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		<lastBuildDate>Mon, 04 May 2026 19:31:47 +0200</lastBuildDate>
		
		
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			<title>Geht auf Konzerte! Liebt die Musik! - Nillson beim Reeperbahn Festival 2025</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/geht-auf-konzerte-liebt-die-musik-nillson-beim-reeperbahn-festival-2025.html</link>
			<description>St. Pauli ruft und alle kommen: Was man beim Fußball alle zwei Wochen erlebt, ist für Musikfans nur einmal im Jahr so richtig Programm. Dann ist nämlich Reeperbahn Festival, und die Synapsen werden mit rund 400 Konzerten rund um Deutschlands bekannteste Straße so richtig schön angefixt. Jedes Jahr wieder ein Abenteuer, und doch fühlt es sich jedes Jahr wieder neu an. Kein Wunder: Nirgendwo sonst entdeckt man in so kurzer Zeit so viele vielversprechende Newcomer, muss ein so präzises Zeitmanagement beim Planen von Konzerten beweisen und fühlt sich im Nachhinein so belohnt für eine richtig gute Zeit.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Vom Spirit, Menschen wieder zu treffen, die man ansonsten ein ganzes Jahr nicht sieht, können einem wahrscheinlich Besucher:innen von jedem xbeliebigen Open Air im ganzen Land berichten. So überrascht es nicht, dass die ersten Freunde einem schon in der Bändchenschlange beim Heiligengeistfeld um den Hals fallen. Aber das hier ist kein Familien-, das hier ist ein Entdeckertreffen. Und so gibt’s nach dem ersten Drücker dann gleich den ersten fachlichen Austausch: Was steht heute an? Habe ich was übersehen? Hast du einen guten Tipp für mich?
Mein alljährliches Ritual zahlt sich mal wieder aus. Sobald der Timetable steht ziehe ich mich mit einem großen Glas Rotwein und Kopfhörern zurück und versuche, einen Überblick über Bands und Künstler:innen zu bekommen; es sind an die 200. Nebenbei wird mitgetippt (die App dient dann während des Festivals nur dem Komfort), fett markiert, abgewägt. Dafür bin ich gut vorbereitet und kann jeder Person die ich treffe versiert meine Pläne A, B und C präsentieren. Selbstverständlich, dass man dabei direkt auf dem Heiligengeistfeld hängen bleibt. Das Festival Village ist ein guter Ort zum Ankommen. Dieses Jahr noch mehr, denn die Veranstaltenden haben gut erkannt, dass die Idee, das Heiligengeistfeld zum Meeting Point zu machen, nicht ganz aufgeht wenn der Spielbudenplatz einfach viel zentraler liegt. Darum ist das Festival Village räumlich deutlich reduziert worden; es gibt nun einen Rundlauf, den die vielen Stände der Flatstock Poster Ausstellung säumen, und in der Mitte liegt die Fritz Kola Bühne, auf der sich in halbstündigen Slots über die Tage verteilt verschiedene Bands und Artists for free präsentieren. Auch die kleine MoPo-Bühne und die große, aus roten Containern errichtete Amazon Music Stage befinden sich hier. Das Village wirkt deutlich einladender und geschlossener, man kommt sich nicht mehr so verlaufen vor – klares Upgrade durch Downgrade!
Der Klassiker wäre gewesen, durch nette Talks die erste Band zu verpassen, aber ich schaffe es rechtzeitig ins neue Molotow, das nun mitten auf der Reeperbahn zu finden ist – der Club ist deutlich vergrößert, mit der Top10-Bar gibt es auch eine zweite Stage, nur der Backyard wird natürlich schmerzlich vermisst. Sei’s drum: <b>The Pill</b> spielen hier mein Opening, mit äußerst mitreißendem Riot Grrrl-Punk, „zwischen Wet Leg und The Hives“, fällt mir während der Show ein. Natürlich gibt es da nicht viel Abwechselung, dafür aber 45 Minuten lang stramm Druck. Unbedingt merkenswert. Im Bahnhof Pauli schaffe ich es anschließend zu <b>h3nce</b>, einem noch sehr jungen DIY-Künstler, der College Rock mit 80s-Postpunk-Ästhetik vermischt. Das funktioniert vor allem live überraschend gut, die Songs gehen ins Ohr, die Präsenz stimmt. Den sehen wir bestimmt wieder. Zum Mittwochs-Abschluss wartet im Resonanzraum mit den Belgiern von <b>Omar Dahl</b> ein ziemlich faszinierender Sound zwischen Electronica, orientalischen Klängen und Jazz. Die Erwartungen einer Band in der Schnittstelle zwischen Altin Gün und Khruangbin werden nicht erfüllt, was aber sogar gut so ist, denn das hier schlägt eine ganz andere Richtung ein, ist deutlich clubtauglicher und sollte nächsten Sommer auf dem ein oder anderen mittelgroßen Festival die Nächte verschönern. Nicht ganz so warm werde ich mit <b>Farhot</b>, der sich u.a. als Producer für so einen illustren Kreis an Bands und Musiker:innen wie Nneka, Haftbefehl oder den Fanta 4 einen Namen gemacht hat. Das hier geht deutlich weiter weg von Hiphop und Soul und weit mehr in Richtung Jazz, und das ist auch völlig cool und extrem versiert, allerdings nichts was für mich an Tag 1 noch einen draufsetzt. Klarer Fall von Früh-Überreizung.
Am Donnerstag beginnen die Showcases so richtig, und hier steht unter anderem das Klubhaus St. Pauli im Fokus, das mit dem Sommersalon, dem UWE, dem Häkken, dem Schmidtchen und dem Bahnhof Pauli gleich fünf Clubs stellt, die die Wahl zur Qual machen. Und weil der Weg nach Hamburg wegen des Verkehrs länger dauert als geplant, wird der eigentlich heiß erwartete Postpunk von <b>Slate</b> direkt mal verpasst. Keine Chance auf Reinkommen mehr; wer zu spät kommt, den bestraft die geringe Kapazität der kleinen Läden. Den Kickstarter machen also <b>The Sherlocks</b> aus Sheffield auf der Open-Air-Stage Spielbude XL mit Indie Rock wie man ihn aus Britannien spätestens seit der Class of 2005 auf dem Radar hat, starken Melodien und reichlich attitude. Im Anschluss wird noch eine Gibson Les Paul verlost, die ich leider nicht gewinne. Also mache ich mich – mit kleinem Umweg über mein Auto, denn der Himmel zieht sich zu und ich brauche einen Regenschirm – auf zum ersten mir ganz wichtigen Termin des Tages.
Donnerstags wird nämlich vom Höme-Magazin traditionell der <b>Helga!-Award</b> verliehen. Die Show findet dieses Jahr erstmals im Knust statt und bekommt sogar eine Live-Übertragung vom Club in die Bar spendiert, denn durch die Bestuhlung ist vor der Bühne deutlich weniger Platz als in den letzten Jahren im Panel- oder Spiegelzelt. Statt bekannter Programmpunkte zur Auflockerung geht es dieses Jahr straight von Kategorie zu Kategorie; Ludwig Henze alias Laser Ludi und Kira Henze führen durch den Spätnachmittag. Schön mitzuerleben ist wie in jedem Jahr die Wiedersehensfreude bei den Vertreter:innen der vielen Festivals, nominiert oder nicht nominiert, und der Eindruck einer Branche, die gemeinschaftlich an einem Strang zieht, voneinander lernen will und ziemlich happy ist, Sommer für Sommer Sehnsuchtsorte zu schaffen, sorgt für Sonne im Herzen am Ende eines äußerst vollen Festivalsommers. Dabei gibt es in diesem Jahr deutlich mehr Appelle an die Szene: Zusammenschluss gegen den Rechtsruck, weitere Schritte zu noch mehr Nachhaltigkeit und ein noch stärkerer Fokus auf FLINTA-Acts müssen auf der to do-Liste noch deutlich dicker unterstrichen werden. Die Gewinner der von einer Fachjury bewerteten Kategorien sind das <b>Summertime Festival</b> für das beste Booking, das <b>Gravity Festival</b> für die „Grünste Wiese“, das <b>EselRock</b> für die „Gemischteste Tüte“, das <b>MSNT Festival</b> für die unerschrockenste Haltung und das <b>Ab geht die Lutzi!</b> für das „größte Glück für den kleinsten Geldbeutel“. Den Publikumspreis für das beste Festival geht ein weiteres Mal an das <b>Open Flair</b>, und ich sage das, was ich jedes Mal sage wenn das passiert: Ich muss da wohl unbedingt mal hin!
Statt mich, mal wieder viel zu spät dran, in die sicher riesige Schlange beim Molotow für <b>Man/Woman/Chainsaw</b> einzureihen, schaue ich auf der nächsten Reception vorbei. Die Messe Future For Festivals gibt am Technobus in der Taubenstraße zehn Festivals innerhalb von fünf Stunden die Gelegenheit, sich in halbstündigen Receptions zu präsentieren. Während es im Bus Freigetränke gibt und verschiedene DJs auflegen, ist mir das ganze aber zu wenig unterschiedlich individuell geprägt. Was bleibt sind drei verschiedene neue Festivalbändchen (mit QR-Code, der zum Einlass für die Messe berechtigt) und ein paar richtige Kreuze auf dem Bingo-Zettel vom Skandalös Festival, die ihre DJ-Zeit nutzen um Bands und Küstler:innen ihrer vergangenen Lineups via Bingospaß vorzustellen – das ist zumindest eine coole Idee.
Musikalisch geht heute nicht mehr viel. Irgendwie schaffe ich es in den völlig überfüllten Bahnhof Pauli zum sehr kühlen Wave-Punk von <b>Witch Post</b>, aber die Menschen stehen bis in den Vorraum und ich kann auf die Band selbst nur einen flüchtigen Blick erhaschen. Ein ganz wundervolles Konzert spielen die liebgewonnenen <b>Soft Loft</b> im Mojo, und da bin ich mal früh genug für einen richtig guten Platz auf der Empore. Die herzerwärmenden Melodien, der zu jedem Zeitpunkt absolut stilsichere Folk-Indie-Pop, die zarte Melancholie und die einprägsame Stimme von Jorina Stamm, dazu noch eine ganze Reihe an Hits wie „Paper Plane“ oder „Rose Colored“ – Soft Loft sind die Indie Darlings der Saison und sie rechtfertigen diesen Status mit jeder Sekunde ihrer Show. Zum Abschluss wandere ich noch ins Angie’s im Schmidts Tivoli zu <b>Gardens</b>, die sehr einnehmend zwischen Roughness und Filigranesse changieren. „Zwischen kalifornischen Hippies und dem WG-Flur in Wien“, heißt es in der Beschreibung, und das ist genau das Bild, das sich einem vor dem inneren Auge eröffnet. Feiner Indie-Folk trifft aufregenden Garage Rock und zum Abschluss gibt’s Rotwein aus dem Senfglas. Stark!
Während ich mich am Mittwoch und am Donnerstag noch treiben lassen mochte, ist die Taktung am Freitag ungleich höher, als ginge das Reeperbahn Festival heute erst so richtig los. Und im Häkken gibt es mit <b>Dramatist</b> gleich mal ein erstes großes Tageshighlight. Ich kenne einen Teil der Bremer Band noch aus Zeiten als sie Stun hießen und erwarte nur gutes, und das bekomme ich auch: 30 Minuten absolut präzise gespielten oldschool Post Hardcore, der Platz für Melodien lässt und mich mit seiner Wucht fast umwirft. Das macht riesige Vorfreude auf das 2026 erscheinende Debütalbum. Dann mal wieder ab in die Riesenschlange, obwohl ich nur zwei Türen weiter gehen will, aber die Goth-Wave-Helden von <b>Twin Tribes</b> füllen auch mit ihrem halbstündigen Showcase-Gig den Bahnhof Pauli bis auf die Straße. Als ich es reinschaffe, ist das Konzert zu einem Drittel vorbei, aber die übrigen 20 Minuten ziehen mich mit düsteren Sythnies, halligen Drums und mondän-abgedunkelten Vocals so in ihren Bann dass ich die erste Vinyl des Tages mitnehmen muss. Für die folgenden <b>The Dark</b> bleibe ich einfach gleich in der Location, da gibt es tonnenschweren Metalcore auf die Ohren, außerdem einen volltätowierten Muskelberg-Frontmann mit Kajal und Geltolle im Netzhemd am Mic. Irgendwie fancy, irgendwie stark. Da bietet <b>Marlo Grosshardt</b> im Docks zu all dem Lärm das komplette Kontrastprogramm, aber es ist wirklich jedes Mal wieder eine Freude, diesen Typen da stehen zu sehen und ihm so von Herzen zu gönnen dass er es geschafft hat, ausverkaufte Touren spielt und immer mehr Leute mit seiner ganz klaren und sehr guten politischen und gesellschaftlichen Haltung und nebenbei ganz wunderbaren kleinen Song gewordenen Geschichten um sich sammelt. Und an der Posaune wird er auch immer besser.
Nach dem Genuss eines australischen Smash Burgers auf dem Spielbudenplatz – göttlich, sage ich euch – mache ich mich auf ins Uebel &amp; Gefährlich zu <b>The Haunted Youth</b>, die ich auf dem Reeperbahn Festival vor ein paar Jahren für mich entdeckt habe und die längst zu einem der renommiertesten belgischen Indie-Acts geworden sind. Kein Wunder: Es ist ein wundervolles Konzert zwischen Indie- und Postrock, melancholisch-nachdenkliche Passagen münden in ohrenbetäubenden Bombast, es ist ein Rausch. Kann danach noch was kommen? Oh ja. Denn in der St. Pauli-Kirche (perfekt!) sorgt The Slow Show-Frontmann Rob <b>Goodwin</b> mit seinem neuen Solo-Material für den absolut perfekten Tagesabschluss. Wobei solo gar nicht stimmt, begleitet wird er immerhin von niemand anderem als dem maskierten Pianisten Lambert am Flügel. Die Songs der an diesem Tag erschienenen Platte „Peekaboo“ sind, wie man es erwarten durfte, kleine, introspektive, durch und durch rührende Epen, und die klangliche Reduktion des Instrumentariums steht Rob Goodwins unvergleichlichem Bariton wirklich ausgezeichnet. Es wird die zweite Vinyl des Tages.
Der Samstag auf dem Reeperbahn Festival ist irgendwie immer so ein on-top-Tag: Eigentlich tun die Füße schon weh, man hat jeden getroffen den man treffen wollte, man ist ein bisschen überreizt und hat viel zu wenig geschlafen. Aber heute scheint die Sonne und das weckt nochmal alle Lebensgeister für die letzte Runde. Kleiner Insider-Ritual-Tipp: Ein Curry im Maharaja in der Detlev-Bremer-Straße, Naan und Mango Lassi dazu, und die Lebensgeister haben die perfekte Grundlage. Den Soundtrack zu dieser Stimmung liefern <b>GRIMA</b>, die mit waberndem, sonnengetränktem New Wave und druckvollem Postpunk zu spanischen Lyrics einfach wie gemalt sind in diesen vielleicht letzten Sommertag des Jahres. Für solche spontanen Entdeckungen liebe ich die Fritz Kola-Bühne sehr. Und dann ist mal wieder treiben lassen Phase. Es folgen ein paar ultrakurze Gigs am N-Joy-Reeperbus, der wie jedes Jahr auf dem Spielbudenplatz steht, das Highlight ist die Acoustic Show von (mal wieder) <b>Soft Loft</b>. Kurzer Rückweg ins Village und Rap von Juno030, dann der erste Club für heute und direkt das überraschende Tageshighlight. <b>Far Caspian</b> aus Leeds spielen Indie Pop – würde man sagen, wenn man sie nur von Platte kennen würde, wo diese Band weit filigraner, aber eben auch deutlich weniger mächtig klingt. Live wächst der Sound des Sextetts um eine betörende Postrock-Wall of Sound an, in der man sich verlieren mag, und plötzlich steckt man in Erinnerungen an die frühen Jimmy Eat World und die frühen Death Cab For Cutie und diese Postrock-Darlings, Caspian ohne Far heißen. Dazu ist die Band noch absolut sympathisch, das macht hier alles wirklich enorm viel Freude.
Mit kurzem Zwischenstopp auf einen Crémant bei Blumen &amp; Feinkost Schnalke (unbedingt mal hingehen, der Laden ist sehr stark) quetschen wir uns in die millimetergenau gefüllte Pooca Bar zu <b>Drei Säcke Bauschutt</b>, einer Hamburger Band, die zwischen Sarkasmus und Ironie einwandfreien Mittelfinger-Punk runterdrischt, gegen jeden und alles, wenn es unterdrückt, klein macht, Menschen reduziert und im Herzen schlecht ist. Das geht sehr sehr gut klar. Und dann, for something completely different, bringt <b>Killowen</b> im Mojo das Wochenende nach Hause: mit einem Rap Sound, wie er so halt nur von der Insel kommt; ein bisschen 2step, ein Schuss UK-Garage, ganz wenig Jazz und ein tiefenentspannter, gleichzeitig aber sehr treibender Flow, und die komplette Batcave eskaliert. Diese halbe Stunde war definitiv zu kurz.
Fazit? Müde, zerlatscht, aber glücklich. So sieht halt ein Post-RBF-Sonntag aus, und einen Tag später wird der Alltag schon wieder ganz andere Sachen mit einem machen. Viel gelaufen, viel entdeckt, viel geredet, aber vor allem: Vier Tage lang eindrucksvolle Beweise dafür gesammelt, warum man Musik liebt, warum man Konzerte liebt, warum man „Geht auf Konzerte“ und „Hört Musik“ in die Welt schreien will, denn das macht glücklich, inspiriert, erstaunt, langweilt natürlich auch mal. Es erweitert die Sinne und verändert Leben, es schafft die gute Form von Gemeinschaft, und die brauchen wir so dringend. Das ist was wundervolles.
Die Festival-Saison ist damit nun vorbei – und ich fühle mich jetzt schon unglaublich ready für die nächste. Reeperbahn Festival, Hamburg, St. Pauli – see you next year!

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Sun, 28 Sep 2025 18:40:18 +0200</pubDate>
			
