Bolle ist ein super Typ. Großherzig, entspannt, immer gut drauf. Kein Wunder, dass man sagt „Ich freu mich wie Bolle“, wenn irgendetwas gerade super läuft. Bolle ist ein Wohnwagen, er gehört Christina und er hat uns vor dem sicheren Kältetod gerettet beim Jubiläums-Orange Blossom Special.
Doch dazu später mehr. Denn als es Freitagmittag losgeht, wissen wir das natürlich noch nicht. Da strahlt noch die Sonne vom Himmel, da ist der noch arbeitsreiche Vormittag gerade von lärmender Präsenz zu einer flüchtigen Erinnerung gemorpht, da wird sich nochmal verpflegt und kurz ausgeruht, bevor die Fahrt ins Weserbergland beginnt. Und das ist, man wird nicht müde, das zu bemerken und auch kundzutun, eine der schönsten Festivalanfahrten Deutschlands. „Der Weg ist das Ziel“, seltener ist das so schön und wahr gleichzeitig, und es ist überhaupt keine Frage, dass auch wenn eine Herzensangelegenheit am anderen Ende wartet, man sich zwischen Bergen, Seen und vielen, vielen Rapsfeldern absolut Pausen zum Umschauen, Sonne aufsaugen und vom leuchtenden Gelb blenden lassen gönnen darf, ja muss.
Vorfreude? Keine Frage. Allein das diesjährige Motto, so allumfassend wie wenige zu vor, außer vielleicht „You’re At Home, Baby“: Welt aus. OBS an. Zum zwanzigsten Geburtstag: Einfach mal den Schalter drücken. Es nicht einfach nur denken, sondern es zur Erinnerung auf den Tickets, auf Bannern, auf Stickern und natürlich auf dem Festivalbändchen immer und immer wieder lesen: Welt aus. OBS an. Ein kleines Manifest in vier Worten und zwei Punkten; raus mit der schlechten Luft, rein mit der guten (um am Rande Mikroboy zu zitieren). Hier wird Alltagsflucht zelebriert, drei Tage lang, und Gott sei Dank wartet am Ende der schützende Pfingstmontag, der einem für den chronischen Beverungen-Abschiedsschmerz ein weiches Bett und eine Stereoanlage hingestellt hat. So ist es dieses Jahr, so war es all die Jahre. Wenn es um Alltagsflucht geht, ist ein gewisses Maß an Planbarkeit auch mal ganz schön.
Und weil 24 Bands, ein Zauberer (namentlich The Great Joy Leslie, bei dem alles staunt und der mich völlig fertig macht, als er hinter der Bühne eigens für uns ein 2-Euro-Stück durch ein Geschirrhandtuch zaubert) und ein Kneipenchor manchmal nicht Eskapismus genug sind, ist das Orange Blossom Special zur Feier des Jahres fast schon zur allumfassenden Spielwiese für Realitätswegläufer geworden. Zwar muss die große gemeinsame Fahrradtour kurzfristig abgesagt werden, aber hey. Dafür machen an diesem Wochenende knapp 20 Kinder ihr Seepferdchen (der Aufnäher kommt natürlich stilecht mit OBS-Logo); es wird wieder Boules gespielt; es gibt Lauftreffs und Wanderungen, Yoga auf den Weserwiesen und einen (hört, hört!) Luftgitarren-Verleih. Bands und Künstler darf man beim Roadtracks-Stand im Anschluss an ihre Auftritte näher kennen lernen. Auf dem Gelände wird wieder upgecycelt; alte Tetrapaks werden zu Portemonnaies umfunktioniert. Das Mask.Ottchen-Team hat Gas gegeben und kleine mottogetreue Devotionalien gebastelt, die zugunsten von Viva Con Agua verkauft werden. A propos Devotionalien: Wer möchte, besitzt nach diesem Wochenende jetzt auch Taschenascher, Grillzangen und Flachmänner mit dem Glitterhouse-Logo oder der Raketenschnecke, dem Mottotier 2k16, drauf. Und kann sich damit im heimischen Bad vor den seit Jahren etablierten Mottotier-Fliesen fotografieren lassen.
