Wo hört Indie auf, wo fängt Pop an? Kann man das überhaupt noch klar trennen? Zumal der Weg vom Liebhaberpublikum ins Großformat inzwischen denkbar kurz geworden ist. Wet aus Brooklyn hätten das Zeug dazu, diesen kurzen Marsch als nächste anzutreten.
Streng genommen stimmt bei Wet alles für die nächte groß aufgezogene Mainstream-Initiative, in der wieder eine vormals kleine Band durch massives Airplay in Radio und Fernsehwerbung gen Himmel stürmt. „Don’t You“, das Debüt des Trios aus Brooklyn, bringt eine Menge mit: Die fein nuancierte, samtweiche Stimme von Kelly Zutrau, die schmooven Synthie-Flächen und dezenten Elektrobeats, dazu eine Melodieführung, der eher klassisches Songwriting zugrunde liegt als abgehobener Hipstercore. Genau das ist es dann auch, was Wet nicht nur im Formatradio erinnernswert machen wird, sondern auch den Indiepopliebhaber abholt: Die Band schreibt einfach schöne Songs mit feinem, edlen Flow, der zwar über die komplette Laufdistanz schwebt, aber nie in zu kunstvolle Sphären abhebt und somit auf Festival-Zeltbühnen genauso gut aufgehoben wirkt wie in Werbespots von skandinavischen Klamottenläden oder Mobilfunkanbietern, die sich ja gerne in der Schnittstelle zwischen Untergrund und Massentauglichkeit bedienen. Vieles erinnert klanglich an derzeit reichlich erfolgreiche Epigonen aus der Synthiepop-mit-Sängerin-Welt; Daughter, I Break Horses, Lanterns On The Lake, um nur drei mal zu namedroppen, aber wo nur letztere sich inzwischen ein gewisses Maß an Zugänglichkeit gönnen und die ersten beiden nach wie vor zu verquer für die Charts sind, liebäugeln Wet keinesfalls unverhohlen mit dem Pop. Er ist die deutlichste Inspirationsquelle für die elf Stücke auf „Don’t You“, seine mutmaßlich perfekte Auslegung die hauptsächliche Motivation. Wer braucht Nische, wenn er alles haben könnte? Die verhallten Sounds, die pointierte Percussion und die allenfalls touchierte Stromgitarre, die Songs wie „Don’t Wanna Be Your Girl“ ein Gerüst bieten, sind ein Querschnitt der eben genannten drei Bands; trotzdem wirken Wet nie wie Nachahmer. Kelly Zutraus Gesang, der im soften (und zugegeben weißen) R’n’B genauso zuhause sein könnte wie in schwelgerischen Countrysongs - für die nächsten The xx ist sie schlicht zu präsent. Und ja, auch im Bubblegum-Pop könnte diese Stimme wohnen, aber das stört zu keinem Zeitpunkt, weil man eben nie das Gefühl hat, Wet würden sich in irgendeiner Weise anbiedern. „Don’t You“ ist ein merklich selbstbewusstes, dabei aber in der Tat erfreulich unaffektiertes Album geworden, das vielleicht die ein oder anderen Ecken und Kanten mehr hätte vertragen können, im Radio aber wesentlich willkommener ist als die x-te Rihanna-Nummer.
Text: Kristof Beuthner