Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder fulminante Lobeshymnen auf das Orange Blossom Special Festival geschrieben. Vielleicht hast du die eine oder andere gelesen. Das muss sich doch mal verlieren, sagst du. Du kannst dir gar nicht vorstellen dass so ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit. Ich muss vehement den Kopf schütteln. Denn wenn du das glaubst, warst du nicht dabei, an diesem wundervollen verfrühten Sommerwochenende, an Pfingsten 2026.
Dann hast du nicht gemerkt, wie du vergessen hast und dich erinnerst. Also: Nicht wirklich vergessen hast. Aber irgendwie so merkst wie deine Seele das gebraucht hat. Diese Anfahrt durchs Weserbergland allein. Durch dieses satte, strahlende Grün, das sich in Kombination mit Rapsfeldern und strahlend blauem Himmel und watteweichen weißen Wolken präsentiert wie ein Gemälde. War das immer schon so wunderschön? Ja, das war es, und je näher du kommst, desto mehr nimmst du wahr wie sich dein Herz wieder füllt mit diesen Farben. Wie es mehr und mehr schlägt im Beat deiner Playlist. Ist das cheesy? Ja, natürlich. Aber es ist eben auch wieder ein Festivalsommer. Und den hast du gebraucht. Denn der Winter war lang, so so lang. Ist das Zufall dass du gerade ein Festival ansteuerst dessen Motto „Lebenstankstelle“ heißt? Ist das denn wirklich Zufall, dass ausgerechnet dieses Wochenende das bisher wärmste und sonnigste des Jahres ist? Oder belohnt dich das frühe Sommerkarma für deine Kämpfe, deine Struggles, dein Warten und dein zähes Durchhalten in all der Kälte, all dem Regen, all dem Grau? So fühlst du dich. Und du fühlst es mit Bestimmtheit: Du inhalierst das Leben wieder.
Wenn du Festivals liebst hast du vielleicht schon ein paar verschiedene angesehen. Natürlich weißt du, dass immer das Festival, mit dem du das meiste verbindest, deine Nummer 1 ist. Trotzdem ist es ja auffällig, wie viele Menschen ihr Ranking überdenken wenn sie zum ersten Mal Luft im OBS-Garten geschnuppert haben. Das Orange Blossom Special ist Gartenparty, Musikfest, Klassentreffen, Zuhause, Wohlfühlschutzgebiet – eine Lebenstankstelle halt. Das war es schon immer, nun heißt es auch noch so. Ich sagte das ja schon, die Treffsicherheit bei der Mottovergabe ist immens: „Welt aus. OBS an.“, „You’re at home, Baby“, „Herzensangelegenheit“ – stimmt alles perfekt. Aber du wirst merken, warum „Lebenstankstelle“ noch mal eine Krönung ist, und dass das überhaupt nichts mit übersteigertem Ego zu tun hat dass Rembert Stiewe und seine Crew ihr Baby unter diesen Claim stellen. Sie wissen wie es sich anfühlt. Es geht ihnen ja selbst nicht anders.
Wenn du schon mal hier warst, hast du ziemlich wahrscheinlich schon einen kleinen Kreis guter Menschen unter all den guten Menschen gefunden die sich an dich erinnern und sich freuen dich endlich wieder zu sehen. Wahrscheinlich seht ihr euch nur einmal im Jahr, same time, same place. Und doch erkennt ihr euch wieder. Ich meine nicht optisch: Ich meine seelisch. Ihr seid schon mindestens einmal zusammen abgetaucht in dieses Gefühl des angekommen seins, habt euch auf dem Zeltplatz entdeckt, vielleicht beim Pusten auf die Mini-Calzone, vielleicht standet ihr auch bei einem der Konzerte nebeneinander und habt gleichzeitig gefühlt dass euch hier etwas besonderes angeboten wird, das ihr an anderer Stelle vielleicht nicht so hättet wertschätzen können. Vielleicht hättet ihr diese Band, diese Künstlerin, diesen Künstler gar nicht kennen gelernt wenn ihr nicht vor einem Jahr auch schon in Beverungen gewesen wärt, und jetzt teilt ihr einen Geheimtipp und tragt ihn hinaus in die Welt. Ihr habt zusammen Platten gekauft, eure Kinder haben am Laduka-Stand gehämmert oder beim Mitmachzirkus jongliert während ihr im Gras gesessen habt und der Alltag da draußen war auf Standby. Jetzt nehmt ihr euch in die Arme und tankt Leben.
