Manchmal, nein, wenn wir ehrlich sind sogar meistens sind es gerade die Festivals, an denen nicht alles glatt und einfach und unkompliziert läuft, die sich uns nachhaltig ins Gedächtnis und ins Herz brennen. Das Appletree Garden 2014 war ein intensiver Beweis.

Dunkle Wolken waren schon am Donnerstag über Diepholz aufgezogen, und sie entluden sich in einem fast 15 Stunden andauernden Regenguss, der alles das wegspülte, was wir uns von diesem Wochenende erhofft hatten: Liegen im Gras, gestreichelt von der Sonne, die durch die den Bürgerpark umringenden Bäume blinzelt, dazu eine illustre Runde fantastischer Bands. Und es hörte auch am Freitag nicht wirklich auf zu regnen. Grau in grau Himmel und Land; die Leute in Gummistiefeln; verzweifelte Versuche, das Auto noch umzuparken und dem Regen und dem nachgebenden Boden ein Schnippchen zu schlagen, scheitern kläglich. Es könnte ein Jammer sein.
Doch das ist es dann nie. Denn dann greift dieses Gefühl, das alle erfasst, die sich mit diesem Lifestyle, dieser Intensität, die ein Festivalwochenende bedeuten kann, identifizieren. Auch die, die neu sind in diesem verrückten Sommerspiel. Es packt dich ganz tief drinnen, und es sagt: Jetzt erst recht. Hab ich an Gummistiefel gedacht? Nein? Ich werde mir danach neue Sneakers kaufen. Ich werde tanzen. Ich werde nicht vor Sonntag hier abreisen, mein Auto wird gerettet werden. Doch jetzt habe ich verdammt nochmal eine gute Zeit. Vielleicht wird es die beste. Die Menschen sind da. Die Musik ist da. Und ich kann alles erreichen. Nass bis auf die Knochen. Glücklich. Unfassbar.
Und dann watet man über dieses Gelände, und dann schaut man in die Bäume, und dann sieht man: Eigentlich ist doch alles wie immer. Da ist der wieder einmal hingebungsvoll mit Ästen und Grün dekorierte T-Shirt-Stand, da hängen all die bunten Lampions und tauchen das Areal ab der Abenddämmerung in ein surreales Farbenfroh. Da hängt auch wieder die Apfel-Discokugel über der Waldbühne. Und auf der Spielwiese lassen sich Menschen schminken oder werfen farbige Stoffbänder in die Luft, was angesichts des grauen Himmels einen noch märchenhafteren Charakter bekommt. Und dann ist alles gut, denn man weiß ja auch, welcher Naturgewalt man da trotzt, und man entdeckt so viel Liebe und Schönheit in all dem Grau oben und unten. Das hat das Appletree Garden ja immer schon ausgezeichnet, doch wenn das Wetter so eigenmächtig mitspielt wie dieses Jahr am Donnerstag und am Freitag, wirkt es noch weit bedeutsamer und inniger.

Dabei sind wir am Donnerstag, als das Fest mit den Auftritten von Mø, Bilderbuch, Balthazar und Alle Farben eröffnet wird, noch gar nicht auf dem Platz. Ach, dieses Arbeitsleben. Festivals an Donnerstagen zu beginnen, macht es unmöglich, und auch am Freitag erreichen wir es erst, als Xul Zolar (von denen man hört, dass sie sehr beeindruckt haben), Highasakite und La Femme (die ebenfalls gut gewesen sein sollen) ihren letzten Ton gespielt haben und Kensington gerade im Begriff sind, dies zu tun. Auch hierüber könnte man sich trefflich ärgern. Und Dan Croll ist dann auch nicht der erhoffte Earcatcher; außer seiner allseits bekannten Single "From Nowhere" ist da sehr viel seichter Pop, der wenig zündet. Oder ist es doch die Müdigkeit der Woche, die uns da noch in den Knochen steckt und das Misstrauen gegenüber dem verregneten Wochenende, das auf uns wartet?
Natas Loves You jedenfalls entschädigen ganz prima. Da ist zwar immer noch diese leichte Überreizung, und die Augen sind immer noch mehr auf die Umgebung gerichtet, als auf die Bühne, aber diese herrlich entspannte, tanzbare und einnehmende Version von Pop, die die Luxemburger uns da anbieten, zündet. Und dann wartet ja auch schon das erste richtige Highlight namens We Were Promised Jetpacks, die nach 2010 zum zweiten Mal im Bürgerpark spielen und frenetisch gefeiert werden vom extrem textsicheren Publikum. Diese rauhe Energie der Schotten ist immer noch höchst intensiv, und das siebenminütige "Keeping Warm" ist mit dieser Emotionalität, die es live entwickelt, immer noch Garant für eine gigantische Gänsehaut.
Wir wandern zur Waldbühne, dort spielt der Secret Act, und das sind in diesem Jahr die Hundreds. Das ist sehr konsequent, denn das neue Album schießt durch die Decke und das Geschwisterduo hat vor drei Jahren schon einmal hier für große Verzückung gesorgt. Das ist immens schwer zu toppen und gelingt auch nicht zu 100%; vielleicht weil es nur dämmert und nicht stockdunkel ist, aber es ist ein schönes Konzert. Mit den neuen Stücken fremdeln wir persönlich noch etwas, doch die alten Hymnen wie "Let's Write The Streets" oder "Grab The Sunset", mit dem die Show abschließt, sind nach wie vor riesengroß.

