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		<lastBuildDate>Thu, 24 Sep 2026 08:08:24 +0200</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Die Hallensaison ist eröffnet! Nillson beim Reeperbahn Festival 2026</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/die-hallensaison-ist-eroeffnet-nillson-beim-reeperbahn-festival-2026.html</link>
			<description>Es gibt diesen Moment im Jahr an dem du absolut spürst dass die Outdoor-Saison unwiderbringlich vorbei ist. Anfang September ist das noch nicht so. Da gibt es noch immer vereinzelte, vor allem kleinere Festivals, für die im Sommer einfach kein freies Wochenende mehr übrig war. Aber spätestens wenn Hamburg zum Reeperbahn Festival einlädt weißt du: Weite Felder, große Stages, bunte Deko und liebevolle Hingabe wirst du jetzt eine ganze Zeit lang nicht sehen. </description>
			<content:encoded><![CDATA[Auch wenn du eher auf die großen Festivals stehst: Lange draußen sein, Musik und tanzen bis spät in die Nacht unter freiem Himmel, dieses ganz besondere Freiheitsgefühl das nur Festivals dir so geben können: Mindestens bis Mai ist das nicht möglich. Das sind mindestens sieben lange Monate. Und auf welche Festivals du dann gehen kannst, hängt ganz davon ab welche deiner Lieblingsorte nicht vom derzeit grassierenden Festivalsterben befallen sind. Denn der Szene geht es schlecht, die Produktionskosten zu hoch, die Fördermittel zu niedrig und der Geldbeutel der Kund:innen einfach nicht unerschöpflich gefüllt. Nicht umsonst geht es auf den Panels des Reeperbahn Festivals 2006 viel um dieses Thema – und hätte ich die Zeit gehabt sie zu besuchen würde ich hier gerne noch mehr ausschweifen und vieles wiedergeben was ich dort erfahren und an Erkenntnissen mitgenommen hätte. So allein bleibt der Blues.
Doch wenn das Reeperbahn Festival einen Wendepunkt im Jahr markiert, bedeutet das nicht automatisch Tristesse. Es bedeutet nämlich das Einläuten der Hallensaison und läutet die Zeit ein in der wir unsere Lieblings-Venues wieder mehr von innen sehen. Wobei die natürlich auch ganz schön leiden. Weil einfach zu wenig Tickets verkauft werden. Aber das ist auch ein Thema für einen anderen Artikel. Darum soll es hier und heute nicht gehen. Es steckt auch so schon so viel Blues im Anfang dieses Textes. Klar ist ja nun mal: Das haptische Konzerterlebnis ist unaustauschbar, unersetzbar, wichtig für die Seele. Und das Reeperbahn Festival verbindet da einfach zwei Welten: Wir dürfen in unseren Lieblings-Venues ausgiebig Bekanntschaft mit den Bands machen die den kommenden Festivalsommer dann von den Bühnen aus entscheidend mitgestalten werden. Und das fühlt sich dann doch schon wieder irgendwie ganz hoffnungsvoll an.
Für mich persönlich fühlt sich das Reeperbahn Festival in diesem Jahr erstmal tonnenschwer an. Ich bin nämlich krank und liege erstmal im Bett. Mittwoch geht es halbfit weiter, aber gerade diese Startrituale die ich so liebe – das Ankommen, erste Treffen am Ticket Desk, ein kurzer Gang durchs Village und schon mal an der Fritz Kola Bühne hängen bleiben und erste Eindrücke sammeln, dann gemütlich das erste Kaltgetränk auf dem Spielbudenplatz – all das fühlt sich am Mittwochnachmittag irgendwie nach „ich kann nicht“ an. Und das ist ganz schön ärgerlich. Das ist eins meiner Lieblingswochenenden und ich soll nicht fit genug sein? Das ist nicht zu akzeptieren. Und so stehe ich dann etwas später als sonst, aber pünktlich zum Kickoff doch in der Bändchenschlange. Drehe meine erste Runde durchs Village. Falle sofort dem ersten tollen Menschen den ich lange nicht gesehen habe (war das letzte Mal etwa genau hier vor einem Jahr?) in die Arme und trinke das erste Kaltgetränk mit Blick auf die Spielbude XL. Alles wie immer. Dann irgendwie doch.
Und ja: Irgendwie ist das Reeperbahn Festival bei mir unglaublich durchritualisiert. Das fängt schon eine Woche vorher an (bis dahin sind auch die letzten Acts in den Timetable eingefügt): Bewaffnet mit einem Glas Rotwein und Kopfhörern geht es schon vor dem eigentlichen Event auf Entdeckungsreise. Denn sind wir ehrlich: Trotz einiger bekannter Namen im Lineup, von ca. 75% der Bands und Künstler:innen haben wir meistens noch nie was gehört. Gut so, denn das Entdecken ist nun mal die Königsdisziplin hier. Damit das nicht in völliger Kopflosigkeit mündet, ist das Laufplan schreiben unabdingbar. Und dazu muss man reinhören. Ich glaube, so intensiv wie hier setze ich mich zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr mit so viel neuer Musik auf einmal auseinander. Und das obwohl schon vorher klar ist dass die Hälfte meines Planes gar nicht klappen kann weil alles parallel spielt und bei einem weiteren Viertel weiß ich schon jetzt dass ich mich wieder irgendwo verquatsche und dann zu lange brauche. Der positive Nebeneffekt: Musik gehört habe ich trotzdem und die Namen die mir gefallen haben sind im Elefantengedächtnis abgespeichert. Wir sehen uns bestimmt woanders wieder wenn nicht hier.
Musikalisch ist am Mittwoch dann aber trotzdem irgendwie der Wurm drin, weil gleich zwei meiner gewählten Bands mit technischen Problemen zu kämpfen haben. Die Briten von <b>My First Time</b>, die ich mit ihrem energiegeladenen Indie Rock bereits im Sommer in England beim Truck Festival erleben durfte, bringen es deshalb auf der Fritz Kola Bühne nur auf drei Songs, geben damit aber einen exquisiten Vorgeschmack auf ihre Abend-Show in der Top 10 Bar vom Molotow, wo es den ganzen Tag – und besonders beim heiß umworbenen Gig von <b>1000 Rabbits</b> – so voll ist dass dabei sein zur absoluten Glückssache wird. Ich bleibe heute Open Air, das tut meiner Erkältung gut, und lande vor der Spielbude XL bei <b>Udo West</b>, deren sonnendurchfluteter Power Pop den Menschen schon einen ganzen Sommer lang mächtig gute Laune gemacht hat und somit für mich als ausgewiesener Melancholiker eigentlich so gar nichts ist, aber man kann der Band ihren einnehmenden Charme nicht absprechen, und da man sie inzwischen auf dem Zettel hat, ist der Platz vor der Spielbude bis an die Ränder gut gefüllt. Ich stelle mich für eine Viertelstunde vor den Reeperbus auf der anderen Seite des Platzes und lausche <b>Jo The Man The Music</b>, einer Künstlerin, die ich vor allem wegen ihres obskuren Bandnamens kennenlernen wollte. Der Sound überzeugt mich restlos: In Duo-Besetzung gibt es wunderbar arrangierte Indie Pop-Songs, hochsympathisch, und in all der klanglichen Gelassenheit gibt es auch noch eine völlig zutreffende Ansage an die Privilegien der musikschaffenden Männlichkeit: „Kids are mean, so are men with guitars in their hands“.
Für mein Tageshighlight schaffe ich es dann doch noch ins Molotow, irgendwie an der 1000 Rabbits-Schlange vorbei, es gab dort schon 45 Minuten vor Showbeginn einen Einlassstopp. Ich will aber gar nicht in den Keller, sondern in den Club. Da spielen <b>Bleech 9:3</b>, eine meiner top Entdeckungen des Jahres, die ich bereits im Frühjahr in der Top 10 Bar als Support für Keo erleben durfte, dann nochmal in Belgien beim Rock Werchter und beim Heimspiel in England. Mein Gefühl: Das wird groß. Natürlich ist der Sound nicht neu, das klingt absolut als hätten sich die Jungs im Jahr 1999 dafür entschieden den Grunge der frühen 90er zu adaptieren, wären in eine Zeitmaschine gestiegen und im Jahr 2026 wieder rausgeklettert. Kurzum: Da ist gar nichts neu. Und das darf man kritisch sehen. Fakt ist aber auch: Bleech zeigen, wie zeitlos dieser Sound halt immer noch ist, und wie gut geeignet, tiefste Traurigkeit in Musik zu manifestieren. „Figure 8“, „Jacky“, „No Surprise“ und natürlich „Ceiling“ sind absolute Banger. Blöd nur, dass es heute bei diesen Hits bleibt. Denn auch Bleech leiden unter technischen Issues und kommen statt 40 so nur auf 20 Minuten Stagetime. Der Curfew ist strict. Darüber sind sie spürbar pissed und haben auch gar kein Ding damit es sich anmerken zu lassen, sodass sie sich in punkto Sympathie nicht gerade aufs Treppchen des Tages stellen. Und ich? Gehe ins Bett.
Will auch fit werden, zumindest halbwegs, denn der Donnerstag beginnt im Rahmen des Rheinland Pfalz-Showcases direkt mal mit einer der für mich wichtigsten Bands der letzten drei Sommer. <b>Sperling</b> kombinieren Metalcore mit Emo und Rap und unglaublich intensiven Texten, fast wie kleinen Poetry Slams, und so derart on point wenn du dunkle Orte kennst – diese Band ist immer noch völlig underrated, hat aber eine treue Fangemeinde. Bei kaum einer anderen Band sehe ich so viele Menschen mit Bandshirt auf ihren Konzerten. Heute ist das Publikum eher aus Interesse da, das merkt man schon, und beim Opener „Allein sein ist so leicht“ ist der Sound leider noch matschig, aber die Prinzenbar steht Sperling äußerst gut und die halbe Stunde Settime in der sie einmal alle Songs raushauen die man von ihnen gehört haben muss war allemal genug um sie für sich zu entdecken.
Sperling sind es mir wert dass ich erstmals überhaupt zu spät zur Verleihung des <b>Helga-Awards</b> komme. Der Festivalpreis wird jährlich in verschiedenen Kategorien verliehen, dieses Mal hat sich das Höme-Magazin Hilfe von einer Fachjury geholt. Das <b>Orange Blossom Special</b> gewinnt den Publikumspreis und wird „Fan Favourite“, setzt sich dabei gegen das übermächtige Open Flair mit seiner äußerst starken Fanbase durch – völlig verdienter Sieg wie ich finde. Das <b>Pferdefestival</b> in Piesport (Mosel) gewinnt den Preis in der Kategorie „Klein aber oho“ – auf dem inklusiven Indie-Festival mit beeindruckendem Ausblick war ich dieses Jahr zum ersten Mal, auch das, ein wunderschöner Ort, landschaftlich wie menschlich. <b>Das Nation of Gondwana</b> ist „Die goldene Mitte“ und die <b>Fusion</b>, die es 2027 nicht geben wird, „Mein größtes Vorbild“ – und das <b>Highfield Festival</b> und das <b>SNNTG Festival</b> verabschieden sich mit einem Sonderpreis aus der deutschen Festivallandschaft, mit Träne im Knopfloch, versteht sich. Wir wünschen alles Gute!
Ich wandere ins Docks und schaue mir eine Band an die längst kein Geheimtipp mehr ist, die ich aber noch nie live gesehen habe. Die Österreicher von <b>Anda Morts</b> spielen stabilen auf die Fresse-Punk, der sich aber auf die Gesamtspielzeit von über einer Stunde recht schnell abnutzt. Also wechsle ich die Location und lande im Stage 15 bei <b>Nastyjoe</b>, einer Band die mir aus vertrauensvollen Kreisen sehr ans Herz gelegt wurde. Die Briten spielen ziemlich klassischen Postpunk mit Wave-Elementen, und das kann natürlich sehr gut sein, denn wie bei Bleech 9:3 gilt auch hier die Prämisse dass dieser Sound seit den 80ern überhaupt nichts an Transportfähigkeit für große Emotionen eingebüßt hat – allein, das hier kriegt mich nicht. Es zündet mich nicht an, die Songs sind mir nicht dringlich genug, ich verlasse das Terrain. Und sehe im Café Quer eine sehr kurze, aber dafür sehr einnehmende Performance von Sönke Torpus (Torpus & The Art Directors, Ove) alias <b>Low Key Orchestra</b>. Starkes Songwriting, berührende Energie – die kleine Location ist der perfekte Rahmen dafür.
Im Uebel & Gefährlich wartet mein Tages-, wenn nicht mein Wochenendhighlight: <b>Madra Salach</b> sind hierzulande noch ein ziemlich unbeschriebenes Blatt, in ihrer irischen Heimat aber schon der ganz heiße Scheiß. Das Sextett vermischt traditionelles irisches Liedgut mit Postrock-Elementen und hält sich dabei nicht an Folk-Kitsch, sondern sieht sich eher der Arbeiter- und Protestbewegung verbunden. Das ist auf diese Weise ziemlich neu und special, vor allem aber ultra sympathisch und mitreißend. Von mäandernden Weisen wie „Blue & Gold“ bis zu stampfenden, an die Hochzeit der Decemberists erinnernden Prachtstücken wie „I was just a boy then“ beherrschen Madra Salach jede Form von Grandezza und covern neben einem Stück des hochverehrten Shane MacGowan zu meiner ganz großen Freude auch „Aeroplane Over The Sea“ von Neutral Milk Hotel. Ein Konzert wie eine Energieleistung mit strahlenden Gesichtern auf und vor der Bühne – ob Madra Salach in Deutschland aus der Nische herauswachsen wird sich zeigen, aber vielversprechend ist das.
Ich bin einfach noch nicht fit. Das muss ich speziell am Freitag merken. Denn so glatt gehen die Tage dieses Jahr einfach nicht ineinander über. Nach nebenbei auch noch drei stabilen Arbeitstagen brauche ich eine kurze Siesta bevor ich mich wieder auf den einstündigen Weg nach Hamburg mache um die zweite Hälfte des Reeperbahn Festivals anzugehen. Da fallen gleich einige Bands die ich eigentlich gerne hatte sehen wollen zum Opfer, aber was sein muss muss sein. So starte ich im Village, genauer gesagt bei den Village Acoustics, und mit <b>Efeu</b> aus Wien, die klingen wie man sich eine Band aus Wien eben vorstellt. Will sagen: Das ist ganz gut, aber nichts daran ist wirklich überraschend. Ein guter Auftakt in den Festivalfreitag. Wirklich toll gerät dafür das Wiedersehen mit der wundervollen <b>Philine Sonny</b> am Reeperbus, die höchst ernste und selbstreferenzielle Töne anschlägt und ihre introspektiven neuen Songs für die spätere Show im Mojo anteased. Das funktioniert trotz der Laufkundschaft auf dem Spielbudenplatz sehr gut, denn die Menschen bleiben stehen und nehmen das ernst, und es sitzt ein Kloß im Hals danach.
Der nächste Stopp: Das Rock-Doppelpack aus Pooca Bar, wo <b>Eat Me</b> nicht immer ganz zwingend die 90er wieder aufleben lassen, wie derzeit ja so viele Bands, und dem Betty, wo heute das Morecore-Showcase stattfindet. Da hatte ich mich eigentlich sehr stark auf Overgrown gefreut, eine weitere Band die ihre musikalische Liebe zu den 90ern repräsentiert. Das wäre grungy und melancholisch und brachial geworden. Aber die Band hat abgesagt. Stattdessen spielen <b>Pinkpool</b>, und die sind kein adäquater Ersatz. Das Quartett steckt auch optisch eher in den frühen 00ern, vermischt Pop Punk mit Emocore, wirkt dabei aber eher bemüht als versiert. Da ist sehr viel gewollt, aber den Laden anzuzünden gelingt ihnen trotz gelegentlicher Ausflüge des Sängers ins Publikum nicht so recht. Schade! Auch schade: Dass man 45 Minuten vor Showbeginn am Bahnhof Pauli stehen kann und trotzdem die Show von <b>Agassi</b> nicht sieht. Die sind sicherlich eh einer der Geheimtipps des Wochenendes, und ich hatte sie zu Pfingsten schon beim Orange Blossom Special erlebt, darum weiß ich, dass das berechtigt ist. In Clubatmosphäre wäre das sicher auch nochmal besonders gewesen, aber das fanden augenscheinlich viele, viele andere Menschen auch.
So greift also einer der ganz typischen Reeperbahn-Festival-Mechanismen: Wenn man irgendwo nicht rein kommt lässt man sich treiben. Wer spielt eigentlich im Mojo? War ich lange nicht, also mal schauen. Es ist <b>Bayonne</b>, den ich bisher nur vom Namen kannte. Aber seine Show trifft einen Nerv. Der Amerikaner vermischt sonnige Synthieflächen mit Loops und Beats und hat einen Live-Drummer dabei. Das ist höchst famoser Elektropop, sehr sommerlich, sehr beachy, sehr gechillt und unverschämt tight. Ein absolutes Highlight des Abends, der wieder im Uebel & Gefährlich endet. <b>TR/ST</b> ist in der Darkwave-Szene schon lange eine Attraktion und bietet klanglich den absoluten Kontrast zu meinem Restprogramm, aber das ist sehr faszinierend. Dunkle Electronica, hallige Vocals, auf der Bühne kaum was zu sehen, das ist sehr stark und ein würdiger Freitagsabschluss.
Der Samstag beginnt dann mit Hamburger Schietwetter, aber pünktlich zu meinen <b>Tiny Wolves</b> kommt die Sonne raus und es wird schön. Man soll nichts über eigene Auftritte schreiben, deswegen ganz subjektiv nur so viel: Es war ganz, ganz toll. Nach ein bisschen Village-Time beginnt dann der letzte Konzertmarathon des Wochenendes mit einem Mini-Set von <b>panicbaby</b> am Reeperbus. Das ist very Berlin und kickt mich leider absolut gar nicht. Umso mehr dafür <b>Theatre</b> aus England, für die der Einlass ins Molotow überraschend schnell ging und reibungslos verlief. Voll war es natürlich trotzdem. Auch Theatre hatte ich im Sommer in England schon gesehen, allerdings in einem zu hellen an den Seiten offenen Zelt. Diese kleinen Song-Epen brauchen aber die Club-Atmosphäre. Auch diese Band hat sich ganz offensichtlich in den 90ern bedient, kombiniert Indie Rock mit Shoegaze, spielt eine Show ohne große Reden, ohne Punkt und Komma – und begeistert restlos.
Die Konzerte im St. Pauli Fanshop sind allein durch die Location schon immer sehenswert. Beim wütenden Punk von <b>Skirt</b> gibt es allerdings vor allem eine Büste mit einem rosa Shirt zu sehen. Bewegen ist kaum möglich, der Weg nach draußen ist lang. Am Reeperbus gibt es dann ein bisschen Eigenwerbung für <b>Pamela.</b>, die später noch in der Top 10 Bar spielen sollten und es schaffen, eine ungeheure Energie in dieses Laufkundschafts-Setting zu bringen. Mit sonnendurchflutetem, souligem Indie Pop und starker Zweistimmigkeit entfalten sie in Trio-Besetzung einen ziemlich starken Groove, dieses Mini-Set ist eine absolute Einladung für alle, die es durch die Schlange schaffen.
Aber das Festival endet dann für mich so wie es begonnen hat: Mit dem Band-Set von <b>Jo The Man The Music</b> in der St. Pauli-Kirche. Denn so will es ein weiteres meiner Rituale und somit ein ungeschriebenes Gesetz: Ein Konzert in dieser wunderschönen Location muss mit. Und Jo The Man The Music haben meine Neugier am Mittwoch definitiv geweckt. Zu bereuen gibt es nicht das geringste: Das ist wie gemalt für dieses Setting, durch Drums und mehr klangliche Tiefe natürlich nicht so fragil sondern deutlich druckvoller als bei dem kleinen Duo-Set am Mittwoch, aber so entfalten sich die trotzdem immer noch sehr feinsinnig geschriebenen und zurückgenommenen Songs vor einem wie an diesem Ort gewohnt andächtig lauschenden Publikum. Und so andächtig und schön endet es dann auch, das Reeperbahn Festival 2026.
Auch wenn ich gerne fitter gewesen und noch mehr gesehen hätte: Das Reeperbahn Festival hat sicher nicht nur mich wieder perfekt auf die Indoor Season eingestimmt und eine Menge Lust gemacht, die ein oder andere Band im Lieblingsclub wiederzusehen – oder dort im Herbst und Winter neu zu entdecken was leider nicht in den Timetable gepasst hat. Das macht den Blues nicht weniger real, aber es weckt auch eine ganz andere Vorfreude. Und was ich noch gar nicht erwähnt habe: Die vielen, vielen schönen Gespräche mit Menschen, mit denen man sich die Festivalsommer geteilt hat und mit denen man im selben Boot steckt. Die das nämlich alle genauso machen werden in den nächsten Monaten. Weil sie es müssen und weil auch in ihnen die Freude auf den nächsten Open Air-Sommer schlummert. Jede:r nochmal mit anderen Tipps und Entdeckungen, Anregungen und Inspirationen – das ist das was an diesem Musikding solchen Spaß macht. Das Reeperbahn Festival war wieder vier Tage lang die perfekte Spielwiese für uns, die wir Konzerte lieben – und das hat definitiv wieder unfassbar viel Spaß gemacht.
Wir sehen uns nächstes Jahr!