Da könnte man jetzt auf die Idee kommen, zu sagen, das wäre doch alles insgesamt ein wenig viel für ein Wochenende, an dem 2500 Menschen zusammenkommen, denen man nachsagt, die stellten die musikaffinste Zuhörerschaft des Landes. Da sollte es doch wohl reichen, wenn es um Musik geht. Aber: Das Orange Blossom Special ist eben mehr als „nur“ Musik. Ein Familientreffen nämlich. Vor und hinter der Bühne ist es wie nach Hause kommen. Die Gesichter, die kennt man. Da fällt selbst im Publikum sofort auf, dass Stage Manager Carsten zum Beispiel in diesem Jahr von Felix vertreten wird. Völlig egal, wie lange man sich nicht gesehen hat: Man freut sich, dass man sich für drei Tage wiederhat. Den Typ mit dem Vollbart und dem Fez auf dem Kopf, den Vinylfan im Jackett, den langhaarigen Hageren mit seiner Freundin oder Frau oder so, egal, die sind da zusammen seit gefühlt immer. Man kennt die Namen oft gar nicht, aber sie gehören dazu.
Das Veranstaltungsteam um Rembert Stiewe weiß das. Die kennen ihre Leute. Familie und so. Und sie geben ihnen Jahr für Jahr Respekt und Liebe, nicht nur durch ein fein ausgewähltes Lineup und durch das inzwischen wirklich reichhaltige Zertreuungsangebot (wie Rembert am Sonntagabend sagen wird, ist all das übrigens durch Anregungen von außen entstanden), sondern auch durch die Hingabe, mit der selbst Merchandise-Artikel ausgedacht und aufbereitet werden. Wir, Sellout? Nicht, dass ich wüsste (um mal am Rande Fünf Sterne Deluxe zu zitieren). Angebot regelt die Nachfrage regelt das Angebot, und das Orange Blossom Special wäre nichts ohne diese immer stärker noch wachsende Wechsel- und die daraus resultierende Vielseitigkeit.

Das ausgesprochen, das Malerische der Anreise aus der Lüneburger Heide gelobt - am Freitagabend sind wir da, dank Bolle an der Anhängerkupplung ohne störende Zeltaufbauaktionen, trotzdem zu spät wie jedes Jahr (die Zeit so knapp, der Relaxmodus so groß). Aufbauen, einrichten, Wegbier in die Hand, von der Beverunger Eisbahn, die als „offizieller Womo-Platz“ fungiert, läuft man ein wenig länger als vom Campinggelände an der Weser. Die ersten beiden Bands trotzdem verpasst. Es wird zu einer traurigen Tradition. Zumal die wundervollen Heimatt aus Dänemark das Wochenende einläuten, über deren legendären Reeperbahn-Festival-Auftritt von 2015 ich an dieser Stelle schon so viel erzählt habe, dass ich mich jetzt nicht wiederholen möchte. Aber ich unterstelle mal, dass Magnus Grilstad und seine Band einen mehr als adäquaten Auftakt gegeben haben. Stimmen aus dem Publikum bestätigen mir das später. Über die Shook Twins höre ich leider kaum was. Die waren als zweites dran, die haben wir auch nicht geschafft. Eigentlich schade. Noch trauriger ist, dass wir dann während der großen Begrüßungsrunde (sagte ich schon, dass es wundervoll ist, dass man sich nach einem Jahr Pause fühlt, als wäre man nie weg gewesen?) auch noch The Buttshakers verpassen, die mit ihrem souligen, sehr bläserlastigen Rhythm’n’Blues definitiv ein Highlight sind (das lässt sich durch das andere Ohr, das sich gerade nicht anhört, wie es zum Beispiel Yannick oder Martha geht, durchaus erahnen).
