"Lieber Gast, du bist also hier, und wir können kaum sagen, wie schön wir das finden", heißt es eingangs im Programmheft des Appletree Garden Festivals 2012, "Sei herzlich Willkommen". Wer als Besucher so begrüßt wird, muss sich wohl fühlen, auf der Stelle. Und doch bleibt auch der Außenblick auf die Entwicklung des Festivals hochgradig spannend.
Es ist auf dem Weg, seine Position zu finden. Nicht zu festigen, nein: Das Appletree Garden in Diepholz sucht sich noch. Besonders deutlich wird das, wenn man das Lineup mit dem vom parallel stattfindenden Omas Teich in Großefehn vergleicht: Crystal Fighters, Two Gallants, Dillon und Apparat versus Maximo Park, Kaiser Chiefs, die Donots und Dendemann. Soll zeigen: Auf Publikumsmagneten, wie es in den vergangenen Jahren beispielsweise Metronomy, Friska Viljor oder Bonaparte waren, wird in diesem Jahr verzichtet unter den Apfelbäumen. Wo andere regionale Festivals mit namhaften Bands für Joe Jedermann punkten und ihr Kontingent neben den Musik-Aficionados auch an den mittlerweile viel zu häufig gesehenen Festival-Eventtouristen verkaufen, steuert das Appletree Garden 2012 ganz offensiv in die andere Richtung und bedient ganz gezielt zwei besondere Gruppen unter den Festivalfahrern: Den Gourmet und den Hipster. Das soll erreicht werden mit einem Schwerpunkt auf den Genres, die derzeit den Ton angeben bei den jungen Bescheidwissern: Folk und Elektronik.
Dabei hätte man es sich durchaus einfach machen, von der Präsenz der "größeren" Bands in Großefehn profitieren und die ein oder andere Doublette in den Norden lotsen können. Nicht eine wurde es. Und das ist insofern konsequent, wenn man bedenkt, dass das Appletree Garden immer schon das etwas wolkigere, modischere Festival von beiden war. In diesem Jahr verdrängte die Hipness auch den letzten Funken Bodenständigkeit aus dem Diepholzer Bürgerpark. Eigenständig möchte man werden, eben seine Position finden, sich emanzipieren im Festivalnorden, hip und jung und schön das Leben feiern. Das Publikum ist mit dabei; größer ist die Dichte an Röhrenjeans, 80er-Referenzshirts, Undercuts und RayBans in Übergröße wohl nur beim Melt. Und das Festival ist so früh wie noch nie im Vorfeld ausverkauft - ein riesengroßer Erfolg für die Macher, und abermals die Konsequenz aus einer im letzten Jahr aufs Bewundernswerteste vollzogenen Metamorphose vom kleinen Festivalgeheimtipp zur auf zwei Bühnen aufgestockten Spielwiese für musikalische Delikatessen vom Allerfeinsten.

Allein, es bleibt die Frage: Kommt das Publikum, weil die Region ihm im Grunde nur einmal im Jahr die Möglichkeit bietet, "seine" Musik zu hören? Kommt es wegen der wundervollen Atmosphäre unter den von Girlanden und Lampions beleuchteten Bäume, die das Gelände säumen, die auch in diesem Jahr - so viel sei vorweg genommen - wieder ihresgleichen sucht?
Denn dass es die Bands sind, die den großen Anreiz zum Ticketkauf gegeben haben, lässt sich zumindest am Freitag kaum erahnen. Vielleicht liegt es aber auch an der drückenden Hitze, dass sich - mal abgesehen vom Flanieren zwischen Haupt- und Waldbühne, deren Spielzeiten sich wie im vergangenen Jahr nicht überschneiden, so dass jeder wirklich alles sehen kann, und einem zwischenzeitlichen Stopp am Handbrot- und Kaffeestand - die ganz große Liebe zwischen Publikum und Musik noch nicht einstellt. Ja: man fremdelt. Chris Klopfer ist zum Einstand eine Spur zu brav und zu konventionell. School Is Cool leiden, abgesehen von dem merkwürdigen Bandnamen, unter einem Problem, das belgischen Bands leider oft anheim fällt: sie klingen solide nach ihren Vorbildern aus Großbritannien und Skandinavien, aber eben einfach wenig eigenständig, bei aller handwerklichen Finesse. Abby reißen schon eher vom Hocker; der Auftritt der Berliner macht Spaß, und das vermittelt sich auch den Leuten, es ist eine Annäherung förmlich spürbar, die Hitdichte ist erstaunlich hoch. Die Steaming Sattelites folgen auf der Hauptbühne und klingen wie ein Hybrid aus Portugal. The Man und Kasabian; für erstere haben sie schon Supportgigs gespielt. Auch das ist ein schöner Auftritt mit ordentlich Druck, aber auch hier sind die Vorbilder zu deutlich hörbar, es kommt nicht über ein solides Maß nicht hinaus. Das erste Highlight setzen Me & My Drummer. Die Sinnbus-Überflieger punkten mit großer Geste; das Chanteuse Charlotte Brandi dem Theater entstammt, ist in jeder Bewegung, jedem Gesichtsausdruck erkennbar, aber es passt, denn den minimal arrangierten Soundkonstrukten steht diese Theatralik, steht dieser Chic. Die Show ist viel zu schnell vorbei.