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Thu, 24 Sep 2026 08:08:24 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Die Reeperbahn-Festival-Vorschau 2026: 10 Bands die ihr nicht verpassen solltet</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/die-reeperbahn-festival-vorschau-2026-10-bands-die-ihr-nicht-verpassen-solltet.html</link>
			<description>Vom 16. bis zum 19. September verwandeln sich die Hamburger Reeperbahn und die näheren Umgebung wieder in ein Mekka für Musikliebhabende: Es ist Reeperbahn Festival, die Schnittstelle zwischen Outdoor- und Indoor-Saison. Das bedeutet: Ein Überangebot an spannenden Konzerten, wund gelaufene Füße, schöne Gespräche, Entdeckungen über Entdeckungen. </description>
			<content:encoded><![CDATA[Von Molotow bis Uebel &amp; Gefährlich, von Knust bis St. Pauli-Kirche gibt es so  viel zu sehen, zu hören, herauszufinden und lieb zu gewinnen, dass die Überreizung schon mit Verkündung des Timetables und einem ersten vorsichtigen Sondieren eintritt. Denn klar ist: Bei über 300 Konzerten gibt es auch einiges zu verpassen. Und dann kommt man eben auch nicht überall rein wo man will und braucht mindestens Plan B und C für den funktionierenden Rush.
Flexibel muss man bleiben, und neugierig. Auch mal bei einer Band stehen bleiben oder in einen Club stolpern die/den man überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Gelassenheit braucht man auch: Wenn ein kurzer Schnack mit einem Menschen den man zuletzt vor einem Jahr hier getroffen hat länger dauert und die Musik sich kurz unterordnen muss. Auch das gehört dazu.
Und natürlich ist das Internetz voll von guten Empfehlungen, Laufplänen und Ideen für diejenige, die ein bisschen Orientierung schätzen. Alles aufzuschreiben was spannend ist sprengt jeglichen Rahmen – wie in jedem Jahr schreibe ich ganz klassisch einen „Analogplan“ und verlasse mich nur für Spontanausflüge auf die App. Der ist bei mir schon jetzt gute 3 Din-A-4-Seiten lang. Euch das alles zu zeigen und zu erzählen würde euch wahrscheinlich so lange beschäftigen dass ihr den Mittwoch glatt verpasst.
Deswegen halte ich es kurz und stelle euch hier 10 Bands vor, die ich persönlich nur äußerst ungern verpassen möchte wenn es ab Mittwoch in Hamburgs großen Wahnsinn geht. Und haltet mal die Augen nach der Fritz Kola Bühne im Festival Village auf dem Heiligengeistfeld und dem N-Joy Reeperbus auf dem Spielbudenplatz offen: Hier könnt ihr ziemlich entspannt in 15-30 minütigen Sets in den/die ein oder andere:n Künstler:in oder Band reinschnuppern wenn ihr gerade auf dem Weg von A nach B seid und die volle Show am Abend euren persönlichen Timetable sprengt. Geht los!
<b>My First Time</b><br /> Mittwoch, 19:30, Fritz-Kola-Bühne<br /> Mittwoch, 23:35, Molotow / Top 10 Bar
Es ist ein gutes Jahr für britischen Indie Rock der 90s Schule. Den Anfang dabei machen My First Time, die ich dieses Jahr schon in England beim Truck Festival sehen durfte. Sehr classy, sehr energetisch, mit ordentlich Druck und Attitude. Testet mal „The Kids Are“ an – ein ziemlicher Banger. Hier ist eine Band auf dem Sprung!
<b>Dolphin Love</b><br /> Mittwoch, 19:35, Bahnhof Pauli
Das Projekt von Constantin Kopp beobachte ich schon länger, es begleitet mich schon seit einigen Jahren, wenn auch eher hintergründig. Das wird ihm nicht gerecht. Dolphin Love verdienen definitiv mehr Aufmerksamkeit: So vielseitig, so versiert, so klanglich weitläufig werden hier genreübergreifende Soundscapes (Postrock? Synthpop? Indie Rock? Alles zusammen!) aufeinander geschichtet und entladen sich in wunderschönster Euphorie. Das ist nicht nur musikalisch brillant sondern auch höchst faszinierend.
<b>Bleech 9:3</b><br /> Mittwoch, 22:20, Molotow
Als ich Bleech 9:3 im Frühjahr zum ersten Mal sah war ich sofort fasziniert. Die Band sieht aus und klingt als wäre sie geradewegs dem Jahrtausendwechsel entsprungen, mit einer Zeitmaschine. Emotional, dringlich, wütend, zwischen Grunge und Indie Rock. Ich sah sie diesen Sommer noch zwei weitere Male und lege mich fest: Die wird man in den nächsten Jahren in einigen hochkarätigen Festival-Lineups wiederfinden. Anspieltipps: „Ceiling“, „No Surprise“, „Figure 8“.
<b>Sperling</b><br /> Donnerstag, 16:00, Prinzenbar
Im Rahmen des Rheinland-Pfalz-Showcases bekommt ihr am Donnerstag eine Band zu sehen, die in den letzten Jahren zu meinem persönlichen Begleiter in schwierigen  Lebenssituationen geworden ist. Sperling kombinieren Emo Rock mit Rap-Elementen und liefern Lyrics mit höchster Intensität, immer im genau richtigen Maß zwischen Verzweiflung und Hoffnungsschimmer. Live sogar mit Cello auf der Bühne. Wird wundervoll in dieser beeindruckenden Location. Anspieltipps: „Verlieren“, „Wie ein Rauschen“, „Luft“.
<b>Madra Salach</b><br /> Donnerstag, 22:30, Uebel &amp; Gefährlich
Schon seit einigen Jahren gibt es viel spannenden Post Punk aus Irland, nun findet man immer häufiger auch Bands, die sich wieder verstärkt mit traditionellen Sounds der grünen Insel in den Vordergrund spielen. Madra Salach kombinieren Irish Folk mit Post Rock und schaffen dabei die perfekte Symbiose aus Verwaltung musikalischen Erbes und klanglicher Dystopie und Cineastik. Spannend und unbedingt empfehlenswert! Anspieltipps: „Blue &amp; Gold“, „Spancil Hill“.
<b>Keo</b><br /> Donnerstag, 22:40, Molotow
Wer es nicht zu Madra Salach schafft, gerade aber in der Nähe vom Molotow steht, sollte sich die Show von Keo ansehen. Die Briten spielen sehr retrospektiven und sehr englischen 90s Indie Rock, emotional und dringlich und mit faszinierender Coolness. Keo stehen definitiv auf dem Sprung für größere Aufgaben und haben sich außerhalb ihrer Heimat schon eine beträchtliche Fangemeinde erspielt: Die kann man hier nochmal in kleinem Rahmen erleben bevor sie groß werden, und das werden sie. Anspieltipps: „Thorn“, „I Lied, Amber“, „That’s Me“.
<b>Maria Iskariot</b><br /> Donnerstag, 23:40, Molotow / Top 10 Bar
Wer Lust hat auf eine völlig losgelöste hochenergetische Punkshow MUSS am Donnerstag um 23:40 in der Top 10 Bar stehen und wird sich in Maria Iskariot schockverlieben. Das Quartett aus Gent wird euch mit female power und unglaublich packender Rawness sprachlos und verschwitzt zurücklassen, auch wenn ihr von den niederländisch gesungenen – oder besser geschrienen – Songs vielleicht nicht alles versteht. Nehmt euch Zeit für diese Band, das bereut ihr nicht. Anspieltipps: „Dat vind ik lekker“, „Rozemarijn“.
<b>Arankai</b><br /> Freitag, 23:50, Betty
Im Betty kann man beim Morecore-Showcase am Freitag einige spannende Bands aus dem Metalcore-Spektrum entdecken, das Highlight haben sie sich für den Schluss aufgespart. Arankai kombiniert wütende Raps mit Metalcore- und Emocore-Elementen und sorgt damit schon seit ein paar Jahren szeneintern für Furore, ich bin schon sehr gespannt ihn zum ersten Mal live zu erleben. Anspieltipps: „Helter Skelter“, „I Hope It Hurts“.
<b>Theatre</b><br /> Samstag, 19:00, Molotow
Retrospektiv und trotzdem voll im Hier und Jetzt: So klingt es wenn Theatre um Sängerin Maeve O’Shea die Essenz von Bands wie Lush oder Slowdive, von Grunge und Shoegaze zu einem faszinierenden zeitgemäßen Soundhybriden verweben. Intensiv und dringlich, verletzlich und kraftvoll und, dem Namen der Band entsprechend, mit dem genau richtigen Maß an Theatralik: Diese irische Band will von euch entdeckt werden. Anspieltipps: „The Fall“, „You Are“.
<b>Jo The Man The Music</b><br /> Samstag, 22:15, St. Pauli Kirche
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz dass man mindestens ein Konzert in der St. Pauli Kirche gesehen haben muss. Jo The Man The Music könnte ein wundervoller Festivalabschluss werden. Allein der Projektname ist ja schon großartig, zumal er in die Irre leitet. Wer abgefahrene Experimente erwartet wird sicher enttäuscht, bekommt dafür aber eine berührende weibliche Stimme auf Folk und Bedroom Pop, filigran, verspielt und kraftvoll. In diesem Setting ein unbedingtes Must See! Anspieltipps: „Skinny Dipping“, „Shoulders“.
Ihr braucht noch ein paar Tipps für euren Plan B? Okay:
<b>Nachtkinder</b><br /> Mittwoch, 19:30, Spielbude XL<br /> File under: Indie Pop, NNDW
<b>panicbaby</b><br /> Mittwoch, 22:50, Kaiserkeller<br /> File under: Indie Pop, Art Pop
<b>Anda Morts</b><br /> Donnerstag, 18:55, Docks<br /> File under: Indie Pop, NNDW
<b>Glazyhaze</b><br /> Donnerstag, 23:15, Molotow / Top 10 Bar<br /> File under: Shoegaze, Ambient
<b>EatMe</b><br /> Freitag, 20:10, Pooca Bar<br /> File under: 90s Indie Rock
<b>Agassi</b><br /> Freitag, 22:00, Bahnhof Pauli<br /> File under: Indie Rock
<b>She Her Her Hers</b><br /> Samstag, 22:30, Spielbude XL<br /> File under: Dream Pop, Ambient
<b>Girl In The Year Above</b><br /> Samstag, 23:45, Nochtspeicher<br /> File under: Indie Pop, Art Pop


<i>Text: Kristof Beuthner</i><br /> <i>Foto: Christian Hedel</i>]]></content:encoded>
			<category>Neuigkeiten</category>
			