Aber das Wetter ist einfach viel zu gut um sich zu ärgern. Die Sonne, die seit einer Woche unsere winterlich-leidgeprüfte Haut mit einem gesunden Braun bemalt hat, gibt auch heute alles. Nichts, aber auch gar nichts kann uns von dem Gedanken abbringen, dass der Sommer begonnen hat, auch wenn die Vorhersage fürs Pfingstwochenende gar nicht mal so gut war. Der allumfassende innere Positivismus lässt uns auch dem Auftritt der bisher immer gar nicht so sehr geliebten Trümmer mit wohlwollenden Augen sehen - und die Hamburger spielen tatsächlich eine energiegeladene Show zwischen frühen Blumfeld-Indiepop und aufbegehrendem Feingeist-Punk. Paul Pötsch gibt den ausladenden Frontmann und die Leute tanzen. Hugo Race, der Freitagsheadliner, hat mit seinem düsteren Bluesrock sowieso leichtes Spiel - als Glitterhouse- und OBS-Resident ist er einer der Künstler, die man immer wieder gerne im Garten sieht.
Doch insgesamt steht der Freitag in jeder Hinsicht im Zeichen des Ankommens: Lange Gespräche, geschweige denn den obligatorischen Ausflug in den Stadtkrug, gibt es heute nicht; kann es heute nicht geben. So müde, so erledigt waren wir lange nicht. Als wir unsere Freunde vor lauter Schläfrigkeit (und wirklich nicht vom Bier) schon nur noch doppelt sehen und uns krampfhaft darauf beschränken, im Schnack hoffentlich wenigstens an den richtigen Stellen zu lachen, ist klar, dass das Bett die einzig adäquate Option ist. Morgen ist auch noch ein Festivaltag.

Und der beginnt mit Regen, der aufs Wohnwagendach prasselt. Och nö. Echt? Kann ja nicht sein. Sollte die Sonne uns im Stich lassen? Wenigstens sind wir ausgeschlafen. Auch, wenn wir dafür den Auftritt von luisà verpassen, der aber grandios gewesen sein soll. 11.30 ist für OBS-Besucher aus Erfahrung keine wirklich unwirtliche Zeit, für uns aber heute schon. Die Woche steckt in den Knochen. Man muss Prioritäten setzen. Eine heißt heute Frühstück. Erst zur perfekten Rockshow von The Loranes sind wir auf dem Gelände, ein toller, mitreißender Auftritt, der vom rauschhaft-edlen Psych-pop der Schwedin Josefin Öhrn und ihrer Band The Liberation aber nochmal um Längen getoppt wird. Das ist Musik zum Augenschließen und Davondämmern; der Mazzy Star-Vergleich passt an vielen Stellen wie die Faust aufs Auge. Gut gebucht. Perfekt um diese dann doch sonnige Mittagszeit.
Aidan Knight hört sich zunächst wie ein wunderbar nachmittagsruhiger Singer/Songwriter an. Doch der langhaarige Kanadier macht mehr als das; lässt seine Song-Kleinodien immer wieder krautrockig ausschweifen. Gönnt sich eine gute Portion Verschrobenheit zum Wohlklang und ist somit genau richtig für die Leute, denen herkömmliche Folkbarden immer einen Tick zu brav sind. Gegen das folgende Voodoo-Punk-Inferno von My Baby kann er aber nicht anspielen: Das holländische Trio um die Sängerin Cato van Dijk schafft mit Schlagzeug, Gitarre und Bass einen beinahe technoid-tranceartigen Sog, gespeist von Blues, Folk und Rock. Jede Sekunde der Show ist faszinierend; das ist eine dieser Bands, die kaum ein OBS-Besucher vorher auf dem Zettel hat und die dann den ganzen Garten mitreißt. Ja, eine dieser Bands ist das sogar, die man anschließend mit nach Hause nimmt, um seinen Freunden von ihr zu erzählen. Das Konzert ist nach einer Stunde viel zu früh vorbei.