Wenn du ein empfindsamer Mensch bist, hat dich dieser Alltag da draußen herausgefordert und vielleicht sogar ab und zu an den Rand gebracht. Das tut er Jahr für Jahr, das ist nicht neu, aber einmal mehr hatte man zwischen zwei OBS das Gefühl dass irgendwie gar nichts besser wird sondern alles immer nur dunkler und böser. Der Schmerz über den unzureichend langen Arm um auf dieser merkwürdigen Welt an Hebeln zu ziehen ist zermürbend. Er hat dich gezeichnet und das braucht Pflege. Du holst sie dir an diesem Wochenende. Du lächelst fremde Menschen an denen es so geht wie dir, das erkennst du weil sie wissend zurück lächeln. Deine Begrüßungsrunde wird lang und länger. Das macht nichts, du hast es nicht eilig. An diesem Wochenende darf alles dauern so lange wie es dauert. Ja, wenn du ein empfindsamer Mensch bist, dann wirkt das alles hier umso beeindruckender auf dich. Die Freundlichkeit, die Herzlichkeit, die Wärme. Oft lese ich in Posts anderer Besuchender das Wort „beseelt“. An guten Orten wie diesen tickt die Zeit langsam und viel zu schnell zugleich.
Wenn du die Festivalszene ein bisschen verfolgst, hast du sicher mitbekommen, dass das Orange Blossom Special in diesem Jahr ernsthafte Probleme hatte mit den Ticketverkäufen über die Runden zu kommen. So ernsthaft, dass sie sogar einen Social Media-Aufruf gestartet haben und klar benannt haben, dass die Lage nicht entspannt ist. Vielleicht kannst du das Zögern der Menschen verstehen. Vielleicht ist es gar nicht dass sie den Gegenwert nicht kennen. Vielleicht ist einfach das Geld knapp und die Auswahl groß. Vielleicht sind sie während Corona zu bequem geworden und ihr Sofa ist jetzt ihr bester Freund auf der Welt. Ich finde: Es gibt reichlich Gründe keine Festivalkarten zu kaufen und immer zehn mehr es doch zu tun. Weil dieser „Gegenwert“ sich mit Geld gar nicht aufwiegen lassen kann. Du siehst wie ich mit dem Kopf schüttle weil ich nicht verstehen kann wie etwas so klares den Leuten nicht mehr klar ist die irgendwann vor der Pandemie regelmäßig dafür gesorgt haben dass das OBS in unter einer Stunde ausverkauft war. Du stellst fest dass die Reihen vor der Bühne lichter geworden sind. Dass man hinten im Biergarten fast immer einen Sitzplatz bekommt und eigentlich an keinem Food-Stand lange anstehen muss. Du siehst meinen sorgenvollen Blick und wie ich ihn nicht gewinnen lasse. Jetzt ist jetzt und jetzt sind wir hier.
Wenn du schon mal hier warst, weißt du, dass du dir im Garten eigentlich jede Band anschauen musst. Du hast nämlich gelernt, dass Rembert ein wirklich äußerst gutes Händchen hat, auf „seinem“ Festival in genau dem richtigen Setting mit genau der richtigen Band bzw. Künstler:in Momente entstehen zu lassen die an anderer Stelle für dich vor der Bühne nicht entstehen würden. Und das finde ich beeindruckend wenn man bedenkt, dass er viele dieser Bands und Künstler:innen auf Showcase-Festivals im Dunkeln und in Club-Atmosphäre entdeckt und trotzdem sieht, fühlt und weiß. Und dem wird blind vertraut. Die Wertschätzung, die jeder auf der Bühne agierende Artist hier bekommt, ist outstanding. Du wirst vielleicht nicht alles was du auf der Bühne siehst auf Platte wiederhören wollen, aber die Platte kaufst du trotzdem, aus Liebe und Support. Und vieles willst du dann einfach wohl nochmal hören weil du weißt dass ab Montagmorgen der Post-OBS-Blues kickt und das fast schon mantraeske „Es müsste immer Musik da sein, bei allem was du machst“ völlig fühlst. Wir erhebend es ist, zuhause seine Schätze auszupacken und Pfingstmontag mit einer Träne im Knopfloch vor dem Plattenspieler zu verbringen.