			<pubDate>Sun, 13 Sep 2026 13:02:11 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Das Appletree ist Liebe. Drei Tage im Märchenwald mit Nillson.de</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/das-appletree-ist-liebe-drei-tage-im-maerchenwald-mit-nillsonde.html</link>
			<description>Irgendwo auf den Landstraßen rund um Diepholz, zwischen Feldern und kleinen Ortschaften, wird es einem stetig wärmer ums Herz. Und dann hängt es plötzlich da: dieses kleine Schild mit der Aufschrift „Appletree Garden Festival“.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Für manche ist es vielleicht einfach nur ein Wegweiser. Vielleicht geht es aber auch vielen Rückkehrenden wie mir: Dieses kleine Schild sagt dir, dass du zu Hause bist. Für drei Tage entsteht hier eine kleine Welt, in der Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und gegenseitiger Respekt selbstverständlich wirken. Eine Welt, von der man sich wünscht, ein kleines Stück mit in den Alltag nehmen zu können. Das Appletree Garden feiert in diesem Jahr seinen 25. Geburtstag und wir feiern mit!
<b>Donnerstag. Tag 1. Ankommen.</b>
An der Bändchenausgabe werden wir mit einem freundlichen „Herzlich willkommen“, einem Lächeln und einem „Viel Spaß“ begrüßt. Es sind Kleinigkeiten wie diese, die den Ton für das Wochenende setzen – und erklären, warum sich viele Gäste hier eher wie bei Freund*innen als auf einem Festival fühlen.
Nach der Ankunft auf dem Campground richten sich alle in ihrem kleinen Zuhause auf Zeit ein. Alte Bekannte werden begrüßt, neue Nachbar*innen kennengelernt.
Der Weg zum Festivalgelände führt in diesem Jahr zunächst an einem neuen kleinen Lieblingsort vorbei. Unter einem sandfarbenen Zeltdach tanzen Discokugeln im sanften Sommerwind. Mit ihren pastellfarbenen, handbemalten Schildern und den vielen kleinen Details fügt sich die Sekt Perle ins Setting, als hätte sie schon immer zum Appletree gehört. Schnell wird sie zum Treffpunkt für ein erstes Anstoßen, für zufällige Begegnungen und Gespräche, bei denen man dann doch ein wenig länger bleibt als eigentlich geplant. Wenige Schritte weiter führt der Weg vorbei an den ersten Zelten. Vor den Pavillons wird geplaudert, gelacht und angestoßen. Aus kleinen Bluetooth-Boxen läuft Musik und immer wieder fallen Menschen einander zur Begrüßung in die Arme. Es hat hier niemand eilig. Vielleicht liegt auch darin einer der Zauber des Appletrees: Das Festival nimmt sich Zeit. Für Gespräche. Für Begegnungen. Für den Moment.  Dann spannt sich endlich der lang ersehnte, bunt beleuchtete Torbogen über den Weg.
Wir treten ein in den Märchenwald.
Es liegen nur kurze Wege zwischen Glitzersalon, Zirkuszelt, Hauptbühne, Waldbühne, dem Tiefen Holz und der Oase. Zwischen den Bühnen und den fantasievoll gestalteten Orten warten überall kleine Kunstinstallationen, Lichtobjekte und liebevoll gestaltete Details darauf, entdeckt zu werden. Vieles erkennt man wieder, vieles Neue fällt erst beim zweiten oder dritten Rundgang auf. Das Appletree ist kein Festival, über das man hetzt. Es ist eines, das entdeckt werden möchte. Ganzjährig arbeiten vier hauptamtliche Mitarbeitende an der Vorbereitung des Festivals. Durch die Unterstützung eines ehrenamtlichen 40-köpfigen Kernteams sowie etwa 550 Volunteers wird der Märchenwald dieses Jahr aufs Neue zum Leben erweckt. Das Wetter meint es in diesem Jahr gut mit uns. Nach kurzen Regenschauern am Donnerstag bleibt es für den Rest des Wochenendes heiß und sonnig. Tagsüber funkelt das Sonnenlicht durch das Blätterdach der mächtigen Bäume, nachts übernehmen Lichterketten und tauchen den Wald in eine romantische Atmosphäre. 
Die richtige Schuhwahl ist auf Festivals ja ohnehin jedes Mal eine Wissenschaft. An diesem Wochenende stellt sich die Frage: Festes Schuhwerk für den Moshpit oder doch lieber offene Schuhe bei den sommerlichen Temperaturen? Die vielen Sonnenstunden verwandeln die Wege zunehmend in staubige Pfade. Am Ende spielte es keine Rolle – der Staub fand seine Wege. Aber vielleicht sollte man sich ohnehin öfter ein Beispiel an Kindern nehmen. Mit bunten Farben im Kopf, Schmutz in der Kleidung und staubigen Füßen geht man am Ende eines Tages manchmal doch am glücklichsten ins Bett.
<b>Die Musik übernimmt.</b>
Mein erster Weg führt mich ins Zirkuszelt. <b>Udo West</b> eröffnen meinen Konzertdonnerstag – und wie! Das Zelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein erster Einlassstopp. Im Zirkuszelt ist es drückend heiß, doch davon lässt sich weder die Band noch das Publikum aus der Ruhe bringen. Sänger Ludwig „Udo“ Hoßmann kniet sich im wahrsten Sinne des Wortes mächtig rein und heizt dem Publikum nicht zuletzt mit seinen starken Dance Moves ordentlich ein.
Die Chemie innerhalb der Band ist vom ersten Moment an spürbar. Kein Wunder: Udo, Toni und Albert sind Brüder und Cousins. Seit 2021 komplettiert Drummer Jan die Formation, der an diesem Abend von Lisa hervorragend vertreten wird.
Das Publikum wird begeistert mitgerissen bei Songs wie „Schicki Micki“, „Kurztrip“ und der jüngsten Neuerscheinung „Spülmaschine“. Bei der Frage, ob es noch Lust auf eine Zugabe gibt, bleiben bei der ohrenbetäubenden Resonanz keine Fragen offen. Was für ein Start in ein Musikwochenende!
Ein gut kuratiertes Festival zeichnet sich auch dadurch aus, dass man sich manchmal entscheiden muss. Nicht nur zwischen Konzerten, sondern auch zwischen Musik und dem inzwischen vielseitigen Rahmenprogramm. Lesungen, Yoga, Tanz, Workshops und viele weitere Angebote machen das Appletree längst zu weit mehr als einem reinen Musikfestival. Während im Zirkuszelt Udo West das Publikum zum Kochen bringen, spricht nur wenige Meter entfernt Autor <b>Dirk Gieselmann</b>, der im Übrigen auch in jedem Jahr den wundervollen Klappentext im Appletree Garden Festival Booklet schreibt und den eine lange Geschichte mit dem Festival verbindet. Seine Lesungen schätze ich sehr – an diesem Nachmittag gewinnt die Musik.
Wer erst gegen Abend mit den ersten großen Festivalmomenten gerechnet hatte, wurde auch von <b>Tracy De Sá</b> eines Besseren belehrt. Schon am späten Nachmittag war der Platz vor der Bühne bis tief in den Wald gefüllt. Dass Hip-Hop auf dem Appletree längst seinen festen Platz gefunden hat, zeigte Tracy De Sá eindrucksvoll. Die in Indien geborene, in Portugal und Spanien aufgewachsene und heute in Frankreich lebende Rapperin verbindet englische, französische und spanische Texte in messerscharfe Raps. Jede Silbe saß, jeder Satz traf punktgenau. Spätestens als sie sich schließlich unter das Publikum mischte und mit einzelnen Fans tanzte, spielte sie sich für einige in die Liste der Highlights des Wochenendes.
<b>MOLA</b> übernimmt am frühen Abend die Hauptbühne. Vor dem silber-schwarzen Bühnenbild steht Sängerin Isabella Streifeneder in Adidas-Shorts, Cowboystiefeln, Bauchkette und Sonnenbrille – lässig und nahbar. Nicht nur durch die eigenen Veröffentlichungen hat MOLA sich einen Namen gemacht, sondern auch durch Kooperationen mit Künstler*innen wie u.a. fiio, Il Civetto, Roy Bianco &amp; Die Abbrunzati Boys und Fatoni.
Zwischen nahezu jedem Lied erzählt die Sängerin mit markanter Stimme persönliche Geschichten, regt zum Nachdenken an und schafft es gleichzeitig, die Menschen immer wieder zum Mitsingen und vor allem Tanzen zu bewegen. Berührend wird es vor „Letzte Kippe“. Wirklich reich sei laut MOLA, wer einen Menschen habe, den man nachts um drei Uhr anrufen könne. Wer diesen Menschen gerade neben sich habe, solle ihm jetzt etwas Liebe schenken. Im Publikum liegen sich zahlreiche Besucher*innen in den Armen – einer dieser stillen Momente, die auf einem Festival lange nachwirken.
Auch musikalisch überzeugt die Band auf ganzer Linie. Zu „Warmes Bier“ schwenken Hunderte Arme bei der Zeile „Nur mit dir“ im Takt durch die Luft, „Vino Bianco“ entwickelt sich zum großen Mitsingmoment und mit „Menschen“ setzt MOLA einen weiteren emotionalen Höhepunkt. Vor dem Song formuliert Isabella Streifeneder einen Gedanken, der wie ein Leitmotiv über dem gesamten Festivalwochenende steht: „Wenn wir am Ende des Wochenendes nach Hause fahren und wir uns ein bisschen weniger egal sind, ist viel gewonnen.“
Während <b>ORANYA</b> die Oase bespielt, erkunden wir das umliegende Food Line-up. Das Appletree setzt konsequent auf ein rein vegetarisches und veganes Angebot. Die Auswahl ist so vielfältig, dass auch hier Entscheidungen alles andere als leichtfallen.
Mit <b>Endless Wellness</b> zieht ein Stück Wiener Indie-Kultur ins Zirkuszelt ein. Ursprünglich war der Auftritt bereits für 2024 angekündigt, musste damals jedoch krankheitsbedingt abgesagt werden. Umso schöner, dass es nun endlich geklappt hat.
Die Band wirkt harmonisch und eingespielt. Bei den Moderationen wechseln sich die Musiker*innen ganz selbstverständlich ab. Man merkt schnell, dass sie sich bereits seit ihrer Jugend kennen und über Jahre hinweg zu einer Einheit zusammengewachsen sind. 
Wer hier jedoch musikalisch dachte, der Name sei Programm, ist falsch beraten. Der Bandname ist bewusst als Kontrast zu den Themen gewählt, die Endless Wellness beschäftigen. Die Texte handeln von Wut, Überforderung und Unsicherheit. Mit drängenden Gitarren, mehrstimmigen Refrains und roher Intimität präsentiert das Quartett auch mehrere Stücke des im Oktober erscheinenden Albums „Domino Days“, darunter Stücke wie „Nie mehr sicher“ und „So allein sollen wir nie wieder sein“. Trotz der thematischen Schwere wirkt das Konzert nicht bedrückend – vielmehr wie eine gemeinsame Suche nach Hoffnung in unruhigen Zeiten.
Den letzten Auftritt auf der Hauptbühne am Donnerstag übernimmt <b>Disarstar</b>. Mit „Großraumbüro“ und dem Titelsong seines aktuellen Albums „Rolex für alle“ startet der Rapper in sein Set. Auf mich macht es zunächst den Eindruck, als brauche er einen kurzen Moment, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Doch von Song zu Song wächst die Intensität. Spätestens als die ersten Moshpits entstehen, ist klar, wohin die Reise geht.
Immer wieder ruft er während seines Auftritts zu FLINTA-Kreisen auf und schafft bewusst Energie und Raum. Besonders persönlich wird es, als der Hamburger – mit bürgerlichem Namen Gerrit Falius – stolz erzählt, dass er am Vortag seine Prüfung zum Tischlergesellen bestanden hat. Tosender Applaus. Bei Disarstar gehören Musik und Haltung untrennbar zusammen. Seine Stücke handeln von sozialer Ungleichheit, Antifaschismus und politischen Entwicklungen. Die Kulisse seiner Texte bildet dabei häufig seine Heimatstadt Hamburg. Mit „Siamo tutti“ hebt er sich seinen bisher größten Hit bis ganz zum Schluss auf. Auch nach dem Bühnenabgang singt das Publikum den Refrain noch minutenlang weiter. Ein kraftvoller Abschluss für den ersten Festivaltag auf der Hauptbühne.
Bei einem kurzen Abstecher bei der DJane <b>Caren Callas</b> in der Oase und bei dem DJane-Duo Susi&amp;Paula im Tiefen Holz merken wir beim Tanzen, wie sehr uns der Tag doch in den Knochen steckt und es Zeit ist, ihn zuzumachen – schließlich liegen noch zwei Tage vor uns.
<b>Freitag. Tag 2.</b>
Während gestern noch der Anreisetag war, wachen wir heute im ersten vollen Festivaltag auf – und es steht vieles auf dem Zettel.
Auf Empfehlung führt mich mein erster Weg auf dem Gelände spontan zum Zirkuszelt. Auf der Bühne sitzen <b>Gilda Sahebi und Arne Semsrott</b>. Die beiden Journalist*innen (was in der Beschreibung eigentlich viel zu kurz greift) sitzen gelassen in zwei großen Sesseln und sprechen über Politik, Machtstrukturen und gesellschaftliche Themen, darunter der diesjährige Anschlag auf den CSD in Berlin und Skandale um Politiker Jens Spahn. Das Zelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt und es ist mucksmäuschenstill. Wie viele andere lausche ich von draußen. Dass ein solches Gespräch auf einem Festival auf so großes Interesse stößt, sagt viel über das Appletree aus: Hier geht es eben nicht nur um Musik, sondern auch um Austausch, Haltung und Neugier. Für mich steht fest: In jedem Fall werde ich in ihren gemeinsamen Podcast „Gilda con Arne“ hineinhören.
Vom andächtigen Zuhören geht es direkt zum gemeinsamen Mitsingen. Beim Rudelsingen von <b>SingSisySing</b> verwandeln sich im Tiefen Holz Hunderte Besucher*innen selbst in einen Chor. Unterstützt von Keyboard, Trompete und eingeblendeten Liedtexten werden Popklassiker wie „Wannabe“, „Get Lucky“ oder „I Wanna Dance With Somebody“ aus voller Kehle mitgesungen. Spätestens jetzt sind die letzten Müdigkeitsreste aus den Knochen geschüttelt. Als der offizielle Teil vorbei ist, stimmt das Publikum spontan „Angels“ von Robbie Williams an – einer dieser ungeplanten Momente, die auf keinem Timetable stehen und trotzdem lange in Erinnerung bleiben.
Und dann ist er für mich plötzlich da – dieser Moment, auf den man bei jedem Festival hofft: die persönliche Neuentdeckung des Wochenendes! Für mich heißt sie Prismala/b&gt;. Es ist der perfekte Soundtrack für einen entschleunigten Wochenendmorgen - mit einer Tasse Kaffee zurück im Bett, mit einfallenden Sonnenstrahlen durch das geöffnete Fenster und Musik, die den Tag auf die schönste Art beginnen lässt.
Der Bandname setzt sich aus „Prisma“ und „Mandala“ zusammen und steht sinnbildlich für die verschiedenen musikalischen Einflüsse, die die vier Berliner zu einem harmonischen Ganzen verbinden. Mit scheinbarer Leichtigkeit verschmelzen Neo-Soul, Gitarrenpop und Alternative Rock zu einem ganz eigenen Klang. Was aus einer Schulfreundschaft entstand, klingt heute so international, dass Prismala mühelos neben etablierten Indie- und Neo-Soul-Größen bestehen kann.
Es macht Freude, dabei zu sein, wie die vier Musiker sich über ihren bisher mit Abstand größten Festivalauftritt freuen und ihn in jeder Minute sichtlich aufsaugen. Prismala wirken nicht nur auf der Bühne sympathisch und nahbar. Auch abseits des Konzerts verbringen die vier das Wochenende vor den Bühnen anderer Bands auf dem Appletree Garden – mit der herzlichen Einladung, jederzeit ins Gespräch zu kommen. Es ist diese Selbstverständlichkeit im Miteinander, die das Appletree auszeichnet.
Und ohne mich jetzt überschlagen zu wollen, aber was war das für ein Auftritt von <b>My Ugly Clementine</b>?! Von Minute eins fühlt es sich wie ein Sturm an, der mir entgegenbläst, während ich mich der lauten Hauptbühne nähere. Sie gehen direkt rein mit ihrem Debüt-Hit „Never Be Yours“ gefolgt von „Who“. Bereits während des Konzerts wurde mir klar, dass es für mich einer der stärksten Auftritte des Wochenendes sein würde. Neben neuen Songs von ihrem im September erscheinenden Album spielen sie ihr bekanntes Cover von „Unwritten“, den das ganze Publikum singend aufgreift. Spätestens bei „Feet Up“ gibt es vor der Bühne kein Halten mehr. Das Publikum springt geschlossen mit, beim eingängigen „Ah-ya-ya-ya“-Singalong singen Hunderte Stimmen im Takt.
Musikalisch liefern My Ugly Clementine auf ganzer Linie. Der druckvolle gitarrengetriebene Mix aus Indie-Rock, Garage-Rock und Alternative-Rock klingt live noch viel kantiger und kraftvoller als auf Platte. Mal melodiös, mal rotzig, immer mitreißend.
Zwischen den Songs wird es auch mal ernst. Sophie Lindinger spricht über das Thema Konsens und macht unmissverständlich klar: „Nur Ja heißt Ja.“ Als sie anschließend ihren Rock auszieht, betont sie ausdrücklich, dass dies keine Einladung sei. Die Texte der Wiener Band behandeln Themen wie Feminismus, Gleichberechtigung und Empowerment. Auf Mira Lu Kovacs' Gitarrengurt steht „stop femicides“, auf einem Bühnenkoffer prangt der Satz „female is not a genre“. Ihre Botschaften wirken nicht wie ein eingeschobenes Statement, sondern wie ein selbstverständlicher Teil dessen, was My Ugly Clementine ausmacht.
Es ist das zweite Mal, dass ich diese Band live erleben darf. Schon damals hat mich die Dynamik in der Band begeistert. Auch heute wirken Sophie Lindinger, Mira Lu Kovacs und Nastasja Ronck unglaublich eingespielt. Drei markante Rockstimmen, ein druckvoller Bandsound und eine Präsenz, die gleichzeitig roh und souverän wirkt. Im Herbst 2026 gehen My Ugly Clementine auf Europatournee, darunter Konzerte in Münster und Hamburg. Diese Band gehört auf die Konzert-Bucket-List.
Direkt im Anschluss folgt um 18 Uhr <b>Stella</b> auf der Waldbühne. Eigentlich bringt die griechische Musikerin genau den verträumten Indie-Pop mit Psychedelic-, Folk- und Soft-Rock-Einflüssen mit, für den ich das Appletree so liebe. Schwebende Melodien, warme Gitarren und eine wunderbar entspannte Atmosphäre, die man gerne im Schneidersitz mit einem Kaltgetränk in der Sonne genießt. Nur leider kommt ihr Auftritt für mich an diesem Abend zum falschen Zeitpunkt. Nach dem energiegeladenen Konzert von My Ugly Clementine bin ich noch viel zu aufgepeitscht, um mich vollständig auf diese feinen, zurückhaltenden Songs einzulassen.
Am Freitagabend zeigt sich, dass selbst der Märchenwald nicht völlig losgelöst von der Wirklichkeit ist. Ein großer Ast bricht aus den Höhen eines Baumes und verletzt drei Menschen. Das Veranstaltungsteam gibt später bekannt, den Verletzten gehe es „den Umständen entsprechend gut“.  Rettungskräfte und Crew handeln schnell, ruhig und professionell. Gleichzeitig leistet das Awareness-Team Unterstützung in einer Situation, die viele sichtbar erschüttert.
Wir brauchen Zeit, um uns wieder auf die Musik und damit auf <b>Rikas</b> einzulassen. Mit lockerem Indie-Pop, warmen Gitarren und harmonischem Satzgesang schaffen sie eine entspannte Atmosphäre, die mich an diesem Abend jedoch nicht ganz in der richtigen Stimmung dafür erreicht. Neben der Musik fällt die Professionalität der Band auf.
Trotz aller Lässigkeit wirkt jede Bewegung selbstverständlich und zugleich präzise, immer wieder ergänzt durch kleine choreografische Elemente. Während des Konzerts muss ich mehrfach an die Beatles denken – nicht, weil Rikas sie kopieren würden, sondern vor allem wegen ihres harmonischen Satzgesangs, der eingängigen Melodien und des charmanten Retro-Flairs. Erst später lese ich, dass die Beatles tatsächlich zu ihren großen Vorbildern gehören und sie in ihrer Zeit als Straßenmusiker regelmäßig ihre Songs coverten. Heute spielen die vier Stuttgarter, die sich bereits seit dem Kindergarten kennen, Support bei Künstler*innen wie Bilderbuch oder AnnenMayKantereit. Gerade weil mir Rikas schon so oft ans Herz gelegt wurden, bin ich überzeugt, dass unser Wiedersehen nur eine Frage der Zeit ist. Nicht jede Band muss einen sofort packen – manchmal braucht es einfach den richtigen Moment.
Wer mich allerdings später auf dem richtigen Fuß erwischt, ist <b>Dilla</b>. Was eigentlich nicht ganz meine Tasse Tee ist und ich mir nur als Option markiert hatte, überrascht mich positiv. Song für Song gewinnt das Set an Tempo und Groove. Dilla zieht das Publikum mit ihrem Synthy-Pop immer tiefer hinein – bis schließlich kaum noch jemand stillsteht. Spätestens bei „Unter ihrem Dress“ wird aus dem Konzert eine tanzbare Indie-Pop-Party. Die Beats werden treibender, das Publikum bewegt sich immer mehr und die Energie vor der Bühne steigt spürbar. Sie genießt sichtlich ihren Auftritt beim Appletree Garden, der nicht ihr erster ist und hoffentlich auch nicht ihr letzter war.
Gegen Ende des Sets verabschiedet Dilla sich knapp mit einem „Tschüss“ und verlässt die Bühne. Kurz darauf kehrt sie zurück mit einem trocken „Verarscht“ und setzt zum Finale an. Danach gibt es kein Halten mehr. „Photosynthese“ sorgt für den völligen Abriss auf und vor allem vor der Bühne, bevor Dilla den Auftritt mit „Willst du“ beendet. Was als ruhiges Konzert begonnen hat, entwickelt sich zu einer mitreißenden Party – und endet mit einer Waldbühne voller glücklich tanzender Menschen.
<b>Saló</b> füllt das Zirkuszelt bis auf den letzten Platz. Als der Einlass gestoppt wird, fällt die Entscheidung leicht: Weiter zur Waldbühne, wo <b>Holly Humberstone</b> ebenfalls gerade ihr Set begonnen hat. Die englische Singer-Songwriterin, die mit dem BRITs Rising Star Award 2022 ausgezeichnet wurde, empfängt das Publikum mit atmosphärischem Indie-Pop zwischen Melancholie und großen Popmelodien.
Vor meinem inneren Auge entstehen immer wieder Bilder amerikanischer Coming-of-Age- und Girlhood-Filme. Die Songs wirken wie der Soundtrack zu langen Autofahrten bei Sonnenuntergang oder den letzten Szenen eines Highschoolfilms. Und obwohl Holly Humberstone ihren eigenen Stil verfolgt, muss ich während des Konzerts immer wieder an Taylor Swift denken, was keinesfalls despektierlich gemeint ist oder es verkürzt darstellen soll. Also versuche ich aktiv diese Gedanken beiseitezuschieben, aber ich kann mir nicht helfen. Der Auftritt ist durchweg hochwertig, präzise und makellos gespielt. Für mich aber sogar ein wenig zu makellos. Mir fehlt der eine Moment, der überrascht, Ecken zeigt oder mich emotional wirklich packt.
Für <b>Von Wegen Lisbeth</b> geht es anschließend zurück zur Hauptbühne. Bereits zum dritten Mal spielt die Berliner Band beim Appletree Garden – und entsprechend groß ist der Andrang. Über der Bühne schwebt ein riesiger silberner Ballon, in dem sich Band und Publikum spiegeln. Ein schöner Blickfang, der den Auftritt optisch besonders macht.
Mittendrin wird es kurz politisch. Die Band spricht den angekündigten AfD-Infostand am nächsten Tag in Diepholz an und schlägt vor, den nachmittags geplanten Tanz Workshop spontan dorthin zu verlegen. Am nächsten Tag machen sich rund 50 Festivalbesucher*innen auf den Weg, um einen friedlichen Gegenprost zu unterstützen, was den Aufbau des Infostandes schließlich verhinderte.
Musikalisch liefern Von Wegen Lisbeth wie gewohnt charmanten Indie-Pop mit cleveren Texten und trockenem Humor. Allerdings fehlt mir in der Mitte des Sets ein wenig die Hitdichte, wodurch der Auftritt kurzzeitig etwas an Schwung verliert. Als später Hits wie „Wenn du tanzt“ oder „Elon“ erklingen, ist davon nichts mehr zu spüren – vor der Hauptbühne wird getanzt, gesungen und gefeiert – ein würdiger Abschluss des Konzerts.
<b>Samstag. Tag 3.</b>
Den musikalischen Auftakt meines Samstags macht <b>RAR</b> auf der Waldbühne. Hinter dem Namen steckt das Soloprojekt von Jonas Pentzek. Vielen ist er kein Unbekannter als Sänger und Keyboarder der Band Fibel, die eine Pause auf unbestimmte Zeit eingelegt hat.
Der Bühnenaufbau passt perfekt zu seiner Musik: minimalistisch, ohne Banner oder große Inszenierung – nur das Nötigste. Im Mittelpunkt stehen Synthesizer, seine verletzlich klingende Stimme und Texte, die eher gesprochen als gesungen werden. Zwischendurch rappt er bei Songs wie „1996“, dann wird es wieder ganz leise. Vor „Oben“ erzählt er von dem Gefühl, high zu sein, und erwähnt, dass er inzwischen 30 geworden ist. „Reicht auch mit den Zwanzigern“, sagt er mit einem kleinen Schmunzeln und ergänzt, dass es ihm heute besser gehe. Jonas Pentzek spricht offen darüber, dass es ihm eine Zeit lang nicht gut ging und er deshalb eine Auszeit von Live-Shows genommen hat. Gleichzeitig ist ihm anzumerken, dass er froh und erleichtert ist, wieder da zu sein. Seine Ansagen wirken zurückhaltend und die fast monotone Vortragsweise scheint dabei ganz bewusst Teil seiner künstlerischen Sprache zu sein. Die zuletzt erschienene Single „Lila“ setzt einen überraschend hellen Akzent. Der Song klingt deutlich hoffnungsvoller als viele seiner übrigen Stücke. Noch lieber hätte ich diesen Auftritt im Zelt genossen. In einer intimeren, dunklen Atmosphäre und mit einer stimmungsvollen Lichtshow hätten die zerbrechlichen Songs wahrscheinlich noch mehr Tiefe entfaltet.
Für einen kurzen Abstecher schaue ich bei <b>Edb</b> vorbei. Der junge Musiker aus Bern gehört zu den aufstrebenden Vertretern des Schweizer Mundart-Indiepop und verbindet Indiepop, Rock und Rap mit sehr persönlichen, emotionalen Texten. Gesungen wird konsequent auf Schweizerdeutsch. Für einen längeren Eindruck reicht mein kurzer Besuch zwar nicht, aber dass im Herbst ein neues Album erscheint, dürfte für Fans dennoch eine gute Nachricht sein.
Mit <b>Marlo Grosshardt</b> steht ein Künstler auf der Bühne, den ich mir schon lange aufs Appletree gewünscht hatte. Ich habe schon viele Auftritte der Band sehen können und mir war klar: Marlo Grosshardt und das Appletree Garden sind ein Perfect Match.
Marlo verbindet politische und gesellschaftskritische Texte in einer Mischung aus Pop, Indie und Folk, ohne dabei belehrend zu wirken; mit der Kunst, trotz der Wut im Bauch keine Leichtigkeit aus dem Set zu nehmen.
Spätestens seit dem Song „Oma“, der kurz vor der Bundestagswahl 2025 millionenfach geteilt wurde, ist Marlo Grosshardt weit über die Indie-Szene hinaus bekannt und hat sich eine stetig wachsende Fangemeinde erspielt. Nächste Woche erscheint bereits das dritte Album des 25-jährigen Musikers namens „Bildet Banden“. Auf dem Appletree gibt er mit neuen Songs wie „Kriege ohne mich“ bereits einen Vorgeschmack. Im September geht es mit dem Album auf Tour.
Als Marlo während des Auftritts von einer AfD-Fahne im Garten seines Nachbarn erzählt, stimmt das Publikum einen lauten Sprechchor mit „Siamo tutti antifascisti“ an. Die Band wirkt sichtlich bewegt und gibt dem Moment seinen Platz. Sicherlich ist auch das einer der Gründe, warum Marlo Grosshardt und das Appletree so gut zusammenpassen. Hier trifft eine authentische Band mit klugen, ehrlichen Liedern auf Menschen, die zuhören, mitfühlen und im richtigen Moment auch laut werden.
Doch der Auftritt lebt nicht nur von seiner Musik und seinen Botschaften. Der Abstand zwischen Bühne und Publikum scheint zunehmend ganz zu verschwinden. Vor der Bühne bildet sich ein Moshpit, unter den sich Marlo Trompete spielend mischt. Es wird ein großes Miteinander.
Als das Konzert endet, die Band die Bühne verlässt und das Publikum noch minutenlang weitersingt, stehen mir Tränen in den Augen. Ich freue mich darüber, miterleben zu dürfen, wie eine Band, deren Weg ich seit Jahren verfolge, inzwischen auf den großen Festivalbühnen des Landes angekommen ist. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass es Menschen gibt, die Musik schreiben, die Haltung zeigt, sich den großen gesellschaftlichen Fragen stellt und zum Nachdenken anregt. Es macht Hoffnung, wie offen und begeistert diese Lieder angenommen werden. Und schließlich ist da dieses schwer zu beschreibende Gefühl, mitten in einem Publikum zu stehen, in dem man nur wenige kennt und sich den Menschen trotzdem erstaunlich nah fühlt – weil man spürt, wie sehr ein gemeinsamer Wertekompass verbindet.
Bildet Banden!
Anschließend geht es zurück zur Hauptbühne, wo <b>Blond</b> übernehmen. Dass die Band feministische Themen auf die Festivalbühnen bringt, finde ich wichtig und bereichernd. Für meinen persönlich Geschmack ist die Umsetzung allerdings an manchen Stellen etwas zu plakativ. Das ändert nichts daran, dass Blond genau wissen, wie sie ihr Publikum mitnehmen. Spätestens bei „Männer“ wird klar, wie textsicher das Publikum ist. Vor der Bühne wird getanzt, gefeiert und mitgesungen. Als schließlich „Girl Boss“ erklingt, öffnet sich ein Moshpit.
Zurück auf der Waldbühne wartet mit <b>Friska Viljor</b> aus Stockholm einer der Acts des Wochenendes, die ich im Vorfeld fett eingekreist habe. Bereits vor elf Jahren haben sie mich beim Appletree Garden begeistert und ich hatte sie damals als Neuentdeckung für mich mit nach Hause genommen. Ich bin gespannt, ob sie dieses Gefühl noch einmal hervorrufen können. Schon nach wenigen Minuten ist klar: Sie können!
Geboren wurde das Projekt aus einer Schnapsidee von den Freunden Joakim Sveningsson und Daniel Johansson im Jahr 2005, während beide unter Trennungsschmerz litten. Der Bandname Friska Viljor lässt sich etwa übersetzen mit „frischer Willenskraft“.
Das Duo zeigt mit seiner Band bei ihrem inzwischen vierten Appletree Garden Auftritt wieder eine unglaubliche Spielfreude, viel Humor und eine herzliche Interaktion mit dem Publikum und untereinander. Sie hüllen jede*n von uns behutsam in einen warmen Kokon fröhlicher Geborgenheit. Ungewöhnliche Beschreibung? Wenn ihr reinhört, werdet ihr wissen, was ich meine. Mit ihrem Mix aus Indie-Rock, Folk und hymnischem Gitarrenpop zieht es mich ruckartig in eine Zeitmaschine und wirft mich 2015 am selben Ort, nur wenige Meter weiter aber bei derselben atmosphärischen Beleuchtung wieder aus. Ein zweites Mal an diesem Wochenende kommen die Freudentränen. Nicht wegen eines einzelnen Songs, sondern weil in diesem Moment einfach alles zusammenkommt. Mir wird wieder bewusst, wie sehr ich das Appletree Garden liebe. Wie viele großartige Bands ich hier in den vergangenen Jahren entdeckt habe. Wie viele unvergessliche Momente dieses Festival mir schon geschenkt hat. Und mit wie vielen besonderen Menschen ich dabei Seite an Seite war.
Vielleicht berührt mich dieser Auftritt auch deshalb so sehr, weil ich weiß, dass das Appletree im nächsten Jahr pausieren wird. Plötzlich ziehen all diese Erinnerungen an mir vorbei – und ich merke, wie dankbar ich für jeden einzelnen Festivalmoment bin. Friska Viljor liefern dafür den perfekten Soundtrack. Doch für Wehmut bleibt später noch genug Zeit – nun feiern wir erstmal noch richtig Geburtstag! Und das mit den <b>Giant Rooks</b>!
Liebe Giant Rooks, ihr habt uns weggefegt!
Was einst nach einer vielversprechenden Nachwuchsband klang, ist inzwischen eine internationale Liveband auf höchstem Niveau. Vom ersten Ton an haben die Giant Rooks das Publikum im Griff. Sänger Fred Rabe bewegt sich mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit über die Bühne, nutzt sie vollends aus, sucht immer wieder den Kontakt zum Publikum und wirkt dabei so mühelos, als wäre genau diese Bühne für ihn gebaut worden. Alles greift ineinander – Musik, Licht, Dynamik und eine Band, die genau weiß, wie sie einen Festivalabend trägt.
Am 16. Oktober erscheint mit „If Heaven Exists, This Might Be It“ ihr drittes Album. Mit den neuen Songs gehen Giant Rooks anschließend wieder auf Tour – durch Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie Nord- und Südamerika.
Während ich bestens unterhalten aber vor allem beeindruckt von der Entwicklung dieser Band bin, möchte ich den Tag eigentlich genau hier zumachen. Alles gesehen, alles gefühlt, alles bekommen.  Doch weil es so schwer ist, hinzunehmen, dass die letzten Stunden des Appletree Garden Festivals 2026 angebrochen sind, freue ich mich noch über ein Wiedersehen mit <b>Daði Freyr</b>. An diesem Abend springt der Funke bei mir allerdings nicht mehr über. Das liegt weniger an dem Auftritt des Isländers als an mir. Nach den vielen Eindrücken des Tages – den Neuentdeckungen, den Begegnungen, den emotionalen Momenten, dem Singen und dem Tanzen – fühlt sich mein persönlicher Festivaltag abgeschlossen an.
Und dennoch schießen schnelle Gedanken durch den Kopf: Aber ich hab doch gar nicht alles gesehen! Bands verpasst! Workshops und Lesungen verpasst! Gar nicht alle Gerichte probiert! Noch gar nicht alle Nachbar*innen kennengelernt! Und ich wollte viel mehr Zeit mit bestimmten Menschen verbringen! Es kann doch noch nicht vorbei sein …!
Also doch noch nicht loslassen. Weil wir uns einfach noch nicht verabschieden wollen – weder von den Freund*innen noch vom Lieblingsfestival und Lieblingsort –, tragen uns unsere Beine doch noch ins Tiefe Holz. Dort legt keine Unbekannte auf. Es ist <b>Frida Darko</b> und sie fängt uns mit ihren Beats alle noch ein wenig auf. Wir tanzen und genießen die letzten Minuten dieser warmen Festivalnacht.
<b>Abschied auf Zeit.</b>
Die Schritte zurück durch den bunt beleuchteten Torbogen, hinaus aus dem Märchenwald, werden langsam. Noch einmal alles spüren. Noch einmal alles aufsaugen. Damit Haushalten bis zum nächsten Mal.  Nach einem Vierteljahrhundert gönnt sich das Festival im nächsten Jahr eine wohlverdiente Pause. Doch verstummen wird der Bürgerpark in Diepholz 2027 nicht. Mit dem <b>Primagarden Festival</b> entsteht im kommenden Jahr Raum für Begegnungen, Kultur und Gemeinschaft in einem kleineren Fomat – bevor das Appletree Garden 2028 mit neuen Perspektiven zurückkehrt.
Und kaum auf dem Rückweg setzt sie ein: Die Post-Appletree-Garden-Festival-Depression. Und sie wird bleiben. Einige Tage. Jede Person, die mal hier war, kennt sie. Aber es wird wieder leichter werden. Bis wir diesen Liebeskummer wieder durchmachen, im Jahr 2028 – vom 03. bis 05. August.
Ich freue mich schon jetzt auf den Moment, wenn irgendwo zwischen Feldern und kleinen Ortschaften wieder dieses kleine Schild am Straßenrand auftaucht. Das Schild, das einem sagt: Du bist wieder zu Hause. Manchmal wünsche ich mir, unsere Gesellschaft wäre ein bisschen mehr wie die Bevölkerung auf Zeit dieses besonderen Ortes. Eine Gemeinschaft, in der Freundlichkeit, Offenheit und gegenseitiger Respekt selbstverständlich sind. Doch in einem bin ich mir sicher: Diese Wochenenden prägen uns. Und wir tragen ein Stück davon mit hinaus aus dem Wald – hinein in die echte Welt.
Noch stundenlang hätte ich euch vom Appletree Garden Festival berichten können. Wer mir aber bis hierhin gefolgt ist, weiß vielleicht ohnehin wovon ich spreche. Und hätte ich nur vier Zeilen Platz, würde ich sagen:
<b>Appletree ist Liebe.<br /> Liebe zur Musik.<br /> Liebe zum Detail. <br /> Liebe zu den Menschen.</b>
Ein Vierteljahrhundert Appletree Garden Festival - Anlass noch einmal bewusst Danke zu sagen. Allen Menschen, die mit außergewöhnlichem Engagement, unzähligen ehrenamtlichen Stunden und viel Liebe zum Detail einen Ort geschaffen haben, der für so viele Menschen etwas ganz Besonderes geworden ist.