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			<title>Leuchten wir den Regen einfach weg. - Nillson beim Appletree Garden Festival 2025</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/leuchten-wir-den-regen-einfach-weg-nillson-beim-appletree-garden-festival-2025.html</link>
			<description>Der Festivalsommer ist ein Festivalapril. Und gerade am ersten Augustwochenende ist er das. Wie viele Wettereinbrüche biblischen Ausmaßes das Appletree Garden und andere zum gleichen Zeitpunkt stattfindenden Festivals heimgesucht haben, mit mir mittendrin, kann ich schon gar nicht mehr zählen. Dass es die Laune nicht schmälert: Keine Frage. Denn wenn es eines weiteren Beweises bedurfte, dass Festival-Communities aus Unvermeidbarem trotzdem puren gemeinschaftlichen Hochgenuss supporten, war das Appletree Garden Festival 2025 ein weiterer, ein eindrucksvoller.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Es ist ja auch nicht so gewesen, dass sich das nicht angekündigt hatte. Tagelanger Regen hatten die Parkflächen unbrauchbar gemacht; die Besuchenden, die nicht auf dem Caravan-Platz standen, mussten wie schon vor zwei Jahren mit dem Diepholzer Marktplatz als Carpark vorlieb nehmen. Schon beim Aussteigen dort blickt man in entspannte, glückliche, vorfreudige Gesichter. Im Shuttle quer durch die Stadt: Gelöste Stimmung. Glitzernde, freundliche Menschen. Und ich habe das Gefühl, je weiter sich die Gesellschaft von allen Zuständen gegenseitiger Liebe, Respekt und Verständnis entfernt, desto mehr saugen wir alle Stimmungen wie diese in uns auf. Das Märchenland, das das Appletree Garden ja sowieso schon immer war, wird immer mehr auch zur Zuflucht vor den vergrämten, verbissenen und unerträglichen Menschen, die so vielen von uns das Leben schwer machen.
Der erste Weg über den Campingplatz, die ersten Umarmungen, ihr habt Glitzer im Gesicht, jetzt hab ich das auch. Ihr gebt das Glitzern weiter wie einen magischen Umhang unter dem an diesem Wochenende alle Platz finden. Die wieder ein viel zu langes Jahr über schmerzlich vermisste Utopie eines märchenhaften Ortes an dem alle gleich sind, sie nimmt unser Herz in ihre wärmenden Hände. Nicht in ein einziges unfreundliches, bitteres Gesicht blicke ich an disem Wochenende, ob am Einlass, den Food-Ständen, vor oder hinter der Bühne. Der kurze Spaziergang übers Gelände, zwischen den Blumen, den Lichtern, den Lampions, er fühlt sich so gut an. Lichter leuchten heller wenn es grau drumherum ist, denke ich, und genieße dieses Gefühl.
So wie vermutlich jeder, der mit einem Festival auf die ein oder andere Weise verbunden ist, ein ganz besonderes familiäres Gefühl damit verbindet das sich nur äußerst schwer erschüttern lässt, geht es mir mit dem Appletree Garden. 2008, als ich zum ersten Mal hier war, eröffneten Omas ganzer Stolz die eine vorhandene Bühne, und The Robocop Kraus waren Headliner. Das Festival war auf dem Weg, aber noch weit davon entfernt das schillernde, bunte, leuchtende Wochenende zu sein, das es jetzt ist. Dass der wundervolle Eskapismus, den diese jahre überdauernde Bindung an diesen Ort inzwischen mit sich bringt, jedes Jahr aufs Neue innerhalb von Minuten funktioniert, ist ein Geschenk, das ich mit 5499 anderen teile, die das Festival mal wieder ausverkauft sein lassen haben.
Und weil im Gegensatz zu den PKW-Parkplätzen das Gelände tatsächlich keine Schlammwüste ist (erfahrene Appletree-Aficionados wissen: Das ist nicht selbstverständlich!) geht es umso motivierter rein in den musikalischen Teil des Wochenendes. Zu den catchy Retro Grooves von <b>Bon Enfant</b> lässt sich ganz prima ankommen, irgendwo zwischen 70s-Fuzzrock und Stereolab-Eletronica ist schnell klar: Die Band aus Québec strahlt und passt vorzüglich genau zu diesem Zeitpunkt genau hierher. <b>Lara Hulo</b> ist mit ihrem queeren Indierock eine der Durchstarterinnen dieses Festivalsommers und beweist mit einer mitreißenden Show sehr eindrucksvoll, warum das so ist; ein hoher Mitsingfaktor inklusive. Zu einem wunderschönen Wiedersehen kommt es mit den Schweden der <b>Shout Out Louds</b>, die die Jubiläumsaufführung ihres Durchbruchsalbums „Howl! Howl! Gaff! Gaff!“ nun auch in den Diepholzer Bürgerpark bringen. Die Platte stammt aus dem Jahr 2006, da waren viele der Besuchenden gerade erst geboren oder noch sehr sehr klein, aber die absolut unverbrauchten Hits dieser Platte („The Comeback“ oder das unvergängliche „Please Please Please“) funktionieren auch für sie, und für die, die damals schon dabei waren, ist das sowieso ein wunderbares, wärmendes Revival aus der Indie-Discothek. Zum Abschluss reißen die Bremer Punks von <b>Team Scheiße</b> erwartungsgemäß alles ab was nicht niet- und nagelfest ist, und das ist eine pure Freude. Erstaunlich, wie viele Songs diese Band, deren Erfolgsstory vor vier Jahren so fulminant wie unerwartet begann, inzwischen im Gepäck hat, die inzwischen als veritable Punk-Gassenhauer durchgehen: Von „Vorratskammer“ über „Fa“ bis hin zu „Karstadtdetektiv“ ist das Publikum extrem textsicher und springfreudig. Der perfekte Mix aus Dada und stabilster Haltung. Immer wieder stark.
Das seit ein paar Jahren etablierte Spiegelzelt ist in diesem Jahr einem kunterbunten Zirkuszelt gewichen. Was sich optisch von außen erstmal nach Downgrade anfühlt, ist in Wirklichkeit ein totaler Gewinn. Zum einen weil die Außenwände zum Gelände hin offen sind und man so auch in den Genuss der Bands und Künstler:innen kommt wenn man keinen Platz mehr im Inneren gefunden hat; zum anderen, weil das aus bunt dekorierten Selfmade-Bäumen, großen, schwebenden Wolkenballons und einem wirklich farbenprächtigen Lichterspiel (zusammen mit den wieder mal hingebungsvoll von den Zuschauenden gebastelten Stangeninstallationen, die in allen Farben glitzern) die Herzen der Träumenden höher schlagen lässt.
Hier beginnt der Donnerstag mit grundstabilem Deutsch-Indie-Pop von <b>Siggi</b>, der seinen Sound zwar eher als Indie-Rap definiert, die Rap-Elemente zugunsten gesungener Lines aber eher in den Hintergrund treten lässt. Was fürs Herz und für die Unsicherheiten in den Zwischenzonen. Damit ist er in der hiesigen Musiklandschaft derzeit alles andere als alleine, aber es ist hochsympathisch und on point. <b>Chloe Slater</b> aus Manchester ist eine der großen Gewinnerinnen des Tages; ihre Mischung aus Grunge und Indiepop trifft voll. Eine ganz starke Performance, der Künstlerin fliegen die Herzen zu. Ich persönlich hatte mir etwas mehr Roughness erwartet, aber weil die Pop-Aspekte in ihrer Musik so einnehmend sind, hat sie mich ganz schnell trotzdem auf ihrer Seite. Zum Abschluss des Tages dreht <b>Fat Dog</b> das Zelt auf links, da lasse ich aber schon unter den im Dunkel der Nacht so wunderschön leuchtenden Bäumen den ersten Festivaltag mit einem letzten Kaltgetränk ausklingen.
Während <b>Mel D.</b> den Freitag auf der Hauptbühne mit einer äußerst entspannten und sehr sympathischen Performance einläutet, ist das Publikum noch merklich in Campingplatz-Aktivitäten involviert. Sie verpassen eine in sich ruhende und gleichzeitig powervolle Indie-Rock-Show die einen starken Vorgeschmack auf ihr im September erscheinendes LP-Debüt bietet – ahnen aber vielleicht schon, dass sich am Himmel etwas zusammenbraut. Und richtig, lange dauert es nicht bis es dazu kommt, was gefühlt jedes zweite Festival in diesem Sommer erlebt: Abbruch, Evakuierung, Sendepause. Ein Unwetter zieht über Diepholz, die nahe Scheune bietet Schutz für die einen, die sicheren Zelte und Womos für die anderen. Das Appletree Garden steht still.
Das wichtigste aber: Alle bleiben entspannt. Das kann man nur lieben. So ist es jetzt, nun muss man das beste daraus machen. Es liegt mir fern, das als selbstverständlich zu betrachten, weshalb diese Stimmung umso schöner wirkt. Natürlich schiebt sich im Timetable jetzt das ein oder andere nach hinten und mit der wunderbaren <b>Catt</b>, die eigentlich um 18:00 schon auf der Waldbühne stehen sollte, geht es mit über einstündiger Verspätung erst weiter. Ein sehr fokussierter, strahlender Auftritt mit wenigen Ansagen, was die Schönheit von Catts reich illustriertem, fulminantem Folkpop noch mehr zur Geltung bringt.
Durch den Wettereinbruch zahlen sich nun doch auch die mitgebrachten Gummistiefel aus. Donnerstag waren sie noch nicht nötig, heute sind sie überlebenswichtig. Doch auch in Gummistiefeln kann man tanzen. Zum Beispiel zu den Genre-Grenzgängern von <b>Franc Moody</b> auf der Waldbühne. Was ist das – Electro-Funk-Disco-Punk? Auf jeden Fall ist es aufregend, mitreißend und äußerst tanzbar, und Ausgelassenheit ist das beste Mittel gegen schlechtes Wetter. Während <b>Faber</b> auf der Main Stage natürlich eine fantastische Show spielt, weißt man natürlich schon vorher was man bekommt: Eine hochversierte Band, Laszivität und Provokation, ein textsicheres Publikum. Da sind <b>Valentino Vivace</b> zum Abschluss auf der Waldbühne die deutlich größere Überraschung: Angereist aus der Schweiz und angekommen erst eine Stunde vor der Show (das Auto ist liegen geblieben), das klingt eigentlich schwer nach Stress. Davon ist aber nichts zu spüren. Die Italo-Disco ist heute Abend das Ding, wie aus der Zeit gefallen, aber das mag man ja gerade auch gern (dazu später mehr). Das Publikum feiert es sehr und die Band ist davon äußerst gerührt. Klassischer Appletree-Effekt, welcome to Diepholz!
Am Samstag ist Land unter und es will und will nicht besser werden aber die Crowd zieht durch. Es will noch so viel entdeckt und liebgehabt werden in diesem Lineup, gleichzeitig schwimmen überall die Camps weg und es deutet sich schon an, dass die Abreise am Sonntag wohl eine beschwerliche werden wird. Per Social Media werden ausgeklügelte Ausgangspläne für den Zeltplatz gepostet, mit Autos ranfahren zum load in ist nicht, und den Caravanis wird früh klar gemacht, dass sie sich auf eine zeitintensive Rettungsaktion durch die Traktoren der anliegenden Landwirte einstellen können. 
Zwischen ungebremster Euphorie, Regen und Matsch gibt es aber wenigstens keine erneute Unterbrechung. Dafür umso mehr Konzerte. Zum Beispiel von <b>Fuffifufzich</b>, deren Hype sich mir nach wie vor nicht so ganz erschließt. Muss es auch nicht, es ist schön zu sehen wie viel Liebe der Künstlerin vom Publikum aus entgegen strahlt. Synthiepop, Rap, und ist das nicht auch schon manchmal fast Schlager? Es trifft jedenfalls einen Nerv und das sei ihr gegönnt, my cup of tea ist es einfach nicht. Ähnlich geht es mir mit <b>BIBIZA</b>, Austropop, Wiener Schmäh und ganz viele Geschichten über Drogen. Hat einen Weinstand auf der Bühne und verspritzt Sekt ins Publikum, zu „Donau“ gibt’s die Wall of Death – auch hier ist es aber eindeutig mein Problem dass ich nicht andocke, denn die Show funktioniert prächtig.
Zum absoluten Highlight gerät einmal mehr das Konzert von <b>Noga Erez</b> – wer die Künstlerin aus Tel Aviv schon mal live gesehen hat (zum Beispiel bei ihren beiden vorherigen Appletree-Performances) weiß worauf er sich einstellen kann. Es ist der perfekte Mix aus Coolness und Lässigkeit, Elektro und Rap, extrem fetten Beats und berauschendem Flow. Auch wenn man an manchen Stellen des Geländes inzwischen bis zur Wade im Matsch versinkt ist Stillstehen die allerletzte Option.
Lange blieb die Frage offen, wer denn wohl den Secret Act Spot auf der Hauptbühne am Samstagabend besetzen würde. Das Ergebnis dürfte dann aber wohl nicht viele überrascht haben: Es sind natürlich <b>Roy Bianco &amp; Die Abbrunzati Boys</b>, die übrigens bei ihrem ersten Appletree-Stelldichein noch Roberto Bianco hießen. Diese Band ist natürlich derzeit ein absoluter Nobrainer wenn man große Glücksgefühle vor der Bühne erzeugen will (es sei denn man bucht sie als Secret Act zur Rock am Ring). Bedeutet aber auch: No surprises here. Italo-Schlager, markige Ansagen, Schlager-Strudel. Funktioniert ganz wunderbar und wird auch dem Headliner-Status inzwischen absolut mehr als gerecht.
Mein persönlicher Headliner aber bringt das Appletree von der Waldbühne aus nach Hause. <b>Orbit</b> spielt auch schon zum zweiten Mal hier und hat noch am Vormittag einen auserwählten Kreis Neugieriger zur Pre-Listening-Sessions seines kommenden Albums empfangen. Es ist ein Appletree-Abschluss wie ich ihn liebe, denn auch orbit ist ein Act, der das träumerische, treibende, sphärische Gefühl von Nächten auf diesem Festival perfekt in Sound kleidet. Seine Musik zu beschreiben fällt mir immer noch schwer – Electronic Indie Pop trifft es vielleicht am besten und ist zugleich die profanste Beschreibung des Soges den dieser Künstler gerade live entwickelt. Ein wunderbares Finale.
Natürlich nicht für alle, denn Appletree-Nächte enden nicht um 2:00 auf der Waldbühne sondern um 5:00 im Tiefen Holz wenn der Bass nochmal schiebt und die letzten Tanzenden eine liebevolle, groovende, wabernde Masse auf dieser wunderschönen Lichtung bilden. Allein: Für mich ist hier Schluss. Nässe, Matsch und die schönste Reizüberflutung fordern ihren Tribut. Und das Appletree Garden 2025 geht ohne mich zu Ende.
Was von diesem Festivalwochenende bleibt, ist ein weiteres Mal das Gefühl, wie viel dieser happy place in Diepholz den Menschen bedeutet und wofür sie alle hier sind. Dass es trotz aller Unwegbarkeiten bis zum letzten Ton ausnahmslos liebestrunkene und freundliche Gesichter zu sehen gab, dass von An- bis Abreise kein böses Wort gesprochen wurde, dass hier eine Community beseelt unter den Lichtern tanzt und überwältigte Künstler:innen und Bands auf den Bühnen beeindruckt sind von so viel Liebe und Zugewandtheit – das geht, lebt und wirkt durch jede:n Einzelne:n Menschen, der entscheidet, sein erstes Augustwochenende an diesem Ort zu verbringen. Die Hingabe, mit der dieser Platz geschaffen wird, wird 1:1 belohnt. Das Appletree strahlt und du strahlst zurück. Was ist da schon ein bisschen Regen.
Ich sprach zwischendurch mit Menschen, die dieses besondere Appletree-Erfahrung zum ersten Mal gemacht haben in diesem Jahr und die sofort überzeugt waren, was für ein besonderer Ort hier in Diepholz inzwischen entstanden ist. Die erste Preisstufe der Tickets für 2026 ist zu diesem Zeitpunkt bereits ausverkauft – Argumente zum Wiederkommen gab es auch in diesem Jahr wieder mehr als genug. Und auch ich freue mich jetzt schon aufs nächste Mal: An meinem happy place unter den leuchtenden Bäumen.

<i>Text: Christina Schoh und Kristof Beuthner</i>
<i>Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Thu, 07 Aug 2025 15:43:52 +0200</pubDate>
			
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			<title>Let the music grow! Nillson beim Reeperbahn Festival 2024</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/let-the-music-grow-nillson-beim-reeperbahn-festival-2024.html</link>
			<description>Alle Jahre wieder: Vier Tage Overkill und dann ist es auch schon wieder vorbei. Das Reeperbahn Festival hat mal wieder alles versprochen und alles gehalten. Also: Je nachdem wie clever man sich angestellt hat und wie das mit der Impulskontrolle so aussah. Genossen haben wir trotzdem jede Minute. Ein Bericht.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Ja, alle Jahre wieder: Es gibt so Dinge, die wiederholen sich einfach. Da ist mein Start in den rauschhaften Flow des alles-könnte-möglich-sein bei Europas größtem Showcase-Festival in Hamburg, der konterkariert wird durch die unvermeidliche Tatsache, dass bis Mittag ja noch im regulären Job gearbeitet werden muss. So wird es für mich auch am Donnerstag und am Freitag sein und das soll zwar nicht die Hauptrolle spielen, ist aber wie gewohnt ein entscheidender Faktor für Energie und Durchhaltevermögen.
Und beides braucht man unbedingt. Denn die im Vorfeld sorgsam ausgearbeiteten Laufpläne mit Möglichkeit A, B, C und manchmal sogar D sollen ja zumindest kurz den Anschein haben, dass sie realistisch seien. So lang können die Distanzen zwischen Molotow und Uebel & Gefährlich, zwischen Festival Village und St. Pauli-Kirche, zwischen Moondoo und Mojo manchmal sein, wenn man nur 10 Minuten hat um die Location zu wechseln, was allein deswegen sportlich ist, weil voll auf dem Reeperbahn Festival nun mal voll bedeutet, journalistengerechte Fast Lane hin oder her. Wenn man dann auch noch das große Glück hat, Freunden und Bekannten in die Arme zu laufen, ist für den Konzertplan meist sowieso alles vorbei.
Nachdem also der Alltag für den Moment hinter mir liegt stolpere ich direkt nach dem Checkin der ersten Lieblingsperson in die Arme. Es gibt das erste Kaltgetränk des (verlängerten) Wochenendes und einen Blick auf <b>JAS</b> auf der Fritz-Kola-Bühne im Festival Village. Das gerät allerdings mit seinem allzu geläufigen Mix aus Indie Pop und Rap etwas beliebig sodass erstmal in Ruhe angekommen wird. Im Festival Village, neben dem Spielbudenplatz der zentrale Treffpunkt für Festivalbesucher*innen und – dieses Jahr mit einem noch breiteren Konzertangebot – auch Interessierte ohne Ticket, hat sich ein bisschen was verändert. Das Spiegelzelt ist weggefallen, dafür ist mit der Acoustic Stage aber ein von Containern umrahmter neuer Spielort dazu gekommen, der Sinn ergibt und Spaß macht. Auch am Mopo-Bus kann man hier jetzt Konzerte for free schauen. Genau wie an der TikTok-Bühne, die allerdings vor allem laut ist und ständig über alles drüber lärmt. Für die überschaubare Menge an Menschen, die sich davor aufhält, wirkt das Ganze eher wie keine sinnvoll erweiternde Neuerung.
Ich wandere zum ersten Mal zum Spielbudenplatz, wo am zentralen musikalischen Sammelpunkt, der Spielbude XL, gerade das Bavarian Showcase stattfindet. Da halte ich mich kurz bei <b>SEDA</b> auf, sehr stimmiger Mix aus Folk und Indie Pop, das gefällt. Und dann fängt auch schon das klassische Dilemma an: Sowohl Plan A, Erland Cooper in der St. Pauli-Kirche, fällt aus als auch Plan B, der Post-Hardcore von Leave im Headcrash. Schon bin ich auf eine wohlbekannte Weise lost und entscheide mich, den Festivalstart einfach doch in der Kirche zu begehen. Dort vertritt <b>Hayden Thorpe</b> den verhinderten Contemporary Artist. Thorpe ist bekannt als Sänger der Band Wild Beasts und hat erst 36 Stunden vor seiner Show von selbiger erfahren. Alleine an Klavier und Gitarre im Wechsel spielt er sehr filigranen Folk und erläutert ausgiebig, wo er thematisch mit seinem neuen Album hin will – das ist absolut schön und stimmungsvoll, ein höchst gelungener Opener für <i>mein</i> Reeperbahn Festival.
Weil es Zeit für einen Snack wird, führt mich mein Weg kurz zurück zum bayerischen Showcase und (nebenbei) dem sehr stimmigen, fein melodiösen Indie Pop von <b>CECI</b> bevor ich mich für den weiteren Abend ins Molotow bewege. Das muss ja nochmal genossen werden bevor es um die Jahreswende herum den Standort wechselt, aber dass es weiter existieren darf ist nach wie vor eine richtig gute Nachricht. Come what may: Hier stehen erstmal <b>Pacifica</b> aus Buenos Aires im Backyard, deren Mix aus Indie Rock und Power Pop ziemlich gut nach vorne geht; es folgen <b>Mary In The Junkyard</b> aus London im Club, und das ist schon ein ziemliches Highlight, gleichzeitig rough und fragil, dabei sehr energetisch, irgendwo zwischen Indie- und Art Rock, das gefällt sehr. Draußen spielen anschließend noch <b>Divorce</b> aus Nottingham, deren im Ankündigungstext angepriesenen Alternative Country man gar nicht so sehr heraushören mag. Das macht aber nichts, dafür klingt das sehr nach Indie Rock der ganz offensichtlich seine Inspiration aus den 90ern zieht, und das ist ein richtig guter Abschluss für den Festival-Mittwoch, denn der Heimweg (und der Job am nächsten Morgen) rufen – auch, wenn der Verzicht auf <b>Kapa Tult</b> und <b>Rum Jungle</b> schmerzen. Das Molotow ist definitiv ein absoluter go-to-and-stay-Ort an diesem Abend gewesen.
Der Donnerstag droht kompliziert anzufangen weil mit mir gemeinsam gefühlt jede*r Autobesitzer*in der Region den Weg nach Hamburg antreten will und ich doppelt so lange brauche. Pünktlich zu einem meiner wichtigsten Must-sees stehe ich aber dann doch wieder auf dem Heiligengeistfeld: <b>Leocardo DiNaprio</b> mögen einen Bandnamen aus der Wortspielhölle haben und sich mit italienischsprachigen Anmoderationen kurzzeitig wie eine düstere Version von Roy Bianco & den Abbrunzati Boys anfühlen; der Sound ist zwischen Indie Rock und NNDW à la Edwin Rosen sehr präzise und zwingend; die könnten mir im nächsten Festivalsommer auch noch sehr gut gefallen.
A propos: Zu meinen Pflichtterminen gehört traditionell der <b>Helga!-Award</b>, wo jährlich in verschiedenen Kategorien die besten Festivals des Sommers ausgezeichnet werden. Zwar findet die Verleihung aufgrund des wegreduzierten Spiegelzeltes jetzt wieder im eher ungemütlichen Neo House (in Wahrheit ein großes Schützenfestzelt) statt, die Stimmung ist aber trotzdem gut. Den Award für die „Gemischteste Tüte“ holt sich das <b>SNNTG Festival</b>, den für das „Feinste Booking“ gewinnt <b>Tapefabrik</b> und zur „wohligsten Wohlfühloase“ wird das <b>Für Hilde Festival</b> erkoren. Das geliebte <b>Orange Blossom Special</b> wird für seine Nachhaltigkeitsarbeit mit dem Preis für die „Grünste Wiese“ ausgezeichnet und eine berührende Ansprache über die Widerstände, gegen die iranischstämmige Frauen zu kämpfen haben, gibt es von den Organisator*innen des <b>Hastam – Just because I am</b>, das in der Kategorie „Unerschrockenste Haltung“ gegen Rock gegen Rechts und das Kein Bock auf Nazis gewinnt und ebendiese Frauen auf sowie hinter der Bühne in dieses Festival mit einbindet, das ist sehr beeindruckend. Wichtig sind sie in diesen Zeiten alle. Nach einem äußerst netten Pausenprogramm mit dem <b>Hamburger Kneipenchor</b> geht der Preis für das Beste Festival 2024 an das <b>Summerbreeze</b>, also eine lupenreine Metalrutsche,  deren Crew sich überaus berührt zeigt und unisono das gesamte Zelt für ihre wunderbare Arbeit in der Festivalbranche preist. Das kann man nur unterschreiben. Persönlich spannend für mich: Ich habe wieder etliche Festivals kennen gelernt die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte und die dann möglicherweise nächstes Jahr mal einen Ausflug wert sind, weil ich lernen durfte, warum sie sich lohnen.
Musikalisch wartet heute nicht mehr viel, ich lasse mich ein wenig treiben. Zunächst zu <b>Neumatic Parlo</b> ins Häkken – hier wird zwar sehr stilsicherer 80er-referenzieller Postpunk-New Wave-Krautrock geboten, die Performance wirkt allerdings nicht auf die gute Art unnahbar. Mit <b>TOUCHED</b> werfe ich auf dem Spielbudenplatz einen Blick auf eine koreanische Band die klingt als hätte sie den female Folkpop der 90er ganz frisch entdeckt, das gefällt durchaus sehr. Die liebgewonnene <b>Philine Sonny</b> leidet an der Fritz Kola!-Bühne, ganz allein mit der Gitarre und somit prinzipiell sehr anheimelnd aufgestellt, unter quatschender Laufkundschaft und der parallel bespielten Tiktok-Bühne und deren knallenden Technobeats. Das passt nicht zusammen und ich entscheide mich für mein Bett.
Der Freitag wird dann endlich der erste erhoffte kleine Konzertmarathon. In die <b>Moonpools</b> stolpere ich auf dem Spielbudenplatz fast zufällig hinein, obwohl ich sie eigentlich auf dem Plan stehen hatte: Das ist sehr schöner Dreampop mit ein bisschen Shoegaze, ich fühle mich mehr als einmal an Slowdive oder in den ruhigeren Momenten an Mazzy Star erinnert. Das gefällt sehr. <b>Mika Noé</b> am Reeperbus bringt mal wieder Indie Pop und Rap zusammen, aber davon hört man derzeit einfach zu viel ähnliches. Ganz wunderbar wird es dann allerdings wieder bei <b>BLUAI</b> im Bahnhof Pauli: Das belgische female Trio hat innerhalb eines Jahres die drei wichtigsten Musikwettbewerbe in Belgien für sich entschieden; das klingt mit seinen Anleihen aus Country, Folkpop und Americana nach einem langsam schwindenden Sommer am See; sehr schön und innig.
Vom Bahnhof Pauli geht es mit einem kleinen Snack zwischendurch rüber ins Molotow um <b>Leocardo DiNaprio</b> noch einmal im Backyard und in etwas länger zu lauschen, aber es gibt Stromprobleme und die Show beginnt erst später und nicht ohne die Angst, jederzeit beendet werden zu können. Ich spaziere ins Festival Village und besuche dort <b>Marlo Grosshardt</b>, der in diesem Jahr vielleicht die größte Schnittmenge fantastischer Texte aufbietet und mit seinem Faber-esken Folk-Indie auch kräftig Haltung gegen Nazis und andere Problemfälle zeigt.
Dass ich ins Mojo noch reinkomme grenzt für mich an ein kleines Wunder, denn die Show von <b>King Hannah</b> gehört sicherlich zu den im Vorfeld meistnotierten. Das Duo (hier heute in Triobesetzung) sorgt seit einigen Jahren für offene Münder, speziell für diejenigen, die für einen faszinierend versierten Mix aus Slowcore, Blues und Psychedelic Rock zu haben sind. Und faszinierend ist dieses Konzert von der ersten bis zur letzten Sekunde, der Laden ist prall gefüllt, der Applaus immens. Die werden wir definitiv wiedersehen. Ein ganz anderes Programm bieten <b>Wallners</b> in der St. Pauli-Kirche. Hier wird in schwelgendem Ambient-Pop eine ganz besondere Messe gelesen, es ist irgendwie düster, aber gleichzeitig strahlend schön. Die Publikumsinteraktion ist allerdings bei Null, so hat man zwischenzeitlich nicht wirklich das Gefühl, angesprochen zu werden, aber stilistisch gehört dieser Sound genau an diesen Ort; das bekommt definitiv auf Platte den ein oder anderen Hördurchlauf.
Sich dann einfach mal Richtung Molotow begeben um die äußerst unwahrscheinliche Chance zu ergreifen, doch noch einen Platz bei <b>Heisskalt</b> zu bekommen: Versuchen konnte man’s ja. Illusorisch ist es natürlich völlig. Die Schlange reicht bis zur Straßenecke und bewegt sich selbst nach Ende der Show keinen Zentimeter. Also verbringe ich die Zeit mit der zweitschönsten Reeperbahn Festival-Beschäftigung: Guten Talks über Gott, die Welt und die Musik. Worth it.
Der Samstag – endlich mal wieder ausgeschlafen und frisch gestärkt im besten indischen Restaurant Hamburgs, dem Maharaja (Werbung Ende!) – fließt gemütlich dahin. Der Nachmittag wird von kleineren Showcases bestimmt, aber nicht wenige suchen sich einen guten Platz vor dem Reeperbus. Hier kann man, kuratiert von N-Joy-Radio, häppchenweise Bands und Künstler*innen kennen lernen, mal lohnt es sich mehr, mal weniger. <b>Master Peace</b> klingt wie eine Mischung aus Bloc Party (mehr) und The Streets (weniger), aber das ist sehr cool, und er nutzt sein 15minütiges Set um den halben Spielbudenplatz zum Tanzen und Mitsingen zu bringen. <b>Esther Graf</b> berührt mich persönlich gar nicht; <b>Mackenzy Mackay</b>, dessen Stimme beim Sprechen sehr an Rob Goodwyn von The Slow Show erinnert (beim Singen dann weniger) steht alleine mit seiner Gitarre da, was der Beschreibung „Post Malone vs. Arctic Monkeys“ dann so gar nicht entsprechen will und trotzdem sehr gut gefällt. Und <b>Sawyer Hill</b> freestyled einen Soundcheck Song und macht mit seinem scheppernden Bluesrock auch absolut Spaß.
Es ist der Tag der Preisverleihungen: Den <b>Keychange-Inspiration-Award</b> schnappt sich <b>Alli Neumann</b>, die bereits bei der Opening Show im Stage! Operettenhaus aufgetreten war. Der <b>Anchor-Award</b> für den besten Liveact des Jahres ging an <b>strongboi</b>, mit Sängerin Alice Phoebe Lou eigentlich nur so halbe Newcomer, die sich aber gegen starke Konkurrenz durchgesetzt hatten. Und eine ganze Flut an Preisen gibt es beim <b>VIA</b>, dem Kritiker*innen-Preis der unabhängigen Musikbranche. <b>Uche Yara</b> wird hier als beste Newcomerin geehrt; zum besten Label wurde Habibi Funk gekürt und als bester Act wurde <b>Orbit</b> ausgezeichnet, was ich persönlich hochverdient finde, denn was dieser Künstler inzwischen mit seinem faszinierenden Electronic-Indie für Kreise erschließt, ist wirklich aller Ehren wert: Vom kleinen Achim in Niedersachsen bis in die USA und Kanada und auf einen sehr beeindruckenden Gig beim BBK Live Festival in Bilbao, wo ich im Sommer dabei sein durfte als er von anfänglicher Skepsis beim spanischen Publikum bis zu stehenden Ovationen zum Abschluss alles erspielte was irgendwie möglich war. Bestes Album wurde übrigens „Hold On To Deer Life, There’s a Blcak Boy Behind You“ von <b>Kabeaushé</b>, einem kenianischen Künstler den ich bisher so gar nicht auf dem Schirm hatte, dessen Rap-EDM-Experimentierwut aber äußerst spannend klingt; heavy rotation empfohlen.
Für mich persönlich endet der Festivaltag natürlich extra stimmungsvoll, weil meine <b>Tiny Wolves</b> höchstselbst es sind, die ihn für mich zu Ende bringen. Das Chor-Band-Projekt existiert tatsächlich in dieser Form vor allem deshalb, weil beim Reeperbahn Festival 2018 die Idee entstand, es beim Orange Blossom Special 2019 auf seine erste Festivalbühne zu stellen. Inzwischen sind die Tiny Wolves Dauergast auf den (nord-)deutschen Stages, von Appletree Garden über Lunatic Festival bis Rocken am Brocken, und hier hat das alles angefangen: Da schließt sich heute quasi ein Kreis. Vor der Hangarbühne ist es gut gefüllt, im Dunkeln spielen wir höchst selten, das ist sehr stimmungsvoll und macht extrem viel Spaß.
Und weil es dann natürlich doch noch nicht reicht mit Konzerten gibt es sozusagen als „Abschluss Plus“ noch einen Blick auf <b>Kasi</b>, für den die Spielbude XL eigentlich inzwischen viel zu klein ist. Es ist rappelvoll, der Junge hat sich halt (zurecht!) einen Namen gemacht, aber für die Nicht-Ticketinhaber*innen ist es natürlich schön, im Rahmen des Reeperbahn Festivals noch eine so namhafte Besetzung für eine free show serviert zu bekommen. Seine Homies Antonius (eh immer dabei), Aaron und Vince schauen auch vorbei, fehlt eigentlich nur noch Zartmann selbst.
Dann ist das Reeperbahn Festival 2024 vorbei und der Kopf muss erstmal ausruhen. Ein ziemlich großer Erfolg war das wieder, noch internationaler, noch vielseitiger, musikalisch mit noch mehr Nischen, die erkundet und entdeckt werden wollten, und wenn man in der Lage war, sich treiben und auf alles einzulassen, ist der Goodie Bag voll mit Inspirationen und Neuentdeckungen. Und genau für sowas lieben wir das ja. Vorfreude aufs nächste Jahr? Jetzt schon wieder komplett am Start.