Ich für meinen Teil muss erst reisen und obligatorisch Bands verpassen, was mir nicht schmeckt, aber fast gehört es schon dazu. I am deeply sorry, Willow Parlo und Bikini Beach – wie ich höre war es grandios mit euch! Dafür erreiche ich den Garten in einem dieser Settings die du dir nicht schöner malen kannst in deinen Gedanken: Der wunderbar fließende Americana von Israel Nash, sanft und getragen, aber dann auch genau im richtigen Maße druckvoll, und hinter den Hügeln geht die Sonne unter und taucht das Publikum zum Abschied in ein gleißendes Licht. Es hätte ja auch regnen können, sagst du vielleicht, dann hättest du nie erfahren wie gut dieser Plan aufgeht. Aber es regnet nicht und Israel Nash heißt mich zusammen mit dem OBS leuchtend willkommen.
Du sagst, Marlo Grosshardt kann man inzwischen auch woanders sehen, der ist ganz schön groß geworden in den letzten zwei Jahren. Und das ist so. Aber wie schön ist die Geschichte wenn man daran denkt wie glücklich er war als er 2024 zum ersten Mal hier gespielt hat und es in Strömen gegossen hat und einfach alle geblieben sind? Und dass es danach so richtig los ging mit ihm und er einfach inzwischen wirklich viel gesehen hat und trotzdem zurück kommt und einfach genau weiß warum er das macht? Weil das hier anders funktioniert. Denn die Menschen vor der Bühne sind auch so warm und herzlich zu dir wenn du mit einer Gitarre in der Hand vor ihnen stehst und deine Band einfach extrem Bock hat, und wenn du schon mal hier warst, ich sagte das ja schon, dann erkennen sie dich wieder, ich meine nicht optisch, ich meine seelisch, und dann entstehen Symbiosen. Und dann bewegen sich auf einmal alle in einem Polkastrudel, und ja, das klappt so semi, weil die Menschen einfach vor allem mehr werden und gar nicht schneller, aber das macht nichts. Vor allem musst du Marlo Grosshardt halt gut zuhören, weil er einfach unfassbar wichtige Sachen sagt in seinen Lyrics und es so gut tut zu wissen dass jemand, der so eine klare wunderbare Haltung hat, so viel Erfolg haben darf, denn das muss raus in die Welt und alle sollten diese Lieder singen.
Du wunderst dich vielleicht warum die Briten von Man/Woman/Chainsaw der Freitags-Headliner sind. Von denen hast du immerhin deutlich weniger gehört als von Marlo Grosshardt. Du weißt vielleicht nicht, dass das Methode hat. Der „Headliner“, wenn du ihn überhaupt so nennen willst, muss in die Nacht passen. Reizreduktion, Fokus auf die Musik. Und auf eine der derzeit aufregendsten britischen Livebands, Kritikerlieblinge, Virtuos:innen. Gar nicht so leicht zu kategoriesieren: Es ist Indie, es ist Punk, es ist Noise, es ist Prog, und irgendwie auch ein bisschen Folk. Und das saugt dich ein. Und hält dich fest. Und trägt dich in die Nacht hinaus. In so einem Rahmen wirst du so eine Band vermutlich so schnell nicht nochmal sehen. Sei dabei gewesen!
Du verfolgst die OBS-Lineups vielleicht schon länger am Rande mit, auch wenn du nicht jedes Mal dabei bist, und da steht immer der Name Schreng Schreng & La La, und zwar jedes Jahr. Und das ist ausdrücklich Absicht. Die Hausmarke des OBS hat es vom Walking Act über die Minibühne als Samstags-Opener auf die Hauptbühne unterm Kronleuchter geschafft und macht das was sie macht: Zwischen Wut, Humor und Tiefe kleine feine Akustik-Punksongs darbieten. Machst du Jahr für Jahr alles mit richtig. Du verstehst nicht wie sich das nicht abnutzen kann, sagst du? Manchmal liegt der Zauber auch einfach im Gewohnten, sage ich.