<i>Text und Bild: Christina Schoh</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Sun, 09 Aug 2026 16:21:17 +0200</pubDate>
			
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			<title>Von Wärme, Weltrettung und allem dazwischen: Nillson beim Orange Blossom Special 2026</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/von-waerme-weltrettung-und-allem-dazwischen-nillson-beim-orange-blossom-special-2026.html</link>
			<description>Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder fulminante Lobeshymnen auf das Orange Blossom Special Festival geschrieben. Vielleicht hast du die eine oder andere gelesen. Das muss sich doch mal verlieren, sagst du. Du kannst dir gar nicht vorstellen dass so ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit. Ich muss vehement den Kopf schütteln. Denn wenn du das glaubst, warst du nicht dabei, an diesem wundervollen verfrühten Sommerwochenende, an Pfingsten 2026.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Dann hast du nicht gemerkt, wie du vergessen hast und dich erinnerst. Also: Nicht wirklich vergessen hast. Aber irgendwie so merkst wie deine Seele das gebraucht hat. Diese Anfahrt durchs Weserbergland allein. Durch dieses satte, strahlende Grün, das sich in Kombination mit Rapsfeldern und strahlend blauem Himmel und watteweichen weißen Wolken präsentiert wie ein Gemälde. War das immer schon so wunderschön? Ja, das war es, und je näher du kommst, desto mehr nimmst du wahr wie sich dein Herz wieder füllt mit diesen Farben. Wie es mehr und mehr schlägt im Beat deiner Playlist. Ist das cheesy? Ja, natürlich. Aber es ist eben auch wieder ein Festivalsommer. Und den hast du gebraucht. Denn der Winter war lang, so so lang. Ist das Zufall dass du gerade ein Festival ansteuerst dessen Motto „Lebenstankstelle“ heißt? Ist das denn wirklich Zufall, dass ausgerechnet dieses Wochenende das bisher wärmste und sonnigste des Jahres ist? Oder belohnt dich das frühe Sommerkarma für deine Kämpfe, deine Struggles, dein Warten und dein zähes Durchhalten in all der Kälte, all dem Regen, all dem Grau? So fühlst du dich. Und du fühlst es mit Bestimmtheit: Du inhalierst das Leben wieder.
Wenn du Festivals liebst hast du vielleicht schon ein paar verschiedene angesehen. Natürlich weißt du, dass immer das Festival, mit dem du das meiste verbindest, deine Nummer 1 ist. Trotzdem ist es ja auffällig, wie viele Menschen ihr Ranking überdenken wenn sie zum ersten Mal Luft im OBS-Garten geschnuppert haben. Das Orange Blossom Special ist Gartenparty, Musikfest, Klassentreffen, Zuhause, Wohlfühlschutzgebiet – eine Lebenstankstelle halt. Das war es schon immer, nun heißt es auch noch so. Ich sagte das ja schon, die Treffsicherheit bei der Mottovergabe ist immens: „Welt aus. OBS an.“, „You’re at home, Baby“, „Herzensangelegenheit“ – stimmt alles perfekt. Aber du wirst merken, warum „Lebenstankstelle“ noch mal eine Krönung ist, und dass das überhaupt nichts mit übersteigertem Ego zu tun hat dass Rembert Stiewe und seine Crew ihr Baby unter diesen Claim stellen. Sie wissen wie es sich anfühlt. Es geht ihnen ja selbst nicht anders.
Wenn du schon mal hier warst, hast du ziemlich wahrscheinlich schon einen kleinen Kreis guter Menschen unter all den guten Menschen gefunden die sich an dich erinnern und sich freuen dich endlich wieder zu sehen. Wahrscheinlich seht ihr euch nur einmal im Jahr, same time, same place. Und doch erkennt ihr euch wieder. Ich meine nicht optisch: Ich meine seelisch. Ihr seid schon mindestens einmal zusammen abgetaucht in dieses Gefühl des angekommen seins, habt euch auf dem Zeltplatz entdeckt, vielleicht beim Pusten auf die Mini-Calzone, vielleicht standet ihr auch bei einem der Konzerte nebeneinander und habt gleichzeitig gefühlt dass euch hier etwas besonderes angeboten wird, das ihr an anderer Stelle vielleicht nicht so hättet wertschätzen können. Vielleicht hättet ihr diese Band, diese Künstlerin, diesen Künstler gar nicht kennen gelernt wenn ihr nicht vor einem Jahr auch schon in Beverungen gewesen wärt, und jetzt teilt ihr einen Geheimtipp und tragt ihn hinaus in die Welt. Ihr habt zusammen Platten gekauft, eure Kinder haben am Laduka-Stand gehämmert oder beim Mitmachzirkus jongliert während ihr im Gras gesessen habt und der Alltag da draußen war auf Standby. Jetzt nehmt ihr euch in die Arme und tankt Leben.
Wenn du ein empfindsamer Mensch bist, hat dich dieser Alltag da draußen herausgefordert und vielleicht sogar ab und zu an den Rand gebracht. Das tut er Jahr für Jahr, das ist nicht neu, aber einmal mehr hatte man zwischen zwei OBS das Gefühl dass irgendwie gar nichts besser wird sondern alles immer nur dunkler und böser. Der Schmerz über den unzureichend langen Arm um auf dieser merkwürdigen Welt an Hebeln zu ziehen ist zermürbend. Er hat dich gezeichnet und das braucht Pflege. Du holst sie dir an diesem Wochenende. Du lächelst fremde Menschen an denen es so geht wie dir, das erkennst du weil sie wissend zurück lächeln. Deine Begrüßungsrunde wird lang und länger. Das macht nichts, du hast es nicht eilig. An diesem Wochenende darf alles dauern so lange wie es dauert. Ja, wenn du ein empfindsamer Mensch bist, dann wirkt das alles hier umso beeindruckender auf dich. Die Freundlichkeit, die Herzlichkeit, die Wärme. Oft lese ich in Posts anderer Besuchender das Wort „beseelt“. An guten Orten wie diesen tickt die Zeit langsam und viel zu schnell zugleich.
Wenn du die Festivalszene ein bisschen verfolgst, hast du sicher mitbekommen, dass das Orange Blossom Special in diesem Jahr ernsthafte Probleme hatte mit den Ticketverkäufen über die Runden zu kommen. So ernsthaft, dass sie sogar einen Social Media-Aufruf gestartet haben und klar benannt haben, dass die Lage nicht entspannt ist. Vielleicht kannst du das Zögern der Menschen verstehen. Vielleicht ist es gar nicht dass sie den Gegenwert nicht kennen. Vielleicht ist einfach das Geld knapp und die Auswahl groß. Vielleicht sind sie während Corona zu bequem geworden und ihr Sofa ist jetzt ihr bester Freund auf der Welt. Ich finde: Es gibt reichlich Gründe keine Festivalkarten zu kaufen und immer zehn mehr es doch zu tun. Weil dieser „Gegenwert“ sich mit Geld gar nicht aufwiegen lassen kann. Du siehst wie ich mit dem Kopf schüttle weil ich nicht verstehen kann wie etwas so klares den Leuten nicht mehr klar ist die irgendwann vor der Pandemie regelmäßig dafür gesorgt haben dass das OBS in unter einer Stunde ausverkauft war. Du stellst fest dass die Reihen vor der Bühne lichter geworden sind. Dass man hinten im Biergarten fast immer einen Sitzplatz bekommt und eigentlich an keinem Food-Stand lange anstehen muss. Du siehst meinen sorgenvollen Blick und wie ich ihn nicht gewinnen lasse. Jetzt ist jetzt und jetzt sind wir hier.
Wenn du schon mal hier warst, weißt du, dass du dir im Garten eigentlich jede Band anschauen musst. Du hast nämlich gelernt, dass Rembert ein wirklich äußerst gutes Händchen hat, auf „seinem“ Festival in genau dem richtigen Setting mit genau der richtigen Band bzw. Künstler:in Momente entstehen zu lassen die an anderer Stelle für dich vor der Bühne nicht entstehen würden. Und das finde ich beeindruckend wenn man bedenkt, dass er viele dieser Bands und Künstler:innen auf Showcase-Festivals im Dunkeln und in Club-Atmosphäre entdeckt und trotzdem sieht, fühlt und weiß. Und dem wird blind vertraut. Die Wertschätzung, die jeder auf der Bühne agierende Artist hier bekommt, ist outstanding. Du wirst vielleicht nicht alles was du auf der Bühne siehst auf Platte wiederhören wollen, aber die Platte kaufst du trotzdem, aus Liebe und Support. Und vieles willst du dann einfach wohl nochmal hören weil du weißt dass ab Montagmorgen der Post-OBS-Blues kickt und das fast schon mantraeske „Es müsste immer Musik da sein, bei allem was du machst“ völlig fühlst. Wir erhebend es ist, zuhause seine Schätze auszupacken und Pfingstmontag mit einer Träne im Knopfloch vor dem Plattenspieler zu verbringen.
Ich für meinen Teil muss erst reisen und obligatorisch Bands verpassen, was mir nicht schmeckt, aber fast gehört es schon dazu. I am deeply sorry, <b>Willow Parlo</b> und <b>Bikini Beach</b> – wie ich höre war es grandios mit euch! Dafür erreiche ich den Garten in einem dieser Settings die du dir nicht schöner malen kannst in deinen Gedanken: Der wunderbar fließende Americana von <b>Israel Nash</b>, sanft und getragen, aber dann auch genau im richtigen Maße druckvoll, und hinter den Hügeln geht die Sonne unter und taucht das Publikum zum Abschied in ein gleißendes Licht. Es hätte ja auch regnen können, sagst du vielleicht, dann hättest du nie erfahren wie gut dieser Plan aufgeht. Aber es regnet nicht und Israel Nash heißt mich zusammen mit dem OBS leuchtend willkommen.
Du sagst, <b>Marlo Grosshardt</b> kann man inzwischen auch woanders sehen, der ist ganz schön groß geworden in den letzten zwei Jahren. Und das ist so. Aber wie schön ist die Geschichte wenn man daran denkt wie glücklich er war als er 2024 zum ersten Mal hier gespielt hat und es in Strömen gegossen hat und einfach alle geblieben sind? Und dass es danach so richtig los ging mit ihm und er einfach inzwischen wirklich viel gesehen hat und trotzdem zurück kommt und einfach genau weiß warum er das macht? Weil das hier anders funktioniert. Denn die Menschen vor der Bühne sind auch so warm und herzlich zu dir wenn du mit einer Gitarre in der Hand vor ihnen stehst und deine Band einfach extrem Bock hat, und wenn du schon mal hier warst, ich sagte das ja schon, dann erkennen sie dich wieder, ich meine nicht optisch, ich meine seelisch, und dann entstehen Symbiosen. Und dann bewegen sich auf einmal alle in einem Polkastrudel, und ja, das klappt so semi, weil die Menschen einfach vor allem mehr werden und gar nicht schneller, aber das macht nichts. Vor allem musst du Marlo Grosshardt halt gut zuhören, weil er einfach unfassbar wichtige Sachen sagt in seinen Lyrics und es so gut tut zu wissen dass jemand, der so eine klare wunderbare Haltung hat, so viel Erfolg haben darf, denn das muss raus in die Welt und alle sollten diese Lieder singen.
Du wunderst dich vielleicht warum die Briten von <b>Man/Woman/Chainsaw</b> der Freitags-Headliner sind. Von denen hast du immerhin deutlich weniger gehört als von Marlo Grosshardt. Du weißt vielleicht nicht, dass das Methode hat. Der „Headliner“, wenn du ihn überhaupt so nennen willst, muss in die Nacht passen. Reizreduktion, Fokus auf die Musik. Und auf eine der derzeit aufregendsten britischen Livebands, Kritikerlieblinge, Virtuos:innen. Gar nicht so leicht zu kategoriesieren: Es ist Indie, es ist Punk, es ist Noise, es ist Prog, und irgendwie auch ein bisschen Folk. Und das saugt dich ein. Und hält dich fest. Und trägt dich in die Nacht hinaus. In so einem Rahmen wirst du so eine Band vermutlich so schnell nicht nochmal sehen. Sei dabei gewesen!
Du verfolgst die OBS-Lineups vielleicht schon länger am Rande mit, auch wenn du nicht jedes Mal dabei bist, und da steht immer der Name <b>Schreng Schreng &amp; La La</b>, und zwar jedes Jahr. Und das ist ausdrücklich Absicht. Die Hausmarke des OBS hat es vom Walking Act über die Minibühne als Samstags-Opener auf die Hauptbühne unterm Kronleuchter geschafft und macht das was sie macht: Zwischen Wut, Humor und Tiefe kleine feine Akustik-Punksongs darbieten. Machst du Jahr für Jahr alles mit richtig. Du verstehst nicht wie sich das nicht abnutzen kann, sagst du? Manchmal liegt der Zauber auch einfach im Gewohnten, sage ich.
A propos Zauber: <b>Worries And Other Plants</b>, das war zauberhaft. Dezent psychedelisch, sanft ziehend, zwischendurch eine kleine leise Wall of Sound: Das ist OBS-Material vom Allerfeinsten und äußerst sympathisch. Und dann fliegt die Bühne weg. Und das ist auch irgendwie OBS-Material vom Allerfeinsten. „Der krankste geile Scheiß den wir je auf den Garten losgelassen haben“, sagt Rembert, und reiht <b>Grote Geelstaart</b> vor White Wine, Teksti-TV 666 und all den anderen Bands ein, die mit dem Prädikat „besonders, aber herausfordernd“ OBS-Geschichte geschrieben haben. Alter, sind die jung, sagst du wenn du neben mir stehst während dieses Abrisses und bekommst den Mund nicht mehr zu vor Staunen. Es dauert exakt einen Song, da steht der Sänger auf dem Balkon und schreit und bellt Texte, die man nicht versteht, auch in den Niederlanden nicht, obwohl die Band auf Niederländisch singt, und zwar Geschichten der älteren Nachbarn in ihrem Heimatort, weil die Band so jung ist dass sie ja noch gar nicht so viel selbst erlebt hat. Was ist es? Was bin ich sehend? Es ist ein glühender Lavakessel aus Prog, Punk, Avantgarde, Noise und was weiß ich noch. Und das ist nicht mehr und nicht weniger als ziemlich atemberaubend. Ich fühle mich auf links gedreht danach im wirklich allerpositivsten Sinne. Und du dich auch wenn du dabei warst, so viel ist klar.
Wenn du dabei gewesen bist brauchst du danach vielleicht auch so wie ich eine kurze Pause um die Synapsen wieder zu sortieren, und auch wenn <b>Jerry Leger</b> da ein guter Helfer wäre mit seinen eher sanften Songwriter-Pop-Kleinodien: ich muss was essen und meine Sinne brauchen nen Mini-Urlaub. Außerdem gibt es danach schon wieder die nächste Herausforderung, denn <b>Nils Keppel</b> ist eigentlich für den OBS-Garten auch ziemlich gegen den Strich besetzt, aber umso großartiger, dass er da trotzdem steht in seiner durchsichtigen Seidenbluse und zu treibendem Post-Wave seine gesamte schwarzromantische Weltdüsternis in die Herzen seiner Zuhörenden drapiert. Auf einmal ist auch jüngeres Publikum in der ersten Reihe, ist sichtbar glücklich und kennt sich aus im NNDW, aber das find ich alles so schön, weil diese Crowd hier trotz ihrer immensen Altersheterogenität so grandios funktioniert und jeder einfach da sein darf und jeder Platz richtig besetzt ist, und im Moshpit springen sie alle zusammen durcheinander und alles mischt sich und das muss man einfach wundervoll finden.
Eigentlich sollte im Anschluss Frazey Ford spielen, musste aber kurzfristig canceln, dafür stehen jetzt <b>Annie Taylor</b> aus Zürich auf der Bühne, und das ist auch ein Kunststück, weil die Band nämlich eine Autopanne hatte und irgendwo eingesammelt werden musste, aber jetzt ist sie da und es gibt sehr lauten Indie Rock und sehr viel Energie und das ist sehr, sehr stark. Zu <b>Herrenmagazin</b> muss ich wahrscheinlich gar nicht so viel schreiben, denn dass diese Institution wieder existiert ist ja eh ein Geschenk, und so ganz glaubt man das auch nach drei Jahren immer noch nicht, aber man sieht sie ja. Und man hört diese geliebten kleinen großen Hymnen und man weiß dass diese Band einem immer wieder fehlen wird wenn sie mal wieder untertauchen möchte. Und dann, zum Abschluss, <b>Tramhaus</b> – und das ist gar nicht so der „etwas ruhigere Tagesheadliner“, sondern da gibt’s nochmal richtig Lärm, irgendwo zwischen Grunge, Postpunk und Indie Rock, und das funktioniert im Dunkeln halt auch total, wenngleich mich die Niederländer auch nicht völlig umwerfen. Aber das ist okay sagst du, war ja auch schon eine ganze Menge drin in diesem OBS-Samstag 2026.
Wenn du noch nie hier warst und hörst, dass immer um 11:30 am Sonntag ein Surprise Act spielt und der Garten rappelvoll ist, ziehst du vielleicht ungläubig eine Augenbraue hoch. Das funktioniert wirklich? Das funktioniert wirklich. Und es macht so Spaß zu spekulieren und sich auszutauschen und so zu tun als hätte man die wirklich richtigen Infos für den perfekten Tipp zusammengebastelt. Und dann dieses anerkennende Nicken der anderen: „Stimmt, du könntest recht haben!“ Hatte ich natürlich auch dieses Jahr wieder nicht. Bin aber umso erfreuter über <b>Young Rebel Set</b> auf der Bühne, denn diese Geschichte ist schon wirklich intensiv. Als der Sänger der Band, Matty Chipcase, Anfang Dezember 2019 völlig unerwartet starb, lösten sich die Briten nämlich auf. Und fanden sich Jahre später mit einem neuen Sänger zusammen um die Geschichte weiterzuschreiben. Es geht hier gerade wirklich vor allem anderen darum dass es wirklich schön ist dass es Young Rebel Set wieder gibt, und dass es berührt, dass sie diese ganzen großartigen Songs wieder spielen. Man ahnt wie schwer ihnen das im Ursprung gefallen sein muss, und so ist nichts hier wirklich überschwänglich, aber wir werden Zeuge, wie eine Band sich wieder freischwimmt, und das ist wirklich wirklich schön zu sehen. Strahlen auf und vor der Bühne inklusive.
Der Sonntagnachmittag gehört ansonsten den Female Artists: Da ist der wundervoll-zarte, leicht angejazzte Alternative Pop von <b>Mel D</b> (in Trio-Besetzung), wie ein zweiter Sonnenaufgang, wirklich betörend schön. Da sind die Grunge-Preziosen von <b>Blush Always</b> – und auch wenn der Sound von Katja Seifferts Band sehr 90s-referenziell klingt, ist er wunderbar eigen, schlägt Haken und verkantet sich, um sich dann wieder in klaren Harmonien und mitreißenden Lines zu entheddern. Das ist sehr stark, ich bin sehr begeistert. Und vor <b>Alela Diane</b> muss ich sowieso den Hut ziehen: Seit über 20 Jahren gehört sie zu den wichtigsten weiblichen Stimmen im amerikanischen Folk; ihr Sound ist reduziert und strahlend, zurückhaltend und so vielsagend. Ihre Show beim OBS ist die einzige Festival-Show in Europa in diesem Jahr, und genau an diesen Ort gehört sie, ihre Musik ist wie gemalt für Nachmittage wie diesen an denen die Sonne immer noch scheint und es warm ist und man selbst ist auch ganz warm von innen.
Dann: <b>Maria Iskariot</b>. Und das ist so ungebremste Energie dass es einem die Schuhe auszieht. Unfassbar kraftvoll, unfassbar energetisch, unfassbar wild, unfassbar gut. Die Band um Helena Cazaerck verhandelt Wut, Verzweiflung und Weltschmerz so unglaublich mitreißend und rough dass niemand still stehen kann obwohl es immer noch unglaublich warm ist – der perfekte Wake Up Call für einen fulminanten OBS-Abend. Ich tanke Energie und gehe was essen während <b>Gringo Mayer</b> spielt, denn das ist so ziemlich der einzige Act an diesem Wochenende der mich gar nicht kriegt – das Publikum aber im Sturm gewinnt, und das ist die Hauptsache.
Wir müssen noch kurz über <b>Agassi</b> sprechen – denn die sind definitiv der Gewinner des Tages. Es ist ja schöne Tradition dass es ein Act der auf der (von mir in diesem Jahr leider sträflich vernachlässigten) Minibühne spielt ein Jahr später auf die Hauptbühne schafft – bei der deutsch-englischen Band aus Hamburg hätte das auch sofort noch am selben Tag passieren können und alle wären nochmal exakt genauso ausgerastet. Ich kann das nicht mal richtig erklären, aber dieser Mix aus Postpunk und Indie Rock vibed so extrem gut mit den Menschen vor der Bühne, so was kannst du nicht planen eigentlich. Zwei Kurzauftritte, zweimal fliegen ihnen die Herzen zu, und „Keine Energie geht verloren“ ist vielleicht der meistskandierte Slogan des Wochenendes - neben dem lautstarken &quot;Haupt-büh-ne!&quot; in Richtung der Band. Agassi sehen wir nächstes Jahr wieder – da lege ich mich fest.
Wenn du Teil der Crew bist, hast du im letzten Jahr schon davon geträumt dass die Husumer von <b>Turbostaat</b> als Surprise Act beim OBS auftauchen. Das haben sie nicht getan. Dafür stehen sie 2026 ganz regulär im Lineup. Und es wird unvergesslich. Für jede:n die/der dabei gewesen ist. Zur Band selbst muss sicher nicht viel gesagt werden, die gehört seit über 20 Jahren zu den All Time Heroes des erweiterten Punk-Spektrums: Wütend, immer on point, lyrisch auch mal verkantet, wissen wir alle. Funktioniert das im OBS-Garten, fragst du dich? Und wie es das tut. Einen Moment ist da „nur“ Begeisterung, dann geht es los. Moshpits hat man in Beverungen wirklich selten, hier habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Und was ich auch irgendwann nicht mehr zählen kann sind die Crowdsurfer:innen. Es hört nicht auf. Und was bitte bringt die Großartigkeit eines Festivals besser auf den Punkt als crowdsurfende Kinder? „Das ist doch viel zu gefährlich“, sagst du vielleicht, aber wie toll ist das bitte wenn bei all der Wildheit und all der Extase die springende Meute sich so gut konzentriert dass die kleinsten Menschen sicher und heile über die Menge getragen werden? Dieses Konzert gehört definitiv zu meinen Top 5-OBS-Momenten of all time. Und wenn du Teil der Crew bist und für Turbostaat schichtfrei hattest und im Graben gestanden hast, getanzt hast und glücklich aussahst – dann habe ich dich gefühlt.
Und als sich dann bei <b>Wrest</b> die ganze Energie des Tages in umarmender Grandezza entläd und der Garten still hält und andächtig diesen wunderbaren Melodien lauscht, ist die Welt noch einmal für knapp 1,5 Stunden einfach nur schön. Viel Melancholie, ab und zu ein kleiner Ausbruch, zeitlos gute Songs, es bringt uns nach Hause und ein unvergesslich schönes Wochenende zu einem würdigen Abschluss. Und dieses Mal ist sogar der Dreitageswitz gut – kann aber auch an Remberts und Simons starkem Method Acting (nebst Erzählerinnenstimme aus dem Off) gelegen haben.
Das muss sich doch mal verlieren, sagst du. Du kannst dir gar nicht vorstellen, dass so ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit. Was soll ich, was sollen wir dazu sagen? Es ist gar nicht so schwer zu erklären warum es das trotzdem tut.
Das Orange Blossom Special, das sind wir alle. Und es lebt, Jahr für Jahr, für uns auch ein wenig von der Version, die wir zu ihm mitbringen. Unterschiedlich wie wir sind, nicht immer high on top, nicht immer in der Lage, die Umarmung zu erwidern. Auch das ist möglich. Verliert sich aber die Magie? Nein, tut sie nicht. Denn auch wenn wir mal nicht at our best sind: Hier dürfen wir sein. Festivals, und besonders kleinen, wohnt ja der Zauber inne, dass sie ein Dach sind für die Gute-Laune-Menschen, die Zweifler, die Overthinker, die Feiernden, die Glücklichen und die Traurigen. Die, denen manchmal alles zu viel ist, die dringend raus müssen, die sich auch mal unsichtbar machen müssen und das an einem Ort wie dem OBS-Garten können weil es okay ist. Die, die aus der Kraft der Community Hoffnung, Energie, Zuversicht schöpfen. Dass es einen Morgen gibt und dass der vielleicht nicht so schlimm aussieht wie man manchmal denkt. Aber auch für die Entdeckenden, die Abenteurer, die Mutigen, die Wilden, die Freien, die so viel Liebe zu geben haben dass sie auf dich strahlt wenn du ihnen begegnest. Mal bist du auf einem Festival die eine Person, mal die andere, mal beide zugleich irgendwie. Du tauchst in eine Dynamik in der es okay ist. In der du okay bist. Du hast Menschen um dich herum die fühlen. Mal das eine, mal das andere, mal beides zugleich.
Die Wärme, das Familiäre, das Zuhausige, alles was das Orange Blossom Special ausmacht, ist pures Gold. Ein Festival kann nicht die Welt retten, aber es kann die Welt für ein paar Tage wieder gut machen. Kann sich so etwas verlieren? Wird man so etwas wie das hier jemals weniger brauchen? Ganz klar: Niemals.
Also wenn du im nächsten Jahr wieder fragst ob ich mich aufs OBS freue; wenn du sagst, dass du dir gar nicht vorstellen kannst dass ein Festival in seiner Bedeutung und seinem Strahlen immer noch wächst nach all der Zeit – kauf dir ein Ticket und komm einfach mit.
Auf dass das Orange Blossom Special noch lange, lange, lange unsere Lebenstankstelle bleibt – und Jahr für Jahr für ein paar Tage unsere kleine Welt ein bisschen rettet.