Mount Kimbie hätte gerne mitten in der Nacht spielen dürfen. Wunderbar entspannt tupft die Band ihre elektronischen Geniestreiche in den Himmel, doch so richtig bereit, sich fallen zu lassen und den Tag mit geschlossenen Augen ausklingen zu lassen, sind wir noch nicht. Und dann ist auch noch William Fitzsimmons, den wir so heiß erwartet hatten, eine kleine Enttäuschung, weil seine Stimme viel zu leise abgemischt ist und dem ohnehin ja äußerst ruhigen Oeuvre des Meisters die Aussagekraft nimmt. Und zu seinen herrlich wärmenden Songperlen kann man sich auch so schlecht bewegen, das ist den Leuten schlicht zu statisch - irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Abendslots auf Festivals zu groß sind für diesen fraglos bewundernswerten Künstler.
Aber dann, ja dann gibt es ja noch FM Belfast, ebenfalls Appletree-Wiederholungstäter, und dass diese Isländer alles abbrennen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, ist ja hinlänglich bekannt. Und es ist in diesem Moment auch genau das Richtige. Der Regen fließt in Strömen, längst erfüllen Regencapes ihren Zweck nicht mehr, doch die Menschen singen und springen und tanzen und wir stehen mittendrin und lassen uns einfach mitreißen. Es ist so einer dieser genialen Momente, wie man sie eben nur auf Festivals erlebt. Auf der Bühne: Ein großer Zirkus, silberner Schmuck, zu "Underwear" natürlich großes Blankziehen, eine unermüdlich energetische Band, ein Geburtstagslied und eine riesengroße Party. Man kann sich gerade gar nicht mehr wünschen.
Und deswegen werden wir auch nur ganz vorsichtig darauf aufmerksam, dass da ja noch die Wiener von HVOB (steht für Her Voice Over Boys) spielen. Erst nach und nach ziehen uns diese zarten Elektropop-Konstrukte zur Waldbühne, und dann steht da dieses unendlich sympathische Mädchen zwischen Schlagzeug und Laptop und haucht diese fantastischen Songs über die sanften Beats, und das zieht uns so sehr in seinen Bann, wie es lange nicht der Fall war. Was für ein würdiger Abschluss eines so konfusen Freitags. Wobei, Abschluss? Nicht ganz: Auf der Hauptbühne spielen ja aufgrund eines Organisationsfehlers noch Son Lux, aber deren frickelig-vertrackter Hipster-Pop ist nach so viel Wohlklang zu viel. Das passt nicht mehr obendrauf. Vor der Bühne ist es spürbar leer geworden, und das ist eigentlich ein bißchen schade.

Ach, Appletree Garden, auf dem aber wenigstens am Samstag den ganzen Tag die Sonne scheint, als hätte sie nie etwas anderes im Sinn gehabt: Was wärest du aber auch ohne deine Verschiebungen und Bandabsagen? Fast ist es wie ein kleiner Fluch. Der Samstag beginnt dann nämlich gleich mit der nächsten Hiobsbotschaft. Die Folk-Wohltäter Fanfarlo sind mit dem Bandbus liegen geblieben und spielen nicht. Das ist ein Jammer, und dadurch verschiebt sich jetzt alles einen Slot nach hinten. Und so eröffnet eben nicht die Rapperin Coely unseren zweiten Festivaltag. Es soll sich im Nachhinein als Segen herausstellen.
Denn statt dessen ist es an AnnenMayKantereit, um 15.10 Uhr bereits das ganz große Highlight des Wochenendes zu setzen. Dieses Trio, live zum Quartett erweitert, ist auf dem Weg, sich zu einer der intensivsten, authentischsten, energiegeladensten und emotionalsten Livebands zu entwickeln, die sich derzeit herumtreiben. Klar, der Überraschungseffekt, dass diese kehlige, scheinbar whiskygetränkte Stimme vom spitzbübisch-zarten Henning May stammt, ist immer noch riesengroß bei vielen. Aber die Bandbreite, mit der die Band so nonchalant zwischen Covern, Englisch und Deutsch changiert, ist so unheimlich bewundernswert. Und es ist eben die Unmittelbarkeit dieser Texte, vor allem der deutschsprachigen, die sofort ganz tief trifft. So pointiert hebt derzeit kaum jemand die Gedanken- und Gefühlswelt der Twentysomethings, der Studenten und Lebenskünstler heraus und so unbedarft bringt sie niemand in Wort und Klang. Das Kunststück ist ja nicht nur, dass sie das bei so vielen tatsächlichen Twentysomethings schaffen, sondern auch so viele jüngere vorausschauen und so viele ältere zurückblicken lassen, die dann sagen: Ja. Ihr sitzt in unseren Köpfen und ihr bringt zum Vorschein, was darin ist. Das hat eine ganz große Bandbreite; neben mir sehe ich Tränen der Ergriffenheit, auf der anderen Seite tanzen und lachen welche. Alles ist da und die Herzen all dieser übermüdeten, verregneten und hingebungsvollen Menschen fliegen dieser Band entgegen. AnnenMayKantereit haben gewonnen, hier und heute und überhaupt.
Nein, das kann Coely nicht toppen, aber man kann ihren an sich wirklich zwingenden Rapsound auch überhaupt nicht mit AnnenMayKantereits Intensität vergleichen. Und die Begeisterung hält sogar noch so lange an, dass auch Scarlet O'Hanna und die Progrocker Oracles, deren Auftritt allerdings erfreulich direkt kommt und deren musikalisches Konzept kaum von störenden Ansagen unterbrochen wird, ein wenig außen vor bleiben. Kate Tempest nimmt dann den Samstag wieder in die Hand, fährt ganz dicke Beats und Sirenen auf und weckt das Festival mit ihrem höchst energetischen Mix aus Grime, Rap und Elektronik aus dem schwelgerischen Schlaf. Das Partypublikum ist wieder da, tanzt und hüpft und einer surft auf einem Stehtisch ganz nach vorne. Großer Auftritt, großes Happening, großes Kino.