A propos Zauber: Worries And Other Plants, das war zauberhaft. Dezent psychedelisch, sanft ziehend, zwischendurch eine kleine leise Wall of Sound: Das ist OBS-Material vom Allerfeinsten und äußerst sympathisch. Und dann fliegt die Bühne weg. Und das ist auch irgendwie OBS-Material vom Allerfeinsten. „Der krankste geile Scheiß den wir je auf den Garten losgelassen haben“, sagt Rembert, und reiht Grote Geelstaart vor White Wine, Teksti-TV 666 und all den anderen Bands ein, die mit dem Prädikat „besonders, aber herausfordernd“ OBS-Geschichte geschrieben haben. Alter, sind die jung, sagst du wenn du neben mir stehst während dieses Abrisses und bekommst den Mund nicht mehr zu vor Staunen. Es dauert exakt einen Song, da steht der Sänger auf dem Balkon und schreit und bellt Texte, die man nicht versteht, auch in den Niederlanden nicht, obwohl die Band auf Niederländisch singt, und zwar Geschichten der älteren Nachbarn in ihrem Heimatort, weil die Band so jung ist dass sie ja noch gar nicht so viel selbst erlebt hat. Was ist es? Was bin ich sehend? Es ist ein glühender Lavakessel aus Prog, Punk, Avantgarde, Noise und was weiß ich noch. Und das ist nicht mehr und nicht weniger als ziemlich atemberaubend. Ich fühle mich auf links gedreht danach im wirklich allerpositivsten Sinne. Und du dich auch wenn du dabei warst, so viel ist klar.
Wenn du dabei gewesen bist brauchst du danach vielleicht auch so wie ich eine kurze Pause um die Synapsen wieder zu sortieren, und auch wenn Jerry Leger da ein guter Helfer wäre mit seinen eher sanften Songwriter-Pop-Kleinodien: ich muss was essen und meine Sinne brauchen nen Mini-Urlaub. Außerdem gibt es danach schon wieder die nächste Herausforderung, denn Nils Keppel ist eigentlich für den OBS-Garten auch ziemlich gegen den Strich besetzt, aber umso großartiger, dass er da trotzdem steht in seiner durchsichtigen Seidenbluse und zu treibendem Post-Wave seine gesamte schwarzromantische Weltdüsternis in die Herzen seiner Zuhörenden drapiert. Auf einmal ist auch jüngeres Publikum in der ersten Reihe, ist sichtbar glücklich und kennt sich aus im NNDW, aber das find ich alles so schön, weil diese Crowd hier trotz ihrer immensen Altersheterogenität so grandios funktioniert und jeder einfach da sein darf und jeder Platz richtig besetzt ist, und im Moshpit springen sie alle zusammen durcheinander und alles mischt sich und das muss man einfach wundervoll finden.
Eigentlich sollte im Anschluss Frazey Ford spielen, musste aber kurzfristig canceln, dafür stehen jetzt Annie Taylor aus Zürich auf der Bühne, und das ist auch ein Kunststück, weil die Band nämlich eine Autopanne hatte und irgendwo eingesammelt werden musste, aber jetzt ist sie da und es gibt sehr lauten Indie Rock und sehr viel Energie und das ist sehr, sehr stark. Zu Herrenmagazin muss ich wahrscheinlich gar nicht so viel schreiben, denn dass diese Institution wieder existiert ist ja eh ein Geschenk, und so ganz glaubt man das auch nach drei Jahren immer noch nicht, aber man sieht sie ja. Und man hört diese geliebten kleinen großen Hymnen und man weiß dass diese Band einem immer wieder fehlen wird wenn sie mal wieder untertauchen möchte. Und dann, zum Abschluss, Tramhaus – und das ist gar nicht so der „etwas ruhigere Tagesheadliner“, sondern da gibt’s nochmal richtig Lärm, irgendwo zwischen Grunge, Postpunk und Indie Rock, und das funktioniert im Dunkeln halt auch total, wenngleich mich die Niederländer auch nicht völlig umwerfen. Aber das ist okay sagst du, war ja auch schon eine ganze Menge drin in diesem OBS-Samstag 2026.