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Wed, 27 May 2026 22:34:54 +0200</pubDate>
			
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			<title>Eine Lebenstankstelle: Das ist es. Preview aufs Orange Blossom Special 2026</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/eine-lebenstankstelle-das-ist-es-preview-aufs-orange-blossom-special-2026.html</link>
			<description>Du denkst, das Orange Blossom Special Festival hätte in den letzten Jahren schon alle heimeligen Mottos dieser Welt verwendet. Von „Da hinten wird’s hell“ über „You’re At Home Baby“ bis zu „Welt aus. Obs an.“ und natürlich „Herzensangelegenheit“ – alles perfekte Beschreibungen für dein Festivalwochenende, das dich raus aus den Bezügen holt, dich genau in diesen Wohlfühl-Vibe transportiert, der sich in Beverungen manifestiert wie kaum sonstwo in der Festivallandschaft. Und dann zaubern Rembert und seine Crew mal eben ein Motto aus dem Hut, das nochmal mehr passt als jedes zuvor: „Lebenstankstelle“. Das ist es. Oh ja, das ist es.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Es ist erstaunlich, dass man Jahr für Jahr zu Pfingsten merkt, wie sehr man so eine Lebenstankstelle braucht. Natürlich, das liegt auch am Zeitpunkt. Das OBS ist der Einstieg in den Festivalsommer, also quasi der erste Halt auf einer abermaligen Reise in eine gesellschaftliche Utopie von selbsterklärender Freundschaft ohne sich im Alltag zu kennen, von Akzeptanz, von Respekt und dem unausgesprochenen Teilen gemeinsamer Werte. Das ist das was ein Festivalsommer leistet, und ich beginne meine Texte über das Orange Blossom Special als Eingangstür in diese schöne bunte Welt seit Jahren damit, auszubreiten, wie es Jahr für Jahr nötiger wird, dass wir so etwas haben, eine Lebenstankstelle.
Aus irgendeinem Grund scheint sich die Welt mit jeder Drehung zu denken, dass ihr Dunkel noch nicht dunkel genug ist. Und so wiederhole ich mich hier nun ein weiteres Mal, und so erholen wir uns Jahr für Jahr von größeren Peaks der Unfassbarkeit, denen wir in unserem täglichen Erleben gewahr werden. Und dann war dieser Winter auch noch so elend lang als ende er nie, als wäre das Grau im Himmel synchron zum Grau auf der Erde, so als habe er resigniert, und so standen auch viele von uns der Resignation nahe. Das Warten auf Licht zu lang, das dunkle Gebell so ohrenbetäubend, die Hiobsbotschaften sich mit so viel böser Energie aufmachend um die Zuversicht in uns zu eliminieren. Wo sind die Menschen, wo sind die guten Dinge, wo ist das Licht?
Es ist ganz klar dass Festivals diese Welt nicht retten können. Was sie können ist Räume schaffen. Für Begegnung, für Konsens, für Freude. Bunte, leuchtende Räume, in denen wir uns treffen und durchatmen können, ein Wochenende lang, dann noch eins und noch eins. Irgendwie sind sie alle Lebenstankstellen, und das OBS ist es vielleicht noch diese ganz kleine Spur mehr – zumindest für mich. Wer schon mal hier war, weiß was ich meine.
Wer schon mal hier war kennt nämlich das Gefühl, in den Grünen Weg einzubiegen, schon vom Auto aus die letztes Jahr erst gefundenen, aber schon stark liebgewonnenen neuen Freunde zu erblicken, dann zu sehen wie sich die Wiese an der Weser vor einem ausbreitet wo gleich für drei Nächte dein Zelt stehen wird, zum ersten Mal wieder Festival mit allen Sinnen aufzunehmen und zu wissen: Das dauert jetzt nur Minuten und ich falle im besten Sinne. Falle in dieses Nest, das ich zu meinem gemacht habe, mit all diesen Menschen zusammen, von denen ich vorher nicht wusste dass es sie gibt und bei denen ich trotzdem von Anfang an gespürt habe, dass wir in die gleiche Richtung laufen, so verstreut wir im real life auch sein mögen.
Du betrittst das Festivalgelände – „Schön, dass du da bist!“ steht da mit Kreide auf einem Schild geschrieben – und du spürst den Vibe. Siehst wie viel Mühe und wie viel Liebe hier drinstecken. Nicht dass du das vergessen hast. Aber da ist wieder Wärme. Du triffst die gleichen Menschen wie jedes Jahr. Manchmal fehlt jemand. Die Umstände, das Leben. Alles wächst. Alles ruht. In sich. An diesem Ort. Du tankst auf, sofort. Du siehst sie alle, die alten, die jungen, die ewigen, die neuen, und du kannst jede:n fragen der zum ersten Mal hier ist: Sie verstehen warum man ihnen schon so lange und mit so leuchtenden Augen vom Orange Blossom Special im Glitterhouse-Garten erzählt.
Und die Musik. Du findest in ganz Deutschland Festivals mit liebevoll kuratierten Lineups und wirst es doch selten erleben dass ein Publikum so nah dran ist. Dass Bands und Künstler:innen so warmherzig und zahlreich empfangen werden, egal zu welcher Stagetime. Das Vertrauen ist immens. Und das zurecht. Hier dürfen Musiker:innen auftreten für die diese OBS-Show nicht selten das größte ist was sie bisher gemacht haben – und die noch in Jahren davon berichten werden wie sie zu keinem Zeitpunkt das Gefühl gehabt zu haben sich hier beweisen zu müssen weil sie mit ganz viel Neugier einfach angenommen werden in ihrer Kunst. Rembert gibt ihnen aus vollem Herzen diese Bühne, und die Menschen davor wissen, dass es sich lohnt. Ob das nun im realen Leben immer ihr Sound ist, egal. Es entsteht eine Symbiose, fast schon kitschig, fast schon unreal, aber du spürst sie. Auch für jeden, der unter dem Kronleuchter performt, ist das eine Lebenstankstelle.
Darum kommen sie auch wieder wenn sie eingeladen werden. Stefan <b>Honig</b> kennt das OBS, war mit seinen Accidental Birds schon hier; Deniz Jaspersen sowohl mit Deniz &amp; Ove als auch mit <b>Herrenmagazin</b>; Anna Meier, Tabea Niewerth und Milena Wagner von <b>Animat</b> spielten mit Loki hier sogar schon zweimal. <b>Israel Nash</b>, <b>Marlo Grosshardt</b>, <b>Wrest</b> – auch diese drei Namen hat man schon auf den OBS-Lineup-Plakaten gelesen. Marlo Grosshardt ist seit seiner Show hier vor zwei Jahren inzwischen eine absolute Institution in der Indie-Szene geworden und die Schotten von Wrest eh eine internationale Instanz. Sie finden ihren Weg zurück und es wird wieder besonders. Eh jedes Jahr am Start sind Jörkk Mechenbier und Lasse Paulus alias <b>Schreng Schreng &amp; La La</b> alias Der Esel und sein Anwalt, die „Hausmarke des OBS“ (Zitat) und wiederholt fester Lineup-Bestandteil, dazu noch mit rasantem Aufstieg vom Walking Act über die Minibühne auf die Hauptbühne in diesem Jahr, sky is the limit und so.
Ein echter Traum für (wie ich weiß) gar nicht wenige Crewmitglieder sind <b>Turbostaat</b>, wütend und energisch wie immer, nach so vielen Jahren Bandgeschichte immer noch wichtig und relevant, das wird sehr stark. Zu den ganz dicken Empfehlungen gehören ohne Frage die Holländer von <b>Groote Geelstart</b>, von denen Rembert schreibt, das wird der „krankste geile Scheiß den wir je auf den Garten losgelassen haben“. Völlige Eskalation zwischen Noise Rock, Postpunk, Kraut und Performance Art – das wird eine Show die man so schnell nicht vergisst, auf welche Weise auch immer, und ein äußerst typisches Beispiel für diese wilden Empfehlungen, die von Remberts Herzensangelegenheiten zu deiner werden. Und ich persönlich freue mich unfassbar auf <b>Man/Woman/Chainsaw</b>, die ich beim Reeperbahn Festival leider verpasst habe, deren Mixtur aus Punk, Indie, Noise und Prog das Sextett aber als eine der derzeit spannendsten UK-Bands auszeichnet. Und <b>Tramhaus</b> darf man auch nicht vergessen, das ist pure Energie zwischen Postpunk, Shoegaze und Noise, sehr mitreißend, sehr energetisch, das wird äußerst stark.
Wundervolle Momente versprechen <b>Agassi</b> mit melodiösem Indie-Postpunk, <b>Nils Keppel</b> mit dystopischem Indie Wave, <b>Alela Diane</b>s Indie-Folk-Skulpturen, Indie-Pop zwischen Amerika und Skandinavien von <b>Willow Parlo</b> oder der dezent angejazzte Alternative Pop von <b>Mel D</b>, aber damit ist das Ende noch lange gar nicht erreicht. Es gibt einfach exakt gar kein einziges Konzert auf das man sich nicht freuen kann an diesem Wochenende, alle auf ihre Art unique, alle sehens- und hörenswert; ein unglaublich vielseitig und schönes Lineup ist das dieses Jahr.
Da kommt man mal wieder gar nicht zum Essen (nur Liebe für Mini-Calzone!), und eigentlich muss man sich hier und da zweiteilen um auch die Lesung von <b>Dominik Bloh</b> nicht zu verpassen, den völlig unvorhersehbaren Musik-Talk von <b>Zwischen zwei und vier</b> und den Mini-Live-Podcast von <b>Nilz Bokelberg</b>, der nebenbei das ganze Wochenende lang Footage für seinen "Gästeliste Geisterbahn"-Podcast sammeln wird. Wie man’s macht wird man’s richtig machen. Und am Montag erfüllt nach Hause fahren.
Bei all dem was ich nicht müde werde über das Orange Blossom Special zu erzählen soll nicht unerwähnt bleiben dass das Festival in diesem Jahr ernsthafte Probleme mit Ticketverkäufen hat. Da sind Rembert und sein Team transparent und es ist eh eine offene Wunde der Szene: gestiegene Produktionskosten sorgen für gestiegene Ticketpreise und die Menschen überlegen sich einen Festivalbesuch inzwischen zweimal.
So sehr ich das verstehen kann, verspreche ich euch: Wer hier eincheckt hat jeden Cent gut angelegt. Das OBS war immer schon eine Lebenstankstelle, und ich habe in den letzten Jahren nicht wenige Menschen davon überzeugen können, die einmal kamen und nie mehr weg wollten. Weil das OBS ein Ort ist, der etwas mit dir macht, tief drinnen. Der dich an das Gute glauben lässt und ein Stück Zuhause für dich wird. Das kann man oft gar nicht glauben bis man es mit eigenen Augen gesehen hat, aber so ist es. Und so hat man es dir bestimmt auch schon mal erzählt. Du solltest diesem Menschen glauben. Denn in diesen Kosmos nimmt man nur mit wen man lieb hat – und das ist ein riesengroßes Kompliment.
Tickets bekommt ihr immer noch für 155,00 (bzw. 160,00 für Hardtickets), es gibt das Jugendticket für 13- bis 18jährige für schmale 50,00 und auch wieder Sozialtickets deutlich vergünstigt, die von einem Soli-Aufkommen finanziert werden (was stark ist). Tagestickets könnt ihr ebenfalls kriegen – checkt doch einfach mal auf orangeblossomspecial.de eure Optionen!
Und dann sehen wir uns alle zu Pfingsten im Glitterhouse-Garten, der Lebenstankstelle, dem guten Ort – und machen uns wieder ein bisschen gesund.

<b>Lineup nach Tagen:</b>
<b>Freitag, 22.5.2026:</b>
<b>Hauptbühne:</b> Willow Parlo / Bikini Beach / Israel Nash / Marlo Grosshardt / Man/Woman/Chainsaw
<b>Minibühne:</b> Lener
<b>Walking Act:</b> Animat

<b>Samstag, 23.5.2026:</b>
<b>Hauptbühne:</b> Schreng Schreng &amp; La La / Worries And Other Plants / Groote Geelstaart / Jerry Leger / Nils Keppel / Frazey Ford / Herrenmagazin / Tramhaus
<b>Minibühne:</b> Kekse &amp; Kakao / Schnuppe
<b>Walking Act:</b> Honig
<b>Lesung:</b> Dominik Bloh

<b>Sonntag, 24.5.2026:</b>
<b>Hauptbühne:</b> Surprise Act / Mel D / Blush Always / Alela Diane / Maria Iskariot / Gringo Mayer &amp; Die Kegelband / Turbostaat / Wrest
<b>Minibühne:</b> Nilz Bokelberg / Agassi
<b>Walking Act:</b> Stoic Mind
<b>Lesung:</b> Zwischen zwei und vier

<i>Text: Kristof Beuthner</i>
<i>Foto: Dennis Schinner</i>]]></content:encoded>
			<category>Neuigkeiten</category>
			