Anschließend ist es Zeit für die nächste Runde Glitterhouse-Veteranen. Und zwar Pleasant Grove aus Texas, die anno 2002 ihr erstes Orange Blossom Special spielten. Doch mitten in diese fein ziselierten Alternative-Folk-Country-Epen mischen sich die Eisheiligen und lassen einen Regen auf das Festivalgelände herabfallen, der die Temperatur gefühlt um zehn Grad sinken lässt. Es ist auf einmal so kalt, dass es nicht wenige, die eine Winterjacke, Schal und Handschuhe im Mai für Quatsch gehalten haben, flüchten lässt; uns eingeschlossen. Erst zum Ende der Show, als die Sonne wieder da ist, kommen wir auf den Balkon zurück und erleben ein episch-malerisches Finale, als der Kronleuchter auf der Bühne das warme Licht über das ganze Gelände strahlen zu lassen scheint und die Band mit „Nothing This Beautiful“ und umarmender Grandezza einen magischen Moment des Wochenendes schafft.
Hinter der Bühne spricht uns ein junger Typ in schwarzem Mantel und lässig um die Schultern geschlungenem Schal an. Erzählt ein bißchen, fragt, was wir so machen. Lässt dann ganz beiläufig einfließen, er sei ja heute auch Künstler, er trete später auch noch auf, wir sollen doch mal zur Minibühne laufen. Ein bißchen leiser wird er, als er sagt, nein, er sei nicht in einer Band, aber er gehöre zum, ähem, Berliner Kneipenchor. Na gut, unsere Neugier ist trotzdem geweckt, und der Auftritt dieses Chors, der in Berlin tatsächlich nachts durch die Kneipen zieht und die Leute mit einem Sammelsurium an Hits aus dreißig Jahren Musikgeschichte verwöhnt, macht irrsinnigen Spaß. Eigentlich ist das fast eher ein Happening. Immerhin sind mitklatschen, mitsingen und - das wird selbiger Typ nicht müde, von der Bühne aus zu betonen - mittrinken ausdrücklich erlaubt. Der Sache angemessen nimmt der Berliner Kneipenchor sich nicht nur auf erfreulichste Weise nicht zu ernst; er zeigt auch einmal mehr, dass du das musikaffinste Publikum vor dir haben kannst - mit den richtigen Hits kriegst du sie alle, egal ob sie von Justin Bieber, Rihanna, Bilderbuch oder Herbert Grönemeyer kommen. Nicht von ungefähr ist das Highlight des kurzen Pausenauftritts das Cover vom Gassenhauer „Ohne dich“ von der Münchener Freiheit. Da singen und schwingen sie alle mit, die alten, die jungen, die mit Spoonful-CDs und die mit Die Nerven-Vinyls in den Taschen. Großer Spaß.
Wo wir grad dabei sind: Die Nerven, Glitterhouse-Newbie und eine der auch international gefeiertsten deutschstämmigen und -sprachigen Bands der letzten Jahre, haben den Co-Headliner-Slot am Samstag zurecht inne. Auch, wenn ich dabei bleiben muss, dass ich mich kaum traue, zu dieser Band etwas zu schreiben, weil ich immer das Gefühl habe, an ihrer Intensität und Wahrhaftigkeit vorbei zu reden - das Trio ist eine höchst unangenehme, zwingende und mächtige Liveband; laut und ungemütlich; destruktiv und resignativ. Man kann von denen halten, was man will, aber gesehen haben muss man sie mal.
Ja, und dann kommt es zu einem ganz besonderen Moment, als sich für Konstantin Groppers Get Well Soon abermals ein Kreis schließt. 2007 spielte die Band noch ohne ein Album im Gepäck beim Orange Blossom Special zum ersten Mal überhaupt vor mehr als hundert Leuten, ebenfalls als letzte Band am Samstag. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte; die Geburtsstunde von Konstantin Gropper als einem der wichtigsten hiesigen Songwriter. Und die Band hat heute einen Auftrag, von dem sie noch nichts weiß. Zu tief sitzt bei mir als großem Verehrer ihrer immensen Kunstfertigkeit der Stachel vom Tourauftakt zum neuen Album „Love“ in Bremen im März, als die Band den Fokus für meine Begriffe zu sehr auf die zwar vielbödigen, doch insgesamt eher „glatteren“ Songs der neuen Platte legte und so viele geliebte Perlen aus dem Programm verbannt hatte. Gropper und sein Ensemble wirkten da fahrig, uneins, es kam im nicht besonders gut gefüllten Bremer Schlachthof weder Stimmung auf, noch gab es diese sonst so sehr geliebte Bindung zwischen Band und Publikum, letzteres andächtig schweigend, der Tiefe von Get Well Soons Trauerepen Tribut zollend. Dass ich ein Get Well Soon-Konzert anschließend sofort vergessen wollte, hatte wehgetan.