Es folgt große Ernüchterung über die Darbietung der heiß erwarteten Other Lives, deren Debütalbum "Tamer Animals" fraglos zu den Platten des vergangenen Jahres zählte und bei denen man sich auf ein tolles Konzert gefreut hatte. Und handwerklich ist perfekt, was die Band um Jesse Tabish zeigt, es sprüht vor Ideen und Feinheit - doch es erreicht das Publikum nicht. Von vornherein wirkt es, als wäre eine Wand gezogen zwischen Band und Zuhörern. Man schaut, man ist voll der Anerkennung und klatscht, aber deutlich ist zu erkennen: man fremdelt. Other Lives liefern ab, sie gewinnen nicht. Ein Jammer. Breton springen anschließend auf der Waldbühne für die kurzfristig verhinderten S.C.U.M. ein. Ein guter Tausch. Die Londoner bringen das Publikum mit ihrem elektrifizierten Indiepop zum Tanzen, aber das braucht es jetzt auch. Die Hitze hat sich mittlerweile etwas gelegt und wird von sich bewegenden Menschen festgehalten. Das ist auch bitter nötig. Denn es folgt in Dillon eine weitere Enttäuschung. Was umso mehr jammerschade ist, weil man spürt, wie viel Liebe das Publikum der jungen Senkrechtstarterin entgegen bringt. Auf sie hat man sich gefreut, sie hat Herzen erobert mit ihrer Platte - und agiert dann auf der Bühne zu den (übrigens fantastischen) Beats von MIT-Tamer wie eine Mischung aus Kühlschrank, Teufelsanbeterin und Techno-Roboter. Kein Lächeln, keine freundliche Geste, nur einen starren Blick in wallendem, schwarzem Gewand hat sie übrig für die Fans, die trotzdem fast alles mitsingen und sich umso mehr freuen, als sie für ihren Hit "Tip Tapping" urplötzlich auftaut, in den Bühnengraben steigt und die Zuschauer mitsingen lässt. Was ist passiert? Doch kaum hat man sich verwundert die Augen gerieben, da wird sie schon wieder zum Eisblock. Der kurze Sonnenstrahl rettet eine durchweg unpassend inszenierte und aufgesetzte Performance nicht.
Dann gelingt den Dänen von Reptile Youth das beste Konzert des Freitags. Man braucht jetzt nicht mehr viel: knallige Beats, treibende Riffs und einen Frontmann, der mit dem Publikum spielt, sich immer wieder in dessen Arme wirft, sich tragen lässt, sich sogar aufrecht auf Schultern stellt. Das haben die Leute gebraucht, das wird unheimlich dankbar angenommen. Es wird gefeiert und gesprungen; man lässt sich fallen, mitreißen. So funktionieren Abend-Slots auf Festivals; es ist auf einmal eine Riesenparty im Gange. Und so groß, so fantastisch die Two Gallants sonst auch sein mögen: sie können dem als Freitags-Top-Act nichts entgegen setzen. Sie spielen ihre Show, ihren sehr amerikanischen Blues-Country-Punk-Rock, und ja, es ist gut, es ist erdig und ein bißchen dreckig, aber die Herren sind keine Headliner, nicht hier und heute bei einem Publikum, dessen Tanzfreudigkeit soeben unübersehbar geworden ist, aber tanzen kann es hier nicht. So wenig Leute standen zuletzt vor zwei Jahren nachts vor der Hauptbühne, als Die Sterne mit fast anderthalbstündiger Verspätung doch noch auftraten und alle schon resigniert hatten. Lieber zieht man sich zurück und sammelt auf dem Campingplatz oder an den Kaltgetränk-Buden noch ein bißchen Kraft für die folgenden DJs.