			<pubDate>Mon, 04 May 2026 19:31:47 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Geht auf Konzerte! Liebt die Musik! - Nillson beim Reeperbahn Festival 2025</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/geht-auf-konzerte-liebt-die-musik-nillson-beim-reeperbahn-festival-2025.html</link>
			<description>St. Pauli ruft und alle kommen: Was man beim Fußball alle zwei Wochen erlebt, ist für Musikfans nur einmal im Jahr so richtig Programm. Dann ist nämlich Reeperbahn Festival, und die Synapsen werden mit rund 400 Konzerten rund um Deutschlands bekannteste Straße so richtig schön angefixt. Jedes Jahr wieder ein Abenteuer, und doch fühlt es sich jedes Jahr wieder neu an. Kein Wunder: Nirgendwo sonst entdeckt man in so kurzer Zeit so viele vielversprechende Newcomer, muss ein so präzises Zeitmanagement beim Planen von Konzerten beweisen und fühlt sich im Nachhinein so belohnt für eine richtig gute Zeit.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Vom Spirit, Menschen wieder zu treffen, die man ansonsten ein ganzes Jahr nicht sieht, können einem wahrscheinlich Besucher:innen von jedem xbeliebigen Open Air im ganzen Land berichten. So überrascht es nicht, dass die ersten Freunde einem schon in der Bändchenschlange beim Heiligengeistfeld um den Hals fallen. Aber das hier ist kein Familien-, das hier ist ein Entdeckertreffen. Und so gibt’s nach dem ersten Drücker dann gleich den ersten fachlichen Austausch: Was steht heute an? Habe ich was übersehen? Hast du einen guten Tipp für mich?
Mein alljährliches Ritual zahlt sich mal wieder aus. Sobald der Timetable steht ziehe ich mich mit einem großen Glas Rotwein und Kopfhörern zurück und versuche, einen Überblick über Bands und Künstler:innen zu bekommen; es sind an die 200. Nebenbei wird mitgetippt (die App dient dann während des Festivals nur dem Komfort), fett markiert, abgewägt. Dafür bin ich gut vorbereitet und kann jeder Person die ich treffe versiert meine Pläne A, B und C präsentieren. Selbstverständlich, dass man dabei direkt auf dem Heiligengeistfeld hängen bleibt. Das Festival Village ist ein guter Ort zum Ankommen. Dieses Jahr noch mehr, denn die Veranstaltenden haben gut erkannt, dass die Idee, das Heiligengeistfeld zum Meeting Point zu machen, nicht ganz aufgeht wenn der Spielbudenplatz einfach viel zentraler liegt. Darum ist das Festival Village räumlich deutlich reduziert worden; es gibt nun einen Rundlauf, den die vielen Stände der Flatstock Poster Ausstellung säumen, und in der Mitte liegt die Fritz Kola Bühne, auf der sich in halbstündigen Slots über die Tage verteilt verschiedene Bands und Artists for free präsentieren. Auch die kleine MoPo-Bühne und die große, aus roten Containern errichtete Amazon Music Stage befinden sich hier. Das Village wirkt deutlich einladender und geschlossener, man kommt sich nicht mehr so verlaufen vor – klares Upgrade durch Downgrade!
Der Klassiker wäre gewesen, durch nette Talks die erste Band zu verpassen, aber ich schaffe es rechtzeitig ins neue Molotow, das nun mitten auf der Reeperbahn zu finden ist – der Club ist deutlich vergrößert, mit der Top10-Bar gibt es auch eine zweite Stage, nur der Backyard wird natürlich schmerzlich vermisst. Sei’s drum: <b>The Pill</b> spielen hier mein Opening, mit äußerst mitreißendem Riot Grrrl-Punk, „zwischen Wet Leg und The Hives“, fällt mir während der Show ein. Natürlich gibt es da nicht viel Abwechselung, dafür aber 45 Minuten lang stramm Druck. Unbedingt merkenswert. Im Bahnhof Pauli schaffe ich es anschließend zu <b>h3nce</b>, einem noch sehr jungen DIY-Künstler, der College Rock mit 80s-Postpunk-Ästhetik vermischt. Das funktioniert vor allem live überraschend gut, die Songs gehen ins Ohr, die Präsenz stimmt. Den sehen wir bestimmt wieder. Zum Mittwochs-Abschluss wartet im Resonanzraum mit den Belgiern von <b>Omar Dahl</b> ein ziemlich faszinierender Sound zwischen Electronica, orientalischen Klängen und Jazz. Die Erwartungen einer Band in der Schnittstelle zwischen Altin Gün und Khruangbin werden nicht erfüllt, was aber sogar gut so ist, denn das hier schlägt eine ganz andere Richtung ein, ist deutlich clubtauglicher und sollte nächsten Sommer auf dem ein oder anderen mittelgroßen Festival die Nächte verschönern. Nicht ganz so warm werde ich mit <b>Farhot</b>, der sich u.a. als Producer für so einen illustren Kreis an Bands und Musiker:innen wie Nneka, Haftbefehl oder den Fanta 4 einen Namen gemacht hat. Das hier geht deutlich weiter weg von Hiphop und Soul und weit mehr in Richtung Jazz, und das ist auch völlig cool und extrem versiert, allerdings nichts was für mich an Tag 1 noch einen draufsetzt. Klarer Fall von Früh-Überreizung.
Am Donnerstag beginnen die Showcases so richtig, und hier steht unter anderem das Klubhaus St. Pauli im Fokus, das mit dem Sommersalon, dem UWE, dem Häkken, dem Schmidtchen und dem Bahnhof Pauli gleich fünf Clubs stellt, die die Wahl zur Qual machen. Und weil der Weg nach Hamburg wegen des Verkehrs länger dauert als geplant, wird der eigentlich heiß erwartete Postpunk von <b>Slate</b> direkt mal verpasst. Keine Chance auf Reinkommen mehr; wer zu spät kommt, den bestraft die geringe Kapazität der kleinen Läden. Den Kickstarter machen also <b>The Sherlocks</b> aus Sheffield auf der Open-Air-Stage Spielbude XL mit Indie Rock wie man ihn aus Britannien spätestens seit der Class of 2005 auf dem Radar hat, starken Melodien und reichlich attitude. Im Anschluss wird noch eine Gibson Les Paul verlost, die ich leider nicht gewinne. Also mache ich mich – mit kleinem Umweg über mein Auto, denn der Himmel zieht sich zu und ich brauche einen Regenschirm – auf zum ersten mir ganz wichtigen Termin des Tages.
Donnerstags wird nämlich vom Höme-Magazin traditionell der <b>Helga!-Award</b> verliehen. Die Show findet dieses Jahr erstmals im Knust statt und bekommt sogar eine Live-Übertragung vom Club in die Bar spendiert, denn durch die Bestuhlung ist vor der Bühne deutlich weniger Platz als in den letzten Jahren im Panel- oder Spiegelzelt. Statt bekannter Programmpunkte zur Auflockerung geht es dieses Jahr straight von Kategorie zu Kategorie; Ludwig Henze alias Laser Ludi und Kira Henze führen durch den Spätnachmittag. Schön mitzuerleben ist wie in jedem Jahr die Wiedersehensfreude bei den Vertreter:innen der vielen Festivals, nominiert oder nicht nominiert, und der Eindruck einer Branche, die gemeinschaftlich an einem Strang zieht, voneinander lernen will und ziemlich happy ist, Sommer für Sommer Sehnsuchtsorte zu schaffen, sorgt für Sonne im Herzen am Ende eines äußerst vollen Festivalsommers. Dabei gibt es in diesem Jahr deutlich mehr Appelle an die Szene: Zusammenschluss gegen den Rechtsruck, weitere Schritte zu noch mehr Nachhaltigkeit und ein noch stärkerer Fokus auf FLINTA-Acts müssen auf der to do-Liste noch deutlich dicker unterstrichen werden. Die Gewinner der von einer Fachjury bewerteten Kategorien sind das <b>Summertime Festival</b> für das beste Booking, das <b>Gravity Festival</b> für die „Grünste Wiese“, das <b>EselRock</b> für die „Gemischteste Tüte“, das <b>MSNT Festival</b> für die unerschrockenste Haltung und das <b>Ab geht die Lutzi!</b> für das „größte Glück für den kleinsten Geldbeutel“. Den Publikumspreis für das beste Festival geht ein weiteres Mal an das <b>Open Flair</b>, und ich sage das, was ich jedes Mal sage wenn das passiert: Ich muss da wohl unbedingt mal hin!
Statt mich, mal wieder viel zu spät dran, in die sicher riesige Schlange beim Molotow für <b>Man/Woman/Chainsaw</b> einzureihen, schaue ich auf der nächsten Reception vorbei. Die Messe Future For Festivals gibt am Technobus in der Taubenstraße zehn Festivals innerhalb von fünf Stunden die Gelegenheit, sich in halbstündigen Receptions zu präsentieren. Während es im Bus Freigetränke gibt und verschiedene DJs auflegen, ist mir das ganze aber zu wenig unterschiedlich individuell geprägt. Was bleibt sind drei verschiedene neue Festivalbändchen (mit QR-Code, der zum Einlass für die Messe berechtigt) und ein paar richtige Kreuze auf dem Bingo-Zettel vom Skandalös Festival, die ihre DJ-Zeit nutzen um Bands und Küstler:innen ihrer vergangenen Lineups via Bingospaß vorzustellen – das ist zumindest eine coole Idee.
Musikalisch geht heute nicht mehr viel. Irgendwie schaffe ich es in den völlig überfüllten Bahnhof Pauli zum sehr kühlen Wave-Punk von <b>Witch Post</b>, aber die Menschen stehen bis in den Vorraum und ich kann auf die Band selbst nur einen flüchtigen Blick erhaschen. Ein ganz wundervolles Konzert spielen die liebgewonnenen <b>Soft Loft</b> im Mojo, und da bin ich mal früh genug für einen richtig guten Platz auf der Empore. Die herzerwärmenden Melodien, der zu jedem Zeitpunkt absolut stilsichere Folk-Indie-Pop, die zarte Melancholie und die einprägsame Stimme von Jorina Stamm, dazu noch eine ganze Reihe an Hits wie „Paper Plane“ oder „Rose Colored“ – Soft Loft sind die Indie Darlings der Saison und sie rechtfertigen diesen Status mit jeder Sekunde ihrer Show. Zum Abschluss wandere ich noch ins Angie’s im Schmidts Tivoli zu <b>Gardens</b>, die sehr einnehmend zwischen Roughness und Filigranesse changieren. „Zwischen kalifornischen Hippies und dem WG-Flur in Wien“, heißt es in der Beschreibung, und das ist genau das Bild, das sich einem vor dem inneren Auge eröffnet. Feiner Indie-Folk trifft aufregenden Garage Rock und zum Abschluss gibt’s Rotwein aus dem Senfglas. Stark!
Während ich mich am Mittwoch und am Donnerstag noch treiben lassen mochte, ist die Taktung am Freitag ungleich höher, als ginge das Reeperbahn Festival heute erst so richtig los. Und im Häkken gibt es mit <b>Dramatist</b> gleich mal ein erstes großes Tageshighlight. Ich kenne einen Teil der Bremer Band noch aus Zeiten als sie Stun hießen und erwarte nur gutes, und das bekomme ich auch: 30 Minuten absolut präzise gespielten oldschool Post Hardcore, der Platz für Melodien lässt und mich mit seiner Wucht fast umwirft. Das macht riesige Vorfreude auf das 2026 erscheinende Debütalbum. Dann mal wieder ab in die Riesenschlange, obwohl ich nur zwei Türen weiter gehen will, aber die Goth-Wave-Helden von <b>Twin Tribes</b> füllen auch mit ihrem halbstündigen Showcase-Gig den Bahnhof Pauli bis auf die Straße. Als ich es reinschaffe, ist das Konzert zu einem Drittel vorbei, aber die übrigen 20 Minuten ziehen mich mit düsteren Sythnies, halligen Drums und mondän-abgedunkelten Vocals so in ihren Bann dass ich die erste Vinyl des Tages mitnehmen muss. Für die folgenden <b>The Dark</b> bleibe ich einfach gleich in der Location, da gibt es tonnenschweren Metalcore auf die Ohren, außerdem einen volltätowierten Muskelberg-Frontmann mit Kajal und Geltolle im Netzhemd am Mic. Irgendwie fancy, irgendwie stark. Da bietet <b>Marlo Grosshardt</b> im Docks zu all dem Lärm das komplette Kontrastprogramm, aber es ist wirklich jedes Mal wieder eine Freude, diesen Typen da stehen zu sehen und ihm so von Herzen zu gönnen dass er es geschafft hat, ausverkaufte Touren spielt und immer mehr Leute mit seiner ganz klaren und sehr guten politischen und gesellschaftlichen Haltung und nebenbei ganz wunderbaren kleinen Song gewordenen Geschichten um sich sammelt. Und an der Posaune wird er auch immer besser.
Nach dem Genuss eines australischen Smash Burgers auf dem Spielbudenplatz – göttlich, sage ich euch – mache ich mich auf ins Uebel &amp; Gefährlich zu <b>The Haunted Youth</b>, die ich auf dem Reeperbahn Festival vor ein paar Jahren für mich entdeckt habe und die längst zu einem der renommiertesten belgischen Indie-Acts geworden sind. Kein Wunder: Es ist ein wundervolles Konzert zwischen Indie- und Postrock, melancholisch-nachdenkliche Passagen münden in ohrenbetäubenden Bombast, es ist ein Rausch. Kann danach noch was kommen? Oh ja. Denn in der St. Pauli-Kirche (perfekt!) sorgt The Slow Show-Frontmann Rob <b>Goodwin</b> mit seinem neuen Solo-Material für den absolut perfekten Tagesabschluss. Wobei solo gar nicht stimmt, begleitet wird er immerhin von niemand anderem als dem maskierten Pianisten Lambert am Flügel. Die Songs der an diesem Tag erschienenen Platte „Peekaboo“ sind, wie man es erwarten durfte, kleine, introspektive, durch und durch rührende Epen, und die klangliche Reduktion des Instrumentariums steht Rob Goodwins unvergleichlichem Bariton wirklich ausgezeichnet. Es wird die zweite Vinyl des Tages.
Der Samstag auf dem Reeperbahn Festival ist irgendwie immer so ein on-top-Tag: Eigentlich tun die Füße schon weh, man hat jeden getroffen den man treffen wollte, man ist ein bisschen überreizt und hat viel zu wenig geschlafen. Aber heute scheint die Sonne und das weckt nochmal alle Lebensgeister für die letzte Runde. Kleiner Insider-Ritual-Tipp: Ein Curry im Maharaja in der Detlev-Bremer-Straße, Naan und Mango Lassi dazu, und die Lebensgeister haben die perfekte Grundlage. Den Soundtrack zu dieser Stimmung liefern <b>GRIMA</b>, die mit waberndem, sonnengetränktem New Wave und druckvollem Postpunk zu spanischen Lyrics einfach wie gemalt sind in diesen vielleicht letzten Sommertag des Jahres. Für solche spontanen Entdeckungen liebe ich die Fritz Kola-Bühne sehr. Und dann ist mal wieder treiben lassen Phase. Es folgen ein paar ultrakurze Gigs am N-Joy-Reeperbus, der wie jedes Jahr auf dem Spielbudenplatz steht, das Highlight ist die Acoustic Show von (mal wieder) <b>Soft Loft</b>. Kurzer Rückweg ins Village und Rap von Juno030, dann der erste Club für heute und direkt das überraschende Tageshighlight. <b>Far Caspian</b> aus Leeds spielen Indie Pop – würde man sagen, wenn man sie nur von Platte kennen würde, wo diese Band weit filigraner, aber eben auch deutlich weniger mächtig klingt. Live wächst der Sound des Sextetts um eine betörende Postrock-Wall of Sound an, in der man sich verlieren mag, und plötzlich steckt man in Erinnerungen an die frühen Jimmy Eat World und die frühen Death Cab For Cutie und diese Postrock-Darlings, Caspian ohne Far heißen. Dazu ist die Band noch absolut sympathisch, das macht hier alles wirklich enorm viel Freude.
Mit kurzem Zwischenstopp auf einen Crémant bei Blumen &amp; Feinkost Schnalke (unbedingt mal hingehen, der Laden ist sehr stark) quetschen wir uns in die millimetergenau gefüllte Pooca Bar zu <b>Drei Säcke Bauschutt</b>, einer Hamburger Band, die zwischen Sarkasmus und Ironie einwandfreien Mittelfinger-Punk runterdrischt, gegen jeden und alles, wenn es unterdrückt, klein macht, Menschen reduziert und im Herzen schlecht ist. Das geht sehr sehr gut klar. Und dann, for something completely different, bringt <b>Killowen</b> im Mojo das Wochenende nach Hause: mit einem Rap Sound, wie er so halt nur von der Insel kommt; ein bisschen 2step, ein Schuss UK-Garage, ganz wenig Jazz und ein tiefenentspannter, gleichzeitig aber sehr treibender Flow, und die komplette Batcave eskaliert. Diese halbe Stunde war definitiv zu kurz.
Fazit? Müde, zerlatscht, aber glücklich. So sieht halt ein Post-RBF-Sonntag aus, und einen Tag später wird der Alltag schon wieder ganz andere Sachen mit einem machen. Viel gelaufen, viel entdeckt, viel geredet, aber vor allem: Vier Tage lang eindrucksvolle Beweise dafür gesammelt, warum man Musik liebt, warum man Konzerte liebt, warum man „Geht auf Konzerte“ und „Hört Musik“ in die Welt schreien will, denn das macht glücklich, inspiriert, erstaunt, langweilt natürlich auch mal. Es erweitert die Sinne und verändert Leben, es schafft die gute Form von Gemeinschaft, und die brauchen wir so dringend. Das ist was wundervolles.
Die Festival-Saison ist damit nun vorbei – und ich fühle mich jetzt schon unglaublich ready für die nächste. Reeperbahn Festival, Hamburg, St. Pauli – see you next year!

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Sun, 28 Sep 2025 18:40:18 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Wohin du gehst? Sagen wir dir! 12 Tipps fürs Reeperbahn Festival 2025</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/wohin-du-gehst-sagen-wir-dir-12-tipps-fuers-reeperbahn-festival-2025.html</link>
			<description>Am Mittwoch beginnt in Hamburg wieder die schönste Extra-Jahreszeit für Musikliebhabende. Eine neue Ausgabe Reeperbahn Festival steht in den Startlöchern! Zwischen Knust und Großer Freiheit gibt es wieder jede Menge Potenzial für durchgelaufene Füße und spannende Entdeckungen, aufregende Newcomer und etablierte Namen, leckeres Street Food und den ein oder anderen Award. Grund genug, spätestens heute ein Vorfreudepaket zu schnüren!</description>
			<content:encoded><![CDATA[Fast 400 Konzerte könnte man sich von Mittwoch bis in die Nacht von Samstag und Sonntag anschauen, könnte man sich durch ein Vielfaches teilen. Die Kunst des cleveren Zeitmanagements ist selten so ein wertvoller Skill wie im September rund um die Reeperbahn. Denn neben eng getakteten Konzertzeiten und penibel berechneten Laufzeiten von A nach B muss man ja immer auch noch einkalkulieren, dass man an Ort C zufällig gute Menschen zum Schnack trifft oder irgendwo keinen Einlass bekommt und plötzlich auf die gute Idee an Ort D angewiesen ist um nicht eine Stunde lang zappelnd und unbeschäftigt in der Luft zu hängen.
Dabei sind die Geschmäcker natürlich höchst heterogen. Gott sei Dank ist es das Angebot auch. Von Neoklassik, Jazz und Contemporary kannst du dir nämlich über Indie und Rap bis hin zu Folk und Metal so ziemlich in jedem Genre der alternativen Musik die Synapsen füllen bis zur ultimativen klanglichen Glückseligkeit.
Darum haben wir mal versucht, es simple zu keepen und empfehlen euch pro Tag drei Konzerte, die ihr zeitlich auf jeden Fall einrichten können müsstet. Natürlich halten diese Tipps vor allem unserem eigenen Geschmackstest Stand. Allen, die sich hier nicht wiederfinden und trotzdem ein Ticket besitzen, empfehlen wir wärmstens, sich mit einem schönen Glas Rotwein noch schnell ans abendliche Querhören und Favourites markieren zu machen – ein liebgewonnenes Ritual, auf das ich mich persönlich Jahr für Jahr fast genauso freue wie auf das Festival selbst. Here we go!
<b>Mittwoch, 17.09.2025</b>
Wären wir ihr, würden wir im neuen Molotow in die Experience starten. Nicht nur, weil wir diesen Sehnsuchtsort der alternativen Musik bisher noch nicht an seinem neuen Ort erlebt haben, sondern auch, weil dort um 19:00 <b>The Pill</b> auftreten, eine äußerst schweißtreibende Riot Grlll-Punk-Band, die euch einfach schon zum Festivalbeginn komplett auf Links dreht. Hörbeispiel gefällig? Testet mal „Woman Driver“!
Von der Reeperbahn aus fährt man (wenn man nicht laufen will) eine U-Bahn-Station weiter, steigt an der Feldstraße aus und läuft ein paar Schritte zum inzwischen mit mächtiger Dachbegrünung verzierten Musikbunker. Die Konzerte im Resonanzraum waren jahrelang für uns mit der „Neue Meister Labelnight“ ein schöner entspannter Festivalausklang mit Klaviermusik und/oder Contemporary Sounds. Mit <b>Omar Dahl</b> könnt ihr hier ab 21:20 einer Band zuhören, die arabische Folklore mit Jazz und Art Pop vermengt und sich somit in der Schnittstelle zwischen Altin Gün und Khruangbin wiederfindet.
Am besten lässt man den Mittwoch im Angie’s ausklingen, aber leise wird es da keineswegs. Dort kombinieren nämlich die Szene-Darlings von <b>Bikini Beach</b> ab 23:45 das beste aus Stoner Rock, Surf Rock und Indie Rock zu einem wirklich überaus zwingenden Soundclash. Muss man sich unbedingt anhören!
<b>Donnerstag, 18.09.2025</b>
Den Donnerstagabend beginnen wir wieder im Molotow und zwar mit einer Band, die man allein schon wegen des exquisit gewählten Namens auf dem Zettel haben sollte: <b>Man/Woman/Chainsaw</b>. Wer im August in Haldern war, hat sich von diesem grandiosen Quintett schon eine wunderbar wilde Mixtur aus Lärm und Schönheit um die Ohren hauen lassen und sich möglicherweise darin verliebt. Hier ist nichts vorhersehbar, was M/W/C in die Nähe von ähnlich gearteten Bands wie Black Midi oder Black Country, New Road rückt, aber Man/Woman/Chainsaw machen ihr ganz eigenes Ding. Hochspannend – Kickoff 19:00!
Weniger Lärm, dafür umso mehr Schönheit finden wir ab 21:30 in der Batcave der Reeperbahn, also im imposanten Mojo Club, und zwar bei <b>Soft Loft</b>. Die Schweizer spielen sehr innigen, sonnentrunkenen und zeitgleich mit kleinen feinen Kanten versehenen Indie Pop, der das Herz wärmt. Einerseits wohnt diesem Sound eine herrliche Leichtigkeit inne, andererseits aber auch eine tiefe Melancholie. Das wird wunderschön!
Und dann wieder: Abteilung Attacke. Wer <b>Dry Cleaning</b> schon mal live erlebt hat, weiß wovon ich spreche. Fast schon bedrohlich zelebriert diese Band den musikalischen Stoizismus: dringlich, drängelnd, dabei nur vordergründig monoton, entfaltet sie einen faszinierenden Sog, auf den man sich einlassen muss um davon eingenommen zu werden. So geht Post Punk halt auch. Um 23:40 im Uebel &amp; Gefährlich – be there or be square.
<b>Freitag, 19.09.2025</b>
Im Clubhaus St. Pauli (u.a. mit dem UWE, dem Sommersalon und dem Häkken) mitten auf der Reeperbahn kann man sich an diesem Wochenende eh auch ruhig die ganze Zeit aufhalten, es passiert ständig was neues und meist sind die Konzerte auch nur kurz. Wir empfehlen da eine höchst charmante Zeitreise zurück in die 80er, denn <b>Twin Tribes</b> sind die Band, die du brauchst, wenn dir an diesem Wochenende Postpunk und New Wave bisher zu kurz gekommen sind. Düster-verhallte Vocals über wabernden Synth-Flächen: Twin Tribes, you got us. Ab 18:00 im Bahnhof Pauli!
Wer Bock auf Rap hat und noch mehr Bock auf Rap mit (Anti-)Haltung kommt eigentlich an den Audiolith-Helden von <b>Waving The Guns</b> aus Rostock schon lange nicht mehr vorbei. Schon lange eine echte Institution im Kampf gegen die braune Masse und andere Idioten nimmt dich der Typ mit der Maske mit seiner Crew stabil an die Hand. Und weil man ja schon seit geraumer Zeit wieder ins Docks gehen kann, ist 21:10 am Freitagabend ein guter Zeitpunkt dafür.
Zum Abschluss geht’s in die Kirche für ein echtes Wochenendhighlight. Rob Goodwin kennt man seit über zehn Jahren als Bariton der famosen The Slow Show, nun hat er sich mit dem Berliner Pianisten Lambert zusammengetan um unter dem Projektnamen <b>GOODWIN</b> eine Soloplatte zu veröffentlichen. Und ja, natürlich ist das ein bisschen The Slow Show halt in sehr reduziert (nämlich nur auf Klavier und Stimme), aber das heißt doch gerade, dass das ganz wundervoll wird und nicht verpasst werden darf. St. Pauli-Kirche, 23:50. Und danach ab in die Nacht.
<b>Samstag, 20.09.2025</b>
Kein Australian BBQ, kein Reeperbahn Festival. Und am Samstag kommt im Molotow auch noch zusammen was zusammengehört: Weil nämlich St. Paulis australischer Fußball-Darling Jackson Irvine höchstpersönlich den musikalischen Nachmittag in seinem Lieblings(musik)club kuratieren darf. Dass da nur Gutes bei herauskommen wird: Eh klar. Eigentlich kann man also getrost seinen halben Tag dorthin verplanen, aber wenn es nur eine Band sein soll, empfehlen wir ganz stark den lässig angesurften Indie-Folk-Pop von <b>The Hubbards</b>, ab 17:10.
Gehören für uns eigentlich viel dringender zum Reeperbahn Festival als die Elphi-Konzerte: Die wunderbaren Abende, an denen die Hauptkirche St. Michaelis ihre Pforten öffnet. Das sind immer wirklich magische Momente in edelstmöglicher Atmosphäre, und in diesem Jahr spielt dort mit der eh immer wundervollen <b>Alice Phoebe Lou</b> eine Künstlerin, die als erste alle beiden hochimposanten Spielorte des RBF gefüllt haben wird; immerhin war sie 2021 schon im Rahmen des Festivals in der Elbphilharmonie zu Gast. Start ist um 20:00, und mit einer Stunde ist die Show für Michel-Verhältnisse sogar recht kurz.
Kickoff in die Samstagnacht am besten mit was tanzbarem oder? We got you covered. Im Mojo Club steht nämlich ab 23:45 <b>Killowen</b> auf der Bühne, und wer was für britischen Rap übrighat und schon mal was von Mike Skinner gehört hat, sollte hier unbedingt vorbeischauen. Nicht dass Killowens Style ein The Streets 2.0 hat, aber solche 2step-Garage-Rap-Hybriden kommen halt nur von der Insel und sind alle irgendwie Erben des frühen Mike. Extrem tanzbar, extrem mitreißend – so kann man ein Festival nach Hause bringen.
Wir sehen uns da – auf ein Getränk oder zwei – und freuen uns auf vier Tage intensiven Musikwahnsinn!