Aber hier und heute brauchen Herr Gropper und seine Band nicht unsicher sein; hier fliegen ihnen die Herzen zu. Das Publikum war immerhin schon da, als Get Well Soon ihren Siegeszug durch Kritiker- und Fanherzen im Glitterhouse-Garten begannen. Das verpflichtet und knüpft langjährige Bande. Die Söhne des OBS waren zurück, könnte man sagen. Und heute stimmt dann endlich alles: Die Energie, der Drive, das Gefühl. Zwei alte Nummern, die ich in Bremen so schmerzlich vermisst hatte - das drängende „If This Hat Is Missing, I Have Gone Hunting“ vom ersten Album, für das die Band erfreulicherweise genau wie zur ersten Single der neuen Platte, „It’s Love“, vom Berliner Kneipenchor unterstützt wird; außerdem das todtraurig-schwergliedrige „Black Friday“ - sind heute dabei, ansonsten liegt der Fokus aber ebenfalls mehr auf dem neuen Material, es fehlen also nach wie vor lange liebgewonnene Herzensangelegenheiten. Aber das ist wohl das, was man im Allgemeinen Fortschritt und Weiterentwicklung nennt. Es wäre ein leichtes gewesen, das Fanherz dem Anlass angemessen mit einem Best-Of-Set immens glücklich zu machen, aber dafür ist Konstantin Gropper eben doch auch zu sehr Künstler und im Jetzt zuhause. Ich bin jedenfalls in meister Hinsicht versöhnt und glücklich.
Der Rest vom Abend? Ein OBS-Samstag, wie er immer enden sollte. Lange Gespräche in der Glitterhouse-Küche, mit neuen und alten Freunden in den Stadtkrug gelaufen, getanzt zu den besten Rock’n’Roll-Tunes, Rückweg an der Weser entlang, Katze getroffen und ausgiebig mit Streicheleinheiten bedacht, Wartekaffee am gerade öffnenden Frühstückszelt, noch Brötchen geholt, Bett.

Und jetzt kommen wir zu dem Teil, an dem Bolle uns vor dem Kältetod gerettet hat. Denn am Sonntag ist es kalt. SO kalt. Nicht, wenn die Sonne scheint, aber das tut sie immer nur im Wechsel mit saftigen Schauern, das Quecksilber im Thermometer lustig auf und ab treibend. Shirt, Hemd, Sweatjacke, Regenjacke, Schal, Handschuhe, und doch scheint man sich nicht genug gegen diese seltsame Mai-Laune anziehen zu können. Wie gemütlich ist es dagegen, wenn in Bolle die Heizung wärmt und das mitgebrachte Federbett zu rufen scheint: „Geh nicht da raus! Du wirst erfrieren!“?
Aber der Surprise-Act wartet! Die Glitterhouseler haben auch in diesem Jahr wieder ein großes Geheimnis daraus gemacht und fröhlich Hinweise gestreut; wer genau hingeschaut hat, konnte Mitglieder von The Great Bertholinis und Daniel und Eleni von Sea+Air über das Gelände streifen sehen, doch klar war sowieso: Den tränenreich-tiefen, wunderschönen, alles überstrahlenden Auftritt von Gisbert zu Knyphausen und der Kid Kopphausen-Band aus dem Vorjahr würde man ohnehin nicht toppen können. So stehen um 11.30 die ebenfalls OBS-erfahrenen Torpus & The Art Directors auf der Bühne, zu denen man einfach nicht ungerecht sein möchte. Darum möchte ich dazu eigentlich nur eins sagen: Schön war’s.