<i>Text und Foto: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
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			<pubDate>Wed, 25 Sep 2024 11:59:02 +0200</pubDate>
			
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			<title>5.600 Arme, 2.800 Herzen: Nillson beim Orange Blossom Special 2024.</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/5600-arme-2800-herzen-nillson-beim-orange-blossom-special-2024.html</link>
			<description>Ich mache gerne Fotos. Kennt ihr das? Also diesen Moment, wenn ihr über den Ith fahrt und sich das Weserbergland vor einem ausbreitet wie ein wunderschöner grün-gelb-blauer Teppich? Und ihr komplett Lust habt, mitten auf der Straße anzuhalten, auszusteigen und irgendwie zu versuchen, dieses wundervolle Naturpanorama auf die bestmögliche Weise in Ewigkeit zu bannen? Nein? Dann reist ihr aus einer anderen Richtung an. Die vielleicht genau so schön ist. Das kann ich nicht sagen. Was ich weiß: Der Weg ist so was von das Ziel. Und das Ziel ist so was von wert, erreicht zu werden.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Nach einer satten Stunde Stop and Go erreiche ich, die Augen (immer noch) wie in jedem Jahr akut verliebt auf das Grün, das Gelb und das Blau im Hintergrund gerichtet, das wie ein Instagram-Filter darüber hinweg täuscht, dass ich mich mittlerweile in einem per definitionem eher uncharmanten Industriegebiet in Beverungen befinde, das Orange Blossom Special, und heya!, I’m at home, Baby. Von einem Moment auf den anderen liegt die Woche hinter mir, die Müdigkeit, die Ausgelaugtheit, dieses der-Alltag-frisst-mich-lebendig-Gefühl. Ich bin wie jedes Jahr zu spät, aber Probe ist Probe. Wie immer empfinde ich das aber eher als eine Verstärkung des vielbeschworenen Zuhausigkeits-Gefühls, denn wenn ich mein Bändchen endlich angelegt habe, sind alle schon da. Warten auf mich. So fühlt es sich an, wenigstens. Der erste aus der Glitterhouse-Crew den ich treffe ist Yannick, und er sagt: „Willkommen zuhause!“ Wenn du so begrüßt wirst, nach einem Jahr nicht-sehen, nicht-spüren, nicht-da-sein, dann weißt du, dass es stimmt. Dass es zuhause ist, irgendwie.
Es schwingt immer wieder dieses Pathos mit wenn ich übers Orange Blossom Special erzähle, und jedes Jahr aufs neue zeigt sich, dass das okay ist. Für mich als Besucher, Gast, Freund, ist dieses Festival ein heimelig vorbereitetes Wohnzimmer, ein Ort an dem ich mich fallen lasse und abgebe, genieße und einfach nur passieren lasse. Das hat natürlich damit zu tun, dass ich nicht mein erstes OBS erlebe, ich hier Menschen kenne und sie mich. Dass man sich auf ein Wiedersehen freut, wahrhaftig und ehrlich. Aber das sind ja Stories, die auch jemand anderes erzählen könnte. Das geht ja jedem so, der irgendwann zum ersten Mal da war und dann ein Jahr später wiedergekommen ist. Und ein Jahr später wieder. Und immer wird es größer.
Damit meine ich nicht nur die euphorischen Momente der Wiedersehensfreude, des Wildseins und des Ankommens. Ich meine auch die kathartischen Momente, für die das Orange Blossom Special 2024 zum sechsundzwanzigsten Mal als ein Symbol gewordener Ort existiert. Das hinter sich lassen von schweren Zeiten, anspruchsvollen Gemengelagen und inneren Gebirgen, deren Überwindung hier einfach mal für drei Tage Pause machen darf. Dass dieser Ort das kann: So ein Geschenk.
Man spürt: Wir Pilgerer, wir Unsteten und Rastlosen, wir Vagabunden und Lebensabsolventen, wir brauchen diesen Ort, dieses Gefühl von Ankommen und da sein dürfen, von Akzeptiertsein und der Liebe einer ehrlichen, uneingebildeten, sich an sich selbst berauschenden Festival-Community. „Community“: Das wird ein Wort sein, das der diesjährige Surprise Act <b>Alex Henry Foster</b> fast mantraesk immer wieder beschwören wird, aber dass das hier einen Punkt trifft, ist nicht verwunderlich. Dass das Orange Blossom Special in diesem Jahr unter dem Motto „Herzensangelegenheit“ steht, ist konsequent wie überfällig. Acht Arme, neun Gehirne, drei Herzen: Das Mottotier Oktopus, liebevoll „Karla Mari“ getauft, bringt auf den Punkt mit ins Spiel, was man sich an diesem Pfingstwochenende zu besitzen wünscht, um all die Eindrücke zu verarbeiten. Spoiler: Wie in jedem Jahr gelingt das natürlich wieder nur mit reichlich Nachhall. Sie nennen es „Post-OBS-Blues“.
Schade eigentlich, dass das 3.500 Menschen fassende Festival auch in diesem Jahr nicht ausverkauft ist. Was ist nur während Corona mit den Leuten passiert? Während man sich davor dringend einen Wecker stellen musste um innerhalb der ersten Stunde nach Verkaufsstart einer der ersten zu sein bevor die (immer schon!) Herzensangelegenheit ohne einen stattfinden muss, gibt es auch 2024 wieder Tages- und Wochenendtickets an der Abendkasse. Findet gerade ein Generationswechsel statt und der zieht sich? Kann man von Festivals wie diesen müde werden? Was schwer vorstellbar scheint, ist hoffentlich nur Momentaufnahme. Denn zwischen all der Schönheit und dem Peace, Love &amp; Mini-Calzone ist das OBS ja auch musikalisch immer wieder eine absolute Bank zwischen Bewährtem, Aufregendem und dann noch dem, was dir mit der vollen Kraft des Unerwarteten die Schuhe auszieht.
Während ich die großartige <b>Mina Richman</b>, <b>Hot Wax</b> und <b>Stina Holmquist</b>, allesamt voraussetzungstechnisch wie gemalt für das Orange Blossom Special (Alteingesessene werden mir da Recht geben), leider aufgrund meiner Anreisemodalitäten verpassen muss, freue ich mich, dass zur Begrüßung die großartigen <b>YIN YIN</b> mit ihrer Mixtur aus tanzbarem Ostasien-Psychedelic ein ambitioniert-spielfreudiges Feuerwerk abbrennen, das trefflich ohne Gesang auskommt und die eigentlich vorhandene Discofizierung (wie beim Appletree Garden 2019 gesehen und für äußerst gut befunden) ein bisschen hinten an stellt um mit etwas erhöhtem Kraut-Anteil auch die inneren Hippies einzufangen. Die Indie-Helden <b>Muff Potter</b> feiern ihre Rückkehr ins Rampenlicht mit allem, was sie Mitte der 00er auf sämtlichen (halbgroßen) Festivals unverzichtbar machte: Gestochen scharfe Alltagsbeobachtungen zu umarmenden Melodien als Quintessenz des Indierock. Und <b>Lucy Kruger &amp; The Lost Boys</b> sind mit ihrem tiefdunklen, zwischen Drone- und Postrock-Elementen changierenden Sound ein absolut typischer Orange Blossom-Headline-Slot, der Routinierte endlos abholt und gleichzeitig den First-timern zeigt, dass ein Konzert im Glitterhouse-Garten immer nochmal eine ganz eigene Sache ist. Wer hier präsentiert wird, zu dem Zeitpunkt an dem er oder sie präsentiert wird, steht aus einem guten Grund genau hier im Timetable. Wie sehr die Planung von Rembert Stiewe immer wieder Sinn ergibt, zeigt sich eindrucksvoll in Momenten wie diesen. Ein betörendes Freitag-Abend-Erlebnis.
Der Rest ist wieder mal Geschichte. Ich liebe dieses Hängenbleiben und Verquatschen beim Orange Blossom Special einfach, wer noch hebe die Hand. Begrüßungsrunden kann man so akkurat timen wollen wie man denkt, sie arten immer aus. Wer schon am Vormittag oder sogar am Donnerstag bereits angekommen ist, hat mir gegenüber am Freitag einen entscheidenden Vorsprung. Mit einem Auge auf der Bühne und einem bei meinen Menschen geht der Tag zu Ende, er endet spät, es ist wundervoll. Diese Stimmung, dieser Sound, dieses Konglomerat aus genießen wollen und fallen lassen zieht innerhalb von Minuten. Ich kann diese Nacht gut schlafen.
Und wer bitte könnte charmanter in den Samstag geleiten als die wundervolle <b>Malva</b>? Schon 2023 war die Künstlerin für den Samstags-Eröffnungs-Slot eingeladen wurden, sie wurde leider krank und spontan von den großartigen Loki ersetzt, auch hier ist der Rest Geschichte (und das spielt später noch eine gewichtige Rolle). Aber nun steht sie da mit ihrer Band und präsentiert ihre wirklich äußerst lieblichen, dezent angejazzten Indiepop-Chansons, und die Welt ist grade gut. Richtig gut. Es folgt, und das ist OBS-typisch, der radikale Stilwechsel zum Noise-Gewitter von <b>ZAHN</b>, und was ist das? Krautrock? Postrock? Definitiv ist es laut, es ist zwingend, es ist brachial und faszinierend. Und ich erkenne mit doch einiger Überraschung, dass Felix Gebhard hier mitmischt, der in den mittleren 00ern als Home Of The Lame immerhin kurzzeitig des Grand Hotel van Cleefs Indiefolk-Darling war. Vielseitig, der Mann!
Es gibt nen Schwenk zu einem Programmpunkt beim OBS, den ich dieses Jahr zum ersten Mal wahrnehme, denn der hochgeschätzte <b>Dirk Gieselmann</b> liest aus seinem aktuellen Buch „Pearl Jam, oder: Du sollst keine gute Laune haben“. Also geht es zur kleinen Lesebühne auf dem nahe gelegenen Hof und mitten rein in eine verblichene Jugend auf dem Land und den Grunge als Katalysator für dieses einnehmende Gefühl, anders zu sein, in „Versteckte Kamera“ mit den Eltern am Samstagabend nicht die Erfüllung zu finden und den imposanten langhaarig-unangepassten Größeren auf dem Schulhof als auslösendes Element für die Ichwerdung hochzustilisieren. Das ist mit wehmütiger Träne im Knopfloch zum Glück auch sehr humorvoll, und als sich plötzlich die Schleusen öffnen und der Regen hereinbricht, muggeln sich alle im Stall zusammen und bekommen noch eine Bonus-Story von einer bedrückend endenden Feier-Renaissance in der Dorfdisco zu Gehör. Genauso verständnisvoll-umarmend, genauso wehmütig mit Träne im Knopfloch.
<b>Gorilla Club</b> bedienen auf der Minibühne währenddessen in zwei Slots diejenigen, die zum OBS ihre Kinder mitbringen. Was an wenigen Orten so gut funktioniert wie hier. Denn das „Kinderprogramm“ (obwohl es mir irgendwo widerstrebt es so zu nennen) ist zu keinem Zeitpunkt anbiedernd an älter und Familie gewordenes Festivalpublikum, sondern nimmt die kleinen Menschen zu jedem Zeitpunkt ernst und führt sie vorsichtig an eine Zukunft als Teil des großen Ganzen zu den „erwachsenen“ Bands heran. Gorilla Club, das sind eben durch und durch Locas in Love im Kinderbandkostüm, und die Songs sprühen vor Charme, Wortwitz und Ideenreichtum. Das holt auch die Eltern ab und ist eine konsequente Fortsetzung der im letzten Jahr mit dem Auftritt von Deniz und Ove eingeführten Idee, auch den „Kleinen“ musikalische Alternativen anzubieten.
Von meinem Lieblingsplatz auf dem Balkon aus genießen ich den nun folgenden Auftritt: Die dänisch-färöische Künstlerin <b>Brimheim</b> nimmt uns mit in seelische Abgründe, nicht selten fühle ich mich an die ikonische Kate Bush erinnert, aber da ist einfach noch so viel mehr Dunkelheit und Komplexität. Zwischendurch liegt Brimheim sekundenlang regungslos auf dem Bühnenboden unterm Kronleuchter, es ist ekstatisch und tiefgreifend, und „Can’t hate myself into a different shape“ ist einfach ein Wahnsinnssong für alle, die sich in sich nicht wohl genug fühlen um gesund zu sein, aber deren Trotz und Lebenswille am Ende hoffentlich gewinnt.
Dann erleben wir zwei absolut exemplarische Glitterhouse-Garten-Happenings: Den wunderbar schwelgerischen, auf den Punkt intensiven und gleichzeitig so leichtfüßig klingenden Americana-Indie-Pop von <b>William The Conqueror</b> und den eine kalte Hand um dein Herz legenden und dich trotzdem eskalieren lassenden Post-Punk von <b>Gurriers</b>. Beide Bands gewinnen sofort auf die ihnen sehr eigene Weise, bei letzteren gibt es Crowdsurfing-Ekstase obendrauf, und während William The Conqueror sicherlich besonders Traditionalisten mit einem wundervoll präzisen Auftritt in die Karten spielt, darf man ziemlich sicher sein, dass man von den Gurriers in Zukunft noch einiges hören darf. Da ist was in Bewegung, trotz der aus irischen und britischen Gefilden in den letzten Jahren nicht gerade spärlich gesäten Bands ähnlicher Lesart. In den Zwischenphasen schwingt sich übrigens ein guter Bekannter auf, das  Sprungbrett von der Mini-Bühne auf die große Bühne ein zweiteres Mal zu nehmen: Tom Allen, nun ohne The Strangest, präsentiert in Duo-Besetzung als <b>False Lefty</b> ein weiteres Mal sein bewundernswertes Gespür für hochwertige Indiepop-Dringlichkeit und ich lehne mich sicherlich nicht zu weit aus dem Fenster wenn ich sage: Diese Band werden wir hier bald wieder sehen.
Es kommt nun zu einem magischen OBS-Moment: <b>Catt</b> betritt die Bühne, verstärkt um eine unglaublich intensive Band und als Multi-Instrumentalistin gesegnet mit ungeheurem Talent und einnehmender Präsenz. Rembert sagt eingangs, ihr Konzert beim Eurosonic in Groningen sei eines der zehn besten Konzerte gewesen die er in seinem nicht gerade konzertarmen Leben genießen durfte, und man glaubt es ihm sofort, so himmlisch schwelgt diese Frau in gefühlsgeladenem Breitwand-Pop. Es ist eine Offenbarung und der Garten schweigt, genießt, gibt sich hin. Es ist ganz ohne Frage das Konzert des Tages.
Dass <b>The Holy</b> im Anschluss keinen schweren Stand haben, liegt an der Anpassungsfähigkeit des OBS-Publikums und, ganz klar, auch an der eigenen Qualität. Die Finnen waren 2019 schon hier und auch das war schon groß, aber innerhalb dieser letzten fünf Jahre hat die Band nochmal an Tension nachgelegt. Jeder Song ein Punch, ob Post-Punk-drängelnd oder in ruhigen Phasen schwelgerisch tief, zwischen großen Hymnen und ausladenden Sphären: Diese Band findet immer ihre Mitte. Ein mehr als würdiger Samstags-Headliner.
Das OBS ist bekannt für seine Geschichten, und eine weitere passiert am Sonntagmittag. Spekulationen hinsichtlich des obligatorischen Surprise Acts gab es reichlich, zwischen den Giant Rooks, Locas in Love (wegen Gorilla Club) oder den wieder erweckten Golden Kanine gab es reichlich, doch hier passiert heute ein direkter Bezug zum 2024er-Motto, der ergreifender kaum sein könnte. Denn nach einer langen Auszeit aufgrund einer lebensbedrohlichen Herz-Operation gibt sich der grandiose <b>Alex Henry Foster</b> die Ehre für eine Comeback-Show im Garten, und das geht nicht nur aufgrund der Umstände tief. Schon bei seinem 2022er-Stelldichein war der Kanadier verantwortlich für staunende Gesichter und allerhöchstmögliche Intensität mit einer unfassbar tighten Band und Songs, die wie ausufernde Jams nicht selten die zehn-Minuten-Marke knackten, irgendwo zwischen Ambient, Post Rock und Dark Jazz, flankiert von kathartisch-dunklen Lyrics die bisweilen wie ein Poetry Slam wirkten. Er kriegt es ein weiteres Mal hin. Ja, die Exaltiertheit mag bisweilen den Duktus eines Predigers annehmen wenn Foster immer wieder beschwört, dass die Community (da sind wir wieder!) und die Liebe der Schlüssel zu allem Unbill der Welt ist („We don’t need bombs, we don’t need guns! We are community, we are family!“). Aber es schwingt auch eine in jeder Hinsicht einnehmende Überzeugung in seiner Präsenz und seinem Charisma mit. Wenn er sich abermals zu ausufernden Crowdsurfing-Phasen (die Rückkehr zur Bühne geschieht thronend auf einem spontan bemühten Campingstuhl, auf dem beim Wegrutschen der Decke eine pinkärmelige College-Jacke zum Vorschein kommt) aufschwingt, kann man das nur als einen unnachahmlich guten Schachzug werten, diesem Menschen genau in dieser Phase seines Lebens genau diesen Ort zu gönnen. Hier gehört alles zusammen und alles ist im Einklang. Großes, großes, großes Kino.
Während sich nunmehr der Himmel öffnet und es viel zu lange sehr intensiv zu regnen beginnt, betritt in <b>Marlo Grosshardt</b> ein junger Künstler die Bühne, von dem wir absolut noch hören werden. Seine Indie-Chansons, die nicht selten an den großen Faber (auch einst Gast im Glitterhouse-Garten) erinnern, vereinen Charme mit Haltung und musikalische Finesse mit Mitsinghymnen à la „Christian Lindner“, bei denen das Publikum sich trotz Wetter singend in den Armen liegt. Das Comeback von Ivan Carvalho als <b>Afrodiziac</b> gerät anschließend zu dem ausufernden Rock-Rausch, den es im vergangenen Jahr schon versprochen hatte. Nun mit fast noch mehr Raffinesse, noch mehr Dringlichkeit und noch mehr Energie. Das ist einfach ein hochfaszinierender Gesamtkonzept-Künstler, dessen wilde Mixtur aus Grunge-Roughness und dem Vibe ausufernder Rock-Jams ein weiteres Mal restlos überzeugt. Im Anschluss: Wieder ein Stilwechsel, wieder großartig. Die wunderbaren Indiepop-Songs von <b>Brockhoff</b> mögen inzwischen auf Festivalbühnen hierzulande bekannt sein, sie sind aber hier und an dieser Stelle ein weiterer Beleg dafür, dass manches im Glitterhouse-Garten einfach anders und intensiver wirkt. Man wünscht sich diese unheimlich klug geschriebenen Indie-Pop-Songs als Soundtrack für lange Autofahrten mit Blick in die Weite, das ist sehr zwingend und raumgreifend, ein Genuss.
Ich hatte in meinem Preview-Artikel schon gemutmaßt, wann ich wohl bei diesem feinen Lineup dazu kommen würde etwas zu essen; bei <b>Iedereen</b> ist es soweit, sorry. Dafür wartet danach eines meiner absoluten Wochenend-Highlights. Kurzer Recap: Als <b>Loki</b> 2023 für die krank gewordene Malva einsprangen, lag ihnen der Garten schon zu Füßen. Das gehörte hierher, das war wie gemacht fürs Orange Blossom Special. Mit acht Musiker*innen auf der Bühne war es da schon ein Indiefolk-Fest, fein arrangiert und auf den Punkt liebenswert zwischen hymnisch-elegischen Tunes und kleinen Indie-Pop-Hymnen, und nun, wo diese Band hier ein Jahr später wieder stehen darf, wirkt sie gereift und noch größer, drapiert ihre wundervollen Preziosen noch strahlender in den Sonnenuntergang, hat mit „St. Francis“, „Dreams“ und „Suzanne“ auch noch veritable Hits im Gepäck und verzaubert ein Publikum im Handumdrehen. So geht große Geste ohne schon so richtig groß zu sein, so geht Liebe, so geht Energie und ja, so geht Orange Blossom Special. Das war denkwürdig.
Und während ich <b>Coach Party</b> leider aufgrund eines erneut auftretenden akuten Hungergefühls verpasse, wirft das größte Ereignis des Wochenendes sowieso schon seine Schatten voraus. Denn zum Abschluss dieser wunderbaren Auszeit vom Alltag warten <b>The Slow Show</b>, die 2015 für so viel Tränen sorgten, die selbst so ergriffen waren von der Hingabe dieses einzigartigen Settings und die jetzt wieder da sind, und das muss man kurz wirken lassen. Klar hätte es sein können, das diese tief berührenden, malerischen, theatralischen und nach wie vor durch den unvergleichlichen Bariton Rob Goodwins in so himmlische Gefilde getragenen Katharsis-Kleinodien nicht ein zweites Mal einen so unwiderstehlichen Sog entwickeln zu dem sich neben und vor der Bühne tränenreich in den Armen gelegen wird. Doch: Sie tun es.
Ich, personally, weine gar nicht bei ihrem größten Song, der mich ja auch immer noch abholt, „Bloodline“ meine ich, das geht schon immer noch ganz, ganz tief. Die Tränen laufen bei einem anderen Stück und bei den Zeilen „I’m proud of you boy, look how far you came, proud of who you are, happy how you changed“. Oh, ich weine sehr. Wenn wir uns in diesem Moment einer Sache bewusst sein dürfen, dann dieser: „This is no ordinary life“.
Die Liebe zu einem ganz besonderen Gemeinschaftsgefühl hat uns hier hingebracht, mit einem Gefühl, an dem wir uns berauschen können. Dürfen. Sei es auf eine Weise so, dass das OBS-Publikum sich gerade für diese Eigenschaften der Offenheit, der Hingabe, des intensiven Fühlens rühmen darf, und dass sich daraus inzwischen auch eine gewisse Eigendynamik, ja: ein besonderes Commitment entwickelt, dann ist das was gutes. Was immer diesen Ort zu einem so wichtigen macht, es hat seine Gründe, und die sind individuell und nicht zu hinterfragen. Sie sind da. This is no ordinary life. This is no ordinary festival. Das kickt so sehr in diesem Moment. Die Verbundenheit der Band zu diesem Ort, die Rob Goodwin in wahrhaftige, herzergreifende Worte kleidet: Wir fühlen sie jetzt grade alle, und das OBS-Publikum genießt auf bewundernswerte Weise stillschweigend. Nein, this is no ordinary life. And this is no ordinary place. Was für ein grandioser Abschluss eines Wochenendes, aus dem knapp 3.000 Menschen wieder ein Jahr lang zehren werden. Nach Ende des Drei-Tages-Witzes (extrem viel Exposition, extrem kurze Pointe!) und dem Verklingen von &quot;Es müsste immer Musik da sein&quot; blicke ich in viele nachdenkliche, kurz in sich gekehrte Gesichter. Menschen, die sich umarmen und ein Weilchen festhalten, weil der Moment so kostbar ist. So viel wie möglich noch einsammeln, bevor es erstmal wieder zu Ende ist und wir wieder zu Unsteten und Rastlosen, zu Vagabunden und Lebensabsolventen werden.
Dass der vielzitierte Post-OBS-Blues schon auf der Rückfahrt kommt, in einer übermannenden Mixtur aus Müdig- und Traurigkeit: Es ist ja kein Wunder. Das war wieder viel, Gott sei Dank viel Schönes. Viel Aufladung, Zuhausigkeit, „Community“, hallo Alex Henry Foster. Der Glaube daran, dass die Welt kein schlechter Ort sein kann, wenn es Zusammenkünfte dieser Art gibt, lebt. Angesichts all der globalen Katastrophen, den inneren noch dazu, wirkt es wichtiger denn je. Pathos hin oder her, aber what's true shall be true forever.
Es mag andere Festivals geben, die aufgrund ganz unterschiedlicher Umstände ein ähnliches Gefühl der Wärme evozieren. Es ist nicht weniger wichtig. Hier in Beverungen, of all places, darf die Welt für drei Tage eine andere sein. Und jeder, der in diesem Jahr gezögert hat, soll alle Freiheit haben, es sich im nächsten Jahr anders zu überlegen.
Wenn wir wieder da sind. Wir, mit unseren mindestens 5600 Armen, 2800 Gehirnen und Herzen. Was ich weiß, ist: Sie strahlen zusammen heller. Dieses Wochenende war wieder mal ein eindrucksvoller Beweis.