Wenn du noch nie hier warst und hörst, dass immer um 11:30 am Sonntag ein Surprise Act spielt und der Garten rappelvoll ist, ziehst du vielleicht ungläubig eine Augenbraue hoch. Das funktioniert wirklich? Das funktioniert wirklich. Und es macht so Spaß zu spekulieren und sich auszutauschen und so zu tun als hätte man die wirklich richtigen Infos für den perfekten Tipp zusammengebastelt. Und dann dieses anerkennende Nicken der anderen: „Stimmt, du könntest recht haben!“ Hatte ich natürlich auch dieses Jahr wieder nicht. Bin aber umso erfreuter über Young Rebel Set auf der Bühne, denn diese Geschichte ist schon wirklich intensiv. Als der Sänger der Band, Matty Chipcase, Anfang Dezember 2019 völlig unerwartet starb, lösten sich die Briten nämlich auf. Und fanden sich Jahre später mit einem neuen Sänger zusammen um die Geschichte weiterzuschreiben. Es geht hier gerade wirklich vor allem anderen darum dass es wirklich schön ist dass es Young Rebel Set wieder gibt, und dass es berührt, dass sie diese ganzen großartigen Songs wieder spielen. Man ahnt wie schwer ihnen das im Ursprung gefallen sein muss, und so ist nichts hier wirklich überschwänglich, aber wir werden Zeuge, wie eine Band sich wieder freischwimmt, und das ist wirklich wirklich schön zu sehen. Strahlen auf und vor der Bühne inklusive.
Der Sonntagnachmittag gehört ansonsten den Female Artists: Da ist der wundervoll-zarte, leicht angejazzte Alternative Pop von Mel D (in Trio-Besetzung), wie ein zweiter Sonnenaufgang, wirklich betörend schön. Da sind die Grunge-Preziosen von Blush Always – und auch wenn der Sound von Katja Seifferts Band sehr 90s-referenziell klingt, ist er wunderbar eigen, schlägt Haken und verkantet sich, um sich dann wieder in klaren Harmonien und mitreißenden Lines zu entheddern. Das ist sehr stark, ich bin sehr begeistert. Und vor Alela Diane muss ich sowieso den Hut ziehen: Seit über 20 Jahren gehört sie zu den wichtigsten weiblichen Stimmen im amerikanischen Folk; ihr Sound ist reduziert und strahlend, zurückhaltend und so vielsagend. Ihre Show beim OBS ist die einzige Festival-Show in Europa in diesem Jahr, und genau an diesen Ort gehört sie, ihre Musik ist wie gemalt für Nachmittage wie diesen an denen die Sonne immer noch scheint und es warm ist und man selbst ist auch ganz warm von innen.
Dann: Maria Iskariot. Und das ist so ungebremste Energie dass es einem die Schuhe auszieht. Unfassbar kraftvoll, unfassbar energetisch, unfassbar wild, unfassbar gut. Die Band um Helena Cazaerck verhandelt Wut, Verzweiflung und Weltschmerz so unglaublich mitreißend und rough dass niemand still stehen kann obwohl es immer noch unglaublich warm ist – der perfekte Wake Up Call für einen fulminanten OBS-Abend. Ich tanke Energie und gehe was essen während Gringo Mayer spielt, denn das ist so ziemlich der einzige Act an diesem Wochenende der mich gar nicht kriegt – das Publikum aber im Sturm gewinnt, und das ist die Hauptsache.
Wir müssen noch kurz über Agassi sprechen – denn die sind definitiv der Gewinner des Tages. Es ist ja schöne Tradition dass es ein Act der auf der (von mir in diesem Jahr leider sträflich vernachlässigten) Minibühne spielt ein Jahr später auf die Hauptbühne schafft – bei der deutsch-englischen Band aus Hamburg hätte das auch sofort noch am selben Tag passieren können und alle wären nochmal exakt genauso ausgerastet. Ich kann das nicht mal richtig erklären, aber dieser Mix aus Postpunk und Indie Rock vibed so extrem gut mit den Menschen vor der Bühne, so was kannst du nicht planen eigentlich. Zwei Kurzauftritte, zweimal fliegen ihnen die Herzen zu, und „Keine Energie geht verloren“ ist vielleicht der meistskandierte Slogan des Wochenendes - neben dem lautstarken "Haupt-büh-ne!" in Richtung der Band. Agassi sehen wir nächstes Jahr wieder – da lege ich mich fest.