Der Samstag könnte nicht gegensätzlicher beginnen. Zum Eröffnungskonzert von Vierkanttretlager hat sich schon eine stattliche Menschenmenge vor der Hauptbühne versammelt; sie bereut keine Sekunde. Von dem unsicheren Trupp Oberstufenschüler - so hatte die Band bei ihrem ersten großen Auftritt beim Dockville 2009 noch gewirkt - ist nichts mehr zu sehen. Sie sind gereift, kennen ihre Bühnenpräsenz, wissen um die immense Ausdrucksstärke und die treibende Kraft ihrer Songs, den Mitsingfaktor und die immer aufs Neue überraschende Reife und Weisheit ihrer Texte. Da ist etwas Großes im Entstehen, das war damals schon klar und heute ist es das umso mehr. Ein frühes Highlight. Gefolgt von einem weiteren: Touchy Mob gibt auf der Bühne mit Vollbart und Helmhaaren, Nicht-Outfit und Badeschlappen den Schluffi und überzeugt umso mehr mit seinem wundervollen Songwriting und einem Mix aus dezent elektronischen Beats und zarten Gitarrenläufen. Das Publikum schweigt andächtig und genießt; das sind diese großen Momente zwischen den Bäumen in der sich mittlerweile wieder vorsichtig zeigenden Nachmittagssonne, die kostbar und wertvoll sind und die man schon vergangenes Jahr bei den Isbells hat genießen dürfen. Die Briten von The Chap wecken wieder auf aus der Genussstarre und überzeugen ebenfalls restlos. Ihr Mix aus elektrifiziertem Indiepoprock reißt sofort mit, die Band präsentiert sich dem Publikum von ihrer besten Seite und begeistert vollkommen.
Dann muss es wieder ruhig werden, denn bei Soley aus Island ist genussvolles Zuhören unabdingbar. Zwar können einige Unverbesserliche und merkbar Alkoholisierte es nicht lassen, die Ruhe und den Facettenreichtum ihrer zwischen Kammerpop und Folk angesiedelten, herrlich verschrobenen Stücke durch Zwischenrufe zu stören - die Seabear-Keyboarderin hat nicht mehr als ein müdes Lächeln für die Störer übrig. Für alle anderen ist es höchst faszinierend, was die Künstlerin hier spielt; ihr Konzert wirkt musikalisch sehr dezent, umso präsenter ist sie selbst. Sie hat eine Ausstrahlung zwischen Joan Baez' Natürlichkeit und Björks Weltferne; das ist große Kunst. Auf die Ruhe folgt ein weiterer Sturm; dieses Mal kommt er von Balthazar, alten Bekannten im Appletree-Universum. Und die Belgier haben deutlich an Klasse gewonnen, sie haben das Publikum vom ersten Ton an auf ihrer Seite (es sind jetzt schon deutlich mehr Leute da als am Abend zuvor bei den Two Gallants). Sie beenden ihre Show mit ganz großer Geste und in den Himmel gereckten Fäusten.

Und das nächste Highlight folgt schon. Sizarr gewinnen den Preis für die größte Diskrepanz zwischen Bühnenoutfit und Sound. Sie klingen düster und intensiv mit ihrer Mixtur aus Folk, Darkpop und Elektronik und glänzen mit einem so ausgefeilt guten Songwriting, das sehr schnell klar wird: Nicht eine der vorab gelesenen oder gehörten Superlative war übertrieben; nicht eine Vorschusslorbeere ungerechtfertigt. Strange ist nur, dass der Schlagzeuger ein 60er-Jahre-Psychedelic-Gedächtnis-Shirt trägt und der Sänger mit seinem übergroßen Basketball-Trikot und der blondierten Lockenmähne aussieht wie ein Posterboy aus den 1990er Jahren. The Hundred In The Hands klingen da wesentlich eindeutiger; auch ihre Version von Elektropop weiß zu überzeugen - selbst mich, der den vielgelobten Briten von Platte aus wenig abgewinnen konnte. Das Publikum mag es sehr, denn hier hat es endlich, was es braucht: knallige Beats und große Melodien. Tanzen, feiern, das Leben lieben - endlich funktioniert es auf ganzer Linie. Der Samstag entschädigt wirklich vollkommen für den uneindeutigen Freitag, auch die als letzte Band ins Lineup gerückten Clock Opera tun dem keinen Abbruch. Auch ihre Musik ist ein Ohrenschmaus, es ist Pop und es ist dezente Elektronik, aber es sind große Harmonien und es ist viel Melancholie, aber die tanzbare Variante. Diese Band sollte man im Auge behalten.