<i>Text und Bild: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Wed, 22 May 2024 22:50:12 +0200</pubDate>
			
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			<title>Beautiful, Beautiful Overkill: Nillson beim Reeperbahn Festival 2023</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/beautiful-beautiful-overkill-nillson-beim-reeperbahn-festival-2023.html</link>
			<description>Das schönste Septemberwochenende des Jahres ist immer zugleich auch das herausforderndste. Zwischen Knust und St. Pauli-Kirche läuft man sich wunde Füße, aber weite Herzen. Das Reeperbahn Festival 2023, das nun endlich wieder ganz und gar beschränkungsfrei stattfinden konnte, ließ mal wieder keinerlei Wünsche offen - außer vielleicht den nach einem Teleporter, verschiedenen Raum-Zeit-Ebenen und noch mehr eigener Energie.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Wo fängt man an, die Geschichte dieses Wochenendes zu erzählen, wenn es doch so viele gibt? Beginnen wir mit einer Rückkehr. Zum ersten Mal seit 2019 sind nämlich der Kaiserkeller, die Große Freiheit 36 und die Prinzenbar wieder offizielle Spielstätten des Reeperbahn Festivals. Ihr erinnert euch? Während der Corona-Pandemie boten die Betreiber auf großen Stellwänden die Möglichkeit, seine Gedanken zur (politischen) Lage öffentlich kundzutun und nahmen die Freiheit der sich Mitteilenden dabei sehr ernst, sodass auch verschwörungstheoretische Corona-Leugner-Ergüsse nicht reglementiert wurden. Daraufhin kündigte ein großer Teil der Kulturszene Deutschlands im Allgemeinen und Hamburgs im Speziellen die Zusammenarbeit auf. Nun sind diese drei traditionsreichen Clubs nach Betreiberwechseln wieder mit von der Partie – recht kommentarlos, und vielleicht ist das auch okay so. Dass ich in keinem der drei ein Konzert angeschaut habe, liegt dabei nicht etwa daran, dass ich nachtragend wäre – es gab einfach so herrlich viel anderes zu sehen.
Die Awards zum Beispiel, die Jahr für Jahr auf dem Reeperbahn Festival verliehen werden. Da wäre zum Beispiel der <b>Helga!</b>-Festivalpreis, der im letzten Jahr vom kuscheligen Imperial-Theater in ein recht steriles Stangenware-Messezelt umgezogen war, was die Stimmung unter den Zuschauenden doch etwas trübte. 2023 nun steht im Festival Village ein Spiegelzelt, wie wir es etwa aus Haldern oder vom Appletree Garden kennen, und bietet den Festivalschaffenden und Laudator*innen ein endlich wieder angemessenes Ambiente. Veranstaltet vom wunderbaren Höme- bzw. Infield-Magazin gibt es wieder fünf Kategorien: „Grünste Wiese“, den Preis für das nachhaltigste Festival, den das wunderbare <b>Norden Festival</b> bekommt; „Höchster Hürdensprung“, den <b>Die andere Seite der Welt</b> (leider nie davon gehört) gewinnt; die „Reichhaltigste Reichweite“ (for whatever that means), die das kleine <b>Pferdefestival</b> für sich beanspruchen kann; dann noch die „Gemischteste Tüte“, die nach Beratung der Jury das <b>Umsonst & Draußen Festival Würzburg</b> bietet, und schließlich das „Feinste Booking“, das man 2023 beim <b>Nürnberg Pop</b> serviert bekommt. In der Königskategorie „Bestes Festival“ setzt sich einmal mehr das <b>Open Flair</b> gegen eine starke Konkurrenz (Watt en Schlick, Orange Blossom Special oder Ab geht die Lutzi!) durch, und ich glaube wirklich, dass ich mir das endlich mal live und in Farbe anschauen muss.
Traditionell viel musikalisches zu entdecken gibt es beim <b>ANCHOR-Award</b>, der den bzw. die beste Newcomer*in auszeichnet. Dabei gab es durchaus eine überraschende Gewinnerin: Gegen u.a. Berq, Daisy the Great oder Paris Paloma setzte sich nämlich die Japanerin <b>Ichiko Aoba</b> durch, und das ist schon klanglich ein besonderer Griff in die Schatzkiste. Fernab von allen derzeit gängigen Pop-Konventionen präsentiert sich hier nämlich eine Reise in bildreiche, cineastische und versponnene Soundgefilde aus Gitarre, Klavier, Blockflöte und Akkordeon, meisterhaft und wunderschön, aber eben auch sehr besonders. „Unsere Gewinnerin transportiert uns in ein zeitloses Japan und kreiert ihr eigenes Universum mit ihrem Talent und ihrer Kunst“, sagt Jurypräsident Tony Visconti, und da kann man nicht widersprechen. Der <b>Keychange Inspiration Award</b> geht in diesem Jahr an die Rapperin <b>Ebow</b>, die mit mächtig viel Haltung in ihren Texten gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie aufsteht. Damit ist sie eine äußerst wichtige Repräsentantin der PoC- und Queer-Community innerhalb der HipHop-Szene und darf sich selbst als großes Vorbild verstehen.
Dass ich am Ende keine der ausgezeichneten bzw. nominierten Bands und Künstler*innen zu sehen bekommen habe, spricht eigentlich nur mal wieder dafür, wie wahnsinnig viel Qualität und Entdeckenswertes es in den vielen Spielstätten des Reeperbahn Festivals zu bestaunen gibt. Und dabei gilt wie in jedem Jahr, dass Pläne machen zwar schön ist, aber doch nur eine grobe Orientierung bieten kann. Tagesform, Zeitmanagement, Spontaneität und erzwungene Flexibilität wegen plötzlichen roten Ampeln in der Festival-App, die dir zeigen, dass der Club deiner Wahl dich leider nicht mehr reinlassen wird (da hilft dann auch der respektvollerweise nur in den allerhöchsten Notfällen genutzte Delegates-Bonus nichts mehr).
Und so beginnt der Mittwoch für mich nach einem anstrengenden Arbeitstag mit etwas ruhigem. Namentlich mit der Schottin <b>Katie Gregson-Macleod</b> im Moondoo, die zwischen Klavier und Gitarre wechselnd wunderbare Lieder über die Liebe, das Leben und verpasste Chancen singt, die gleichzeitig einfühlsam und kraftvoll klingen und von höchst sympathisch-unterhaltsamen Ansagen eingeleitet werden. Von dieser Frau möchte ich gerne mehr hören. Die Irish Folk-Punk-Ekstase von <b>The Mary Wallopers</b> im Molotow klang beim Reinhören (trotz hohem das-hab-ich-doch-schon-mal-gehört-Faktor) sehr nett, ein kurzer Blick in den wie immer rappelvollen Club genügt aber. Das haut mich nicht vom Hocker. Klar bieten auch die <b>Cucamaras</b> im Backyard nichts neues; das ist wütend gebellter, sehr britischer Postpunk mit reichlich Attitude – diese Quelle scheint einfach nicht zu versiegen. Das ist gut, aber nichts, was sich mir ins Gedächtnis brennt. Ich bleibe für vier Songs und mache mich auf den Weg in die St. Pauli-Kirche.
Dort warten zwei absolute Lieblinge und inzwischen schon sehr lange Wegbegleiter auf mich, Francesco Wilking und Moritz Krämer nämlich, die mit <b>Artur & Vanessa</b> schon wieder ein neues Projekt am Start haben (die beherrschen das mit den verschiedenen Raum-Zeit-Ebenen scheinbar deutlich besser als ich). Die dazugehörige neue Platte erzählt die Geschichte eines reichen Jungen, der ausbrechen will, und einem Mädchen, das ihn herausfordert – und wie sie sich finden und wieder verlieren und einen Freizeitpark für alle gründen. Die Kirche ist für den neuen Bandsound zwischen Indie Pop, Jazz und Kammermusik-Elementen natürlich eine Location wie gemalt. Das hat eine unfassbare Leichtigkeit und strahlt vor erhabener Schönheit. Leider kommen die Vocals nur sehr undeutlich durch, und das ist wenn einem eine Geschichte erzählt werden soll doch ganz schön schade. Aber dafür soll man ja auch Platten kaufen und sich zuhause in Musik fallen lassen, und das sei hiermit ganz ausdrücklich empfohlen.
Die folgende Wartezeit überbrücke ich mit einem kurzen Snack bei <b>Holy Dogs</b> (der Santamaria mit Beef Roll, Salsa und Guacamole gehört immer noch zu meinen absoluten Festivalfood-Favourites) auf dem Spielbudenplatz und entdecke auf dem Bavaria-Showcase in der (übrigens öffentlich zugänglichen) Spielbude XL wunderbar treibende, sehr versierte und in jeder Hinsicht mitreißende Live Electronics im Bandformat von <b>Aera Tiret</b>, die ich mir sehr gut auf den After-Headliner-Slots meiner liebsten Boutique-Festivals vorstellen kann. Großes faszinierendes Kino ist das. Zum Abschluss des Abends geht’s ins Klubhaus St. Pauli, genauer gesagt ins UWE, denn dort spielt <b>Flawless Issues</b> aus Stuttgart, der es sich vermeintlich leicht macht: Seine Songs klingen beinahe durchweg 1:1 nach Edwin Rosen, sänge der englisch. Nicht umsonst stehen die Indie Kids mit den Rosen-Shirts ganz vorne und tanzen zu dem natürlich qualitativ total hochwertigen New-NDW-Postpunk-Mix, angetrieben von einem Künstler, der ohne Band, sondern mit Musik vom Rechner augenscheinlich sehr viel Spaß hat. Schade, dass er seinen besten Song „Alone Tonight“ (Anspieltipp!) gleich als allererstes spielt.
Weil ich erst zu spät wieder auf den Weg nach Hamburg komme, bleiben mir vom hochgeschätzten Dutch Impact-Showcase nur noch zwei Bands übrig. Der sonnendurchflutete Indie Pop von <b>Loupe</b> klingt sehr facettenreich und originell, aber ich muss erst ankommen. Von <b>Tramhaus</b> aus Rotterdam hatte ich ein weiteres Postpunk-Tableau erwartet, doch so einfach ist es nicht. Das Ganze wird nämlich angereichert mit treibendem Indie Rock und Hardcore-Elementen und dargeboten von einem höchst energiegeladenen Frontmann mit Mick Jagger-Gedächtnisfrisur. Das geht sehr gut klar; wenn es gut läuft, sieht man diese Band im nächsten Sommer wieder. Doch nun begebe ich mich erstmal gemütlich ins Festival Village, genieße die Helga!-Verleihung und treffe Freunde und welche, die es werden könnten. Diese Pausetaste gefällt mir.
Was dann folgt ist ein absolutes Festival-Highlight: Den wirklich äußerst sympathischen <b>Orbit</b> hatte ich schon länger auf der Rechnung, fand allerdings weder die Zeit mich mit seiner Musik eingehender auseinanderzusetzen noch sie live zu erleben. Das hole ich jetzt in der Batcave, Verzeihung, im Mojo nach – und genieße jede Sekunde. Elektronischer Bedroom-Pop, der trotz seiner Zurückgenommenheit die ganz große Geste kann und dabei auch noch mit wirklich richtig guten Songs aufwartet („Friday Night“ bitte mal anspielen!): Das ist vom ersten bis zum letzten Ton wunderbar. Und die Dankbarkeit von Marcel Heym, Musik – im Staff organisiert von den Freunden, mit denen seine Geschichte begann – zu seinem Lebensinhalt machen zu dürfen, ist absolut authentisch und berührt. Dass Orbit tatsächlich bald eine Europa-Tour spielen darf, ist ihm so umso mehr zu gönnen. Da ist ganz viel Demut und ganz viel Talent, was für ein wichtiger Mix. Platten mitgenommen. Ehrensache.
Im Festival Village statte ich dann den <b>Hansemädchen</b> einen kurzen Besuch ab. Die Chorschwestern vom Kiez gehen grade ziemlich steil, seit sie zusammen mit Axel Bosse für „Ein Traum“ beim Hurricane Festival auf der Bühne standen, einen mächtig starken Camping Ground Gig inklusive. Nun müssen sie leider gegen KIZ anspielen, die nebenan als Surprise Act das große Geschütz auffahren, aber die Energie ist groß, der Sympathiefaktor auch, und mir gefällt sehr dass dieser Chor nicht auf akribische Perfektion, sondern auf Unity und Spaß setzt. Das kommt 1:1 an. Ich komme im Anschluss nicht an, also nicht rechtzeitig. Die Ampel fürs Molotow springt auf Rot. Keine Chance, Paerish zu sehen, auf die ich mich heftig gefreut habe. Also trete ich den Heimweg an: Ich habe alles vom Tag gehabt und muss schließlich morgen früh wieder arbeiten.
Der Freitag steht ganz im Zeichen des Indie Pop und beginnt im Spiegelzelt mit <b>Neeve</b> aus Stuttgart, die sich ein wenig so anhören wie die Giant Rooks mit lauteren Gitarren. Sommerlicher Feelgood Pop, macht großen Spaß. Genau wie <b>Whammyboy</b> auf der Fritz Kola Bühne, von dem ich der Beschreibung nach mäandernden Psychedelic-Pop à la MGMT oder Empire Of The Sun erwarten sollte, der aber mit treibenden Beats und mitreißenden Songs im Festival Village die Indie Disco eröffnet. Ein kurzer Blick zurück ins Spiegelzelt zu <b>Dekker</b> mit seinem hochsympathischen Folk Pop, ich geh in Gedanken zu den besten Strandmomenten des Sommers zurück, immer wieder ein Genuss. Und dann geht es ins Drafthouse zu den hierzulande noch sträflich unbekannten Briten von <b>Kawala</b>, irgendwo zwischen Folk und Beach Pop, mit zweistimmigem Gesang und unfassbar catchy Songs, überaus harmonisch und treibend, ein wahnsinnig starkes Konzert. Das hatte ich mir auch von den Flyying Colours in der SkyBar erhofft – dass es dazu nicht kommt, liegt an einem der ehernen Reeperbahn Festival-Gesetze, in dem wunderbare Wiedersehensfreude mit guten Freunden gefälligst zu mindestens einem Konzertabend-Abbruch führen muss. Und so ist es auch gut.
Nach einem wirklich wichtigen ersten Ausschlafen seit Tagen steckt wie immer am Festivalsamstag die Woche in den Knochen und das Energielevel hat sich irgendwo in der unteren Hälfte eingependelt. Zeit also, sich gemütlich mit einem Kaltgetränk vor den kleinen Open Air Bühnen zu positionieren und noch ein paar Eindrücke mitzunehmen bevor das schönste Septemberwochenende des Jahres endet. Erwartungsgemäß holt mich der Berliner Rapper <b>SQF2000</b> überhaupt nicht ab. Das heißt: Die Beats schon, die sind grandios, aber die Texte brauch ich nicht. Also auf zum N-Joy-Reeperbus, wo man Bands und Künstler*innen des Tages in appetitlichen 15-Minuten-Häppchen serviert bekommt und zwischen den Acts immer so viel Pause hat um sich ein neues Getränk zu holen. Dort begegne ich dem blutjungen Songwriter <b>TJARK</b>, der zwar irgendwie genau den Indie Pop macht, den in Deutschland gerade alle machen, wenn sie nicht Edwin Rosen nacheifern; selbstreflektierende Texte, ein Trennungs-Lied (insert Mädchenname of choice here, in diesem Fall ist es Isabell) und innere Zerrissenheit, alles da. Was TJARK aber auszeichnet ist, dass er tatsächlich gute Lyrics und wirklich gute Songs hat und auch solo am Klavier ausgezeichnet funktioniert. Von dem wird man noch ganz viel hören und sehen, das ist felsenfest sicher. Es folgen <b>Durry</b> aus Minneapolis, die anscheinend einen durch TikTok befeuerten Hype erleben – hört man diesen sehr klassischen Mix aus College Punk und Emo Pop, hier lediglich mit zwei Gitarren dargeboten, darf man darüber schon überrascht sein, dass so etwas heute noch zieht. Aber die Songs sind super, der Sympathiefaktor hoch. Das geht schon in Ordnung so!
Die darauf folgende Pause verbringe ich beim Lieblings-Inder, der aber nur noch Plätze draußen hat – wo ich leider plötzlich im Regenguss sitze. Danach ist alles kalt (mein Essen auch) und die Müdigkeit liegt tonnenschwer auf meinen Schultern. Und ich treffe eine Entscheidung, mit der ich wohl auch nicht alleine bin: Ich lasse die vergangenen Tage und die vielen Konzerte, Begegnungen und Schritte Revue passieren und finde, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, einfach nach Hause zu fahren. Ein letzter kurzer Blick auf die Spielbude XL und die Show von <b>Chinchilla</b> – guter, energiereicher Mix aus Pop, Rap und EDM, unterbrochen von Gesängen der sich auf dem Kiez für den Abend stärkenden Schalker Fans, die am Abend am Millerntor beim FC St. Pauli gastieren – und dann geht’s in die Bahn.
Das Reeperbahn Festival hat mal wieder alles gegeben um meine Sinne zu beschäftigen und mich Inspiration tanken zu lassen. Der Ausflug in die unumgängliche Vollüberreizung ist ein weiteres Mal nicht weniger als eines der größten Highlights des Jahres zu bezeichnen – die soziale Batterie kann man überhaupt nicht schöner leer ziehen als an diesem Wochenende in Hamburg. Tolle Konzerte, viele Überraschungen, viel entdeckt, in Gesprächen verloren, wenig geschlafen, alles gehabt: Danke, dass es das gibt!
Und ich freu mich jetzt schon unglaublich aufs nächste Jahr.

<i>Text: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Sat, 30 Sep 2023 13:54:41 +0200</pubDate>
			