Findlay und Is Tropical sind dann lediglich solide Festivalkost, letztere haben dann aber wenigstens die Single "Dancing Anymore" im Gepäck, die natürlich jeder kennt und feiert. Aber irgendwann muss man ja auch mal an den Handbrotstand oder sich mit Menschen unterhalten, die man lange nicht gesehen hat; das ist auch wirklich wichtig. So richtig stark gerät dann aber die Show von Whomadewho; ein ganz ausgezeichneter Weg in den Festivalausklang, tanzbar, mitreißend, genau so, wie man sich das wünscht für einen Samstagabend in diesem Ambiente.
Und nachdem Linkoban mit ihrem Elektro-Rap noch einmal die Waldbühne abgerissen haben, kommt mit Moderat ein vom Namen her zwar konsequenter, in seiner tatsächlichen Form aber doch etwas überraschender Headliner, denn im Grunde wäre der Hybrid aus Apparat und Modeselektor als letzte Band zwei Stunden später sicherlich noch mehr im Gedächtnis geblieben, hätte die Crowd von 23.50 bis 1.00 statt dessen eine Band wie vor zwei Jahren die Crystal Fighters bekommen, die nochmal alles aus den Leuten heraus kitzelt. Moderat spielen aber trotzdem ein ganz wunderbares Konzert, teils elegisch, teils vertrackt. Sie werden unterstützt von einer brillanten Videoshow, und das Ganze ist wirklich sehr deep und sehr faszinierend und so gesehen doch ein in jeder Hinsicht würdiger Abschluss.
Und dann geht es eben wieder zurück in die Realität, zumindest für all diejenigen, die nicht noch ein bißchen DJ-Sound auf die Ohren bekommen wollen. Da schaut dann nämlich doch der Sonntag um die Ecke, und damit die unsichere Frage: Und wie komme ich jetzt morgen aus dem Schlamm? Nein. Abschütteln. Noch eine Runde tanzen oder wenigstens mal ein paar Stunden schlafen, denn die kurze Nacht zuvor steckt uns in den Knochen.
Ja, und natürlich sind dann spätestens am Sonntagabend doch wieder alle wohlbehalten zuhause gelandet. Und fühlen sich seltsam weltfern. Was war das bitte für ein grandioses Wochenende? Was für fantastische Konzerte hat man gesehen, wie zutiefst positiv hat man Regen und Matsch getrotzt? Was für Menschen hat man kennen gelernt, wieder getroffen, vielleicht gar nicht genug gewürdigt? Wie wundervoll hat das Appletree Garden geleuchtet und wie viel Mühe haben sich alle im Team gegeben, dass es eine rundum schöne Sache wird; wie freundlich waren bitte alle, die ein rundes Namensschild trugen und Bier, Handbrot oder Jutebeutel verkauften? Wie cool ist die Idee mit den Helfer-Tickets, die einige Unverdrossene auch am Sonntag noch beim Festival hielt, um ein wenig Licht in das Chaos zu bringen?
All diese Menschen vor und auf der Bühne, im Matsch, im Trockenen, im Vorder- und im Hintergrund haben ein magisches Wochenende möglich gemacht, und das Wetter hat mitgespielt. Oh ja. Denn wäre es sonnig gewesen und warm die ganze Zeit, dann wäre es gemütlich gewesen und wundervoll, natürlich, aber sicherlich nicht so intensiv, körperlich und emotional. Von Vorfreude über Ernüchterung, Zweifel, Beruhigung und purer Freude bis hin zur Lethargie und vollendeter Müdigkeit war alles dabei, was möglich war. Das sind die Festivals, an die wir uns erinnern.
Das macht einen großartigen Sommer aus.
Text und Fotos: Kristof Beuthner