Der Abend kann dem tatsächlich noch etwas hinzufügen. Die letzten drei Konzerte des Appletree-Samstags bilden eine wahre Fusion der Großartigkeit. Apparat, sonst ja eher im DJ-Fach aber als Songwriter begnadet, präsentiert seine Songs im Bandformat. Sie klingen nachdenklich und deep und sind trotzdem überaus tanzbar und feierkompatibel. Ein Spagat, der selten, aber in diesem Fall blendend funktioniert. Es folgen Dry The River auf der Waldbühne und machen alles richtig, was Other Lives am Vortag verpasst haben: Sie präsentieren ihre Folksongs mitreißend und publikumsnah, unmittelbar und intensiv, aufrichtig und von erstaunlicher Grandezza. Dabei erlauben sie sich immer wieder mit Stücken, die sehr reduziert instrumentiert sind und von glasklarem Gesang getragen werden, kleine Ruhepausen und beweisen, dass sie mit ihrem Facettenreichtum ein äußerst ernstzunehmender Konkurrent für die Fleet Foxes und Mumford & Sons sein können. Und zu guter Letzt hat das Appletree Garden in den Crystal Fighters doch noch seinen Konsens-Headliner. Nicht, weil der Mix aus Rave, Pop und Balearen-Folk konsensfähig wäre, sondern weil er alles das auf den Punkt bringt, was die Festivalbesucher an diesen besonderen Tagen brauchen und fordern. Die Bühnenpräsenz der Band ist enorm, sie peitschen das Publikum nach vorne, jeder tanzt, niemand steht still und das Festivalgelände ist gefüllt wie nie zuvor an diesem Wochenende. Klar haben die Crystal Fighters ein paar Hits im Gepäck, aber ihr Bekanntheitsgrad lässt sich kaum mit dem von etwa Friska Viljor oder Bonaparte vergleichen. Trotzdem gewinnt die Band hier reihenweise Herzen, weil ihre Show von enormer Präsenz ist und sich keiner entziehen kann. Es ist ein würdiger Headliner, der seine Zugabe zusammen mit Apparat und Dry The River performt, was dem Festivalabschluss einen letzten Touch von der vielzitierten großen Familie verleiht.

Ja, und so wurde es letzten Endes doch noch das fabelhafte Festival, das alle Beteiligten erwartet hatten, Macher wie Besucher. Und auch, wenn das kritische Auge beim Freitag überwiegt; auch wenn augenfällig war, wie schwer sich das Gros der Apfelbaumgäste zunächst tat: Für die Organisatoren kann es als nichts anderes gewertet werden als eine große Bestätigung der eigenen Mühen - und nicht zuletzt des eigenen Risikos mit einem zwar äußerst erlesenen, aber im Durchschnitt wenig namhaften Lineups, das sich schon durch die Vergabe des vollständigen Kartenkontingents als kein wirkliches erwiesen hatte. Man liebt, und das wurde vom ersten Moment an offensichtlich, das Appletree Garden um seiner selbst willen; für die viel gelobte Stimmung, den freundlichen Umgang, den fast schon isolierten Flair, der durch die vielen, das Gelände umringenden Bäume entsteht. Durch die Mühe, die man sich gibt, den Bürgerpark in der Dunkelheit zu illuminieren; Freunden von Musik und Leuten, die nur ein Wochenende mal raus wollen um ein bißchen Bands zu kucken und sich berieseln zu lassen, einen gemeinsamen Ort zu schaffen. Bands eine Möglichkeit zu geben, sich zu präsentieren und sich wohl zu fühlen - fast jeder, der die Bühne betrat, schwärmte von der fürsorglichen Atmosphäre im Backstage-Bereich.
Die Klasse der Bands ist nicht unwichtig, aber man kann sich auch relativ gefahrlos auf sie verlassen. Geheimtipps sind genauso dabei wie Nobodies und Newcomer; gestandene Größen können woanders spielen. Und gefällt die Band nicht, feiert man eben sein eigenes Teilnehmen, sein Da-Sein, seine wochenendliche Freiheit. Das Konzept scheint nach anfänglichem Fremdeln aufzugehen, das Appletree Garden einen weiteren Schritt in Richtung Eigenständigkeit und Individualität gemacht zu haben. Wer sich hier nicht wohlfühlt, hat kein Herz. So geht ein wundervolles Wochenende vorbei, an dem wir die volle Bandbreite an Gefühlen und Eindrücken sammeln und leben konnten, nebenbei denkwürdige Konzerte sehen und Freunde treffen oder neu dazugewinnen. Es sind Wochenende wie diese, die einen Sommer denkwürdig machen.
Wir möchten mehr. Und kommen zurück.
Text & Fotos: Kristof Beuthner