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			<title>Kein Wetter der Welt wird diese Liebe zerstören: Nillson beim Appletree Garden 2023</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/kein-wetter-der-welt-wird-diese-liebe-zerstoeren-nillson-beim-appletree-garden-2023.html</link>
			<description>Normal ist gar nichts an diesem ersten Augustwochenende in Deutschlands Festivallandschaft. Wochenlanges Herbstwetter mit zum Teil heftigem Regen hat die Wiesen, die im Sommer die Welt bedeuten, in Matschwüsten verwandelt. Das ist an sich nicht neu, das haben wir alle schon erlebt. Gummistiefel gehören zur Kernausrüstung für Festivalisten, genau wie das Regencape, oder man verzichtet zumindest auf letzteres, und wer schon mal während der Lieblingsband von deren Show man sich unmöglich trennen und ins schützende Zelt verziehen kann in einen stabilen Guss geraten ist, kennt das unbeschreibliche Gefühl, bis auf die Socken durchnässt, aber unfassbar glücklich zu sein.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Aber Anfang August 2023 gehen die Bilder aus Wacken durch die Medien, von gestrandeten Festivalbesuchern auf Autobahnen und Landstraßen und provisorischen Camps auf dem „Parkplatz Rot“ am Hamburger Fußballstadion, von Anfahrts- und schließlich auch Einlasssperren und von dem ewigen Schlamm, der zwar dazugehört in Wacken, aber nun plötzlich ein Sicherheitsrisiko darstellt. Und das ist neu: Das, was man mit einem (gequälten) Lächeln in jedem Festivalsommer in Kauf nimmt für ein paar schöne Tage, wird plötzlich zu einem ernstzunehmenden Risiko.
Den Bogen von Wacken zum geliebten Glitzerwochenende beim Appletree Garden in Diepholz zu spannen, fällt in diesem Zusammenhang zum ersten Mal in meinem Leben nicht mal schwer. Aber es ist eigentlich auch egal, wo man hin schaut, die Bilder gleichen sich. Rocken am Brocken muss zusätzlich zum Matschboden auch noch eine Sturmwarnung für den Donnerstag herausgeben, und auch das Haldern Pop schwimmt weg. Die Wetterextreme sind real und nun endgültig auch im Festivalsommer angekommen. Die viel zu heißen Mai- und Juni-Wochenenden sind ebenfalls noch gut im Gedächtnis.
Man kann diese Geschichte aber nicht erzählen, ohne den Organisator*innen und Crews an dieser Stelle einmal ein riesengroßes Lob auszusprechen, ja, sich einmal ganz tief zu verneigen. Dass Probleme zum lösen da sind ist eh klar, aber mit wie viel Umsicht, guter Kommunikation und schnellen, validen Ansätzen das passiert ist, verdient riesengroßen Respekt. Was beim Appletree konkret bedeutet: Bei den Parkflächen wird kein Risiko eingegangen, die werden einfach dicht gemacht. Statt dessen steht der Marktplatz in Diepholz zur Verfügung, Shuttles werden eingerichtet. Und wer kann, möchte bitte die (ohnehin umweltfreundlichere) Anreise mit dem Zug auf sich nehmen. Da sich unweit vom (übrigens nicht betroffenen) Campingplatz ein großer Supermarkt befindet, können sämtliche Einkäufe ja auch vor Ort erledigt werden. Und fürs Caravan Camp steht der einzige halbwegs trockene Acker in reduzierter Form nach wie vor zur Verfügung – schon am Donnerstagmorgen steht allerdings auch eine ganze Armada von Traktoren bereit, um die Unverdrossenen direkt aufs Terrain zu ziehen. Das funktioniert alles absolut reibungslos und entspannt, also sind die Menschen es auch. Was so easy klingt erforderte mit Sicherheit schlaflose Nächte und beträchtliches Herzrasen, darum: Chapeau und Konfetti schon vor der Ankunft. Es ist hochverdient.
Und was für eine Belohnung muss es dann sein, wenn am Donnerstag tatsächlich die Sonne am Start ist und sagt: Ihr habt jetzt echt genug gelitten, hier habt ihr etwas Wärme? Da erwachen Lebensgeister nochmal ganz neu und da zeigt sich, dass eine „Jetzt erst recht“-Haltung auch irgendwie einfach dazu gehört und dieses Gefühl, nach überstandenen Strapazen das zerknitterte Gesicht in die streichelnden Sonnenstrahlen zu halten, unübertrefflich schön ist. Eine kleine Zitterpartie bieten nochmal der monsunartige Regen auf der Hinfahrt bis kurz vor Diepholz und die pechschwarzen Wolken am Himmel, vor denen man sich in den Shuttlebus rettet, aber bis auf ein paar Tropfen bleibt es friedlich und die einzige weirde Randnotiz ist der Ballermann-Schlager, den der Busfahrer auflegt – auf ein so rücksichtsvolles, waches, buntes, liebevolles Festival wie dem Appletree Garden mit dummbatzig-sexistischer Mallorca-Mucke anzureisen („Das ist der Klempner Klaus, gibt jeder gern die Faust, kein Geld für Alimente, er zieht ihn vorher raus“) sorgt zurecht für reichlich Augenverdrehen im Doppeldecker.
Aber dann ist es geschafft, erstes Kaltgetränk, Bändchenschlange, und dann steht man in Gummistiefeln und Regenponcho sprudelnd vor Glück zwischen seinen Freund*innen mitten im Zauberwald und kann sein Glück mal wieder kaum fassen. Überall strahlende Gesichter, schon beim Durchschreiten des neu gestalteten, leuchtenden Tores zum Campingplatz. Das ist dieser besondere Appletree-Spirit. Man wird wieder Kind im besten Sinne, die Augen sind groß und die Herzen weit. Jetzt kann es los gehen.
Und einen besseren Eröffnungs-Act als die Indie-Soul-Durchstarter von <b>Blumengarten</b> kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen (sowieso ist die Kombination Blumengarten-Apfelbaumgarten eigentlich eine Selbstverständlichkeit). Das Duo ist durch wunderbare Songs wie „Paris Syndrom“ und „Wiedersehen“ über die Geheimtipp-Schwelle gegangen und trifft jetzt auf ein euphorisches wie textsicheres Publikum, was die Band ebenfalls sichtlich mit Glückseligkeit erfüllt. <b>Fuffifufzich</b> zählt zu den derzeit spannendsten Künstlerinnen dieses Landes, auch ihr Mix aus Synthiepop und R’n’B trifft hier auf ganz viel Liebe. Die inzwischen zur echten Indie-Pop-Institution angewachsenen <b>Blond</b> bekommen mit einem Warmup der Rave Aerobic-Truppe in der neu geschaffenen Oase, einer kleinen DJ-Stage, die perfekte Steilvorlage für amtlichen Abriss zwischen Feminismus, Dadaismus und messerscharfen Alltagsbeobachtungen im glitzernden Powerpop-Kleid.
Über <b>Bilderbuch</b> und das Appletree kann man auch Geschichten erzählen. Denn diese Band und dieses Festival gehören in ihrer schillernden Farbenpracht einfach zusammen. Dass Bilderbuch zuletzt tatsächlich vor sieben Jahren hier waren, damals sogar als Secret Act, wirkt irgendwie unvorstellbar. Die wirken hier einfach allgegenwärtig. Es wäre eigentlich der perfekte Donnerstags-Headliner, aber auch auf dem Co-Posten performen die Jungs mit unfassbarer Liebe zum Detail, kicken überraschend viele Classic Rock-Elemente und haben natürlich einen ganzen Fächer voll Hits am Start, die hier auch jeder kennt. Es ist die vollendete Symbiose.
Die Entdeckung des Tages kommt aus Brighton und heißt <b>Porridge Radio</b>. Die Band um Sängerin Dana Margolin spielt im rappelvollen Zelt eine in jeder Hinsicht mitreißende, herzbrechende und hochenergetische Indierock-Postpunk-Show; an keinem anderen Ort auf diesem Festival hätte das so gut funktioniert, denn es muss (mehr oder weniger) dunkel sein, um all diese Emotionalität, die sich dazu auch noch in überaus tanzbaren Hymnen wie „7 Seconds“ oder „The Rip“ manifestiert, auf den Punkt zu bekommen. Ganz großes Kino und definitiv nicht nur ein paar neue Einträge in unsere Lieblings-Playlists wert.
Den Abschluss auf der Hauptbühne bestreiten <b>Nu Genea</b>, und das ist eine kleine Überraschung, denn so ein offensichtlicher Headliner wie beispielsweise Bilderbuch ist das Projekt aus Neapel eigentlich nicht. Da fehlen ein bisschen die Hits und der Mitsingfaktor, aber ganz unbestreitbar passt dieser fluoreszierende Mix aus Italo Disco, Funk und Elektropop wie gemalt zwischen die wieder mal in allen Farben leuchtenden Kunstkonstruktionen, die euphorisch in den Himmel gereckt werden, die Lampions und die strahlenden Blüten auf dem Appletree Garden. Das hat einen unwiderstehlichen Groove und zeigt, dass man nicht unbedingt nur exaltiert zu Songs tanzen können muss, die einem schon jahrelang ans Herz gewachsen sind.
Der Freitag beginnt auf der am Vortag noch nicht bespielten Waldbühne mit einem äußerst spannenden Hybrid aus sphärischem Indie-Ambient, elegischem Pop und überraschend tanzbarem Indierock von <b>Dolphin Love</b> aus Hannover, der unter anderem à la Sigur Ròs die E-Gitarre mit einem Geigenbogen bearbeitet und sich immer weiter steigert bis auch der letzte weiß: Dieses Projekt muss man sich merken. Bei <b>Steintor Herrenchor</b> auf der Hauptbühne handelt es sich nicht um ein semi-ironisches Chorprojekt aus dem namensgebenden Hannoveraner Szeneviertel, sondern um ein Trio, das die nach wie vor hoch wogende Neue Neue Deutsche Welle bis ins letzte Detail aufs stilvollste zelebriert, ein wenig weht hier der umjubelte Auftritt von Edwin Rosen aus dem letzten Jahr nach. Und es ist sehr schön zu sehen, wie beeindruckt die Band von der Hingabe ihres Publikums ist: „Ihr seid das größte Publikum vor dem wir je gespielt haben, das ist alles Wahnsinn hier!“ In jedem Fall gelingt der Band ein wunderbar mitreißender und umarmender Auftritt, von denen wird man noch mehr hören, so viel steht fest.
Für mich gibt es dann nach Jahren als Appletree-Gast tatsächlich eine Premiere: Zum ersten Mal geht es zu einer der alljährlich wiederkehrenden Lesungen vom hochgeschätzten <b>Dirk Gieselmann</b>, Appletree-Gründungsmitglied, Kolumnist und Schriftsteller, der allein in diesem Jahr mit dem Roman „Der Inselmann“ und dem wunderschönen Bilderbuch „Was macht die Nacht“ gleich doppelt lesenswertes veröffentlicht hat, hier aber einen Vorgeschmack auf sein im Herbst erscheinendes Werk „Pearl Jam, oder: Du sollst keine gute Laune haben“ gibt und uns mitnimmt in eine Jugend, in der Musik der Ausweg aus der ländlichen Tristesse und der Kleinbürgerlichkeit war. Da findet man sich wieder. Das möchte man im Regal stehen haben.
Der schwelgerische Synthiepop von <b>Zimmer90</b> bringt die Quintessenz vieler beim Appletree gebuchter Bands auf einen Nenner: Strahlend, schimmernd, tanzbar, bunt. Macht Spaß. Auf <b>strongboi</b> auf der Waldbühne hatte ich mich eigentlich gefreut, zumal es sich dabei um das neue Bandprojekt der sehr geschätzten Alice Phoebe Lou handelt, aber der Genremix aus Jazz, Funk und Ambient fängt mich irgendwie nicht ein. Also wird sich mit einer amtlichen Portion Fish &amp; Chips für den Abend gestärkt, denn der soll es in sich haben.
Er beginnt mit Manuel Bittorf und seiner Band alias <b>Betterov</b>, der sich in den letzten Jahren zu einer absolut festen Szenegröße gemausert hat. Das Debütalbum „Olympia“ war eigentlich gar kein „richtiges“ Debüt, weil schon die vorhergehende EP „Viertel vor irgendwas“ und Singles wie „Dussmann“ oder „Platz am Fenster“ längst jeder mitsingen konnte als die Platte im letzten Jahr erschien. Die Premiere bei einem von Deutschlands schönsten Festivals: Überfällig. Entsprechend euphorisch wird Betterovs Set gefeiert und wirklich jeder Song (inklusive der ganz frischen Single „Jil Sander Sun“) Wort für Wort mitgesungen, und für mich bleibt es dabei: Dieser düster-melancholische, aber gleichzeitig unglaublich extrovertierte und sehr tanzbare Post-Punk-Indie-Pop gehört zu dem attraktivsten, was man derzeit aus hiesigen Gefilden zu hören kriegt.
Nachdem der <b>Hamburger Kneipenchor</b> am Glitzerstand schon mal einen unverstärkten Vorgeschmack auf das am nächsten Tag folgende Konzert gibt, steht <b>Mine</b> mitsamt zwanzigköpfigem (!) Orchester auf der Bühne – auch ihre Shows sind immer absolute Highlights, eine „Pop-Rap-Revue“ nennt es das Appletree in den Liner Notes und das trifft es auf den Punkt, denn Mine hat inzwischen wirklich ein großes Repertoire an unvergesslichen Hits am Start – und bekommt nochmal extra Ovationen als sie plötzlich auch noch ihren Duettpartner auf Albumlänge, <b>Fatoni</b>, aus dem Hut zaubert. <b>Biig Piig</b> setzt auf der Waldbühne ihrem strangen Projektnamen einen sich stetig steigernden Mix aus Lo-Fi-Pop und Hip Hop entgegen, der zum Schluss restlos begeistert, während <b>Frida Darko</b> im Tiefen Holz mit einem wirklich wunderbaren DJ Set zeigt, warum diese ja auch erst ein Jahr alte Location so ein immenser Gewinn fürs Appletree Garden ist – alles tanzt, alles liebt, alles ist verschmolzen zu einer begeisternden, flowenden Masse und alles ist einfach Gefühl.
Dann wird es emotional, denn <b>Bombay Bicycle Club</b>, die bereits 2011 beim Appletree gespielt haben – es ist einfach über eine Dekade her! - sind nach Ewigkeiten wieder in Deutschland zurück, und dann auch noch hier, wo man sie so liebt wie vielleicht an wenigen Orten sonst. Das sind die Indie-Helden des Tages, im Herbst kommt endlich ein neues Album samt Tour, man wird sich wiedersehen und wieder gemeinsam schwelgen, es ist ein wunderbares Konzert, und als die Band „Always Like This“ anstimmt, singt das ganze Festival. Ein wirklich mehr als würdiger Abschluss des Tages.
Am Samstag hängt dann doch wieder ein großes Unwetter wie ein Damokles-Schwert über dem Gelände. Irgendwann wird es den Einbruch geben, das ist unbestreitbar. Aber bis dahin verbringt man ja die Zeit am allerbesten mit tanzen. Der Körper ist noch nicht müde, die Euphorie noch zu groß. Wer den gemütlichen Start will, begibt sich zum Gaga-Comedy-Pop-Programm von <b>Luksan Wunder</b> ins Zelt, die man unter anderem von ihren göttlichen „Korrekte Aussprache“-Videos und – ich für meinen Teil – von ihren noch göttlicheren Bad Lip Reading-Videos kennt, in denen Songs von AnnenMayKantereit, Juse Ju oder Bilderbuch plötzlich einen ganz neuen Anstrich bekommen. Und sofort wird auch der Geist wieder aufgeweckt. Genial.
Mit einem wunderbar lässigen Auftritt spielen sich am Nachmittag <b>Donkey Kid</b> (Alter, sind die jung!) in den Fokus. Das ist schon wirklich enorm versiert, Lo-Fi-Indiepop mit Slacker-Attitüde und einer Miniprise Wave für die genau richtige Portion 80s-Referenz – fertig ist eine der spannendsten Newcomer-Bands des Jahres. Der <b>Hamburger Kneipenchor</b> erlebt im Tiefen Holz, dass das Appletree Garden Chöre einfach liebt: Es ist kein Rasen mehr zu sehen, die Leute gehen unfassbar mit und plötzlich gibt es sogar einen Circle Pit, aber bei Hits wie „Livin‘ On A Prayer“ oder „As It Was“ kann halt auch jeder mitgehen, das ist ein Stück Ewigkeit, und kaum jemand hat sich als Interpret dieser Hymnen im Chorgewand so verdient gemacht wie diese großartigen Hamburger Jungs und Deerns, die ihr Glück sichtlich kaum fassen können. 
Große Liebe und Sympathie dann für den wundervollen <b>Lie Ning</b> im Zelt mit einer queeren Soulpop-Revue von berückender Intensität. 2022 hatte der Berliner leider absagen müssen, dass es in diesem Jahr doch geklappt hat, dürfte jedem die Herzen geweitet haben, der dabei war. Zum Glück ist es vom Zelt nicht weit bis zur Hauptbühne, denn dort warten <b>Warhaus</b>, deren Sänger Marten Devoldere durch seine Band Balthazar ja ein gern gesehener Gast im Apfelbaumgarten ist. Seine wunderbar kunstvoll leichten, melancholiegetränkten Indiepop-Songs sind wie immer wundervoll anzuhören. Wiedersehensfreude par excellence.
Es folgt das große Donnerwetter und mittendrin das famose Abschiedsdoppel aus der immer wieder sehenswerten <b>Crucchi Gang</b> um Alleskönner Francesco Wilking (Tele, Die höchste Eisenbahn, etliche Beiträge zu den Unter meinem Bett-Kinderlieder-Samplern und ganz frisch mit dem Projekt Artur &amp; Vanessa am Start), die mit einer ganzen Schar illustrer Gäste allseits ans Herz gewachsene Indiepop-Hymnen so hochsympathisch in den Italopop überführt, das man wirklich nicht anders kann als übers ganze Gesicht zu strahlen und sich trotz Regen wie auf einer Sommerwolke zu fühlen, den Aperol Spritz in der Hand, selbstverständlich.
Und dann sind da natürlich noch die famosen <b>Von Wegen Lisbeth</b>, genau wie Bilderbuch eine dieser Bands die einfach an diesen Ort passen wie Eis am Stiel zum Hochsommer. Da steht exakt überhaupt gar keiner mehr still, das bedeutet einfach Hits, Hits und nochmal Hits, und live ist diese Band sowieso eine Wucht und eine Wonne. So viel Spielfreude, so viel Energie, es ist ein perfektes Abschlusskonzert (für die, die nicht noch im Tiefen Holz oder an der Oase die Nacht zum Tag machen), das beseelt und glücklich macht. Noch ein, zwei, drei letzte Kaltgetränke zwischen geliebten Menschen, noch ein bisschen treiben lassen durch die kunterbunte Dunkelheit im Apfelbaumgarten, und dann, ja dann ist es wieder vorbei. Unglaublich, wie schnell das immer geht.
Nachdem die Trecker der umliegenden Landwirte am Sonntag ihr möglichstes getan haben um die Heimreise nicht zu einer zentnerschweren Hängepartie zu machen (DANKE dass es euch gibt, Leute!!!), man die Gummistiefel gespült hat und die erste Waschmaschine voller Matschklamotten rotiert, ist das Gefühl aber immer noch da. Leuchtet es in allen Farben, sobald man die Augen schließt. Rauscht es noch immer in den Ohren von so viel wunderbarer Musik. Spürt man die Wärme der Umarmungen noch an seinem ganzen Körper.
An das Appletree Garden 2023 wird man sich aus mehreren Gründen erinnern. Zum einen, weil man wieder mal gemerkt hat, dass es einer der schönsten Plätze des Sommers ist. Die Lampenschirme, die Lichterketten, die Lampions, die Blumen: Über all das spricht man Jahr für Jahr wieder und jedes Jahr wieder überwältigt es einen. Man wird sich erinnern, wie hingebungsvoll einfach jedes Mitglied dieser Crew alles dafür getan hat, dass dieses Wochenende so reibungslos und unanstrengend wie möglich für jeden einzelnen besuchenden Menschen geschehen kann. Und ich habe niemanden gesehen, wirklich niemanden, den das nicht berührt und beeindruckt hat. Ich habe es eingangs schon erwähnt, aber ich sage es noch hunderte Male: Unsere Dankbarkeit für euren Einsatz ist unermesslich.
Ich werde mich auch im nächsten Jahr, wenn mir wieder so vieles aus dem Lineup auf den ersten Blick fremd und unbekannt erscheint, daran erinnern, mit wie viel Liebe zum Detail hier die Künstler*innen und Bands gebucht werden, um ein wunderschönes großes Ganzes zu kreieren und Situationen geschaffen werden, die vielleicht an anderen Plätzen so nicht funktionieren würden. Und ich werde auch im nächsten Jahr wieder früh aufstehen, um zu erleben, welche musikalischen Geschenke mir hier wieder gemacht werden, an die ich noch lange denken werde.
Ich werde mich daran erinnern, wie gerade in diesen Festival-Extremsituationen eine Gemeinschaft und ein Zusammenhalt auf diesem Festival entstehen, die ihresgleichen suchen. Und ich habe zum ersten Mal an diesem Ort so richtig wahrgenommen, wie überwältigt auch die Bands und Künstler*innen davon waren. Wenn nichts selbstverständlich ist, hat die Liebe ein umso größeres Gewicht. Und dieses Gefühl hat jeden übermannt, der an diesem ersten Augustwochenende in Diepholz dabei war, als wirklich gar nichts mehr normal war im Festivalsommer. 
Und es hinterlässt bei mir die tiefste Gewissheit: Wenn Festivals dieser bessere Ort sind, an dem die Schlechtigkeit der wütenden Welt keinen Zutritt hat, an denen die Utopie von Märchenhaftigkeit, Staunen, Feiern und Freiheit Bestand hat, dann bleibt dieses Festival eines, an dem man sich immer und immer wieder, Jahr für Jahr, der Tatsache vergewissern sollte, dass das Leben doch schön ist.

<i>Text: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Fri, 11 Aug 2023 15:00:31 +0200</pubDate>
			
