ihr Schreiben perfekt zusammengefasst hat:
"Es treibt dich fort von Ort zu Ort,
Du weißt nicht mal warum;
Im Winde klingt ein sanftes Wort,
Schaust dich verwundert um."
Text: Lasse Scheiba
Foto: Lasse Scheiba (Bogaziçi-Bosporus)
Özdamars Romane und Erzählungen sind im Kiepenheuer & Witsch Verlag erschienen. Sie hat auch mehrere Texte fürs Theater verfasst, die beim Verlag der Autoren erschienen sind.
Die Zitate entstammen:
Özdamar, Emine Sevgi: “Meine deutschen Wörter haben keine Kindheit. Dankrede zur Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises” in: Der Hof im Spiegel. Erzählungen. Köln 2001.
Heine, Heinrich: “In der Fremde” in: Heines Werke, Bd. I. Berlin/Weimar 1976.