Das gilt freilich auch für die Belgierin Chantal Acda, deren wundervoll-warmes Album „The Sparkle In Our Flaws“ zu meinen letztjährigen Winterplatten gehörte. Ein wirklich schöner Auftritt ist das, heimelig und wärmend wie eine gute Tasse Tee (das haben wir heute wie gesagt auch nötig). Weil es wettertechnisch eher an Herbst erinnert als an spätes Frühjahr, denke ich immer wieder an die schmerzlich vermissten Espers zwischen Acdas glockenheller Stimme und den gerne auch ausufernd-weirden Folksounds und fühle mich herzlich umarmt. Love A, die anschließend spielen, sind sicherlich eine gute Band, aber den Umschwung schaffe ich nicht so schnell. Ich gehe lieber nochmal ins beheizte Versteck und mache für eine halbe Stunde die Augen zu.
Gegen die immer tiefer in die Glieder ziehende Kälte haben XIXA ein ziemlich gutes Rezept. Der Glitterhouse-Neuzugang spielt einen wahnsinnig exhaltierten Mix aus Desert-Rock, Cumbia und Latin Rock, wirkt mit dem abwechselnd spanisch-schmachtenden Gesang von Brian Lopez und den heiser-giftigen Vocals von Gabriel Sullivan wahlweise einem Robert Rodriguez- oder einem Quentin-Tarantino-Filmsoundtrack entsprungen; in schwarzen Anzügen mit Hut übrigens auch optisch. Großes, abgefahrenes Soundkino; genau das richtige also, um an Musik zu denken und nicht an Wetter. In eine zumindest gefühlsmäßig ähnliche Kerbe schlagen auch Vita Bergen aus Schweden, ebenfalls neu beim Label, mit ihren Songs zwischen Joy Division-Düsternis, Pink Floyd-Psychedelik und (frühem) Mando Diao-Indierock. Sänger William Hellström agiert auf der Bühne wie von der Tarantel gestochen, malträtiert seine Gitarre, schmeißt seine Tom halb kaputt und schafft zwischen den Songs immer wieder, sich so herunter zu fahren, dass er sich artig beim Publikum für die einhellige Begeisterung und den Support bedanken kann. Kein Bein steht still, man tanzt sich den Wintereinbruch einfach aus dem Körper.
Dann spielen Spidergawd aus Norwegen, zu deren lärmigem Stoner- (others might call it Schweine-)rock ich selbst eigentlich fast keine besseren Worte sagen kann, als sie ein älterer Festivalbesucher, der mit seinem Kumpel vor uns in der Pommes-Schlange wartet, in herrlichstem Westfälisch findet: „Hömma, dat kann ich mir nich ankucken. Dat is doch so’n typisches 70er-Jahre-Rumgewichse. Die holen sich doch bloß an ihren Instrumenten einen runter“. Nuff said. Wo dann das derzeit allenthalben sehr gefeierte Duo Sarah & Julian in der Pause auf der Minibühne für besinnlich-folkige Töne sorgt, bleibt der Lautstärkepegel auf der Hauptbühne konstant hoch: Miraculous Mule, OBS-Veteranen unter der Leitung von Michael J Sheehy, reißen mit ihrer stilechten Mischung aus Garagen-Noise, Bluesrock und Folk alles ab; solche Bands gehören zwingend zum Orange Blossom Special, und es ist gut, dass sie immer wieder kommen - allein, sie bekommen mich nicht aus meiner Kältestarre heraus. Ich finde da einfach keinen Zugang. Kann aber ja auch nicht alles mögen.