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			<title>Nur noch finden. Nicht mehr suchen. Nillson beim Orange Blossom Special 2023.</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/nur-noch-finden-nicht-mehr-suchen-nillson-beim-orange-blossom-special-2023.html</link>
			<description>Die Welt ist schon wieder an und das OBS ist aus. Dass das immer so schnell gehen muss. Und auch dieses Jahr, habe ich das Gefühl, ist es förmlich gerauscht, an mir vorbei und durch mich durch, und hat mich durchgewirbelt, dieses Orange Blossom Special, dieses zuhausigste Festival, diese wundervolle, reparierende, aufbauende, kraftspendende Entität. Die Sonne war mit dabei und hat alles gegeben, was sie konnte. Das kann man ihr nicht hoch genug anrechnen. Sie hat eines der schönsten Wochenenden im Jahr (wenn nicht das schönste) in strahlendes Licht getaucht, als wollte sie sagen: Ich meine es gut mit euch. Es ist schön, dass ihr zusammen seid, ihr alle, da vor und hinter und auf der Bühne. Strahlt so wie ich! Ihr habt es verdient!</description>
			<content:encoded><![CDATA[Aber es ist ja irgendwie auch ein besonderes OBS. Denn es gibt endlich die verspätete Geburtstagsfeier, die eigentlich schon 2022 hätte stattfinden sollen, was sie nicht tat, ihr wisst ja alle warum. Und auch wenn ours truly Rembert Stiewe die Ehrentagsbezüge gewohnt bescheiden hält, sind sie natürlich da. Wenn du ein halbes Jahrhundert lang machst, was du erst nur am liebsten gemacht hast und inzwischen vielleicht sogar am besten kannst, darfst du schon ein bisschen die retrospektive Brille aufsetzen und das Nähkästchen öffnen. Von der vielzitierten Schnapsidee ohne auch nur das annäherndste Festival-Know-how im Jahr 1997 bis zur Erschaffung eines Ortes, der für 3.500 Menschen im Jahr so viele Sehnsüchte füttert und Wunden heilt, ist immerhin eine ganze Menge Wasser die Weser heruntergeflossen.
Doch da verweise ich viel lieber nochmal auf die dreistündige, Podcast-eske Vorbereitungsshow auf Radio Oldenburg 1, in der Rembert mit dem guten Torsten Folge (mal googeln bitte!) ein ganz wunderbares Telefon-Interview führt, aus dem einfach jedes OBS-historienrelevante Wort eure Neugier befriedigen wird, wie das alles losging und war damals (die drei Stunden muss man sich echt nehmen, am Stück und überhaupt). Ich bleibe im Heute und gehe all in mit Kerzen im Kopf und Kuchen im Herzen. 25 Jahre Orange Blossom Special, und inzwischen habe ich auch schon viele miterlebt. Das macht mich erstaunlicherweise nicht sentimental. Es macht mich dankbar.
Die Poetry-Slammerin Sarah Lau hat diesem Herzensfestival zu Ehren einen Text geschrieben, der im letzten Trailer Verwendung fand. Wenn man den gesehen hat, muss man es eigentlich unmöglich finden, noch eigene Worte aufzuschreiben. Zumindest zum Allgemeinen. Jeder einzelne Satz eine Wahrhaftigkeit. Soll ich zitieren? Denn vom ersten Moment an, in dem ich das Gelände betrete, fallen mir immer wieder neue Zeilen daraus ein, und in mir drin nicke ich still.  „OBS heißt Urlaub“ ist so eine. Ich bin dieses Jahr aus Gründen, zu denen ich noch komme, nicht zu 100% entspannt als ich ins Auto in Richtung Beverungen steige. Die Wände des Tunnels verengen sich und meine Gedanken rasen. Ist an alles gedacht? Wird das alles gut? Und so richtig geht das auch noch nicht weg, als ich mit Blick auf die Weser und das Panorama erstmal kurz sitze und ankomme und nebenbei ungefähr das halbe Camp schon im Vorbeigehen kennenlerne. Aber als ich um die Ecke Richtung Kasse schlendere, ist das Strahlen da. Wie hergezaubert. Und eine Leichtigkeit erfüllt mich. Jetzt ist alles richtig so wie es ist. DAS ist das wahre Ankommen. Die erste Begrüßungsrunde soll eine kurze werden. Als ob das auf dem Orange Blossom Special möglich wäre. „Raus aus dem Alltag, rein in die Musik, rein in den Genuss, in den Tanz, in das Glück“. You’re at home, Baby, finally again.
„OBS heißt Familie, heißt willkommen sein und bei der Hand genommen werden. Egal wie neu man ist, egal ob man sich auskennt, egal ob man sich kennt, hier bist du eine*r von uns, eine*r vom bunten Haufen.“ Du siehst sie alle wieder jedes Jahr. Und du weißt es. Denn das OBS ist und bleibt klein und fein, es ist ein weiteres Mal nicht ganz ausverkauft, das ist schade und falsch, denn was diese Menschen, die statt dessen was anderes machen, an Zusammenhalt und seelisch aneinander Aufrichten verpassen, werden die nicht in Gänze verstehen können wenn sie nicht dabei waren. Sie können nur neugierig werden und nächstes Jahr mitkommen. Aber du triffst dich an diesem Ort, teils sogar nur das eine Mal im Jahr, und die Umarmungen hören gar nicht auf. Wer zum ersten Mal da ist, spürt den Vibe schnell und hat ihn spätestens am nächsten Abend so sehr aufgenommen, dass er Pfingsten 2024 jetzt auch was vor hat. Wie freundlich man an diesem Ort zueinander ist, erfüllt mich immer wieder mit so viel Glück, weil die Welt auch anders sein kann und wir das alle wissen.
„Das ist geballte Liebe auf deinem Fleck“. Wo das in diesem Jahr übrigens besonders hervorsticht, für alle Augen sichtbar, ist in dieser einzigartigen Beziehung zwischen Rembert und seinem Team. Wie grandios ist das bitte, dass eine Band aus Crewmitgliedern am Sonntag auf einmal auf der Mini-Bühne steht? Und mit Dan Mangans „Robots need love, too“ einen der absolut magischsten Orange Blossom Special-Momente of all time zurück in den Glitterhouse-Garten bringt? Das ist aber noch gar nichts gegen den Plan, der für den wohl rührendsten Tränenfluss des Wochenendes sorgt. Bei der traditionellen Versteigerung eines von allen Künstler*innen und Bands signierten Gemäldes für einen guten Zweck am Festivalsonntag ist Rembert nämlich bisher immer leer ausgegangen. Das ändert sich in diesem Jahr, weil seine Crew zusammengeschmissen hat, einen Strohmann mitbieten lässt und dem völlig entgeisterten Chef das Jubiläumsbild überreicht. Das ist einfach insofern so besonders und wunderbar, weil du halt spürst, mit wie viel Liebe auf diesem Festival zusammen gearbeitet wird, jeder auch hinter der Bühne seinen Platz, seine Wichtigkeit und Relevanz hat, einsatztechnisch wie menschlich, und dass da was an den Mann zurückgegeben werden will, der sich das ausgedacht hat; weil das OBS auch für diese Menschen das besonderste Wochenende im Jahr bedeutet. Ja, verdammt, das ist wirklich geballte Liebe auf einem Fleck.
Als kleine Insider-Info sei noch erzählt, dass die obligatorischen Aftershow-Parties im Stadtkrug (denen ich leider ferngeblieben bin) zumindest für die Crew am Sonntagabend seit letztem Jahr mit einem plötzlich sehr ausgedehnten Backstage-Afterglow einen würdígen Ersatz gefunden haben. Waren 2022 noch Tom Allan &amp; The Strangest plötzlich mit einer Gitarre am Start, steht dieses Jahr plötzlich die Boombox da und alle, die sich mit wenig Schlaf und anstrengenden Schichten das Wochenende zurechtgebastelt haben, feiern gemeinsam zu ihren Lieblingshits. Wenn ich über Verbundenheit noch was lernen musste, habe ich es dieses Jahr gelernt.
„Hier geht’s darum […] sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, aber wichtig genommen zu werden.“ Egal, wo du langläufst, egal, wo du gerade anstehst, überall ist Platz für ein Lächeln, ein freundliches Wort oder einen kurzen Schnack. Du wirst in der Crowd nicht rücksichtslos weggedrängelt oder es wird sich unachtsam vor dich gestellt wenn du kleiner bist und es deine Sicht auf die Bühne beeinträchtigen könnte von der der Kronleuchter strahlt. Wenn ein guter Freund von einer außergewöhnlich minimalen Arschlochdichte spricht, dann kann man das mit Goldstift unterstreichen. So kenne ich das von keinem anderen meiner Herzensfestivals sonst. Es ist egal wie du aussiehst, es ist auch egal, wie alt du bist, wo du herkommst oder was du im normalen Leben machst: Du bist doch aus dem gleichen Grund hier. Und damit bist du einer von den Guten. Wenn man das weiß, lässt es sich viel leichter mit Menschen aushalten. Wäre es doch immer so einfach. Und das bringt mich fast ganz unweigerlich zum anderen großen, wichtigen Thema des Wochenendes: Der Musik.
„OBS heißt Musik richtig hören und anständig wertschätzen“. Die bereits in vielen meiner Nachlesen gefeierte Bereitschaft dazu existiert ungebrochen. Egal, ob man dafür früh raus muss und ob die Nacht kurz war. Um Schlag 11:30 muss immer Musik da sein. Auf den Bühnen oder kreuz und quer bei den Walking Acts oder während man sich im wieder mal schön vielseitig aufgestellten Food Court mit indischen Currys, dem Saté Burger oder der obligatorischen Mini-Calzone für die weiteren Aufgaben des Tages stärkt, mit Blick auf die im letzten Jahr – aus Corona-Gründen zur Entzerrung der Besuchendenmenge – installierte Großbildleinwand. Und das beeindruckt mal wieder auch die vielen Bands und Künstler*innen, die das von anderen Festivals einfach nicht kennen, weil es da eben einfach meistens anders ist. Wenn du beim OBS spielst, dann wird dir auch zugehört. So einfach ist das. Der Grund? „Wenn Rembert die bucht, dann sind die auch gut. Zumindest sind sie dann hörenswert“. Was für ein Qualitätssiegel, Remberts Geschmack und Gespür. Größere Komplimente kannst du einem Veranstalter ja gar nicht machen. Und es lohnt sich halt auch, denn der Mix aus Neuentdeckungen, OBS-Veteranen und Szenegrößen ist mal wieder exquisit geraten.
Mit <b>Get Jealous</b> und <b>Philine Sonny</b> stehen gleich am Freitag zwei Bands bzw. Künstlerinnen auf der Bühne, die man in diesem Festivalsommer noch ganz oft zu sehen bekommen wird; die einen mit mitreißend-ass-kicking Garage-Pop-Punk und einem fulminanten Festivalauftakt, die andere mit introspektivem, aber doch sonnenklar-fließendem Songwriter-Folk. Die ukrainische Indie-Band <b>Love’n’Joy</b> gehört zu den Gewinnern des Eröffnungstages, ihr mit Verve gespielter Mix aus Britpop und Garage- bzw. Psych Rock begeistert, wird zurecht umjubelt und bekommt damit wohltuende Zuwendung in brisanten Zeiten. <b>Odd Couple</b>, aus meiner ostfriesischen Heimat schon seit langem in die Hauptstadt ausgewandert, reißen erwartungsgemäß die Bühne ab. Auf deren kleiner Schwester am anderen Ende des Geländes spielen Tom Allan &amp; The Strangest-Drummer Nico Stallmann mit Julia Zech und Sarah Esser als <b>Lightning Jules</b> elegischen Dreampop. Und einen Gisbert zu Knyphausen als Tagesheadliner zu wissen ist ohnehin immer eine erhabene Angelegenheit; ihn zu sehen ist immer schön, vor allem hier an diesem Ort, wo auch für ihn einst alles einen Anfang nahm, irgendwie. Heute ist er mit seiner Band <b>Husten</b> hier und das funktioniert nachts im Dunkeln ganz ausgezeichnet, wenn es auch die Größe und berührende Tiefe seiner Solo-Songs nie ganz erreicht, aber das eine ist halt das eine und das andere ist das andere, und Husten bringen uns heute mit einem guten Gefühl ins Bett.
Der Samstag sollte eigentlich mit fein ziseliertem Kammer-Pop von Malva beginnen, doch die ist leider krank geworden. Dafür springen <b>Loki</b> aus Paderborn ein und sind mit ihrem herrlich hymnischen, breit aufgestellten Folk-Pop für mich direkt eine der Entdeckungen des Wochenendes. Mit acht Leuten auf der Bühne, mit Streichern und Bläsern und auch mit ein wenig Elektronik klingt das wirklich extrem reif und von Weltformat, und ich möchte bitte auf der Nachhausefahrt am Montag die ganze Zeit dieser Band zuhören. Aber dass ich mich förmlich dazu zwingen muss und will, immer wieder ein Auge und ein Ohr zu riskieren, liegt an dem, was gerade nebenbei passiert und warum mich die Tunneligkeit am Anreisetag so fest im Griff hatte.
Denn inzwischen ist meine eigene Band gelandet und 44 kleine bis junge Menschen sind aus dem Bus gestiegen, und die sind alle ziemlich excited auf das, was da wohl gleich um sie herum passieren wird. Für mich ist der zweite Auftritt meiner <b>Tiny Wolves</b> auf dem Orange Blossom Special insofern ein ganz besonderer, weil hier 2019 alles für uns begonnen hat und dieses Projekt ohne dieses Festival einfach nie das wäre was es heute ist. Weil Rembert an das Konzept geglaubt hat, dass da eben nicht einfach ein „putziger Kinderchor“ „niedliche Liedchen“ singt, sondern dass möglicherweise eine ungeahnte Tiefe darin steckt, wenn „erwachsene“ Songs aus kindlicher Sicht interpretiert werden, von Freunden für Freunde – und den Menschen das vielleicht sogar gefallen könnte. Und er uns als Walking Act eingeladen hat und wir zwei Songs unterm Kronleuchter spielen durften und das so besonders war und wir das gar nicht alleine so fanden. Und da jetzt ein veritables Chor-Band-Projekt daraus geworden ist, das man in den Festivalsommern dieses Landes seitdem auf so einigen Plakaten findet. Was ja wirklich alles Wahnsinn ist wenn man mal drüber nachdenkt. Vier aus der Band waren schon 2019 dabei und sind den ganzen Weg bis heute mit mir gegangen, sie schauen also nochmal mit einem anderen Strahlen auf diesen Tag als der (nicht weniger glückliche) Rest. Da bist du 12 Jahre alt und trittst heute schon zum zweiten Mal auf dem Orange Blossom Special auf. Es ist doch irgendwie auch verrückt.
Heute dürfen wir ganze 40 Minuten spielen und das Set fühlt sich für alle, auch für unseren Cajon-Boy Tammo, trotz bis ganz hinten gefüllten Reihen an wie im Wohnzimmer, organisch und richtig, und die Atmosphäre überträgt sich auf jeden einzelnen, der da steht und „Ich will da sein wenn es passiert“ singt. Und wieder liegt diese andächtige Stille über dem Glitterhouse-Garten und wieder gibt es Tränen vor und auf der Bühne und alles ist einfach nur schön. Ein Tag zum Einrahmen und niemals vergessen. „OBS heißt, keine Unterschiede zu machen […], OBS heißt, du darfst sein wer du bist und wie du bist.“ Und wenn du Kind bist, wird dir hier genauso zugehört wie einer Rockband aus Amerika. Dieses Gefühl von „Das wann ist genau jetzt und das wo ist genau hier“ ist unbeschreiblich für uns alle. Am Nachmittag werden Shirts bemalt und es wird die Fotobox leer fotografiert, es gibt Mitmachzirkus-Spaß und ein Abschlussfoto vorm Wandgemälde, und dann geht es, überwältigt von Sonne und Eindrücken, wieder nach Hause, begleitet von winkenden Händen und in die Luft gehaltenen Herzen. Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich bin.
Zwischendurch versuche ich natürlich Musik zu hören. Und freue mich über die Homies von <b>Deniz &amp; Ove</b>, deren Konzept genau in die andere Richtung läuft als unseres („Erwachsenenmusik von Kindern“ vs. „Kindermusik von Erwachsenen“), aber bei niemandem den ich kenne funktioniert das besser, aufrichtiger und authentischer. Zwei Sets auf der Minibühne gibt es, an denen klar spürbar nicht nur Kinder Spaß haben, und ich find’s genial. A propos Minibühne: Auf der spielt einer der Gewinner des heutigen Tages, der kanadische, brasilianischstämmige Wahlberliner <b>AfroDiziac</b>, und das ist der pure Abriss, irgendwo zwischen Psychedelic, Sixties Rock und Grunge, explosiv und in jeder Hinsicht spektakulär, und ein unfassbar guter Typ ist das auch noch. Ich lege mich fest: Den hat man beim Orange Blossom Special nicht zum letzten Mal genießen dürfen.
Die Bands auf der Hauptbühne sind auch alle klasse, wenn sie auch im Trubel der eigenen Umtriebigkeit ein wenig in den Hintergrund rücken. Da wären <b>Kratzen</b> mit ihrem hypnotischen Krautrock, die feinen <b>Palila</b> mit ihrem herrlich 90s-referenziellen Indie Rock (für mich irgendwo zwischen frühen Nada Surf und frühen Weezer mit einer Prise Pixies), die absolut grandios groovenden Schweizer von <b>Saitün</b> mit orientalischen Einflüssen auf tanzbarem Indierock, von denen ich gerne viel mehr gesehen hätte (ich hoffe, die Chance kommt!). Und natürlich die wundervollen <b>Wrest</b> aus Schottland, die mit ihrem intensiven Breitwand-Pop irgendwo zwischen frühen Coldplay, We Were Promised Jetpacks und den späten R.E.M. zu verorten sind und die, hätten sie zu einem späteren Zeitpunkt gespielt, für mich fraglos eins der Wochenend-Highlights dargestellt hätten.
Deniz Jaspersen von Deniz &amp; Ove gibt sich übrigens heute gleich nochmal die Ehre und zelebriert die (vorläufige?) Reunion seiner 00er-Referenzband <b>Herrenmagazin</b>, die sich mir zu ihrer Blütezeit nie so ganz erschlossen hat, die aber genau das richtige sind für mich, um auch als Zuschauer im Festivaltag anzukommen. Manchmal braucht man eine Band auch einfach erst ein paar Jahre später und hat es vorher einfach nicht besser gewusst. Das Postpunk-Noise-Gewitter von <b>Whispering Sons</b> ist ohne Gleichen großartig, die Intensität ist mit den Händen greifbar; das ist wieder so eine dieser Bands, die man sich im Glitterhouse-Garten erst nicht so vorstellen kann weil sie so anders ist, aber wenn sie da ist, ergibt sie uneingeschränkt Sinn. Einer der besten Auftritte des Wochenendes. Und <b>The Haunted Youth</b> aus Belgien beenden den Tag mit herrlich mäanderndem Shoegaze à la frühe MGMT und Slowdive, stilvoller kann man das kaum machen.
Der Surprise Act, dieses Jahr <b>Die Nerven</b>, kriegt mich einfach leider nicht, Renommée und Lorbeerkränze hin oder her, aber dass sie ihr Set mit „What’s Love Got To Do With It“ der jüngst verstorbenen Tina Turner beenden, ist ein ziemlich starker Move. <b>Hotel Rimini</b> und <b>The Deslondes</b> verpasse ich leider, Stefan Honigs neues Projekt <b>Accidental Bird</b> auf der Minibühne spielt sehr sympathischen hymnischen Indiepop und <b>Fire Horse</b> bedienen die Liebe des OBS-Publikums zu lärmendem Seventies-Heavy-Rock, den sie mit einer guten Portion Stoner anreichern. <b>Lera Lynn</b> serviert eine wunderschöne Mischung aus Indie-Folk und Dark Country, da mag man ganz in Ruhe zuschauen und schwelgen. Und dieses Innehalten geht insofern gut klar, da man seine Kraft für die Iren von <b>Thumper</b> braucht, die mit zwei Schlagzeugern und einer Rampensau von Frontmann ungebremst eimervoll schmackhafteste Rockband-Energie im Glittergarten ausschütten.
Natürlich ist der längst überfällige OBS-Auftritt von <b>Thees Uhlmann</b> für nicht wenige (inklusive mir) eines der Highlights des Sonntags. Das ist natürlich einer, zu dem man nicht viel sagen muss, weil seine Fußabdrücke schon so lange so tiefe Spuren hinterlassen haben, aber immer wieder muss ich feststellen, wie viel mehr präsent und zufrieden er mit seiner eigenen Band (die übrigens unglaublich tight ist, ich bin immer wieder erstaunt) wirkt, auch wenn ich sehe, dass seine wie gewohnt wortreichen Ansagen inhaltlich nicht immer für alle den richtigen Ton treffen („Kinder gehören nicht auf ein Rockkonzert“, den High Five für die Kleinen vor der Bühne gibt es trotzdem) und man sein exorbitantes Sendungsbewusstsein auch hier und da als Hybris und Selbstverliebtheit interpretiert. Nichtsdestotrotz bleibt seine "Es gibt keine Scham, es gibt keine Schuld"-Ansage für Menschen, die an Depressionen leiden, wichtig und kraftvoll. Weil seine Solo-Songs mich seit jeher nicht so catchen, freue ich mich umso mehr über drei Tomte-Lieder und genieße die Show trotzdem.
<b>A.S. Fanning</b> ist der würdige Abschluss, schön angedunkelter, schwelgerischer Folk Noir, düster aber zeitgleich hoffnungsspendend und damit genau richtig in der langsam aufkommenden Stimmung verortet, dass das Wochenende wohl bald zu Ende sein wird, aber das Gefühl bleiben wird und die Vorfreude aufs nächste Jahr sich schon morgen nach dem Aufstehen direkt wieder einstellt. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser Mann nicht total abräumen sollte bei eurem OBS-Publikum“ wurde Rembert im Vorfeld gesagt, und da kann nicht eigentlich nur noch sagen: Recht gehabt.
„OBS heißt drei Tage lang auf den schlechtesten Witz des Jahres zu warten und dann ‚Gute Nacht, bis nächstes Jahr‘ zu sagen.“ Der Witz ist in diesem Jahr wirklich nicht gut. Die vielen „Gute Nacht, bis nächstes Jahr“ um mich herum sind umso inniger und herzlicher, zumindest habe ich das Gefühl als auch ich noch einmal tief durchatme. Viele sehen sich jetzt ein Jahr lang gar nicht. Das ist irgendwie wieder seltsam, dass man sich so verbunden fühlt und das nur für drei Tage ausleben kann. Aber man weiß ja auch, dass keine dieser besonderen Freundschaften hier an Abstinenz zerbricht. Das wissen ja alle. Absence makes the heart grow fonder.
Wenn in einem Jahr zu Pfingsten das Auto beladen wird und allerspätestens dann wenn man durch die Berglandschaft fährt und im Fenster der Raps leuchtet, bis man endlich wieder in den Grünen Weg in Beverungen einbiegen kann, wird alles wieder da sein. Das geht nicht einfach weg, das hört nicht einfach auf, und man wird wiederkommen und wieder finden, nicht mehr suchen. Umarmungen, Gespräche, die Hand auf der Schulter, Kaltgetränke, Verstandenheit, selbstgewählte in den Schoß gefallene Familie. Jedes einzelne Wort aus Sarah Laus Text ist die Wahrheit und jedes einzelne doch nur ein Versuch, zu beschreiben, was man nicht beschreiben kann wenn man es nicht selbst erlebt.
Also noch ein letztes Mal, heben wir das Glas, stoßen wir an auf 25 Jahre (bzw. Ausgaben) Orange Blossom Special – und freuen uns mit vorfreudig klopfendem Herzen auf die nächsten 25!

<i>Text: Kristof Beuthner</i> ]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Thu, 01 Jun 2023 23:02:28 +0200</pubDate>
			
		</item>
		
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			<title>Zurück zum normalen Wahnsinn! Nillson beim Reeperbahn Festival 2022</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/zurueck-zum-normalen-wahnsinn-nillson-beim-reeperbahn-festival-2022.html</link>
			<description>Zwei Jahre lang hat sich das Reeperbahn Festival pandemiegerecht aufgestellt, in diesem Jahr ist endlich alles wieder so, wie wir es kennen. Das muss (noch) nicht jedem (wieder) gefallen, Fakt ist: Sich auf Hamburgs Meile wunde Füße zu holen hat so viel Spaß gemacht wie zuletzt 2019. Das ist mein Bericht.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Vor zwei Jahren machte ich es mir in meiner Wohnung gemütlich bis zum Äußersten: Beamer und Leinwand, ein toskanisches Vier-Gänge-Menü, Konzerte im Stream. Das Reeperbahn Festival hatte es geschafft, in einer Phase der Pandemie irgendwie stattzufinden, mit guten Konzepten und unglaublich viel Arbeit hinter den Kulissen, deutlich reduzierter Besucherzahl und dem wichtigen Signal, dass Kreativität und Mühe die Kulturszene wohl über die Zeit retten würden. Vielleicht ist es wirklich nur ein Jahr. Und das alles abseits von Testmöglichkeiten und Impfstoffen. Für mich ein Agreement, mit dem ich ausnahmsweise leben konnte. Dann eben Gisbert zu Knyphausen im Michel vom Sofa aus.
Ein Jahr später war man wider Erwarten nicht ewig viel weiter. Und doch gab es wieder ein Reeperbahn Festival in Hamburg. Mit der längsten Schlange, die ich je gesehen habe, um das Extrabändchen für den Impfnachweis zu bekommen; mit viel Frust beim Einlass (Delegates konnten dank der Fast Lane so ziemlich alles sehen was sie wollten, während der Ottonormalbesucher in die Röhre kuckte); reduzierte Kapazitäten überall und diese Punkte auf dem Boden, die in Zehner-Slots angerichtet waren, damit man die Menge der erlaubten Gemeinschaftsgröße nicht überschritt. Dazu: Maskenpflicht bei allen Innenkonzerten und deutlich verringerte Ticketangebote. Es war auch wieder ein Agreement, das ich traf, aber es funktionierte, weil es sich endlich wieder nach einem Erlebnis anfühlte, trotz aller Surrealität.
Im Herbst 2022 nun sind die Corona-Maßnahmen fast flächendeckend gefallen und das heißt für Europas größtes Showcase-Festival: Rückkehr zum Normalzustand. Masken sieht man nur noch in der U3, Nachweise jeglicher Art sind nicht mehr nötig: Man hat sich mit dem Risiko arrangiert. Und wer das noch nicht wieder kann, bleibt halt daheim. Das kann man alles immer noch finden, wie man will; Fakt ist aber: Es fühlt sich nach einer kurzen Überwindung gut an, wieder in vollen, verschwitzten Clubs zu stehen und neue Bands zu entdecken. Zumal wir alle wissen: Volle Clubs sind momentan gar nicht mehr selbstverständlich. Die Ticketverkaufskrise hat die Kulturlandschaft in Deutschland voll im Griff. Spürt man den Heißhunger auf das Live-Erlebnis an diesem Septemberwochenende, ist das irgendwie kaum zu fassen.
Dadurch, dass die Einlassbeschränkungen wieder funktionieren wie früher, ist es nun auch wieder möglich, die Konzerte zu sehen, die man möchte (sofern man rechtzeitig da ist). Und an Highlights war das Reeperbahn Festival nun wirklich nicht arm. Stundenlange Vorbereitung, Pläne schmieden, Alternativpläne scripten, dann doch für ein oder zwei Getränke woanders stehen bleiben: Es ist schon eine ganz besondere Freude, die gleichzeitig einen Festivalsommer abrundet und schon mal den nächsten seine Schatten vorauswerfen lässt.
Und endlich gab es auch einfach wieder einen Festivalsommer, den man rund machen konnte. Darum ist der <b>HELGA!-Award</b> vom Höme-Magazin in diesem Jahr, trotz des Location-Wechsels vom kuscheligen Imperial Theater in ein recht anonymes Großraumzelt im Festival Village, dieses Mal auch geprägt von großer Dankbarkeit, wenngleich es auch der Festival-Szene immer noch nicht wieder gut geht und sich angesichts der Klima-, Energie- und Besucher-Krisen im kommenden Jahr einige neue Fragen stellen werden. Aber den Festivalsommer 2022 hat es gegeben, und seine offiziellen Gewinner heißen <b>Orange Blossom Special</b> (Kategorie „Wohligstes Gewerkel“), <b>Lunatic Festival</b> („Feinstes Booking“), <b>SNNTG Festival</b> („Gemischteste Tüte“), <b>Skandaløs Festival</b> („Schönstes Miteinander“) und <b>Futur 2 Festival</b> („Grünste Wiese); als Bestes Festival wurde am Ende das <b>Open Flair</b> prämiert. Doch gewonnen hat eigentlich jeder, der es durch einen immensen Kraftakt, viel Support und ein tolles Team im Hintergrund irgendwie durch die Krise geschafft hat und den Menschen das Gefühl wiedergegeben hat, barfuß im Gras zu seinen/ihren Lieblingsbands zu tanzen.
An Awards ist das Reeperbahn Festival ja ohnehin nicht arm, so freut sich die Rapperin <b>Nashi44</b> mit Sicherheit sehr über den VIA (VUT Indie Award) als beste Newcomerin, genau wie <b>Perera Elsewhere</b> über die Auszeichnung als bester Act. <b>Sophia Kennedy</b>s „Monsters“ holt den Preis für das beste Album und der Verein „Musiker ohne Grenzen e.V.“ nimmt den VIA Sonderpreis mit nach Hause. Die Jury für den Anchor Award ist wie in jedem Jahr ziemlich bunt zusammengemischt. Wann sitzt schon mal Hives-Frontmann Pelle Almqvist mit Joy Denalane und Bill Kaulitz (der sich übrigens auch nicht nehmen lässt, als Gast beim <b>Kraftklub</b>-Surprise-Gig auf der Reeperbahn auf der Bühne zu stehen) am Tisch? Die Briten von <b>Cassia</b> setzen sich mit ihrem treibend-tanzbaren Indiepop letztlich unter anderem gegen The Haunted Youth (Postpunk/Shoegaze aus Belgien) und Philine Sonny (Songwriter-Folk aus Deutschland) durch – konsequente Wahl, die das Trio bei seinen Shows im Grünspan und im Nochtspeicher auch eindrucksvoll bestätigt.
Was gibt’s sonst neues? Bei den Locations ist die Reeperbahn wieder etwas mehr zusammen gerückt, was vor allem dem Wegfall der Planten &amp; Blomen-Bühne „Draußen im Grünen“ zuzurechnen ist. Man braucht einfach weniger Platz an der frischen Luft, wenn drinnen alles wieder geht. Darum ist auch die große Außenbühne auf dem Festival Village gewichen; hier steht jetzt ein schickes Spiegelzelt (kennen wir aus Haldern!). Dadurch ist auch das Village auf dem Heiligengeistfeld selbst jetzt etwas mehr ins Geschehen eingebunden – insgesamt geht hier aber neben Zelt und Fritz Kola-Bühne aber sicherlich auch noch mehr für kürzere Wege und einen beliebteren Treffpunkt. Oft war es gerade im Vergleich zum Spielbudenplatz doch recht leer, und die wie immer grandiose Poster-Ausstellung bekommt dadurch auch nicht die Bühne, die sie eigentlich verdient hat. Dafür bleibt der Platz vor der Spielbude XL so groß wie im Vorjahr, und weil er keine Zäune mehr drumherum hat, dürfen sich hier jetzt auch Besucher ohne Ticket, genau wie beim N-Joy Reeperbus, Konzerte anschauen.
Ja und a propos Konzerte, denn darum geht es ja eigentlich. Einen vollumfänglichen Bericht abzugeben, ist da wohl wie immer ein Ding der Unmöglichkeit. Zumal es kommt, wie es nun mal immer kommt: Du willst von Punkt A nach Punkt B und von Band X zu Band Y und hast dafür geschätzte zehn Minuten Zeit, triffst aber zwischendurch mindestens drei Personen, die es schaffen, dass du ohne es eigentlich geplant zu haben mit zu Punkt C oder Punkt D kommst und dir Band Z anschaust, die irgendwie auch ziemlich lohnt. Darum, ganz ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit: Wenigstens ein kurzer Überblick darüber, was für mich sehenswert war und was nicht.
Als allererste Show gibt es für mich am Mittwoch <b>BDRMM</b> im Village. Shoegaze-Dreampop aus Großbritannien. Der live bei weitem gar nicht so verträumt daherkommt, sondern eher wirkt wie eine ausgedehnte Jam Session mit großen Walls of Sound, durchaus druckvoll, sehr mächtig. Die landen definitiv auf der Merkliste. <b>Bilbao</b> im Spiegelzelt liefern straighten Indie Pop ohne Überraschungen, den gewohnt guten Sommer-Soundtrack, kann man immer wieder gut machen. Mitmach-Action für die große Festivalbühne können die Jungs inzwischen auch – die wird man sicherlich im nächsten Sommer irgendwo wiedersehen.
Hinsichtlich neuer Deutschpunk-Bands hat das Reeperbahn Festival 2022 eine ganze Palette vielversprechender Kandidaten aufgefahren. Die nahbarsten sind sicherlich <b>Maffai</b>, die auf der Spielbude XL gar nicht ganz so catchy daherkommen wie von Platte, sondern auf sympathische Weise wirken wie die JUZ-Band aus deiner Kleinstadt. Anschließend mache ich mich auf den Weg ins Molotow, wo ich überraschenderweise tatsächlich ganz entspannt rein komme (das kenn ich selbst aus Vor-Pandemie-Zeiten noch anderes). <b>The Goa Express</b> spielen britischen Indie Rock, wie er eigentlich gar nicht mehr gemacht wird; die Class of 2005 winkt aus der Ferne, aber das funktioniert natürlich immer noch zeitlos und mitreißend. Und mit <b>Honeyglaze</b> im Backyard gibt es dann sogar noch ein echtes Folk- und Dreampop-Highlight zwischen Mazzy Star und hymnischem Pop, auch hier gilt wieder: Live ist das deutlich druckvoller als von Platte, gefällt wirklich extrem gut.
Der Donnerstag beginnt für mich mit den Dänen von <b>Blaue Blume</b> auf der Fritz Kola-Bühne, die eigentlich im Dunklen spielen müssten, weil ihr sphärischer Mix aus Ambient, Pop und Postrock dort wohl nochmal deutlich besser funktioniert als bei strahlendem Sonnenschein. Immer wieder beeindruckend ist die stimmliche Range von Sänger Jonas Smith, von Postpunk-Tiefe bis in Sigur Rós-Höhen, und das Songwriting wirkt inzwischen noch tighter und präsenter – es wird endlich Zeit, dass diese Band den Durchbruch bekommt, den sie verdient.
Nach dem Helga! mache ich mich auf den Weg in die St. Pauli-Kirche, zum ersten Mal heute, denn dort wartet das erste Highlight: Die belgisch-äthiopische Songwriterin <b>Meskerem Mees</b> bringt in kleiner Besetzung (Gitarre / Cello) mit ihren wirklich wundervollen Folksongs zwischen Tracy Chapman und Eva Cassidy den gesamten Raum zum Schweigen in Andacht. Das sind Momente, in denen die Musik über allem steht. Das ist schlichtweg grandios. Im vergangenen Jahr hatte ich sie noch verpasst, nun stand sie dick markiert auf meiner Watchlist, und das bereue ich keine Sekunde lang.
Das oben beschriebene Szenario (mit einer Person dann doch zu Punkt C um Band Z zu schauen) greift kurze Zeit später und führt mich direkt wieder in die Kirche zurück. Dort spielt <b>M. Byrd</b>, der mit seinem entspannten Indie Pop in diesem Jahr zu den „Wunderkindern“ des Exportprogramms des Reeperbahn Festivals, „German Music Talent“, gehört. Allein, er hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Das war im letzten Jahr in der Sonne irgendwie passender in seiner Lockerheit, hier in der Kirche, wo man so richtig zuhört, wirkt es schon nach fünf Songs etwas beliebig. Danach halten wir noch mal hier und mal da an, aber weder <b>Roller Derby</b>, noch <b>Yatwa</b> halten mich länger fest. Der Donnerstag geht ohne krönenden Abschluss zu Ende.
Die kurzen Shows beim Reeperbus auf dem Spielbudenplatz eignen sich gut, sich im Schnelldurchlauf mit festem Platz einen Überblick zu verschaffen, wen man vielleicht noch nicht auf dem Laufplan hatte und auf wen sich am Abend noch ein zweiter Blick lohnt. Mit Sicherheit gilt das für <b>The Haunted Youth</b> aus Belgien, die in kleiner Besetzung zeigen, dass ihr atmosphärischer Postpunk auf glasklaren Indie Pop-Füßen steht. Und mit ganz großer Sicherheit gilt das für den Kanadier <b>Billy Raffoul</b>, inzwischen gar kein so gut gehütetes Geheimnis mehr. Der wird am Samstag (allerdings ohne mich) im Michel auftreten und zeigt hier zunächst alleine, dann mit immer mehr Band-Verstärkung, warum die Pop-Welt mit diesem langhaarigen Typ in den nächsten Jahren rechnen muss.
Und im Michel wartet dann mein ganz großes Highlight. Denn als ich vor zwei Jahren vom Sofa aus <b>Betterov</b> entdeckte, hat sich wohl keiner ausgemalt, dass ihm einer der exponiertesten Slots des Jahres 2022 mit einer der ausgefallensten Shows gehören würde. Denn Betterov spielt hier, kurz vor Release seines Debütalbums „Olympia“ (endlich!) im Oktober, nicht etwa alleine bzw. mit Band, sondern es ist ein „Betterov &amp; Friends“-Konzert, mit kleinem Orchester und illustren Gästen von Novaa und Paula Hartmann über Fil Bo Riva bis Olli Schulz (!). Das Konzept, die angedunkelten, Postpunk-nahen Indie-Popsongs von Manuel Bittorf in ein reduziertes, orchestriertes, andramatisiertes Set zu übertragen, funktioniert mal besser („Das Tor geht auf“, „Nacht“) und mal tatsächlich auch nicht so gut („Platz am Fenster“ und leider auch „Dussmann“). Die Gastauftritte sehen so aus, dass zunächst ein Betterov-Song und dann einer der Friends gemeinsam intoniert wird, wobei Fil Bo Riva auf die Darbietung eines Gastgeber-Tunes verzichtet und Olli Schulz durch seine enorme Bühnenpräsenz das Konzert ziemlich schnell an sich reißt – Bittorf ist selbst einfach zu überwältigt von dem beeindruckenden Ambiente und wie gut sein Plan einfach heute funktioniert, dass er sich gar nicht dagegen wehren kann. Nach anderthalb Stunden ist Schluss, und es war sehr schön, aber nicht der erwartete Superflash.
Den gibt es dafür bei den <b>Whispering Sons</b> im Indra mit höchst intensivem Postpunk und einer Frontfrau, die genau weiß, dass sie wohl von jedem, der mit dieser Band nicht vertraut ist, unterschätzt wird. Aus diesem zierlichen Persönchen kommt nämlich eine Stimme, die so gar nicht zu ihrer äußeren Erscheinung passen will. Aber Fenne Kuppens gibt mit Freude den Derwisch und hinterlässt eine Menge Staunen und tiefe Versunkenheit in ihre düsteren Soundkonstrukte. Ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Auftritt. Den die Kanadier von <b>Kiwi Jr.</b> im Backyard natürlich nicht toppen können, obwohl ihr zwischen Indierock und Collegepop schwankender Sound viel Spaß macht, doch die Synapsen schlagen nicht mehr in Richtung Aufnahmefähigkeit aus und das ist nach diesem Tag auch vollkommen okay so.
Das Reeperbahn Festival 2022 endet für mich aus privaten Gründen schon einen Tag früher und der Samstag fällt aus. Da Hamburgs Wetter sich aber auch ab jetzt äußerst klischeehaft präsentiert und das Flanieren zwischen Sünde und Sound im Regen gar nicht ganz so viel Spaß macht, bin ich damit ausnahmsweise okay. Alles, was ich mir von einem Wochenende wie diesem erwartet habe – Freunde treffen, Musik hören, Bands entdecken, gute Gespräche und Essen im Maharaja – habe ich bekommen.
Ein paar Tage später feiert meine Corona Warn-App natürlich Karneval. Ohne Kollateralschäden kann ein solches Event natürlich nicht funktionieren, aber das wusste man vorher und ich komme ungeschoren davon. Realität ist, dass das Realität ist und es wohl in Zukunft immer ein paar Unglückliche geben wird, die die schönen Tage mit einer Woche in Isolation bezahlen müssen. Nichtsdestoweniger gilt: Das Reeperbahn Festival hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Alles hat gut ineinander gegriffen, fühlte sich gut organisiert und unfrustig an (letzteres gilt auch ausnahmslos für alle Besucher*innen, die mir über den Weg gelaufen sind).
Ich bin gespannt, welche Neuentdeckungen oder verpasste Highlights ich im kommenden Festivalsommer wiedersehen werde. Und ich freue mich jetzt schon wieder auf das Planen, Laufen und Scheitern im nächsten September.