<i>Text: Kristof Beuthner</i>
<i>Foto: Robin Schmiedebach</i>]]></content:encoded>
			<category>Neuigkeiten</category>
			
			<pubDate>Mon, 15 Sep 2025 18:54:22 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
		<item>
			<title>Leuchten wir den Regen einfach weg. - Nillson beim Appletree Garden Festival 2025</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/leuchten-wir-den-regen-einfach-weg-nillson-beim-appletree-garden-festival-2025.html</link>
			<description>Der Festivalsommer ist ein Festivalapril. Und gerade am ersten Augustwochenende ist er das. Wie viele Wettereinbrüche biblischen Ausmaßes das Appletree Garden und andere zum gleichen Zeitpunkt stattfindenden Festivals heimgesucht haben, mit mir mittendrin, kann ich schon gar nicht mehr zählen. Dass es die Laune nicht schmälert: Keine Frage. Denn wenn es eines weiteren Beweises bedurfte, dass Festival-Communities aus Unvermeidbarem trotzdem puren gemeinschaftlichen Hochgenuss supporten, war das Appletree Garden Festival 2025 ein weiterer, ein eindrucksvoller.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Es ist ja auch nicht so gewesen, dass sich das nicht angekündigt hatte. Tagelanger Regen hatten die Parkflächen unbrauchbar gemacht; die Besuchenden, die nicht auf dem Caravan-Platz standen, mussten wie schon vor zwei Jahren mit dem Diepholzer Marktplatz als Carpark vorlieb nehmen. Schon beim Aussteigen dort blickt man in entspannte, glückliche, vorfreudige Gesichter. Im Shuttle quer durch die Stadt: Gelöste Stimmung. Glitzernde, freundliche Menschen. Und ich habe das Gefühl, je weiter sich die Gesellschaft von allen Zuständen gegenseitiger Liebe, Respekt und Verständnis entfernt, desto mehr saugen wir alle Stimmungen wie diese in uns auf. Das Märchenland, das das Appletree Garden ja sowieso schon immer war, wird immer mehr auch zur Zuflucht vor den vergrämten, verbissenen und unerträglichen Menschen, die so vielen von uns das Leben schwer machen.
Der erste Weg über den Campingplatz, die ersten Umarmungen, ihr habt Glitzer im Gesicht, jetzt hab ich das auch. Ihr gebt das Glitzern weiter wie einen magischen Umhang unter dem an diesem Wochenende alle Platz finden. Die wieder ein viel zu langes Jahr über schmerzlich vermisste Utopie eines märchenhaften Ortes an dem alle gleich sind, sie nimmt unser Herz in ihre wärmenden Hände. Nicht in ein einziges unfreundliches, bitteres Gesicht blicke ich an disem Wochenende, ob am Einlass, den Food-Ständen, vor oder hinter der Bühne. Der kurze Spaziergang übers Gelände, zwischen den Blumen, den Lichtern, den Lampions, er fühlt sich so gut an. Lichter leuchten heller wenn es grau drumherum ist, denke ich, und genieße dieses Gefühl.
So wie vermutlich jeder, der mit einem Festival auf die ein oder andere Weise verbunden ist, ein ganz besonderes familiäres Gefühl damit verbindet das sich nur äußerst schwer erschüttern lässt, geht es mir mit dem Appletree Garden. 2008, als ich zum ersten Mal hier war, eröffneten Omas ganzer Stolz die eine vorhandene Bühne, und The Robocop Kraus waren Headliner. Das Festival war auf dem Weg, aber noch weit davon entfernt das schillernde, bunte, leuchtende Wochenende zu sein, das es jetzt ist. Dass der wundervolle Eskapismus, den diese jahre überdauernde Bindung an diesen Ort inzwischen mit sich bringt, jedes Jahr aufs Neue innerhalb von Minuten funktioniert, ist ein Geschenk, das ich mit 5499 anderen teile, die das Festival mal wieder ausverkauft sein lassen haben.
Und weil im Gegensatz zu den PKW-Parkplätzen das Gelände tatsächlich keine Schlammwüste ist (erfahrene Appletree-Aficionados wissen: Das ist nicht selbstverständlich!) geht es umso motivierter rein in den musikalischen Teil des Wochenendes. Zu den catchy Retro Grooves von <b>Bon Enfant</b> lässt sich ganz prima ankommen, irgendwo zwischen 70s-Fuzzrock und Stereolab-Eletronica ist schnell klar: Die Band aus Québec strahlt und passt vorzüglich genau zu diesem Zeitpunkt genau hierher. <b>Lara Hulo</b> ist mit ihrem queeren Indierock eine der Durchstarterinnen dieses Festivalsommers und beweist mit einer mitreißenden Show sehr eindrucksvoll, warum das so ist; ein hoher Mitsingfaktor inklusive. Zu einem wunderschönen Wiedersehen kommt es mit den Schweden der <b>Shout Out Louds</b>, die die Jubiläumsaufführung ihres Durchbruchsalbums „Howl! Howl! Gaff! Gaff!“ nun auch in den Diepholzer Bürgerpark bringen. Die Platte stammt aus dem Jahr 2006, da waren viele der Besuchenden gerade erst geboren oder noch sehr sehr klein, aber die absolut unverbrauchten Hits dieser Platte („The Comeback“ oder das unvergängliche „Please Please Please“) funktionieren auch für sie, und für die, die damals schon dabei waren, ist das sowieso ein wunderbares, wärmendes Revival aus der Indie-Discothek. Zum Abschluss reißen die Bremer Punks von <b>Team Scheiße</b> erwartungsgemäß alles ab was nicht niet- und nagelfest ist, und das ist eine pure Freude. Erstaunlich, wie viele Songs diese Band, deren Erfolgsstory vor vier Jahren so fulminant wie unerwartet begann, inzwischen im Gepäck hat, die inzwischen als veritable Punk-Gassenhauer durchgehen: Von „Vorratskammer“ über „Fa“ bis hin zu „Karstadtdetektiv“ ist das Publikum extrem textsicher und springfreudig. Der perfekte Mix aus Dada und stabilster Haltung. Immer wieder stark.
Das seit ein paar Jahren etablierte Spiegelzelt ist in diesem Jahr einem kunterbunten Zirkuszelt gewichen. Was sich optisch von außen erstmal nach Downgrade anfühlt, ist in Wirklichkeit ein totaler Gewinn. Zum einen weil die Außenwände zum Gelände hin offen sind und man so auch in den Genuss der Bands und Künstler:innen kommt wenn man keinen Platz mehr im Inneren gefunden hat; zum anderen, weil das aus bunt dekorierten Selfmade-Bäumen, großen, schwebenden Wolkenballons und einem wirklich farbenprächtigen Lichterspiel (zusammen mit den wieder mal hingebungsvoll von den Zuschauenden gebastelten Stangeninstallationen, die in allen Farben glitzern) die Herzen der Träumenden höher schlagen lässt.
Hier beginnt der Donnerstag mit grundstabilem Deutsch-Indie-Pop von <b>Siggi</b>, der seinen Sound zwar eher als Indie-Rap definiert, die Rap-Elemente zugunsten gesungener Lines aber eher in den Hintergrund treten lässt. Was fürs Herz und für die Unsicherheiten in den Zwischenzonen. Damit ist er in der hiesigen Musiklandschaft derzeit alles andere als alleine, aber es ist hochsympathisch und on point. <b>Chloe Slater</b> aus Manchester ist eine der großen Gewinnerinnen des Tages; ihre Mischung aus Grunge und Indiepop trifft voll. Eine ganz starke Performance, der Künstlerin fliegen die Herzen zu. Ich persönlich hatte mir etwas mehr Roughness erwartet, aber weil die Pop-Aspekte in ihrer Musik so einnehmend sind, hat sie mich ganz schnell trotzdem auf ihrer Seite. Zum Abschluss des Tages dreht <b>Fat Dog</b> das Zelt auf links, da lasse ich aber schon unter den im Dunkel der Nacht so wunderschön leuchtenden Bäumen den ersten Festivaltag mit einem letzten Kaltgetränk ausklingen.
Während <b>Mel D.</b> den Freitag auf der Hauptbühne mit einer äußerst entspannten und sehr sympathischen Performance einläutet, ist das Publikum noch merklich in Campingplatz-Aktivitäten involviert. Sie verpassen eine in sich ruhende und gleichzeitig powervolle Indie-Rock-Show die einen starken Vorgeschmack auf ihr im September erscheinendes LP-Debüt bietet – ahnen aber vielleicht schon, dass sich am Himmel etwas zusammenbraut. Und richtig, lange dauert es nicht bis es dazu kommt, was gefühlt jedes zweite Festival in diesem Sommer erlebt: Abbruch, Evakuierung, Sendepause. Ein Unwetter zieht über Diepholz, die nahe Scheune bietet Schutz für die einen, die sicheren Zelte und Womos für die anderen. Das Appletree Garden steht still.
Das wichtigste aber: Alle bleiben entspannt. Das kann man nur lieben. So ist es jetzt, nun muss man das beste daraus machen. Es liegt mir fern, das als selbstverständlich zu betrachten, weshalb diese Stimmung umso schöner wirkt. Natürlich schiebt sich im Timetable jetzt das ein oder andere nach hinten und mit der wunderbaren <b>Catt</b>, die eigentlich um 18:00 schon auf der Waldbühne stehen sollte, geht es mit über einstündiger Verspätung erst weiter. Ein sehr fokussierter, strahlender Auftritt mit wenigen Ansagen, was die Schönheit von Catts reich illustriertem, fulminantem Folkpop noch mehr zur Geltung bringt.
Durch den Wettereinbruch zahlen sich nun doch auch die mitgebrachten Gummistiefel aus. Donnerstag waren sie noch nicht nötig, heute sind sie überlebenswichtig. Doch auch in Gummistiefeln kann man tanzen. Zum Beispiel zu den Genre-Grenzgängern von <b>Franc Moody</b> auf der Waldbühne. Was ist das – Electro-Funk-Disco-Punk? Auf jeden Fall ist es aufregend, mitreißend und äußerst tanzbar, und Ausgelassenheit ist das beste Mittel gegen schlechtes Wetter. Während <b>Faber</b> auf der Main Stage natürlich eine fantastische Show spielt, weißt man natürlich schon vorher was man bekommt: Eine hochversierte Band, Laszivität und Provokation, ein textsicheres Publikum. Da sind <b>Valentino Vivace</b> zum Abschluss auf der Waldbühne die deutlich größere Überraschung: Angereist aus der Schweiz und angekommen erst eine Stunde vor der Show (das Auto ist liegen geblieben), das klingt eigentlich schwer nach Stress. Davon ist aber nichts zu spüren. Die Italo-Disco ist heute Abend das Ding, wie aus der Zeit gefallen, aber das mag man ja gerade auch gern (dazu später mehr). Das Publikum feiert es sehr und die Band ist davon äußerst gerührt. Klassischer Appletree-Effekt, welcome to Diepholz!
Am Samstag ist Land unter und es will und will nicht besser werden aber die Crowd zieht durch. Es will noch so viel entdeckt und liebgehabt werden in diesem Lineup, gleichzeitig schwimmen überall die Camps weg und es deutet sich schon an, dass die Abreise am Sonntag wohl eine beschwerliche werden wird. Per Social Media werden ausgeklügelte Ausgangspläne für den Zeltplatz gepostet, mit Autos ranfahren zum load in ist nicht, und den Caravanis wird früh klar gemacht, dass sie sich auf eine zeitintensive Rettungsaktion durch die Traktoren der anliegenden Landwirte einstellen können. 
Zwischen ungebremster Euphorie, Regen und Matsch gibt es aber wenigstens keine erneute Unterbrechung. Dafür umso mehr Konzerte. Zum Beispiel von <b>Fuffifufzich</b>, deren Hype sich mir nach wie vor nicht so ganz erschließt. Muss es auch nicht, es ist schön zu sehen wie viel Liebe der Künstlerin vom Publikum aus entgegen strahlt. Synthiepop, Rap, und ist das nicht auch schon manchmal fast Schlager? Es trifft jedenfalls einen Nerv und das sei ihr gegönnt, my cup of tea ist es einfach nicht. Ähnlich geht es mir mit <b>BIBIZA</b>, Austropop, Wiener Schmäh und ganz viele Geschichten über Drogen. Hat einen Weinstand auf der Bühne und verspritzt Sekt ins Publikum, zu „Donau“ gibt’s die Wall of Death – auch hier ist es aber eindeutig mein Problem dass ich nicht andocke, denn die Show funktioniert prächtig.
Zum absoluten Highlight gerät einmal mehr das Konzert von <b>Noga Erez</b> – wer die Künstlerin aus Tel Aviv schon mal live gesehen hat (zum Beispiel bei ihren beiden vorherigen Appletree-Performances) weiß worauf er sich einstellen kann. Es ist der perfekte Mix aus Coolness und Lässigkeit, Elektro und Rap, extrem fetten Beats und berauschendem Flow. Auch wenn man an manchen Stellen des Geländes inzwischen bis zur Wade im Matsch versinkt ist Stillstehen die allerletzte Option.
Lange blieb die Frage offen, wer denn wohl den Secret Act Spot auf der Hauptbühne am Samstagabend besetzen würde. Das Ergebnis dürfte dann aber wohl nicht viele überrascht haben: Es sind natürlich <b>Roy Bianco &amp; Die Abbrunzati Boys</b>, die übrigens bei ihrem ersten Appletree-Stelldichein noch Roberto Bianco hießen. Diese Band ist natürlich derzeit ein absoluter Nobrainer wenn man große Glücksgefühle vor der Bühne erzeugen will (es sei denn man bucht sie als Secret Act zur Rock am Ring). Bedeutet aber auch: No surprises here. Italo-Schlager, markige Ansagen, Schlager-Strudel. Funktioniert ganz wunderbar und wird auch dem Headliner-Status inzwischen absolut mehr als gerecht.
Mein persönlicher Headliner aber bringt das Appletree von der Waldbühne aus nach Hause. <b>Orbit</b> spielt auch schon zum zweiten Mal hier und hat noch am Vormittag einen auserwählten Kreis Neugieriger zur Pre-Listening-Sessions seines kommenden Albums empfangen. Es ist ein Appletree-Abschluss wie ich ihn liebe, denn auch orbit ist ein Act, der das träumerische, treibende, sphärische Gefühl von Nächten auf diesem Festival perfekt in Sound kleidet. Seine Musik zu beschreiben fällt mir immer noch schwer – Electronic Indie Pop trifft es vielleicht am besten und ist zugleich die profanste Beschreibung des Soges den dieser Künstler gerade live entwickelt. Ein wunderbares Finale.
Natürlich nicht für alle, denn Appletree-Nächte enden nicht um 2:00 auf der Waldbühne sondern um 5:00 im Tiefen Holz wenn der Bass nochmal schiebt und die letzten Tanzenden eine liebevolle, groovende, wabernde Masse auf dieser wunderschönen Lichtung bilden. Allein: Für mich ist hier Schluss. Nässe, Matsch und die schönste Reizüberflutung fordern ihren Tribut. Und das Appletree Garden 2025 geht ohne mich zu Ende.
Was von diesem Festivalwochenende bleibt, ist ein weiteres Mal das Gefühl, wie viel dieser happy place in Diepholz den Menschen bedeutet und wofür sie alle hier sind. Dass es trotz aller Unwegbarkeiten bis zum letzten Ton ausnahmslos liebestrunkene und freundliche Gesichter zu sehen gab, dass von An- bis Abreise kein böses Wort gesprochen wurde, dass hier eine Community beseelt unter den Lichtern tanzt und überwältigte Künstler:innen und Bands auf den Bühnen beeindruckt sind von so viel Liebe und Zugewandtheit – das geht, lebt und wirkt durch jede:n Einzelne:n Menschen, der entscheidet, sein erstes Augustwochenende an diesem Ort zu verbringen. Die Hingabe, mit der dieser Platz geschaffen wird, wird 1:1 belohnt. Das Appletree strahlt und du strahlst zurück. Was ist da schon ein bisschen Regen.
Ich sprach zwischendurch mit Menschen, die dieses besondere Appletree-Erfahrung zum ersten Mal gemacht haben in diesem Jahr und die sofort überzeugt waren, was für ein besonderer Ort hier in Diepholz inzwischen entstanden ist. Die erste Preisstufe der Tickets für 2026 ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft – Argumente zum Wiederkommen gab es auch in diesem Jahr wieder mehr als genug. Und auch ich freue mich jetzt schon aufs nächste Mal: An meinem happy place unter den leuchtenden Bäumen.

<i>Text: Christina Schoh und Kristof Beuthner</i>
<i>Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Thu, 07 Aug 2025 15:43:52 +0200</pubDate>
			