Wenn du Teil der Crew bist, hast du im letzten Jahr schon davon geträumt dass die Husumer von Turbostaat als Surprise Act beim OBS auftauchen. Das haben sie nicht getan. Dafür stehen sie 2026 ganz regulär im Lineup. Und es wird unvergesslich. Für jede:n die/der dabei gewesen ist. Zur Band selbst muss sicher nicht viel gesagt werden, die gehört seit über 20 Jahren zu den All Time Heroes des erweiterten Punk-Spektrums: Wütend, immer on point, lyrisch auch mal verkantet, wissen wir alle. Funktioniert das im OBS-Garten, fragst du dich? Und wie es das tut. Einen Moment ist da „nur“ Begeisterung, dann geht es los. Moshpits hat man in Beverungen wirklich selten, hier habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Und was ich auch irgendwann nicht mehr zählen kann sind die Crowdsurfer:innen. Es hört nicht auf. Und was bitte bringt die Großartigkeit eines Festivals besser auf den Punkt als crowdsurfende Kinder? „Das ist doch viel zu gefährlich“, sagst du vielleicht, aber wie toll ist das bitte wenn bei all der Wildheit und all der Extase die springende Meute sich so gut konzentriert dass die kleinsten Menschen sicher und heile über die Menge getragen werden? Dieses Konzert gehört definitiv zu meinen Top 5-OBS-Momenten of all time. Und wenn du Teil der Crew bist und für Turbostaat schichtfrei hattest und im Graben gestanden hast, getanzt hast und glücklich aussahst – dann habe ich dich gefühlt.
Und als sich dann bei Wrest die ganze Energie des Tages in umarmender Grandezza entläd und der Garten still lauscht und andächtig diesen wunderbaren Melodien lauscht, ist die Welt noch einmal für knapp 1,5 Stunden einfach nur schön. Viel Melancholie, ab und zu ein kleiner Ausbruch, zeitlos gute Songs, es bringt uns nach Hause und unvergesslich schönes Wochenende zu einem würdigen Abschluss. Und dieses Mal ist sogar der Dreitageswitz gut – kann aber auch an Remberts und Simons starkem Method Acting (nebst Erzählerinnenstimme aus dem Off) gelegen haben.
Das muss sich doch mal verlieren, sagst du. Du kannst dir gar nicht vorstellen, dass so ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit. Was soll ich, was sollen wir dazu sagen? Es ist gar nicht so schwer zu erklären warum es das trotzdem tut.
Das Orange Blossom Special, das sind wir alle. Und es lebt, Jahr für Jahr, für uns auch ein wenig von der Version, die wir zu ihm mitbringen. Unterschiedlich wie wir sind, nicht immer high on top, nicht immer in der Lage, die Umarmung zu erwidern. Auch das ist möglich. Verliert sich aber die Magie? Nein, tut sie nicht. Denn auch wenn wir mal nicht at our best sind: Hier dürfen wir sein. Festivals, und besonders kleinen, wohnt ja der Zauber inne, dass sie ein Dach sind für die Gute-Laune-Menschen, die Zweifler, die Overthinker, die Feiernden, die Glücklichen und die Traurigen. Die, denen manchmal alles zu viel ist, die dringend raus müssen, die sich auch mal unsichtbar machen müssen und das an einem Ort wie dem OBS-Garten können weil es okay ist. Die, die aus der Kraft der Community Hoffnung, Energie, Zuversicht schöpfen. Dass es einen Morgen gibt und dass der vielleicht nicht so schlimm aussieht wie man manchmal denkt. Aber auch für die Entdeckenden, die Abenteurer, die Mutigen, die Wilden, die Freien, die so viel Liebe zu geben haben dass sie auf dich strahlt wenn du ihnen begegnest. Mal bist du auf einem Festival die eine Person, mal die andere, mal beide zugleich irgendwie. Du tauchst in eine Dynamik in der es okay ist. In der du okay bist. Du hast Menschen um dich herum die fühlen. Mal das eine, mal das andere, mal beides zugleich.
Die Wärme, das Familiäre, das Zuhausige, alles was das Orange Blossom Special ausmacht, ist pures Gold. Ein Festival kann nicht die Welt retten, aber es kann die Welt für ein paar Tage wieder gut machen. Kann sich so etwas verlieren? Wird man so etwas wie das hier jemals weniger brauchen? Ganz klar: Niemals.
Also wenn du im nächsten Jahr wieder fragst ob ich mich aufs OBS freue; wenn du sagst, dass du dir gar nicht vorstellen kannst dass ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit – kauf dir ein Ticket und komm einfach mit.
Auf dass das Orange Blossom Special noch lange, lange, lange unsere Lebenstankstelle bleibt – und Jahr für Jahr für ein paar Tage unsere kleine Welt ein bisschen rettet.
Text und Foto: Kristof Beuthner