Und dann ist es Zeit für den obligatorisch-elegischen Sonntags-Headliner, den Festival-Closer, die Band, deren Aufgabe es ist, ein letztes Mal für Begeisterung und andächtiges Schweigen zu sorgen. Das Einar Stray Orchestra aus Norwegen ist dabei auf den ersten Blick eine eher unglamouröse Wahl, vor allem (und total zu Unrecht, ich weiß) verglichen mit den fabelhaften The Slow Show im letzten Jahr. Wohl aber eine gute, wie sich herausstellt. Live ist der bebrillte Einar Stray mit seiner Band eine echte Hausnummer; schwingt sich mit seinem hymnischen Folkpop auf in wahrlich orchestrale Opulenz, hat wirklich wunderschöne Songs im Gepäck und ist darüber hinaus auch noch unheimlich sympathisch. Er bekommt das Publikum nie zu hundert Prozent auf seine Seite, aber daran ist sicherlich nicht er Schuld, sondern der Wintereinbruch beim kältesten OBS aller Zeiten, wie Rembert Stiewe im Anschluss bekannt geben wird. Es gibt das Ende vom Dreitageswitz und eine überaus rührende Geburtstagsüberraschung zum Zwanzigsten von der Crew, die Rembert und sein Sohn Yannick unter frenetischem Applaus entgegen nehmen dürfen; auch wieder so ein Beweis dafür, wie nah hier Veranstalter, Helfer und Gäste einander sind. Es wird sich geherzt, gedrückt und ein Tränchen vergossen; dann ist Schluss. Dann ist das OBS aus und die Welt wieder an.

Und das ist dieses Mal ganz besonders holzhammerartig, weil es (ich weiß nicht, ob ich’s schon erwähnte) so unfassbar eisekalt ist. Konnten einen das Wochenende über immer noch das Wiedersehen mit alten Freunden, die wie immer heimelige Atmosphäre im Garten und das gemeinsame Genießen fantastischer Bands wenigstens von innen wärmen, bleibt jetzt nur der Gang ins frostige Zelt für alle die, die sich überlegt haben, bis Montag da zu sein, denn auch die Heimfahrt am nächsten Morgen mit einem letzten Blick auf die Weserwiesen und das Glitterhaus gehören irgendwie dazu bei einem vollkommenen Beverungen-Trip. Und einmal mehr ist Bolle jetzt unser Retter, bereitet uns dank seiner Gasheizung einen warmen Empfang, lässt uns binnen Minuten vergessen, dass draußen jetzt nur noch alles kalt ist und nass und ungastlich. Gut, dass er da ist, dieser Bolle.
Die Rückfahrt am Montag: Noch voll der Kopf, noch rauschend die Ohren. Irgendwie ist es besonders schnell verflogen, dieses so sehr herbeigesehnte erste Festivalwochenende des Jahres. Jetzt muss man wieder sortieren und den Blick auf das richten, was Alltag heißt und am nächsten Tag wartet, für die meisten fernab von Beverungen, von Mini-Calzone und Weserblick, von Familientreffen der angenehmen Art und diesem Geborgenheitsgefühl, das man nur bei sehr wenigen Open Airs findet.
Was schreiben wir in diesem Jahr für ein Fazit? Was wird bleiben, was wird uns auf ewig an dieses zwanzigste Orange Blossom Special erinnern? Die Bands bis auf Ausnahmen vielleicht gar nicht so sehr, denn auch, wenn wieder alles stimmig und toll war, fehlten ein wenig die großen, für immer erinnernswerten Highlights in der OBS-Historie, auch nachmittags: Diese Bands und Künstler, die den Besucher einfach ohne große Ansage mitgerissen haben; nach deren Konzert man in dem Bewusstsein strahlte, hier einen echten Geheimtipp, ja eigentlich sogar ein Geschenk mit nach Hause zu nehmen, das in Kürze vielleicht nicht groß sein wird weil das Musikbiz ein Riesenteich mit viel zu vielen dicken Fischen ist, aber wo man beim kleinen Clubkonzert ein halbes Jahr später ganz viele Freunde mitbringt, denen man mit einem warmen Glanz in den Augen davon erzählt hat, beginnend mit den Worten: Also letztes Jahr zu Pfingsten, beim Orange Blossom Special… Oder ging das nur mir so? War ich zu verstrahlt vom meiner Meinung nach musikalisch besten neunzehnten OBS? Ich hatte ja schon hinsichtlich des diesjährigen Surprise Acts schon einmal kurz daran gedacht. Oder war es zu kalt? Hat das OBS seine eigene Messlatte einfach zu hoch gelegt, so dass man schon ein wenig mit sich kämpft, wenn nicht alles atemberaubend und emotional riesenhaft ist?