<i>Text: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
			<category>Artikel</category>
			
			<pubDate>Mon, 03 Oct 2022 16:12:48 +0200</pubDate>
			
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			<title>Vom Geburtstag im Märchenwald und unbändiger Freude: Nillson beim Appletree Garden 2022</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/vom-geburtstag-im-maerchenwald-und-unbaendiger-freude-nillson-beim-appletree-garden-2022.html</link>
			<description>Ist das wirklich auch schon wieder drei Jahre her, dass wir uns zuletzt an den Lichtern, den Bäumen und den wundervollen, bunten Menschen auf dem Appletree Garden nicht satt sehen konnten? Dann muss die Geschichte dieses besonderen Wochenendes ja erst recht erzählt werden. Von einer verspäteten Geburtstagsparty, großer Wiedersehensfreude und Momenten für die Ewigkeit. Los geht’s!</description>
			<content:encoded><![CDATA[Wir haben ja alle gelernt, genügsam zu sein. Während der letzten knapp zweieinhalb Jahre hat vermutlich jeder von uns so viele besondere Geburtstage nicht mit seinen Besten feiern können, dass man fürs Abzählen schon zwei Hände braucht. Minimum. Es ist wie es ist; wird vertagt. Genügsam sein angesichts der sich in Schieflage befindenden Welt. Das Appletree Garden gehört dazu. Wir hätten gerne schon 2020 angestoßen unter den Bäumen und den Lichtern. Es kam anders, was wohl keiner weiteren Ausführung bedarf. Die Feier im kleinen Kreis dann im Jahr 2021: Ein Trost, eine gemütliche Runde. Aber nicht DAS, was es ist. Denn Feste im Bürgerpark in Diepholz haben die schöne Tradition, sich tief ins Herz einzubrennen. Das hat so verdammt gefehlt.
Was wir auch gelernt haben: Es ist schön, dass wir alle da sind und uns haben, die wir uns nahe stehen. Und das zu feiern wiegt manchmal sogar noch schwerer als ein besonderer Anlass. Wer kann sich noch erinnern an den ersten Abend mit Freunden der wieder möglich war, das erste gemeinsame Grillen im Garten, das erste Konzert, das sich wieder nach Konzert angefühlt hat? Hand hoch! Wir alle haben eine Zeit der neuen ersten Male hinter uns, durch die wir wieder gelernt haben, uns lebendig zu fühlen. Wir haben nicht mehr gefeiert um des Feierns willen, sondern es schwang immer die unbändige Freude darüber mit, zu feiern am Leben zu sein, nach einer Zeit, in der Lethargie, Sorge und der Kampf gegen die Resignation dafür gesorgt haben, dass wir uns oft fühlten wie im perspektivlosen Hamsterrad. Say it loud: Schön, dass wir uns wiederhaben, alle miteinander!
Let’s start with good news: Das Appletree Garden 2022 ist ausverkauft worden. Warum das erwähnenswert ist, zeigt der Blick auf die Kulturszene, die immer noch Schwierigkeiten hat, dieses eben beschriebene Gefühl von Lebendigkeit in aller Konsequenz zu spüren. Zur Geburtstagsparty in Diepholz sind alle da. Ein wenig länger als sonst hat es gedauert bis alle Geburtstagsgäste ihren Platz gebucht hatten, aber sei’s drum. Das Vertrauen ist da. Die Vorfreude auch. Das ist gut. Die Umarmungen nach langer Zeit fühlen sich frisch an als wären sie erst, sagen wir, vorgestern zum letzten Mal so passiert. Weil sich alle in Gedanken verbunden geblieben sind. Was für eine Erkenntnis, die sich Arm in Arm einfach nochmal so viel realer empfinden lässt.
Für mich persönlich ist der perfekte Einstieg in ein Appletree-Wochenende das vom hochgeschätzten <b>Dirk Gieselmann</b> verfasste Vorwort im Programmheftchen. Ihm kommt als Präsentator der erzählenswertesten Geschichten aus nunmehr 20 Ausgaben Appletree Garden, die er auf der neuen Bühne „Tiefes Holz“ vor den Augen seiner Zuhörer zum Leben erwachen lässt, eine besondere Rolle zu, denn wer könnte besser davon berichten als einer, der von Anfang an dabei war? Er spricht von einem Stein, der vor einundzwanzig Jahren ins Wasser geworden wurde und dessen Wellen sich wie konzentrische Kreise ausbreiten. In den äußersten wohnen die, die einst aus einer verrückten Idee einen wundervollen Plan werden ließen. Dahinter die, die das Festival weitergeführt, es dann groß gemacht haben. Und dann die, die nicht müde werden, dafür zu sorgen, dass das Appletree Garden schöner und schöner wird, Jahr für Jahr. An diesem Wochenende sind alle da. „Wir sind alle unsterblich, zumindest für die nächsten drei Tage“, schreibt er. Ja: Das sieht man. Das spürt man.
Manche an diesem Wochenende zum zwanzigsten Mal, andere feiern ein kleineres Jubiläum und machen die Zehn voll, andere erleben ihre Premiere und fragen sich, was sie eigentlich bisher davon abgehalten hat, am ersten August-Wochenende des Jahres nach Diepholz zu fahren. Oder sie sind während der letzten zwei Pandemie-Jahre in das Alter hineingerutscht, in dem Festivals eine ernsthafte Option für die Gestaltung von Sommerwochenenden geworden sind. Erstaunlich viele sehr kleine Kinder werden im Arm getragen oder stolpern glücklich über den Rindenmulch auf der Bürgerpark-Wiese. Es ist eine Menge passiert und ganz offensichtlich hat das Rad der Zeit sich fleißig weiter gedreht, aber ja: Heute sind wir alle unsterblich. Zumindest für diese drei Tage.
Und es ist sofort wieder da, dieses Empfinden. In der Campingplatz-Schlange, beim Bändchen-Checkin, beim Wiedersehen zuerst mit den Freund*innen, dann beim Durchschreiten des von Regenbogenfarben umrahmten Appletree-Haupttores, dass das Zeltdorf mit dem Märchenwald verbindet. Romantisch ist es immer dann, wenn einen die Romantik übermannt. Das schwankt immer hin und her, zwischen der gedachten Faust in der Luft mit dem Jubelschrei: „Ja!!! Hier, genau hier gehör ich hin!“ und dem kurz innehaltenden, mit geschlossenen Augen vergegenwärtigten Glückseligkeitsgedanken: „Es ist so gut, dass ich wieder hier sein darf“. Du kannst die Zeit nicht mehr zurückdrehen, aber das Jetzt kannst du genießen, und bei aller Tragik und all den Brandherden, deren Bilder sich tief in unser Innerstes eingebrannt haben und denen wir uns nicht verschließen können und dürfen: Du musst genau solche Augenblicke haben, die Blicke schweifen lassen auf die Farben und die bunten Menschen, um zu erkennen, dass es schier unmöglich ist, in einer gänzlich verkehrten Welt zu leben.
Thema Märchenwald. Das Appletree Garden hat sich zum Geburtstag eine neue Bühne geschenkt, das „Tiefe Holz“, für das man ein ganzes Stückchen weiter ins Wäldchen hinein laufen muss, der Weg beschienen von Sternenprojektionen und bunten Lichtern. Ein tolles Geschenk. Ist das hier phänomenal schön. Auf einer verwunschenen Lichtung ragt die kleine Bühne, die aussieht wie ein verhextes Zelt, empor und bietet Platz für Lesungen (Dirk Gieselmann), die wunderbare Rave Aerobic, exzentrischen Drehorgel-Abriss (<b>Mambo Schinki</b>, wieder mal absolut legendär) und ganz besondere Konzerte wie von der ukrainischen Rapperin <b>alyona alyona</b>, dem Disco-Pop-Duo <b>Juno Francis</b> oder den brillanten <b>Shkoon</b>, bei denen sich Slow House mit beinahe sphärischen, flächigen arabischen Vocals zu einem faszinierenden Sound vereinen – für mich eins der Highlights im Tiefen Holz. Und natürlich für die Aftershow-Elektro-Sause an jedem Tag. Riesengewinn.
Ebenfalls neu und kurz erwähnenswert ist das Cashless-System, bei dem jede*r Besucher*in einen Chip am Bändchen trägt, auf den bereits vorab oder alternativ an drei Stationen Geld geladen werden kann und der einzig mögliches Zahlungsmittel auf dem Food Court, am Getränkestopp oder am Merch darstellt (hier Ausnahme: Auch EC war machbar). Eine gute und weitgehend unkomplizierte Neuerung, die gerne bleiben darf.
Die Gäste, die sich das Appletree Garden auf die Bühnen geladen hat, lassen keine Wünsche offen. Und zwar mit einer ungeheuren stilistischen Vielfalt, die eigentlich jeden an irgendeiner Stelle abholt, davon mal abgesehen dass das Publikum wie in jedem Jahr höchst aufgeschlossen ist und sich auch für die eröffnenden Acts schon mit beachtlicher Präsenz Zeit nimmt (deren Slots aber wie gewohnt mit Startzeit 15:00 auf der Waldbühne und im Spiegelzelt auch sehr Campingplatz-Action-freundlich gelegt sind).
Den Auftakt macht <b>BROCKHOFF</b> am Donnerstag, und was für ein schöner Auftakt das ist. Mit einnehmendem Sound zwischen 90s-Pop, Folk und genau der richtigen Prise Fuzz genau das richtige, um entspannt ins Festival zu sliden. <b>Buntspecht</b> liefern kunstvollen Kammerpop mit Austro-Flair, <b>Los Bitchos</b> reißen die Hauptbühne ab und sind völlig zurecht in aller Munde mit ihrer mitreißenden Symbiose aus Cumbia und Garage Punk, und <b>Curtis Harding</b> zeigt auf beeindruckende Weise, wieso niemand an ihm und seiner Band vorbei kommt, wenn man im Jahr 2022 über Soul spricht. Ganz wunderbar. <b>Get Jealous</b>, die einzige Band, die die Workshop-Bühne bespielen darf, machen mit ihrem Skate-Punk-Pop auch absolut alles richtig. Aber die Herzen gehören heute dem Isländer <b>Dadi Freyr</b>, der mit seiner faszinierend tiefen Stimme über flirrendem Disco-Pop unfassbar Spaß macht. Die Story rund um seine Hätte-Würde-Könnte-Präsenz beim Eurovision Song Contest dürfte allenthalben bekannt sein; Dadi Freyr hat sich davon emanzipiert und füllt den Headliner-Slot am Donnerstag mit ungeheurer Spielfreude, covert zwischendrin mal eben Smash Mouths „All Star“ und sogar den „Ententanz“ (was auf genau die richtige Weise albern ist) und bringt die Crowd für den ersten Tag angemessen ins Bett.
Über den Freitag könnte ich versuchen, komplett objektiv zu sprechen. Was natürlich nicht so einfach ist, weil ich ab jetzt dank der <b>Tiny Wolves</b> meine eigene Appletree-Geschichte erzählen kann. Also versuche ich es erst gar nicht. Denn na klar erfüllt sich da auch für mich ganz persönlich heute ein Traum. Nach so vielen Jahren als Besucher stehe ich jetzt selbst auf der Bühne mit Blick auf die Bäume und die Lichter, zusammen mit meinen Lieblingsmenschen; das kann ich weder unemotional noch neutral nachbetrachten, man sehe mir das nach. Und gleichzeitig sitze ich und schreibe an diesem Abschnitt am längsten, weil es mir selbst Tage später noch schwer fällt, Worte zu finden. Nachdem wir schon 2020 hätten kommen dürfen und auch 2021 eingeladen waren, klappt es dieses Jahr endlich und achtunddreißig 7- bis 12jährige steigen mittags aus dem Bus, machen große Augen und spielen um 15:00 eine Show vor einem immer größer werdenden Publikum, an die sie sich ihr Leben lang erinnern werden. Diesen Nachmittag hätte ich mir nicht schöner malen können. Dass so viele Leute da stehen und gar nicht mehr aufhören wollen zu jubeln ist unbeschreiblich. Es gibt Tränen vor und sogar auf der Bühne, denn auch die Tinies können das nicht so recht fassen und schwanken zwischen purer Euphorie und tiefer Rührung über so viel Liebe, die ihnen da entgegen schlägt. Glückseligkeit und Dankbarkeit überall, der Tag geht viel zu schnell vorbei; nach einem kurzen Acoustic-Gig um 18:20 fährt der Bus wieder nach Hause und ich platze vor Eindrücken und ich weiß, wer noch. Trotz inzwischen einiger Konzert- und Festivalerfahrung ist jede einzelne Tiny Wolves-Show immer noch sehr besonders für uns, und das heute war atemberaubend. Auch ich werde das nie vergessen.
Während die Crew beim Softeis-Stand von Frozen Vegan für Rekordumsätze sorgt, genieße ich die unglaubliche Coolness von <b>Sharktank</b>, irgendwo zwischen Hiphop und Indie-Pop, sehr stark. Auch der Dreampop von <b>Thala</b>, der von Platte eher in Richtung Mazzy Star driftet, live aber deutlich druckvoller gespielt wird, ist eine große Bereicherung. Und <b>The Holy</b> brennen ein weiteres Mal ein Postpunk-Feuerwerk ab, düster und vielschichtig, aber höchst versiert und auf den Punkt intensiv. <b>Black Sea Dahu</b> gehören für mich zu den großen Highlights, wunderbar emotionaler Folk-Pop mit enormer Tiefe. Die Band war schon 2021 beim Mini-Appletree dabei; sie steht völlig zurecht ein Jahr später auch vor der großen Crowd. An <b>Team Scheiße</b> scheiden sich währenddessen die Geister, und das ist auch gut so, denn auf nichts anderes läuft es hinaus. Ein absolut zwingendes Punkrock-Happening, das die einen komplett groß finden und die anderen nur anstrengend. Ich verstehe beide Seiten, und freu mich gleichzeitig diebisch, dass es so etwas auf den Festivalbühnen dieses Landes gerade gibt.
Der Abend endet mit drei absoluten Granden der aktuellen Indiepop-Szene: <b>Roy Bianco &amp; Die Abbrunzati-Boys</b> betören mit ganz viel Charme und ihren Italo-Schlagern wie „Maranello“ und „Was kostet Amore?“ und haben selbst unglaublich viel Spaß dabei. <b>Provinz</b> würden, wenn es Corona nicht gegeben hätte, vermutlich schon längst nur noch auf viel größeren Festivals spielen; für mich ganz klar der heimliche Headliner des Wochenendes. Da sitzt jeder Song und wird frenetisch bejubelt vom durch und durch textsicheren Publikum, das ist große Festival-Experience. Und <b>Faber</b>, ja: Musikalisch ist das über absolut jeden möglichen Zweifel erhaben. Das steht außer Frage. Aber lässt sich sein Aufruf, dass an diesem Wochenende bitte niemand angefasst wird, der das nicht will, mit den Lyrics vieler seiner Songs vereinbaren? Das eine Haltung; das andere eben nun mal Kunst? Der Crowd jedenfalls gefällt es sehr.
Der Samstag startet mit endlos coolem Soul und Funk von <b>The Lips</b>, die würde ich gerne öfter sehen. <b>Oehl</b> streicheln die Seele mit ihrem melancholisch-hymnischen Pop. <b>Rikas</b> bringen die Blaupause für sonnengetränkten Indie-Pop auf die Bühne, herrlich tanzbar, strahlend und umarmend. Die <b>Düsseldorf Düsterboys</b> beweisen mit ihrer einnehmenden Harmonieseligkeit über intimem Synth-Folk, warum sie 2020 beim Reeperbahn Festival völlig zurecht den VUT-Award als beste Newcomer bekommen haben. Den Vorschusslorbeeren werden sie gerecht; das ist einfach immer wieder großartig. Und <b>Kat Frankie</b>s zutiefst präzise Folk-Oden greifen sowieso immer tief ins Herz.
Überhaupt ist der Samstag ein guter Tag für Highlights: Die wunderbare <b>Noga Erez</b> zum Beispiel, bei der es absolut niemand schafft, still stehen zu bleiben. Im Spannungsfeld zwischen Hiphop und tiefer Elektronik bewegt sich die israelische Künstlerin zwischen Wut und enormer Coolness, das ist ganz weit vorne. Wie auch <b>Kakkmaddafakka</b>s Rückkehr zum Appletree, das sind ja fast schon Diepholz-Veteranen, immer noch mit so viel Hits am Start dass es schier unglaublich ist, dazu auf dringlichste Weise tanzbar und ungeheuer sympathisch. <b>Edwin Rosen</b> im rappelvollen Spiegelzelt ist eh einer der Newcomer der Stunde, und ich bin immer wieder begeistert über diese hochpräzise-düsteren Klangkonstrukte zwischen 80er-Synthpop und NDW-Charme im Gegensatz zu diesem ultra liebenswürdigen Studi, der sich entschuldigt dass er noch nicht genug Songs hat um das komplette Set zu füllen, sodass er seine bekanntesten Stücke einfach zweimal spielt und sich so wunderbar freut, dass ihm Leute zuhören.
Ungut, dass gleichzeitig <b>Altin Gün</b> auf der Waldbühne spielen, da mag man sich zerreißen können. So geht halt nur erst das eine, dann das andere. Die niederländisch-türkische Band hat mir mit ihrer Show beim Appletree 2018 meine Platte des Jahres beschert, ich war komplett von den Socken. Der Mix aus türkischer Folklore, Psychedelic und Funk hat nichts an Wirkung verloren. Kein Fuß steht still, das ist immer noch vollkommen faszinierend. Und <b>Metronomy</b> sind dann der absolut würdige Headliner, der große Name auf dem Plakat, dem die Band gerecht wird. Zu Hits wie „The Look“ und „The Beach“ hat man schon 2011 beim Appletree getanzt, dass die Band hier heute wieder steht ist gleichzeitig ein herrliches Revival alter Gefühle und die Erkenntnis, dass Metronomy auch vier Platten nach „The English Riviera“ für die Indie-Szene zwingende Relevanz besitzen. Ein mehr als starker Abschluss des Wochenendes. Wobei, nicht ganz: <b>Ravi Kumar</b> beschwört auf der Waldbühne noch die Wall of Love, bezeichnender kann es wirklich nicht enden, dieses Geburtstags-Appletree.
Eines Wochenendes, an dem einem wieder einmal mit enormer Vehemenz klar geworden ist, warum ein Ort wie das Appletree Garden Festival so gefehlt hat seitdem ab März 2020 nichts mehr war wie vorher. Es ist die Liebe, die man hier an jeder Ecke, auf jedem Pfad, mit jedem Blick und in jedem Atemzug spürt. Das Festivalgelände mit all seinen Lampions und Lichterketten, den wieder einmal hingebungsvoll arrangierten Regenschirm-Glitzer-Skulpturen die jeden Tag ab Spätnachmittag in den Himmel gereckt werden und den außerirdischen Blüten, die nachts die Atmosphäre bunt färben, ist der heimliche Star hier, Jahr für Jahr für Jahr. Dass die Besucher*innen diesen kunstvollen Aspekt so kreativ aufgreifen, begeistert mich immer wieder. 
Auch die Liebe zwischen den Menschen ist allgegenwärtig. Dass es natürlich auch hier ein Awareness-Konzept gibt, ist nötig und wichtig, aber die Farbenfreude, die Aufmerksamkeit und die Gewissheit, hier drei Tage lang sein zu dürfen wer man ist, hat diesen Ort immer schon zu einem besonderen gemacht. Es spricht auch ganz klar für das Festival, dass man immer wieder das Gefühl hat, die Menschen berauschen sich hier aneinander, an einem Lebensgefühl, an einem unausgesprochen verabredeten Haltungskompass, an einer Verbindung, die greift sobald man die Pforte zum Wald durchschreitet. Spätestens dann. An wenigen anderen Orten ist es so sehr spürbar wie hier.
Und daher kommt dieses Unsterblichkeitsgefühl, von dem Dirk Gieselmann spricht. Das ohne Zweifel pathosgeladen ist, aber wahrhaftig. Wer dabei war, wird es verstehen. In diesem Sinne: Happy belated Birthday, Appletree Garden Festival. Ich freu mich auf alles was kommt mit dir!