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			<title>Let the music grow! Nillson beim Reeperbahn Festival 2024</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/let-the-music-grow-nillson-beim-reeperbahn-festival-2024.html</link>
			<description>Alle Jahre wieder: Vier Tage Overkill und dann ist es auch schon wieder vorbei. Das Reeperbahn Festival hat mal wieder alles versprochen und alles gehalten. Also: Je nachdem wie clever man sich angestellt hat und wie das mit der Impulskontrolle so aussah. Genossen haben wir trotzdem jede Minute. Ein Bericht.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Ja, alle Jahre wieder: Es gibt so Dinge, die wiederholen sich einfach. Da ist mein Start in den rauschhaften Flow des alles-könnte-möglich-sein bei Europas größtem Showcase-Festival in Hamburg, der konterkariert wird durch die unvermeidliche Tatsache, dass bis Mittag ja noch im regulären Job gearbeitet werden muss. So wird es für mich auch am Donnerstag und am Freitag sein und das soll zwar nicht die Hauptrolle spielen, ist aber wie gewohnt ein entscheidender Faktor für Energie und Durchhaltevermögen.
Und beides braucht man unbedingt. Denn die im Vorfeld sorgsam ausgearbeiteten Laufpläne mit Möglichkeit A, B, C und manchmal sogar D sollen ja zumindest kurz den Anschein haben, dass sie realistisch seien. So lang können die Distanzen zwischen Molotow und Uebel & Gefährlich, zwischen Festival Village und St. Pauli-Kirche, zwischen Moondoo und Mojo manchmal sein, wenn man nur 10 Minuten hat um die Location zu wechseln, was allein deswegen sportlich ist, weil voll auf dem Reeperbahn Festival nun mal voll bedeutet, journalistengerechte Fast Lane hin oder her. Wenn man dann auch noch das große Glück hat, Freunden und Bekannten in die Arme zu laufen, ist für den Konzertplan meist sowieso alles vorbei.
Nachdem also der Alltag für den Moment hinter mir liegt stolpere ich direkt nach dem Checkin der ersten Lieblingsperson in die Arme. Es gibt das erste Kaltgetränk des (verlängerten) Wochenendes und einen Blick auf <b>JAS</b> auf der Fritz-Kola-Bühne im Festival Village. Das gerät allerdings mit seinem allzu geläufigen Mix aus Indie Pop und Rap etwas beliebig sodass erstmal in Ruhe angekommen wird. Im Festival Village, neben dem Spielbudenplatz der zentrale Treffpunkt für Festivalbesucher*innen und – dieses Jahr mit einem noch breiteren Konzertangebot – auch Interessierte ohne Ticket, hat sich ein bisschen was verändert. Das Spiegelzelt ist weggefallen, dafür ist mit der Acoustic Stage aber ein von Containern umrahmter neuer Spielort dazu gekommen, der Sinn ergibt und Spaß macht. Auch am Mopo-Bus kann man hier jetzt Konzerte for free schauen. Genau wie an der TikTok-Bühne, die allerdings vor allem laut ist und ständig über alles drüber lärmt. Für die überschaubare Menge an Menschen, die sich davor aufhält, wirkt das Ganze eher wie keine sinnvoll erweiternde Neuerung.
Ich wandere zum ersten Mal zum Spielbudenplatz, wo am zentralen musikalischen Sammelpunkt, der Spielbude XL, gerade das Bavarian Showcase stattfindet. Da halte ich mich kurz bei <b>SEDA</b> auf, sehr stimmiger Mix aus Folk und Indie Pop, das gefällt. Und dann fängt auch schon das klassische Dilemma an: Sowohl Plan A, Erland Cooper in der St. Pauli-Kirche, fällt aus als auch Plan B, der Post-Hardcore von Leave im Headcrash. Schon bin ich auf eine wohlbekannte Weise lost und entscheide mich, den Festivalstart einfach doch in der Kirche zu begehen. Dort vertritt <b>Hayden Thorpe</b> den verhinderten Contemporary Artist. Thorpe ist bekannt als Sänger der Band Wild Beasts und hat erst 36 Stunden vor seiner Show von selbiger erfahren. Alleine an Klavier und Gitarre im Wechsel spielt er sehr filigranen Folk und erläutert ausgiebig, wo er thematisch mit seinem neuen Album hin will – das ist absolut schön und stimmungsvoll, ein höchst gelungener Opener für <i>mein</i> Reeperbahn Festival.
Weil es Zeit für einen Snack wird, führt mich mein Weg kurz zurück zum bayerischen Showcase und (nebenbei) dem sehr stimmigen, fein melodiösen Indie Pop von <b>CECI</b> bevor ich mich für den weiteren Abend ins Molotow bewege. Das muss ja nochmal genossen werden bevor es um die Jahreswende herum den Standort wechselt, aber dass es weiter existieren darf ist nach wie vor eine richtig gute Nachricht. Come what may: Hier stehen erstmal <b>Pacifica</b> aus Buenos Aires im Backyard, deren Mix aus Indie Rock und Power Pop ziemlich gut nach vorne geht; es folgen <b>Mary In The Junkyard</b> aus London im Club, und das ist schon ein ziemliches Highlight, gleichzeitig rough und fragil, dabei sehr energetisch, irgendwo zwischen Indie- und Art Rock, das gefällt sehr. Draußen spielen anschließend noch <b>Divorce</b> aus Nottingham, deren im Ankündigungstext angepriesenen Alternative Country man gar nicht so sehr heraushören mag. Das macht aber nichts, dafür klingt das sehr nach Indie Rock der ganz offensichtlich seine Inspiration aus den 90ern zieht, und das ist ein richtig guter Abschluss für den Festival-Mittwoch, denn der Heimweg (und der Job am nächsten Morgen) rufen – auch, wenn der Verzicht auf <b>Kapa Tult</b> und <b>Rum Jungle</b> schmerzen. Das Molotow ist definitiv ein absoluter go-to-and-stay-Ort an diesem Abend gewesen.
Der Donnerstag droht kompliziert anzufangen weil mit mir gemeinsam gefühlt jede*r Autobesitzer*in der Region den Weg nach Hamburg antreten will und ich doppelt so lange brauche. Pünktlich zu einem meiner wichtigsten Must-sees stehe ich aber dann doch wieder auf dem Heiligengeistfeld: <b>Leocardo DiNaprio</b> mögen einen Bandnamen aus der Wortspielhölle haben und sich mit italienischsprachigen Anmoderationen kurzzeitig wie eine düstere Version von Roy Bianco & den Abbrunzati Boys anfühlen; der Sound ist zwischen Indie Rock und NNDW à la Edwin Rosen sehr präzise und zwingend; die könnten mir im nächsten Festivalsommer auch noch sehr gut gefallen.
A propos: Zu meinen Pflichtterminen gehört traditionell der <b>Helga!-Award</b>, wo jährlich in verschiedenen Kategorien die besten Festivals des Sommers ausgezeichnet werden. Zwar findet die Verleihung aufgrund des wegreduzierten Spiegelzeltes jetzt wieder im eher ungemütlichen Neo House (in Wahrheit ein großes Schützenfestzelt) statt, die Stimmung ist aber trotzdem gut. Den Award für die „Gemischteste Tüte“ holt sich das <b>SNNTG Festival</b>, den für das „Feinste Booking“ gewinnt <b>Tapefabrik</b> und zur „wohligsten Wohlfühloase“ wird das <b>Für Hilde Festival</b> erkoren. Das geliebte <b>Orange Blossom Special</b> wird für seine Nachhaltigkeitsarbeit mit dem Preis für die „Grünste Wiese“ ausgezeichnet und eine berührende Ansprache über die Widerstände, gegen die iranischstämmige Frauen zu kämpfen haben, gibt es von den Organisator*innen des <b>Hastam – Just because I am</b>, das in der Kategorie „Unerschrockenste Haltung“ gegen Rock gegen Rechts und das Kein Bock auf Nazis gewinnt und ebendiese Frauen auf sowie hinter der Bühne in dieses Festival mit einbindet, das ist sehr beeindruckend. Wichtig sind sie in diesen Zeiten alle. Nach einem äußerst netten Pausenprogramm mit dem <b>Hamburger Kneipenchor</b> geht der Preis für das Beste Festival 2024 an das <b>Summerbreeze</b>, also eine lupenreine Metalrutsche,  deren Crew sich überaus berührt zeigt und unisono das gesamte Zelt für ihre wunderbare Arbeit in der Festivalbranche preist. Das kann man nur unterschreiben. Persönlich spannend für mich: Ich habe wieder etliche Festivals kennen gelernt die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte und die dann möglicherweise nächstes Jahr mal einen Ausflug wert sind, weil ich lernen durfte, warum sie sich lohnen.
Musikalisch wartet heute nicht mehr viel, ich lasse mich ein wenig treiben. Zunächst zu <b>Neumatic Parlo</b> ins Häkken – hier wird zwar sehr stilsicherer 80er-referenzieller Postpunk-New Wave-Krautrock geboten, die Performance wirkt allerdings nicht auf die gute Art unnahbar. Mit <b>TOUCHED</b> werfe ich auf dem Spielbudenplatz einen Blick auf eine koreanische Band die klingt als hätte sie den female Folkpop der 90er ganz frisch entdeckt, das gefällt durchaus sehr. Die liebgewonnene <b>Philine Sonny</b> leidet an der Fritz Kola!-Bühne, ganz allein mit der Gitarre und somit prinzipiell sehr anheimelnd aufgestellt, unter quatschender Laufkundschaft und der parallel bespielten Tiktok-Bühne und deren knallenden Technobeats. Das passt nicht zusammen und ich entscheide mich für mein Bett.
Der Freitag wird dann endlich der erste erhoffte kleine Konzertmarathon. In die <b>Moonpools</b> stolpere ich auf dem Spielbudenplatz fast zufällig hinein, obwohl ich sie eigentlich auf dem Plan stehen hatte: Das ist sehr schöner Dreampop mit ein bisschen Shoegaze, ich fühle mich mehr als einmal an Slowdive oder in den ruhigeren Momenten an Mazzy Star erinnert. Das gefällt sehr. <b>Mika Noé</b> am Reeperbus bringt mal wieder Indie Pop und Rap zusammen, aber davon hört man derzeit einfach zu viel ähnliches. Ganz wunderbar wird es dann allerdings wieder bei <b>BLUAI</b> im Bahnhof Pauli: Das belgische female Trio hat innerhalb eines Jahres die drei wichtigsten Musikwettbewerbe in Belgien für sich entschieden; das klingt mit seinen Anleihen aus Country, Folkpop und Americana nach einem langsam schwindenden Sommer am See; sehr schön und innig.
Vom Bahnhof Pauli geht es mit einem kleinen Snack zwischendurch rüber ins Molotow um <b>Leocardo DiNaprio</b> noch einmal im Backyard und in etwas länger zu lauschen, aber es gibt Stromprobleme und die Show beginnt erst später und nicht ohne die Angst, jederzeit beendet werden zu können. Ich spaziere ins Festival Village und besuche dort <b>Marlo Grosshardt</b>, der in diesem Jahr vielleicht die größte Schnittmenge fantastischer Texte aufbietet und mit seinem Faber-esken Folk-Indie auch kräftig Haltung gegen Nazis und andere Problemfälle zeigt.
Dass ich ins Mojo noch reinkomme grenzt für mich an ein kleines Wunder, denn die Show von <b>King Hannah</b> gehört sicherlich zu den im Vorfeld meistnotierten. Das Duo (hier heute in Triobesetzung) sorgt seit einigen Jahren für offene Münder, speziell für diejenigen, die für einen faszinierend versierten Mix aus Slowcore, Blues und Psychedelic Rock zu haben sind. Und faszinierend ist dieses Konzert von der ersten bis zur letzten Sekunde, der Laden ist prall gefüllt, der Applaus immens. Die werden wir definitiv wiedersehen. Ein ganz anderes Programm bieten <b>Wallners</b> in der St. Pauli-Kirche. Hier wird in schwelgendem Ambient-Pop eine ganz besondere Messe gelesen, es ist irgendwie düster, aber gleichzeitig strahlend schön. Die Publikumsinteraktion ist allerdings bei Null, so hat man zwischenzeitlich nicht wirklich das Gefühl, angesprochen zu werden, aber stilistisch gehört dieser Sound genau an diesen Ort; das bekommt definitiv auf Platte den ein oder anderen Hördurchlauf.
Sich dann einfach mal Richtung Molotow begeben um die äußerst unwahrscheinliche Chance zu ergreifen, doch noch einen Platz bei <b>Heisskalt</b> zu bekommen: Versuchen konnte man’s ja. Illusorisch ist es natürlich völlig. Die Schlange reicht bis zur Straßenecke und bewegt sich selbst nach Ende der Show keinen Zentimeter. Also verbringe ich die Zeit mit der zweitschönsten Reeperbahn Festival-Beschäftigung: Guten Talks über Gott, die Welt und die Musik. Worth it.
Der Samstag – endlich mal wieder ausgeschlafen und frisch gestärkt im besten indischen Restaurant Hamburgs, dem Maharaja (Werbung Ende!) – fließt gemütlich dahin. Der Nachmittag wird von kleineren Showcases bestimmt, aber nicht wenige suchen sich einen guten Platz vor dem Reeperbus. Hier kann man, kuratiert von N-Joy-Radio, häppchenweise Bands und Künstler*innen kennen lernen, mal lohnt es sich mehr, mal weniger. <b>Master Peace</b> klingt wie eine Mischung aus Bloc Party (mehr) und The Streets (weniger), aber das ist sehr cool, und er nutzt sein 15minütiges Set um den halben Spielbudenplatz zum Tanzen und Mitsingen zu bringen. <b>Esther Graf</b> berührt mich persönlich gar nicht; <b>Mackenzy Mackay</b>, dessen Stimme beim Sprechen sehr an Rob Goodwyn von The Slow Show erinnert (beim Singen dann weniger) steht alleine mit seiner Gitarre da, was der Beschreibung „Post Malone vs. Arctic Monkeys“ dann so gar nicht entsprechen will und trotzdem sehr gut gefällt. Und <b>Sawyer Hill</b> freestyled einen Soundcheck Song und macht mit seinem scheppernden Bluesrock auch absolut Spaß.
Es ist der Tag der Preisverleihungen: Den <b>Keychange-Inspiration-Award</b> schnappt sich <b>Alli Neumann</b>, die bereits bei der Opening Show im Stage! Operettenhaus aufgetreten war. Der <b>Anchor-Award</b> für den besten Liveact des Jahres ging an <b>strongboi</b>, mit Sängerin Alice Phoebe Lou eigentlich nur so halbe Newcomer, die sich aber gegen starke Konkurrenz durchgesetzt hatten. Und eine ganze Flut an Preisen gibt es beim <b>VIA</b>, dem Kritiker*innen-Preis der unabhängigen Musikbranche. <b>Uche Yara</b> wird hier als beste Newcomerin geehrt; zum besten Label wurde Habibi Funk gekürt und als bester Act wurde <b>Orbit</b> ausgezeichnet, was ich persönlich hochverdient finde, denn was dieser Künstler inzwischen mit seinem faszinierenden Electronic-Indie für Kreise erschließt, ist wirklich aller Ehren wert: Vom kleinen Achim in Niedersachsen bis in die USA und Kanada und auf einen sehr beeindruckenden Gig beim BBK Live Festival in Bilbao, wo ich im Sommer dabei sein durfte als er von anfänglicher Skepsis beim spanischen Publikum bis zu stehenden Ovationen zum Abschluss alles erspielte was irgendwie möglich war. Bestes Album wurde übrigens „Hold On To Deer Life, There’s a Blcak Boy Behind You“ von <b>Kabeaushé</b>, einem kenianischen Künstler den ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte, dessen Rap-EDM-Experimentierwut aber äußerst spannend klingt; heavy rotation empfohlen.
Für mich persönlich endet der Festivaltag natürlich extra stimmungsvoll, weil meine <b>Tiny Wolves</b> höchstselbst es sind, die ihn für mich zu Ende bringen. Das Chor-Band-Projekt existiert tatsächlich in dieser Form vor allem deshalb, weil beim Reeperbahn Festival 2018 die Idee entstand, es beim Orange Blossom Special 2019 auf seine erste Festivalbühne zu stellen. Inzwischen sind die Tiny Wolves Dauergast auf den (nord-)deutschen Stages, von Appletree Garden über Lunatic Festival bis Rocken am Brocken, und hier hat das alles angefangen: Da schließt sich heute quasi ein Kreis. Vor der Hangarbühne ist es gut gefüllt, im Dunkeln spielen wir höchst selten, das ist sehr stimmungsvoll und macht extrem viel Spaß.
Und weil es dann natürlich doch noch nicht reicht mit Konzerten gibt es sozusagen als „Abschluss Plus“ noch einen Blick auf <b>Kasi</b>, für den die Spielbude XL eigentlich inzwischen viel zu klein ist. Es ist rappelvoll, der Junge hat sich halt (zurecht!) einen Namen gemacht, aber für die Nicht-Ticketinhaber*innen ist es natürlich schön, im Rahmen des Reeperbahn Festivals noch eine so namhafte Besetzung für eine free show serviert zu bekommen. Seine Homies Antonius (eh immer dabei), Aaron und Vince schauen auch vorbei, fehlt eigentlich nur noch Zartmann selbst.
Dann ist das Reeperbahn Festival 2024 vorbei und der Kopf muss erstmal ausruhen. Ein ziemlich großer Erfolg war das wieder, noch internationaler, noch vielseitiger, musikalisch mit noch mehr Nischen, die erkundet und entdeckt werden wollten, und wenn man in der Lage war, sich treiben und auf alles einzulassen, ist der Goodie Bag voll mit Inspirationen und Neuentdeckungen. Und genau für sowas lieben wir das ja. Vorfreude aufs nächste Jahr? Jetzt schon wieder komplett am Start.

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Wed, 25 Sep 2024 11:59:02 +0200</pubDate>
			
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			<title>Reeperbahn Festival 2024: Zehn Konzerte die ihr euch anschauen solltet!</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/reeperbahn-festival-2024-zehn-konzerte-die-ihr-euch-anschauen-solltet.html</link>
			<description>Ab Mittwoch ist es mal wieder Zeit, die Synapsen einer nur allzu willkommenen Totalüberreizung zu unterziehen. Einmal mehr lockt Hamburg mit dem Reeperbahn Festival, Europas größtem Musikzenetreffen, sowohl Musik-Aficionados als auch Branchenvertreter*innen mit einem höchst erlesenen Programm zur Partymeile auf St. Pauli.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Das bedeutet wie in jedem Jahr: Wund gelaufene Füße, einen daily Struggle zwischen ambitionierten Laufplänen und unvorhersehbaren Stopps, unverhoffte Neuentdeckungen und lieb gewonnenen Helden, die zwischen all den zukünftigen Lieblingsbands für ein wenig wohlige Gewohnheit sorgen.
Das spannende am Reeperbahn Festival ist jedes Jahr natürlich zuallererst das ausgiebige Studieren des Timetables. Da nimmt man sich gerne einen Abend vorher Zeit und geht gemütlich mit Kopfhörern auf dem Sofa liegend einmal all in. Denn wenn die nächste große Karriere startet, der nächste Festivalsommer entschieden wird oder der erste große Deal auf sicherlich nicht nur eine der rund 150 Bands und Künstler*innen wartet will man doch genau wissen, wo sich das Dabeisein am allermeisten lohnt. Wobei wir jetzt auf die vielen hochspannenden Themen aus dem Conference-Teil des Festivals gar nicht auch noch eingehen können – wer ein Ticket für die Conference hat, dem empfehlen wir aber eindringlich eine ausgiebige Lektüre des Programms!
Dabei bleibt es die größte Herausforderung, sich zwischen Knust und Molotow, zwischen St. Pauli Kirche und dem Michel, zwischen Uebel & Gefährlich und der Großen Freiheit 36 zu entscheiden. Die Wege sind natürlich, und dafür lieben wir Hamburg ja, verhältnismäßig kurz – aber der Zeitplan ist rappelvoll, die Genres zwischen Neoklassik und Indie Rap so vielfältig wie eine gemischte Tüte vom Kiosk an der Ecke. Und sowieso passiert ab ca. 18:30 einfach alles gleichzeitig. Und selbst wenn der persönliche Timetable dann steht, kommt es trotzdem immer noch alles anders als man denkt, wenn man auf der Reeperbahn nämlich alten Freunden in die Arme läuft, oder wenn viele andere Begeisterte die gleiche Idee hatten wie man selbst und man ins Indra oder ins Häkken einfach nicht mehr reinkommt.
Für ein garantiert gutes Gelingen kann natürlich auch unser Vorschlagssammelsurium hier nicht stehen. Es ist einfach ein kleiner zaghafter Versuch, durch persönliche Empfehlungen vorab ein wenig Licht ins Dickicht zu bringen – in der Hoffnung dass alles klappt und wir uns bei einem der nun vorgeschlagenen Konzerte treffen können. Darum hier: Zehn Bands und Künstler*innen, die ihr – unserer Meinung nach – auf gar keinen Fall verpassen solltet!
<b>Mi, 18.9., 19:15, St.Pauli Kirche: ERLAND COOPER</b>
Man sollte, wenn man beim Reeperbahn Festival unterwegs ist, mindestens ein Konzert in einer der beiden Kirchen gesehen haben. Warum nicht am Mittwochabend gleich den Festivalstart gemütlich angehen? Der schottische Multiinstrumentalist Erland Cooper erschafft mit seinen zugleich intimen wie cineastischen Klangcollagen einen inneren Bilderrausch, den man in der heimeligen Atmosphäre der St. Pauli Kirche am besten mit geschlossenen Augen genießt.
<b>Mi, 18.9., 22:40, Molotow (Club): KAPA TULT</b>
Später am Abend sollte man versuchen, seinen Spot im Molotow zu erwischen, was erfahrungsgemäß schwieriger wird je weiter der Abend voranschreitet. Die hochsympathischen Kapa Tult mit ihrem im Punk verwurzelten Indie Rock, der mit on point Sozialkritik kein Blatt vor den Mund nimmt und den die Band selbst als Kaktus-Pop bezeichnet (vermutlich weil er so stachelt) dürften für einen der positiv wildesten Auftritte des Tages sorgen.
<b>Mi, 18.9., 00:15, Molotow (Club): RUM JUNGLE</b>
Rum Jungle lassen es zum Ausklang des Mittwochs an gleicher Stelle etwas entspannter, aber nicht weniger mitreißend angehen. Die Australier packen ihren Koffer und bringen einen Sound zwischen Surfrock und Alternative Pop mit und changieren zwischen faszinierender Introspektive und einehmender Feierlaune mit genau der lässigen Attitude die man von einer Band aus Down Under auch erwarten darf.
<b>Do, 19.9., 23:15, Kaiserkeller: ISAAC ROUX</b>
Wer auf höchst stilvollen, intim arrangierten Songwriter Pop steht, kommt am Donnerstagabend an Isaac Roux nicht vorbei. Wobei man hier nicht nur auf warmherziges, zartfühlendes Balladenwerk trifft, sondern durchaus auf eine stilistisch breit gefächerte Klangpalette. Gelernt hat Isaac Roux übrigens von einem der besten: Nach seinem Studium am Liverpool Institute for Performing Arts konnte er mit niemand geringerem als Paul McCartney an seinen ersten Songs arbeiten. Da darf man gespannt sein.
<b>Fr, 20.9., 20:15, Molotow (Backyard): LEOCARDO DINAPRIO</b>
Die Neue Neue Deutsche Welle, die von einem gewissen Edwin Rosen, der aus dem Festivalsommer hierzulande schon gar nicht mehr wegzudenken ist, zieht weiterhin eine völlig unüberblickbare Zahl an stilistisch hochwertigen Vertretern dieser Zunft nach sich. Mal düsterer und mal poppiger ist es doch erstaunlich, wie lange dieser verhallte, wavvige Indie Sound spannend bleibt. Im Fall von Leocardo DiNaprio beispielsweise sollte man dringend über den Künstlernamen aus der Wortspielhölle hinweg sehen und sich am Freitagabend im Molotow Backyard einfinden. Allein Songs wie „Regen“ sind es mehr als wert diesem Jungen ein Ohr zu schenken.
<b>Fr, 20.9., 21:00, Festival Village: MARLO GROSSHARDT</b>
Zeitlich wird es eng, aber auch Marlo Grosshardt muss man gesehen haben, auch wenn der Weg vom Molotow bis zum Festival Village sicher nicht der kürzeste ist. Der Hamburger verpackt seine Gedanken, nicht selten sind diese höchst sozial- und kulturkritisch, in gestochen scharfe Lyrik, dargeboten in taumelden Indie-Folk-Pop mit Bläsern und überraschend viel Dramatik. Mit „Oma“ hat er jüngst einen sehr intensiven Kommentar zur Wahl in Thüringen und Sachsen veröffentlicht, „Christian Lindner“ ist eine ganz wunderbare Pop-Hymne und zu „Ich tanze Rumba mit deiner Mom“ in bester Faber-Manier lässt sich ganz ausgezeichnet schwelgen.
<b>Fr, 20.9., 21:50, Mojo Club: KING HANNAH</b>
King Hannah sind gar nicht mehr so der ganz große Geheimtipp, aber immer noch kennen dieses Duo einfach viel zu wenige Menschen. Vielleicht ist ihre Show am Freitagabend im Mojo eine der letzten Gelegenheiten, King Hannah zu sehen bevor ihr Name in aller Munde ist. Zwischen Slowcore, Psychedelic- und Alternative Rock, zwischen PJ Harvey und Mazzy Star, findet sich so viel Größe, dass man vor Staunen den Mund nicht mehr zubekommt. Zwingend, intensiv und hoch versiert: Diesem Sound kann man mit Haut und Haaren verfallen.
<b>Fr, 20.9., 22:50, Molotow (Club): LATE NIGHT DRIVE HOME</b>
Late Night Drive Home (allein der Bandname zwingt einen schon sich die anzusehen) beschwören zu einem späteren Zeitpunkt den Geist des Indie Rock der frühen 00er, die Strokes und ihr damals stilbildender Garage Sound haben da definitiv Pate gestanden, auch an die großartigen Car Seat Headrest erinnert dieses Texaner Quartett. Neben der Slacker-Attitüde wohnt in den Songs dieser Band aber auch eine nicht zu leugnende Melancholie. Diese Songs sind wirklich wie gemalt für, na ja, einen Late Night Drive Home eben.
<b>Sa, 21.9., 22:35, Molotow (Club): ENDLESS WELLNESS</b>
Wer sich viel auf Festivals herumtreibt, für den sind Endless Wellness aus Wien natürlich auch kein unbeschriebenes Blatt mehr. Dieses vierblättrige Kleeblatt gehört aber definitiv zu den aufregendsten Exporten unseres Nachbarlandes in der jüngsten Zeit. Man begnügt sich hier nicht mit einer Spielart des Indie Rock sondern wirft mit Elementen aus der NNDW, Lo Fi Rock oder tanzfähigem Pop einfach alles in den Mixer was Spaß macht. Und so machen auch Endless Wellness ungeheuren Spaß – egal wie oft man ihnen schon zugesehen hat.
<b>Sa, 21.9., 23:30, Docks: KIASMOS</b>
Ein würdiger Abschluss für ein so herausforderndes Wochenende? Wie gemalt für Kiasmos. Das Duo, bestehend aus unserem größten Contemporary-Liebling Olafur Arnalds und dem färöischen Elektronik-Artisten Janus Rasmussen ist neun Jahre nach Veröffentlichung seines Debüts wieder am Start und betört durch die unwiderstehliche Mixtur aus Minimal Techno und sanft fließenden, neoklassizistischen Arrangements. Das ist so filigran und wunderschön, dass Tanzen und Schwelgen hier Hand in Hand gehen. Den Füßen also noch einmal alles abverlangen oder sich in purem Wohlklang Richtung Festivalende träumen – bei Kiasmos im Docks wird beides zelebriert werden können.

<i>Text: Kristof Beuthner</i>
<i>Foto: Christian Hedel</i>]]></content:encoded>
			<category>Neuigkeiten</category>
			
			<pubDate>Mon, 16 Sep 2024 19:09:26 +0200</pubDate>
			
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