Im Programmheft zum Festival hat Rembert Stiewe eigentlich sehr wahre Worte zu diesem Thema gefunden. Er erklärt in einem kleinen Text, warum er dem zwanzigsten Jubiläum eigentlich keine große Bedeutung beimisst. Weil es in jedem Jahr und für jeden Besucher, auch die, die immer wieder kamen, andere Highlights, große Momente und erzählenswerte Geschichten gibt.
Es gibt nicht DAS Orange Blossom Special - aber es gibt das Orange Blossom Special. Eine Bastion des guten Geschmacks in einer immer ähnlicher werdenden Festivalllandschaft, mit einem Team hinter den Kulissen, das Jahr für Jahr enorme Kräfte mobilisiert, um das Pfingstwochenende mit Charme, Hingabe und viel, viel Liebe zu einem außergewöhnlichen Wochenende zu machen. Wo eine Hand in die andere greift, wo nie ein unfreundliches Wort fällt, wo man sich als Besucher eingeladen, entspannt und geborgen und aufgenommen fühlt, egal welchen Alters und welcher sonstigen musikalischen Vorlieben. Wie eine große Gartenparty, zu der man willkommen ist und nach nur wenigen Jahren von drei Handvoll anderer Menschen persönlich mit einer Umarmung begrüßt wird.
Mit einem Publikum, das sich - wie in diesem Jahr wieder eindrucksvoll bewiesen - trotz Kälte und Regen schon vormittags in beeindruckender Zahl vor der Bühne einfindet, weil es all diese Bemühungen sieht und diese Hingabe spürt und vertraut, dass das, was unter dem Kronleuchter steht, vielleicht nicht immer jeden Geschmack trifft, aber mit Fingerspitzengefühl für genau diesen Anlass ausgewählt worden ist und dem auf bemerkenswerte Weise Respekt zollt. So ziemlich alle Musiker, die ich hinter der Bühne traf, waren schier erschlagen von so viel Neugier und Offenheit. Das ist schon was besonderes. Was ganz besonderes.
Man muss keine Ausgabe des Orange Blossom Special explizit hervorheben. Aber man muss dankbar sein, dass es dieses Festival gibt. Dass es allen Widrigkeiten und zwischenzeitlichen Existenzängsten zum Trotz schon seit zwanzig Jahren besteht und jedes Jahr ein Stück mehr Teil unseres Lebens geworden ist. Simon Baranowski, endlich neben Rembert Stiewe wieder ein zweiter Mann auf der Bühne bei Ansagen und Witzen, findet stellvertretend für die Crew treffende Worte zum Festivalabschied: „Ihr seid Familie für uns“, sagt er, und da spricht er allen aus der Seele. So ist es. Das OBS ist Familie. Punkt.
Zum Abschied verkündet Rembert Stiewe, dass das Motto des nächsten Jahres nach dem vorhin erwähnten letzten Pleasant Grove-Song „Nothing This Beautiful“ lauten wird. Das darf man unterschreiben. Das unterschreibe ich. Blind.
Ich möchte auch in den nächsten zwanzig Jahren zu Pfingsten die Welt aus- und das OBS anknipsen. „Nothing This Beautiful“ - nichts ist so schön, wie mit einem Bier in der einen und der Mini-Calzone in der anderen Hand gemeinsam mit all diesen großartigen Menschen im Glitterhouse-Garten in Beverungen den Festivalsommer einzuläuten.
Und ich werde ganz sicher nicht müde werden, der Welt von diesem wundervollen Festival zu erzählen. Und davon, wie mich in diesem einen Jahr ein Wohnwagen namens Bolle vor dem sicheren Erfrieren gerettet hat. Wir sehen uns 2017. Garantiert.
Text: Kristof Beuthner
Fotos: Christina Schoh und Kristof Beuthner