<i>Text: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
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			<pubDate>Tue, 09 Aug 2022 17:20:09 +0200</pubDate>
			
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			<title>So schön, dass ich das sagen darf: Nillson beim Orange Blossom Special 2022</title>
			<link>https://www.nillson.de/artikel/lesen/so-schoen-dass-ich-das-sagen-darf-nillson-beim-orange-blossom-special-2022.html</link>
			<description>Nach drei Jahren, die inmitten einer weltweiten Pandemie und globaler Brandherde überall immer noch unwirklich und wie ein diffuses Loch im Zeitstrahl wirken, trafen wir uns wieder im Glitterhouse-Garten. Was das bedeutet hat, lässt sich ohne Emotionalität gar nicht erzählen. Darum werde ich es auch gar nicht erst versuchen.</description>
			<content:encoded><![CDATA[Lasst mich mit einer kurzen persönlichen Geschichte beginnen. Es gibt ein wunderbares Buch mit kleinen, skizzenartigen Cartoons von Charlie Mackesy namens „Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd“ (bitte besorgt euch das, es wird euer Leben bereichern!). Meine Schwester schenkte es mir zum Geburtstag, im Sommer 2020, mitten in all der Unsicherheit der noch weitgehend neuen pandemischen Situation. Auf einer Seite befindet sich eine Zeichnung, die mich binnen Sekunden zum Weinen brachte; darunter steht der Satz: „Ich glaube, jeder will einfach nur nach Hause“.
Das mit dem nach Hause kommen war nämlich plötzlich von einer niederschmetternden Schwere überschattet. Wer ältere Eltern hatte, wie ich und wahrscheinlich viele von denen, die das hier grade lesen, hatte diesen Ort – oder besser: diese Entität - nämlich mit ungewissem Ausgang neu sortieren müssen im Sommer 2020, denn die Gefahr, sich oder seine geliebten Menschen durch das Virus einer bedrohlichen Situation auszusetzen, war so groß, dass man sich entschied, für sich zu bleiben zum Schutz der anderen. „WirBleibenZuhause“ war in den sozialen Medien ein vielgenutzter Hashtag, aber er konnte unmöglich in Gänze einfangen, was das Gefühl von einem Zuhause für all die Menschen da draußen mit all seinen Facetten bedeutete. 
Das Hadern mit ganz neuen Verantwortlichkeiten, Ängsten und Sorgen wurde zu einer nie zuvor gekannten Beschäftigung, die uns aufrieb und mit fortschreitender Dauer des Ausnahmezustands auf den Boden drückte. Der „WirBleibenZuhause“-Claim definierte „Zuhause“ als einen Ort innerhalb der vier Wände, für die man Miete zahlte oder die einem gehörten. Was es nicht meinte – und nicht meinen konnte, weil es einfach zu vielschichtig ist – war die alte Weisheit, das „Zuhause“ nicht zwingend ein Ort, sondern mindestens gleichzeitig auch ein Gefühl ist. So sahen sich viele, und so auch ich, im Sommer 2020 von Corona nicht nur Orten abseits der bezahlten vier Wände, sondern auch eines Gefühls beraubt.
Wie lange dieser Zustand andauern sollte, das wurde bald klar, konnte niemand sagen. Das war das eigentlich Schmerzhafte. Verzicht und die Demut davor waren wichtige Bausteine in der persönlichen Pandemiebewältigung, doch zwischen Unklarheiten, Durchhalteparolen und Machtlosigkeit wurde das immer schwerer. Vor allem für die, die in dem Wort „Zuhause“ auch Menschen lesen, die ihnen wichtig sind. Die ohne die umarmende Wärme einer Gemeinschaft, die im gleichen Rhythmus tickt, irgendwann nicht mehr so recht wussten wohin mit sich.
Es kommt nicht von ungefähr, dass ich die Rückschau auf das Orange Blossom Special 2022 mit dieser kurzen Einführung beginne. Denn „Zuhause“ ist ein Wort, das oft, sogar sehr oft fällt an diesem besonderen Pfingstwochenende. Dass der Festivalsommer vor zwei Jahren wegbrechen würde, war schnell klar gewesen, das hatte wehgetan, aber man hatte sich arrangiert. Rembert und die Crew hatten mit der ihnen so eigenen liebevollen Energie ein dreitägiges Streaming-Festival auf die Beine gestellt, es gab exklusive kleine Performances auf der Bühne vor einem rein digitalen Publikum und sehr besondere Sessions aus den Proberäumen der ursprünglich eingeplanten Bands und Künstler; ich verbrachte das Wochenende vor dem Fernseher, frittierte mir meine eigene Mini-Calzone und hielt über Handy und Videochat Kontakt zu denen, auf die ich mich sonst das ganze Jahr über freute. Wie beeindruckend viele andere kaufte ich Retter-Merch und versuchte zu helfen, diesem besonderen Festival eine Zukunft zu geben. Aber: Ich war zuhause, jedoch nicht „zuhause“. Und das ging vielen Menschen sehr, sehr ähnlich.
Das Orange Blossom Special bedeutet für die, die es lieben, einen Ort abseits der alltäglichen Ansprüche und Erforderlichkeiten. Alex Henry Foster wird bei seinem unfassbaren Auftritt am Sonntagabend immer wieder den Geist der Community beschwören, und auch wenn seiner Lesart von Gemeinschaft zuweilen auch viel Spiritualität inne wohnen mag, ist genau dieses Gefühl das meistvermisste in den letzten Jahren gewesen. Einen Platz zu haben, an dem man willkommen ist, egal wie das Leben einem sonst entgegen tritt; wo man die Liebe zur Musik teilt und zelebriert wie an nur wenigen Orten sonst; wo Herzblut, Haltung und Hingabe keine Worthülsen sind und sich Jahr um Jahr beweist, das Freundschaft nicht bedeuten muss, sich jeden Tag ellenlange Sprachnachrichten schicken zu müssen, weil eine Umarmung im Glitterhouse-Garten dir alles erklärt: Das ist dieses Gefühl, das sich Zuhausigkeit nennt (und das Rembert sogar in seinem Einführungstext im Programm-Booklet aufgreift, danke dafür!), in Reinform. Eine temporäre Heimat, die wir uns alle selbst ausgesucht haben, weil wir sie alle gemeinsam fühlen. Wie sehr hat uns das allen gefehlt.
Es ist mir bei aller Liebe und eigener emotionaler Involviertheit nicht möglich, ansatzweise nachzuempfinden, was Rembert und Simon gefühlt haben müssen, als sie nach all der Zeit der Entsagung, der Rückschläge, der Ungewissheit und der Ernüchterung zu „Es müsste immer Musik da sein“ die Bühne betreten und die Menschen da im Garten minutenlang applaudieren; frenetisch, dankbar, glückstrunken. Das spricht Bände und erzählt Geschichten, die ich unmöglich alle aufschreiben könnte, selbst wenn ich sie en detail kennen würde. Tränen fließen, es ist ein hochemotionaler, zutiefst ergreifender Moment. Stell dir mal bitte vor, du konntest drei Jahre lang nicht nach Hause.
Dabei ist das ein Gefühl, das derzeit viel zu zahlreiche Menschen auf der Welt kennen. Es befindet sich so vieles in Schieflage. Da ist ja nicht nur die Pandemie, die immer noch nicht vorbei ist, sondern auch der Kampf gegen den Klimakollaps; gegen all die solidaritätsfernen Egomanen, die so laut schreien und gegen die kein Kraut gewachsen scheint; all das Leid, das der Krieg in der Ukraine wie in so vielen weiteren globalen Brandherden über die Menschen bringt. Angst und Sorge sind ständige Begleiter, und wir alle haben spätestens seit März 2020 schmerzhaft erfahren müssen, wie unbedeutend kurz unsere Armlängen sind. So machtlos, so wütend und müde haben wir uns vielleicht noch nie in unserem Leben gefühlt, wie wir das zur Zeit oft tun. Wir haben Demut lernen müssen.
Natürlich ist es in diesem Kontext, das schreibt auch Rembert in seinem besagten Einführungstext, eine irgendwo frivole Sorge, den Fortbestand des Lieblingsfestivals ins Zentrum der täglichen Struggles zu schieben: <i>„99% der Weltbevölkerung geht es schlechter als uns. Wir sind Privilegierte, zwar manchmal mit Knoten im Herzen, aber wir alle verdrängen gerne. Wie Dickschiffe.“</i> Was aber ebenso unumstößlich klar ist: Wenn wir dem Unbill der Welt mit aufrechtem Gang und in die Luft gereckter Faust standhaft entgegen treten wollen, müssen wir ab und zu die Akkus wieder voll machen. Uns vergewissern, dass da noch andere sind, die mit uns fühlen und in die gleiche Richtung laufen statt – so fühlte sich das in den letzten Jahren halt manchmal an – schlingernd und haltlos durch den Äther zu trudeln.
Dass wir genau da thematisch jetzt eben doch wieder beim Orange Blossom Special sind, mag sich kitschig und unangemessen lesen, aber halt nicht für die, denen dieses Festival ein solcher Ort der emotionalen Regeneration ist. Dass es aufgrund vieler Unwegbarkeiten (zu denen, auch das ist Teil der Wahrheit, sicherlich auch ein Wust von aufgeschobenen Unternehmungen und Feierlichkeiten zählen, die nach dem Wegfall der meisten Corona-Maßnahmen nun den Kalender sprengen) erstmals seit 2010 dazu kommt, dass das OBS nicht ausverkauft ist, muss man ins Verhältnis setzen können. Es möge sich bitte nicht nachhaltig auf die Planungssicherheit des Orange Blossom Special auswirken. Wer dabei ist an diesem denkwürdigen Wochenende, der fühlt mit Leib und Seele.
Viele Bilder bleiben mir im Kopf. Ich glaube, ich habe selten so viele weinende und ergriffene Menschen im Glitterhouse-Garten gesehen wie bei diesem vierundzwanzigsten Orange Blossom Special. Dazu aber auch auf keine vergleichbare Weise ein so breites Grinsen beim Betreten des Geländes, auch ich muss ausgesehen haben wie ein Honigkuchenpferd. Im Backstage gibt es nun das „ÖBSchen“, einen Kita-Raum für die Crewkinder, von denen es inzwischen einige gibt. Drei Jahre sind halt eine lange Zeit gewesen. Da wird aber noch viel deutlicher, was das hier für eine Familie ist. Die ganz kleinen gehören mehr denn je dazu in diesem Jahr.
Und wenn ich da kurz aus dem noch etwas privilegierteren Nähkästchen eines Hinter-die-Kulissen-Blickers erzählen darf: Am letzten Abend brechen auch im Team alle Dämme, denn der Beverunger Stadtkrug, normalerweise Aftershow-Anlaufstelle Nr. 1, hat dieses Jahr am Pfingstsonntag geschlossen und man bleibt hinter der Villa zusammen. Weil die Musik aus der Dose irgendwie nicht ans Laufen kommt, springen einfach die Jungs von Tom Allan &amp; The Strangest und Trixsi ein, eine Gitarre steht ja eh immer irgendwo rum (oder haben Mudlow die tatsächlich vergessen?), und der gesamte Hinterhof tanzt, singt und liegt sich in den Armen. Du kriegst die Menschen aus dem Strahlen, aber das Strahlen nicht aus den Menschen. Was für ein wundervolles Gefühl, hier mittendrin zu sein (und vielleicht eine Überlegung wert, das beim nächsten Mal einfach wieder zu machen?).
Ist es bezeichnend, dass ich in meinem Word-Dokument jetzt schon auf Seite 3 angekommen bin und immer noch nichts über die Musik erzählt habe an diesem Wochenende? Ja, absolut. Denn auch wenn die auftretenden Bands und Künstler natürlich das Kernthema eines Musikfestivals sind, stehen sie dieses Jahr dann doch mal eher an (immer noch sehr hoch einzuschätzender) zweiter Stelle – was auch wieder Bände spricht, aber gerade deswegen auch überhaupt nicht abschätzig gemeint ist. Sie sind unverzichtbar und sichtbar genau so beeindruckt von der überwältigenden Gefühlsintensität dieser besonderen Festivalmomente, allein die generelle Wiedersehensfreude ist noch ein Mü größer.
Wunderbare Konzerte gab es trotzdem zuhauf. Das ursprünglich für 2020 geplante Lineup ist in allerweitesten Teilen zusammen geblieben, und warum auch nicht? Husten um den geliebten Gisbert zu Knyphausen müssen aufgrund von Corona-Nachwehen noch kurzfristig passen und Thees Uhlmann darf aufgrund von Gebietsbeschränkungen seitens des großen Hurricane Festivals nicht kommen – eine komplette Absurditätsspitze gewahr der Tatsache, dass Scheeßel doch eine ganze Ecke von Beverungen entfernt liegt und das Publikum bei beiden Festivals doch wohl unterschiedlicher nicht sein könnte, aber sei’s drum. Jeder einzelne, der an diesen drei Tagen auf der Bühne steht, hat verdient, gehört zu werden.
Gleich zwei der großen Gewinner vom letzten Jahr (haha, ich weiß, es müsste „vom letzten Mal“ heißen, aber da diesen Versprecher ungefähr fast jeder macht, sehe ich keinen Grund, was anderes zu schreiben) stehen auch 2022 wieder hier, und beide sind inzwischen Glitterhouse-Recording-Artists: <b>Cash Savage &amp; The Last Drinks</b> bringen ihre unbeschreibliche, hochemotionale, druckvolle Energie diesmal als „Freitags-Headliner“ zurück. Was für eine Entdeckung. <b>Tom Allan &amp; The Strangest</b> haben 2019 die Mini-Bühne (die übrigens dieses Jahr den Namen des befreundeten T-Mania-Festivals trägt; einer Versteigerung der Namensrechte für ein Jahr zugunsten des OBS-Fortbestandes sei Dank) in unvergleichlicher Manier eingenommen; Rembert musste das Publikum mehrfach auffordern, mit dem Applaudieren und Jubeln doch bitte so langsam aufzuhören und zur Hauptbühne zurückzukehren. Eine Rückkehr war beschlossene Sache und lohnt sich natürlich; der Band merkt man die drei Jahre Weiterentwicklungszeit an, das ist genau der energiegeladene Indie-Rock (mit wunderbar einnehmendem Pop-Appeal), der derzeit in der Musiklandschaft an allen Ecken und Enden fehlt. Ein unheimlich mitreißendes Konzert inklusive Akustik-Zugabe auf dem Wellenbrecher: So macht man das!
Als OBS-Veteranen stehen dieses Mal <b>Fortuna Ehrenfeld</b> und <b>Trixsi</b> auf der Bühne, ersterer wie gewohnt mit Federboa und Pyjama (allerdings ohne Puschen, sondern barfuß, aber es ist auch heiß am Samstag), letztere mit der gewohnten, in großschnäuzige Shouts verpackten, alltagsweisen Kumpeligkeit von Jörkk Mechenbier, der auch mit <b>Schreng Schreng &amp; La La</b> wieder den Walking Act gibt und ohnehin inzwischen fest zum OBS-Inventar gehört. Es gibt am Freitag ein Wiedersehen mit Matias Larsson und Linus Lindvall (Golden Kanine), die als <b>Cub &amp; Wolf</b> immer noch ganz wundervolle (und mitunter stark berührende) Folk-Songs schreiben können. Und was das Crewmitglied Jan Korbach mit seiner Doom-Metal-Postrock-Band <b>Neànder</b> da abreißt, ist ein einstündiger Wahnsinn, man fühlt sich wie von einer Dampfwalze überrollt (im durch und durch positiven Sinne).
Jenny Apelmo Mattsson kennt das OBS ebenfalls schon ziemlich gut, war schon ein paar Mal mit Torpus &amp; The Art Directors da und spielt jetzt mit <b>jenobi</b> wunderbar angedunkelten Indie-Folk mit eindeutig spürbarer Wut im Bauch und Rock-Attitüde, das ist wirklich wundervolle Musik. Beim libanesischen Trio <b>Postcards</b> ist die Richtung ähnlich, wenn auch deutlich sphärischer und verträumter, halt „dream-poppiger“ – wenn auch auf der Bühne nicht viel passiert, ist es doch genau die richtige Band für einen Mittags-Slot in der Sonne. Dieser Band muss man dringend zuhören.
Große Fragezeichen schweben über vielen Gesichtern im Publikum während der ersten Songs von <b>Hope</b> – deren dystopische, elektrifizierte, manchmal beinahe schon technoide Klangkonstrukte sind erstmal nichts, was man im Garten gewohnt ist, aber die Intensität baut sich immer mehr auf und am Ende wollen die vielen klatschenden Hände Christine Börsch-Supan und ihre Band gar nicht mehr von der Bühne lassen. Das hat mir unfassbar gut gefallen. Vertrautere Klänge für die OBS-Crowd bringen <b>Drens</b> (übrigens auch frisch bei Glitterhouse gesignt!) mit ihrem wild-mitreißenden Mix aus Surf- und Garage-Punk unter den Kronleuchter, und eine Band wie <b>DeWolff</b> kann mit ihrem derart auf den Punkt gespielten Blues Rock sowieso eigentlich nur gewinnen: So viel Bock wie die haben kann nicht auf eine Bühne passen, da musst du dich schon ab und zu auch mal in die Menge schmeißen.
Um den Surprise Act ranken sich wie immer wilde Gerüchte: Ist das eigentlich so, dass die Gebietsbeschränkungen vom Hurricane nicht gelten, wenn Thees Uhlmann gar nicht auf dem Poster steht? AnnenMayKantereit können es nicht sein, die haben Corona. Aber Skinny Lister sind grade auf Tour und Get Well Soon haben eine neue Platte draußen, das wär doch auch beides gut! Es kursiert auch der Name Olli Schulz und zieht seine Kreise. Mit den Dänen von <b>D/troit</b> hat keiner gerechnet. Es ist trotzdem eine perfekte Wahl. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie eine skandinavische Band so authentischen und mitreißenden Soul spielen kann – ein durch und durch starker Auftakt in den Sonntag.
<b>Niels Frevert</b> und <b>Eliza Shaddad</b> bringen den Samstag bzw. den Sonntag würdevoll zu Ende, hohe Sympathiewerte, große Grandezza – wenngleich es auch schwer ist, nach ihren jeweiligen Vorgängern aufzutreten, die die Messlatte auf ihre ganz eigene Weise äußerst hoch gelegt haben. Wenngleich sich mir die große Begeisterung für July Talk aus Kanada nicht in Gänze erschließen mag, macht mich das Konzert von <b>Alex Henry Foster &amp; The Long Shadows</b> völlig fertig. Ich war sehr gespannt, wie das im Garten funktionieren würde. Beim Reeperbahn Festival 2019 (über das im Zuge der Show oft gesprochen wird) brachten die Kanadier drei Songs in 45 Minuten unter, das ist schon sehr besonders. Aber kann man überhaupt Songs dazu sagen? Es sind eher ausufernde, epochale Manifestationen zwischen Impro-Clash, Postrock, Shoegaze und Prog, zwischendurch bedächtig ruhig, sich dann aufbauend und ausbrechend bis zum emotionalen Überkochen, repetitiv, treibend, hypnotisch, was bitte geht da ab?
Und dazwischen offenbart sich ein Künstler mit einer Hingabe, die zum Teil dargeboten wirkt wie bei einem höchst kathartischen Poetry Slam, mal flehend und hochemotional, dann wieder in sich gekehrt, ach: das ist mit Worten echt schwer zu beschreiben, zählt aber vielleicht zu meinen Top 3 Konzerten der jüngeren OBS-Vergangenheit. Alex Henry Foster beschwört die Verbindung, die Musik zu schaffen in der Lage ist, und die dadurch entstehende Community als Antwort auf all den Hass und das Üble in dieser Welt. Da ist er hier natürlich genau am richtigen Platz. Er zelebriert die Begegnung, lässt sich auf Händen durch den ganzen Garten tragen, drückt einer Zuschauerin die Gitarre in die Hand (auch sie spielt auf den Händen des völlig faszinierten Publikums) und ist auch im Anschluss ein ungeheuer sympathischer Gesprächspartner – wer danach nicht komplett platt ist, war nicht dabei.
Ja, es war eine ganz besondere Rückkehr „nach Hause“ in diesem Jahr. Man hat gespürt, wie das fehlte. Das Zusammensein, die Einigkeit, die Liebe. Wenn auch die Veranstaltungs-Branche die Auswirkungen vieler Einflussfaktoren spürt und sicherlich noch eine ganze Zeit lang spüren wird, dürfte sich jeder, der an diesem Pfingstwochenende in Beverungen war, daran erinnert haben, was es ausmacht, für die gemeinsame Sache inmitten von Menschen zu sein und in Unmittelbarkeit ein großes Gefühl zu teilen. Die letzten Jahre haben an uns gezerrt und gerissen, aber gebrochen haben sie uns nicht. Das ist eine wohltuende Erkenntnis.
Es mag so sein, dass die Widrigkeiten der Welt laut und groß sind. Aber um ein Bild von weiter oben wieder aufzugreifen: Das Orange Blossom Special hat geholfen, unseren Energiereserven eine dringend benötigte Auffrischung zu verleihen. Egal ob wir nun vor, hinter oder auf der Bühne standen. Dass ein so vergleichsweise kleines Festival so etwas vermag, macht mich auf lange nicht erlebter Weise sehr dankbar. Es hat uns darin bestärkt, was wir die ganze Zeit tief im Inneren wussten, aber alleine in unseren eigenen vier Wänden kaum noch physisch zu spüren in der Lage waren (frei nach Thees Uhlmann): „Alles wird gut, denn es gibt sie da draußen, diese schönen, schönen Menschen, denn ich habe tausende gesehen. Und ich kann sie verstehen“.
Im nächsten Jahr werden wir das alle wieder brauchen, und auch, wenn wir gelernt haben, demütig zu sein und nichts mehr vorauszusetzen: Die gute Hoffnung, dass es passieren wird, hat wieder Nahrung bekommen. Als selbstverständlich werden wir es vielleicht noch eine ganze Zeit lang nicht wieder hinnehmen. Mag sein, dass wir alle das Gefühl rund um das Orange Blossom Special mit allen Extraschippen Pathos aufladen, die wir haben. Aber genau so ist es richtig und genau so ist es gut.  Denn, um es mit den Worten von Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld zu sagen: „In ein paar wenigen Minuten, an diesen ganz besonderen Tagen, ist die Welt gar nicht so scheiße wie sie alle immer sagen“. Dem bleibt, das glaube ich, bis auf weiteres nichts mehr hinzuzufügen.

<i>Text: Kristof Beuthner</i>]]></content:encoded>
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			<pubDate>Tue, 07 Jun 2022 14:28:41 +0200</pubDate>
			
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